Schmerzmedizin 5 / 2019

Vorurteile gegenüber Migränepatienten auf dem Prüfstand Wer an Migräne leidet, hat nicht nur mit seinen Kopfschmerzen, sondern auch mit Stigmatisierung durch seine Mitmenschen zu kämpfen. So herrscht bei vielen die Vorstellung, Migränepatienten würden eine gewisse Mitschuld an ihrem Leiden tragen. In einer Studie wurden nun die gängisten Vorurteile zu Migräne erfasst. E inen „Schnappschuss“ vom Leben US-amerikanischer Migränepatien- ten zu machen – das ist das Ziel der Stu- die „observational survey of the epide- miology treatment and care of migraine“ (OVERCOME), die im Sommer 2018 von Eli Lilly initiiert wurde. Neben Un- tersuchungen dazu, welche Medika- mente Migränepatienten einnehmen oder wo und wie sie überwiegend be- handelt werden, widmet sich ein Teilbe- reich der Studie der Frage, welchen Stig- matisierungen Migränepatienten ausge- setzt sind. „Stigmatisierung ist ein sozi- aler Prozess, in dem Klassen von Individuen Objekte von Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung wer- den können“, definierte Dr. Robert Sha- piro, Neurologe am Larner College of Medicine in Burlington, USA, „und Mi- gränepatienten sind ihr in ähnliche starker Weise ausgesetzt wie Epilepti- ker.“ Was Menschen ohne Migräne über ihre an Migräne leidenden Mitmen- schen denken und von welchen Fakto- ren dies abhängt, wurde in einer reprä- sentativen Umfrage erhoben, an der 2.000 Nicht-Migräniker in einem Durchschnittsalter von 48 Jahren teilge- nommen hatten. Den Teilnehmern wur- den elf Fragen gestellt, unter anderem danach, wie oft Migränepatienten ihrer Meinung nach ihre Leiden dramatisie- ren, zum Problem für Kollegen und Vorgesetzte werden oder sich berufli- chen oder privaten Verpflichtungen ent- ziehen. „Migräne lässt sich leicht behandeln“ Am häufigsten äußerten Menschen ohne Migräne die Überzeugung, dass Migrä- nepatienten „ihre Migräne leicht behan- deln können“ (45,4%) und „ihre Migrä- ne verstecken“ (39,1%). Mehr als ein Drittel (35,5%) glaubte gar, dass Migrä- nepatienten „einen ungesunden Lebens- stil pflegen“ und damit in gewisser Wei- se selbst für ihr Leiden verantwortlich sind. Je mehr Menschen mit Migräne die Befragten kannten, desto öfter gaben sie an, dass die stigmatisierenden Behaup- tungen zuträfen. Dies seien alarmieren- de und Besorgnis erregende Ergebnisse, mahnte Shapiro. „Offensichtlich besteht die Vorstellung, dass viele Migränepati- enten ihre Symptome übertreiben oder sich nur sozialer Verpflichtung entzie- hen möchten“. Gleichzeitig gaben überhaupt nur 45% der Befragten an, jemanden mit Migräne zu kennen, berichtete Shapiro. Und nur 4% der Befragten wüssten von einem Kollegen mit Migräne. Das seien erstaunlich niedrige Zahlen angesichts der Migräneprävalenz in den USA, gab er zu bedenken; nehme man nämlich Migräne und Medikamentenüberge- brauchskopfschmerz – die beide einen ähnlichen Phänotyp hätten – zusam- men, so erleiden laut Berechnungen der Global-Burden-Disease-Study 2017 im- merhin 22% der US-Bevölkerung pro Jahr eine Migräne. Für die Zukunft wünscht sich Shapiro daher weitere Un- tersuchungen dazu, wie sich stigmati- sierende Vorstellungen in der Bevölke- rung bilden, sowie Programme, um die- se zu bekämpfen. Dr. Lamia Özgör 61. Kongress der American Headache Society (AHS), „Stigmatizing attitudes about migraine by people without migraine: Results of the OVERCOME study”, Philadelphia/USA, 13. Juli 2019 die sie anwenden sollten, sobald ihr Trigger auftrat, und die vierte Gruppe erhielt gar keine Therapie, sondern wur- de auf eine Warteliste gesetzt. In der Gruppe, die Copingstrategien anwenden durfte, verbesserte sich die Kopfschmer- zen am meisten (um 33%) und signifi- kant gegenüber der Wartelistengruppe. Am zweitbesten schnitten die Patienten ab, die neben dem Vermeiden kognitive Verhaltenstherapie erhielt ( Abb. 2 ). Gemäß dieser Studie sollte man sein Leben also nicht damit verbringen, sei- ne Migränetrigger zu umgehen, schon alleine, weil die Angst vor einem Trigger selbst Kopfschmerzen auslösen kann. Martin stimmte diesem Urteil prinzipi- ell zu, gab aber zu bedenken, dass es in der Realität nicht immer praktikabel sei, Copingstrategien zu entwickeln. In den meisten Fällen gelte seiner Ansicht nach das Motto: „Wenn du einen Trigger umgehen kannst, umgehe ihn.“ Dr. Lamia Özgör Literatur 1. Silva-Neto R et al. Cephalalgia 2017;37:20-8 2. Turner D et al. Headache 2019;59:495-508 3. Martin PR et al. Headache 2006; 46: 962-72 61. Kongress der American Headache Society (AHS), „Trigger and migraine – facts and myths”, Philadelphia/USA, 14. Juli 2019 Der Morgenkaffee muss nicht zwingend zu Migräne führen – kritischer scheint eher zu sein, die Dosis zu verändern. ©© Markus Mainka / stock.adobe.com Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 11

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=