Background Image
Previous Page  7 / 156 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 7 / 156 Next Page
Page Background

5

http://www.DGS-PraxisLeitlinien.de

der Stufe III WHO zur Routine gehört. Diese werden in Deutschland bei ambu-

lanten Patienten bei ca. 50%, stationär bei nahezu 70% der Tumorpatienten

eingesetzt (Nauck 2007). Die Einstellung erfolgt nach der subjektiven Schmerz-

stärke, weniger nach der läsionellen Verursachung. Entscheidungen in der Tu-

morschmerztherapie werden partizipativ im „informed consent“ getroffen.

Daher ist die Praxisleitlinie DGS ausdrücklich auf gleicher Augenhöhe mit den be-

troffenen Patienten und ihrer Leidenswirklichkeit zu verstehen und entstanden,

im Respekt vor dem außerordentlichen Leid , von dem nicht nur der Patient, son-

dern auch seine Angehörigen erfasst werden: Zukunftsangst, Isolation,Verluste

an Möglichkeiten, Verzweiflung, Depression, körperlicher Schmerz , Abschiede,

Trauer, Wut, Scham, Konflikte am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft. Es ist

eben diese Dimension einer Leidenswirklichkeit - die bekanntlich über die als „bi-

opsychosozialer Kontext von Schmerz“ bezeichneten Umstände hinausgeht - die

nach dem „total pain“ – Konzept von Frau C.Saunders als „Tumorschmerz“ in die-

ser Leitlinie bezeichnet und verstanden wird. So widmet diese Praxisleitlinie der

Patientenautonomie notwendigerweise ein eigenes Kapitel. Palliative Konzepte

schließen ebenso „notwendig“ die Betroffenheit der Angehörigen ein (Definition

der Palliativmedizin WHO 2003).

Die Praxisleitlinie DGS zum Tumorschmerz möchte die Praxisferne, die für die

Patienten, aber auch die behandelnden Ärzte in manchen der bisherigen Leitlini-

en spürbar wird, mildern und möglichst beseitigen, indem praktisch umsetzbare

Anwendererfahrungen neben den Patientenansprüchen und der vorhandenen

Literatur stets in alle Empfehlungen einbezogen wurden. Die vorrangig phar-

makologisch – studienbasierte Evidenz bisheriger Leitlinienentwicklungen und

die Betonung vorhandener RCT – Studien wird als praxisfern und patientenfern

zurückgewiesen, ohne dass auf eine seriöse Literaturrecherche verzichtet wird,

wie sie auf dem S3 – Niveau einer Leitlinie der AWMF (Arbeitsgemeinschaft Me-

dizinisch – Wissenschaftlicher Fachgesellschaften) gefordert wird. Eine Praxis-

leitlinie, die sich mit Tumorschmerzen befasst, kann und darf sich nicht mit der

akademischen Bewertung der vorhandenen Literatur begnügen oder sich einzig

oder vorrangig auf diese beziehen. In einer Metaanalyse zur Somatisierung bei

chronischen Schmerzpatienten wurde festgestellt, daß die Erlebensebene der

Betroffenen in RCT – Studien nicht darstellbar sei (Crombez et al.: Somatisation

or another God that failed, PAIN, 2008). Somatisierung mit Angst und Depres-

sion ist anerkanntermaßen eine extrem häufige Lebensbedingung chronischer

Schmerzpatienten. Nicht studienbelegte oder -belegbare Erfahrungen mit Tu-

morschmerz können bedeutsam sein für die Patientenversorgung und eine Wirk-

lichkeit besitzen, die sich eines Beweises durch RCT- Studien oder Metaanalysen

entzieht („the absence of evidence is not the evidence of absence“).

Vorwort