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http://www.DGS-PraxisLeitlinien.de

Vorwort:

Zurück zu den Wurzeln: Plädoyer für die Rückbesinnung auf eine Balance

zwischen evidenzbasierter und personalisierter Schmerzmedizin bei Tu-

morpatienten

In fortgeschrittenen Stadien geben 50 – 70 % der Tumorpatienten starke Schmer-

zen an (Bonica 1985; Goudas et al. 2005). Diese epidemiologisch begründbare

Aufgabenstellung der Schmerzmedizin hat aus Sicht von Anwendern und Pati-

enten in den beiden letzten Jahrzehnten in Deutschland die Versorgung vor

allem punktuell in spezialisierten Einrichtungen ,in der Regel unter stationären

Bedingungen, verbessert; im ambulanten Bereich sind Verbesserungen nicht

über die Leitlinienentwicklung, sondern vornehmlich über den interdisziplinären

Konsens in spezialisierten Netzwerken (SAPV und AAPV, d.h. allgemeine und spe-

zialisierte ambulante palliative Versorgung) wahrnehmbar. Die Versorgung wird

zunehmend durch die Kassenärztlichen Vereinigungen und andere Behörden mit

wirtschaftlichen Vorgaben reglementiert (z.B. sog. “Morphinquoten“), die phar-

makologisch nicht oder nicht ausreichend begründet sind. Die vorhandenen Leit-

linien zum Tumorschmerz sind durchweg nicht mehr aktuell im Jahr 2012, kolli-

dieren mit wirtschaftlichen Vorgaben oder sind in der Praxis nicht umsetzbar. So

empfiehlt die WHO aufgrund weltweiter Verfügbarkeit Acetylsalicylsäure (ASS)

als Standardsubstanz. Eine solche Empfehlung ist in Deutschland im Jahre 2012

nicht vermittelbar. Gleiches gilt für die Stellung von Morphin als „Goldstandard“

der Therapie.

Doch die Gründe für die mangelnde Effektivität bisheriger Leitlinienprodukte

sind vielfältiger; dass bis heute Leitlinien zum Tumorschmerz sich vornehmlich

auf Studien zur Pharmakotherapie von Substanzen bei Tumorschmerz stützen,

greift zu kurz und verstößt gegen den multimodalen Anspruch jeglicher Schmerz-

therapie gegenüber dem multidimensionalen, wenig „mitleidbaren“, für Nicht-

betroffene wenig vorstellbarem Leid des Tumorpatienten mit Schmerz .

Anderseits besteht ein eklatanter Mangel an Studien mit guter Qualität, insbe-

sondere an doppelblind randomisierten Studien mit längerfristigen Beobach-

tungszeiträumen in alltäglichen, jedoch zentralen Fragestellungen der Tumor-

schmerztherapie. Sicherlich können ethische Hürden den Mangel an solchen

Studien gerade im Tumorschmerzbereich erklären, dennoch gilt: auf solche Stu-

dien können die Patienten, die hier und heute versorgt werden müssen, nicht

warten! Im Gegenteil, -man mag sogar behaupten, den Patienten mit seinem

konkreten, realen Schmerz kümmern diese allgemeinen Fragestellungen über-

haupt nicht! Dem Betroffenen ist vorrangig daran gelegen, dass sein persönliches

Wohlbefinden,-nicht nur der Schmerz!- schnellstmöglich und nachhaltig verbes-

sert wird und weniger, in welchem Studienarm er sich befindet und wer sonst

Vorwort