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http://www.DGS-PraxisLeitlinien.de

oder die leistungserstattenden Krankenkassen, wodurch die archetypischen

Grundfesten der Not-Hilfe-begründeten Patient-Arzt-Beziehung tangiert werden.

Letztlich wird ein durch Krankheit oder Unfall in Not geratener Mensch (d.h. ein

Betroffener) sich nur dann vorbehaltlos einem Arzt und dessen Behandlungs-

empfehlungen anvertrauen können, wenn er sich darauf verlassen kann, dass

dieser bei seinen Entscheidungen bestimmte medizinisch-ethische Grundsätze

berücksichtigt, insbesondere dass er eigene Interessen oder die Interessen nur

mittelbar beteiligter Dritter (z.B. der Krankenkassen) hinter die des Patienten zu-

rückgestellt hat.

Medizinisch-ethisch gelten für alle Akteure des Gesundheitssystems diesbezüg-

lich vier grundlegende moralische Verpflichtungen, die nicht nur in schwierigen

Entscheidungssituationen eine verbindliche Orientierung erlauben:

a) das Prinzip des Wohltuns

b) das Prinzip des Nichtschadens

c) das Prinzip des Respekts vor der Autonomie Betroffener

d) das Prinzip der (sozialen) Gerechtigkeit

Obwohl diese vier Prinzipien in sich jeweils verbindlichen Charakter haben und

für jeden Einzelfall eine allgemeinverbindliche Orientierungshilfe bieten, müssen

Sie für die jeweilige konkrete Behandlungssituation individuell interpretiert und

im spezifizierten Konfliktfall gegeneinander abgewogen werden. Üblicherweise

werden diesbezüglich nachrangige Prinzipien (insbesondere die Verpflichtungen

gegenüber nur indirekt beteiligten Dritten – Prinzip d!) den Verpflichtungen ge-

genüber dem im konkreten Einzelfall direkt Betroffenen (d.h. Prinzip a-c) in ihrer

Bedeutung nachgeordnet [d.h. nur wenn zwei für den individuellen Patienten

absolut gleichwertige Behandlungsoptionen alternativ zu Verfügung stehen,

können die Bedürfnisse gegenüber Dritten – z.B. der Solidargemeinschaft – den

Ausschlag bzgl. der endgültigen Entscheidung für die eine oder andere Behand-

lungsform (z.B. die Verordnung eines bestimmten Arzneimittels) geben].

Zwangsläufig kommt damit aktuell (d.h. Patienten), aber auch potenziell Betrof-

fenen (d.h. Gesunden), eine besondere Rolle bei der Entscheidungsfindung zu,

wobei zu beachten ist, dass die von den jeweiligen Akteuren formulierten Ant-

worten rollenspezifisch nicht nur interindividuell, sondern (je nach Gesundheits-

zustand) auch intraindividuell erheblich variieren können – z.B. in Abhängigkeit

davon, ob diese entsprechend ihrer Rolle als gesunder Mensch (d.h. eher aus

Verbrauchersicht) oder als kranker Mensch (d.h. eher aus Betroffenensicht) ar-

gumentieren.

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