Schmerzmedizin 4 / 2019

Pharmakotherapie in der Palliativmedizin Off-label-Use birgt Chancen und Risiken Auch in der Palliativmedizin ist der Off-label-Use von Medikamenten an der Tagesordnung. Aktuelle Befragungen haben ergeben, dass klare Leitlinien fehlen und viele Entscheidungen zum Off-label-Use auf individueller Erfahrung beruhen. Zu beachten ist, dass vor allem die Polypharmazie in der Palliativmedizin zu einem Risiko werden kann. O ff-label-Use, also die Anwendung eines Fertigarzneimittels außer- halb der in der Zulassung geneh- migten Indikationen, findet im klini- schen Alltag täglich statt. Dies gilt auch für die Palliativmedizin, wie Vera Hage- mann, Doktorandin an der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin der Uni- versitätsklinik München, auf dem dies- jährigen Kongress der European Associ- ation for Palliative Care (EAPC) in Ber- lin berichtete: „Hier spielt der Off-label- Use von Medikamenten in der Behand- lung körperlicher Symptome bei Patien- ten eine herausragende Rolle und ist in der Praxis unverzichtbar“. Um detailliertere Informationen zum tatsächlichen Off-label-Use von Medika- menten in der Palliativmedizin zu erhal- ten, schlug Hagemann zusammen mit ihren Kollegen drei verschiedene Wege ein: Durch eine systematische Analyse der internationalen Literatur [1], eine Befragung palliativmedizinisch tätiger Ärzte in Deutschland und eine Analyse der Verordnungsdaten einer Palliativsta- tion in einer deutschen Klinik. „Die An- gaben dazu, wie oft ein Off-label-Use von Medikamenten in der Palliativver- sorgung vorgenommen wird, bewegten sich in der internationalen Literatur zwi- schen 14,5% und 35%“, informierte Ha- gemann. In der nationalen, anonymen Befragung gaben 85% der teilnehmen- den Palliativmediziner an, dass ihnen keine Leitlinien zum Off-label-Use be- ziehungsweise keine Dokumentation zur Verfügung stehen. Danach gefragt, auf welcher Basis sie die Entscheidung tref- fen, Medikamente auch außerhalb der zugelassenen Indikation einzusetzen, nannten 81% der Ärzte ihre professio- nelle Erfahrung und 56% Informatio- nen aus spezieller Literatur. Die retrospektive Untersuchung des Off-label-Einsatzes in der Palliativstati- on einer einzelnen Klinik erbrachte, dass dort 55% aller Medikamente in diesem Sinne eingesetzt werden: „Ne- ben dem eigentlichen Off-label-Use, der mit 58% am häufigsten vorkam, wurden allerdings auch von Abweichungen im Applikationsweg, etwa Zermörsern für die Sondengabe, imDosierungsintervall, in der Titration oder der Behandlungs- dauer berichtet“, ergänzte Hagemann. Off-label-Use nur nach gründlicher Abwägung Der Off-label-Use von Medikamenten in der Palliativmedizin kann mehrere Ri- siken bergen. Dies umso mehr, als durch Polypharmazie und die Mischung ver- schiedenster Medikamente in einer In- fusion zusätzliche Gefahren entstehen können. Dr. Constanze Rémi, Fachapotheke- rin für klinische Pharmazie an der Kli- nik und Poliklinik für Palliativmedizin der Universitätsklinik München, beton- te nachdrücklich, dass die vermeintlich bestmögliche Therapie in der Palliativ- versorgung nicht zu einem unstruktu- rierten Behandlungsversuch werden darf, der den Patienten gefährdet. „Wenn der Off-label-Use jedoch bewusst stattfindet, Wirksamkeit und Neben- wirkungen nach Möglichkeit an zentra- ler Stelle dokumentiert und die Er- kenntnisse durch Veröffentlichung im Kollegenkreis kommuniziert werden, bietet der Einsatz von Medikamenten außerhalb ihrer eigentlichen Zulassung definitiv auch die Chance, die medika- mentöse Therapie und die Symptom- kontrolle bei Patienten in der palliativen Situation zu optimieren“, schloss die Pharmazeutin. Dr. Silke Wedekind Literatur 1. Hagemann V et al. Drug use beyond the licence in palliative care: A systematic review and narrative synthesis. Palliat Med 2019;33:650-62 Parallel Session „Medication safety in palliative care”, 16. Weltweiter Kongress der European Association for Palliative Cancer Care (EAPC), Berlin, 24. Mai 2019 Medikamente zu zermörsern, um sie per Sonde zu verabreichen, ist eine Facette des Off-label-Use in der Palliativmedizin. ©© Kerstin Waurick / iStock 12 Schmerzmedizin 2019; 35 (4) Medizin aktuell

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