Schmerzmedizin 4 / 2018

Schmerzmedizin 4 / 2018

Kontra: Invasive Therapiemaßnahmen als monotherapeutischer Ansatz sind abzulehnen I nvasive schmerztherapeutische Ver- fahren stellen nur einen kleinen Teil der gesamten Schmerzmedizin dar. Wenn wir über Schmerzmedizin spre- chen, dann sprechen wir über die Diag- nostik und Therapie chronischer Schmerzen. Im Unterschied zur Thera- pie akuter Schmerzzustände ist jene chronischer Schmerzen nur in einem in- terdisziplinären Team unter Einbezie- hung verschiedener Berufsgruppen sinnvoll. Realistische Therapieerwartung beim Patienten fördern Diese unterschiedlichen Kompetenzen und Betrachtungsweisen des individuel- len Schmerzes, erlauben eine Zusam- menstellung von erprobten Methoden, die dem einzelnen Patienten in optima- ler Weise helfen können. Dabei steht im Vordergrund, das Verständnis für die eigene Erkrankung zu fördern und eine realistische Therapieerwartung zu er- möglichen. Das Erkennen und Erschlie- ßen eigener Ressourcen durch den Pati- enten selbst, ist aus meiner Sicht eine Kernaufgabe der modernen Schmerzme- dizin. Dabei spielen die unterschiedli- chen Methoden eine Rolle. Aber es sind immer die Patientenbiografie sowie die Veränderungen, die der chronische Schmerz somatisch als auch psychisch bewirkt hat zu berücksichtigen. Deshalb sind invasive Maßnahmen als monotherapeutischer Ansatz ohne in- terdisziplinäre Indikationsstellung äu- ßerst kritisch zu bewerten. Nach interdisziplinärer Diagnostik und Therapie gestellte Indikationen für invasive Maßnahmen haben jedoch eine nachvollziehbarere Rationale. Zur fordern ist des Weiteren, dass diese Maßnahmen in ein multimodales Setting integriert werden. Als First-line- Therapie ist eine invasive Therapie aus meiner Erfahrung in den seltensten Fäl- len indiziert. Interdisziplinarität und Methodenvielfalt sind gefordert Der Wunsch einer vollständigen Schmerzfreiheit und Funktionsfähigkeit, wird durch das gesellschaftliche Umfeld gefördert. Schmerzfreiheit wird erwar- tet – Schmerzfreiheit wird versprochen. Dies ist mit einem passiven Verhalten des Patienten verbunden, der als Konsu- ment eine invasive Methode angeboten bekommt. Das widerspricht unserem Verständnis von einer modernen Schmerzmedizin. Wird vermittelt, es gibt die Operation, die Spritze, die Me- thode, die chronische Schmerzen ein für alle Male aus dem Leben des Patienten ausradiert, wird eine Haltung vermittelt, die nicht realistisch ist. Aufklärung tut Not. Zu viele unnötige operative und in- vasive Maßnahmen mit der Indikation chronischer Schmerzen führen nicht zur Linderung, sondern zu einer stärkeren Chronifizierung. Für diese Art der inva- siven Schmerzmedizin, die Interdiszip- linarität und Methodenvielfalt nicht be- rücksichtigt, gibt es von mir ebenfalls ein klares Kontra! Sind andere Methoden ausreichend versucht worden? Neuromodulative Verfahren haben durch eine höhere Methodenqualität an Bedeutung gewonnen. Aber auch hier sollte bei der Indikationsstellung darauf geachtet werden, inwieweit andere Me- thoden, die schon zum Einsatz gekom- men sind, gar nicht oder nicht ausrei- chend gewirkt haben. Besteht bei dem Patienten eine realistische Therapieer- folgserwartung? Und ist er zum jetzigen Zeitpunkt in der Lage, sich aktiv an der Therapie zu beteiligen? Außerdem sollte die psychische Ge- samtsituation des Patienten nicht von demjenigen beurteilt werden, der den Eingriff durchführt. Insbesondere hier ist Interdisziplinarität unter Einbezie- hung der Psychologie, Psychiatrie oder Psychosomatik zu fordern. Für die Neuromodulation als mono- modales Verfahren nach nicht ausrei- chender physiotherapeutischer und psy- chologischer Betreuung des Patienten somit in Summe ein klares Kontra! Dr. med. Thomas Cegla Chefarzt Facharzt für Anästhesiologie, Spezielle Schmerztherapie Helios Universitätsklinikum Schmerzklinik Wuppertal Klinik Bergisch Land Im Saalscheid 5 42369 Wuppertal Schmerzmedizin 2018; 34 (4) 11

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