Schmerzmedizin 3 / 2018

Methadon – eine Chance für austherapierte Krebspatienten? Die Diskussion um den Einsatz von D, L-Methadon zur Krebsbehandlung scheint noch lange nicht beendet zu sein: So fand noch vor der offiziellen Eröffnung des Schmerz- und Palliativtags 2018 ein Symposium zum aktuellen Stand der Methadonforschung bei Tumorerkrankungen statt. I n Deutschland ist D, L-Methadon in den vergangenen Jahren als potenziel- les Medikament zur Behandlung von Tumorerkrankungen in den Fokus der Forschung, vor allem aber der Laien- presse geraten. Berichtet wurde, dass Methadon die Wirkung der Chemotherapie verstärken und Tumorzellen abtöten könne. Ob- wohl die Daten aus In-vitro- und tier­ experimentellen Studien sowie aus anek- dotischen Berichten stammen, haben sie bei vielen Krebspatienten große Erwar- tungen geweckt und dazu geführt, dass eine Behandlung mit Methadon nicht selten aktiv eingefordert wird. Die Daten zur Wirksamkeit von D, L- Methadon gehen auf Forschungsarbei- ten der Chemikerin Dr. Claudia Friesen vom Institut für Rechtsmedizin, Univer- sitätsklinikumUlm, zurück. „Wir konn- ten zeigen, dass die durch eine Opioid- rezeptor-Aktivierung mit dem Razemat induzierte Downregulation von zykli- schemAdenosinmonophosphat (cAMP) in Leukämiezellen zur Apoptose dieser Zellen führt und sie zugleich für eine Doxorubicin-Therapie empfindlich macht“, berichtete Friesen [1]. Die Opio- idrezeptor-Aktivierung habe sich damit als mögliche attraktive Strategie zur Op- timierung von Krebstherapien präsen- tiert. Tumorzellen exprimieren auf ihrer Oberfläche, anders als Zellen in gesun- den Geweben, zahlreiche Opioidrezep- toren. Dies gilt auch für Glioblastomzel- len. „Bei dieser Malignomentität konn- ten wir in Zellkultur zeigen, dass D,L- Methadon nicht nur die Chemo- und Radioresistenz der Glioblastomzellen durchbricht, sondern auch die Glioblas- tomzellen und die Stammzellen des Gli- oblastoms gegenüber Doxorubicin emp- fänglich macht“, informierte Friesen [2]. Ähnliche Effekte hätten auch bei weite- ren Tumorzellen in Kultur wie zum Bei- spiel bei Mamma-, Ovarial- oder Kolon- karzinomzellen beobachtet werden kön- nen. Prospektive Studienergebnisse fehlen Ergänzend stellte Friesen Fallbeispiele von Patienten mit unterschiedlichen Tu- moren vor, die zusätzlich zur Chemo- oder Strahlentherapie D, L-Methadon erhielten und trotz ihrer zumeist infaus- ten Prognose lange überlebten. In einer retrospektiven Studie mit 27 Glioblas- tompatienten, die zusätzlich zur Chemo­ therapie im Sinne eines individuellen Heilversuchs täglich mit 5 mg bis 35 mg D, L-Methadon behandelt wurden, er- wies sich die Therapie als sicher – einen Beweis für die Wirksamkeit des Opioids lieferte die Studie jedoch nicht [3]. In randomisiert-kontrollierten, pros- pektiven klinischen Studien konnte eine Antitumorwirkung von D, L-Methadon bislang nicht nachgewiesen werden. Ver- schiedene Fachgesellschaften warnen in Stellungnahmen daher auch vor über- höhten Erwartungen und raten von der Verwendung von D, L-Methadon als Tu- mortherapeutikum ab. Zur Behandlung von Schmerzen können Fertigarzneimit- tel mit D, L-Methadon selbstverständ- lich genutzt werden. In der Praxis setzen viele Ärzte in der Hoffnung auf eine auch beimMenschen vorhandene antiproliferative Wirkung D, L-Methadon dennoch ein. Dr. Ger- hard H. H. Müller-Schwefe, Ehrenpräsi- dent der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., forderte deshalb abschließend, eine Registerstudie zu in- itiieren, in der der Einsatz des Opioids bei Tumorpatienten prospektiv doku- mentiert wird. Dr. Silke Wedekind Literatur 1. Friesen C et al. Cell death sensitization of leukemia cells by opioid receptor activation. Oncotarget 2013; 4: 677–90 2. Friesen C et al. Opioid receptor activation triggering downregulation of cAMP im- proves effectiveness of anti-cancer drugs in treatment of glioblastoma. Cell Cycle 2014; 13: 1560–70 3. Onken J et al. Safety and Tolerance of D,L- Methadone in Combination with Chemo- therapy in Patients with Glioma. Anticanc Res 2017; 37: 1227–36 Exzellenzvortrag/Symposium: „Schmerzmedi- zin kontrovers: Aktueller Stand der Methadon- forschung bei Tumorerkrankungen“, 8. 3. 2018, Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2018. Frankfurt am Main Einige Tumorpatienten sehen den Einsatz von Methadon als ihre „letzte Chance“, je- doch fehlen bislang Studien zur Antitumorwirkung bei Patienten. ©© jessicaphoto/ Getty Images/ iStock Schmerzmedizin 2018; 34 (3) 11

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