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Grundsätzlich beachtet werden sollte ärztlicherseits insbesondere auch der Um-

stand, dass die Arzneimittelsubstitution durch den Apotheker mit erheblichen

Haftungsrisiken des verordnenden Arztes verbunden ist. Ausgehend von dem

Grundsatz, dass der Arzt im Rahmen einer Arzneitherapie vor dem ersten Einsatz

des Arzneimittels den Patienten vollumfänglich über etwaige Nebenwirkungen

aufklären muss, trifft den Arzt eine Aufklärungspflicht nicht nur bei einemWech-

sel des Wirkstoffs, sondern auch dann, wenn aufgrund eines Rabattvertrages die

Substitution des verordneten Arzneimittels durch Apotheker zugelassen wird.

Dies folgt aus einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 17.04.2007 (VI ZR

108/06), das entgegen der Vorinstanz dem Selbstbestimmungsrecht des Patien-

ten einen weitergehenden Stellenwert einräumt.

Nach dem Urteil des BGH ist für die ärztliche Hinweispflicht nicht ein bestimmter

Grad der Risikodichte entscheidend, insbesondere nicht eine bestimmte Statis-

tik, sondern vielmehr, ob das betreffende Risiko dem Eingriff spezifisch anhaftet

und es bei seiner Verwirklichung die Lebensführung des Patienten besonders be-

lastet, so dass grundsätzlich auch über äußerst seltene Risiken aufzuklären ist.

Die Risiken einer zuvor erfolgten ärztlichen Behandlung können mit den Risiken

der nunmehr vorgenommenen Behandlung nicht verrechnet werden. Vielmehr

sei der Patient vor dem Einsatz eines neuen Medikaments über dessen Risiken

vollständig aufzuklären. Ergeben sich beim Einsatz eines Medikaments für den

Patienten andere Risiken als bei der bisherigen Medikation, sei der Patient be-

reits vor dessen erstem Einsatz entsprechend aufzuklären.

Nur so werde laut BGH das Selbstbestimmungsrecht des Patienten in ausreichen-

der Weise gewahrt und vermieden, dass eine haftungsrechtliche „“Grauzone““

für die Erprobung eines neuen Medikaments entsteht.

Der Patient müsse vor dem Einsatz eines neuen Medikaments über dessen Risi-

ken aufgeklärt werden, damit er entscheiden kann, ob er in dessen Erprobung

überhaupt einwilligen und ob er wegen der möglichen Nebenwirkungen von

vornherein darauf verzichten will. Auch könnte es das Selbstbestimmungsrecht

des Patienten beeinträchtigen, wenn die Aufklärung bzw. Entscheidung über den

Einsatz des Medikaments auf einen Zeitpunkt verschoben würde, in dem mög-

licherweise der Eindruck der Beschwerdelinderung durch einen einsetzenden

Therapieerfolg den Blick auf die erheblichen Risiken der Medikation verstellen

kann. Übertragen auf die Arzneimittelsubstitution bedeutet dieses Urteil, dass

der Arzt auch für die Medikamentenauswahl durch den Apotheker haftet - unab-

hängig davon, ob er von dieser Kenntnis hat oder nicht!

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