Schmerzmedizin 5 / 2019

Montag ist Migränetag Würde Migräne innerhalb der Bevölkerung zyklisch auftreten und wäre man in der Lage, dieses Muster vorherzusehen, könnte man die Behandlung viel besser vorbereiten, davon ist Dr. Timothy Houle überzeugt. Zusammen mit seinem Team versucht er, anhand der Google-Suchanfragen einem „Migräne­ rhythmus“ auf die Spur zu kommen. Z wischen den Jahren 2004 und 2016 haben niemals so viele Menschen in den USA an Migräne gedacht wie am 17. Februar 2011, weiß Dr. Timothy Houle vom Massachusetts General Hospital, USA. Zumindest liest er das aus der Zahl der Google-Suchanfragen zu Migräne heraus. Houle möchte nämlich anhand dieser Daten Rückschlüsse auf ein wie- derkehrendes Muster, einen „Rhythmus“ der Migräne in der US-Bevölkerung zie- hen. Ein Ansatz, dem vor ihm schon ande- re Gruppen nachgegangen waren. „Lan- ge dachte man, Migräne unterliege ei- nem zirkadianen Rhythmus“, erklärte Houle. Verschiedene Auswertungen aus Patientenbefragungen beziehungsweise Tagebucheinträgen kämen aber zu ver- schiedenen Ergebnissen. In einigen Stu- dien gäbe es einen Migränepeak in den Morgenstunden, andere fanden einen solchen Peak eher mittags und wieder andere Studien fanden gar ein bis zwei Peaks über den Tag verteilt [1, 2, 3, 4]. Versuche man nun, längere Rhythmen nachzuweisen, etwa wöchentliche, mo- natliche oder gar jahreszeitliche, stehe man dem Problem gegenüber, Daten über einen langen Zeitraum sammeln zu müssen – mindestens mehrere Monate, wenn nicht Jahre. „Es ist aber schwer, Pa- tienten dazu zu bringen, ein Tagebuch derart lange auszufüllen“, erläuterte Houle. Eine neue Quelle für solche Langzeit- daten könnte aber das Suchverhalten von Menschen im Internet liefern. Na- türlich könne man nicht sicher sagen, warum jemand „Migräne“ oder Migrä- ne verwandte Suchbegriffe in die Such- leiste von Google eintippt. Es sei nicht klar, ob diese Leute nach einer Behand- lung suchen, weil sie gerade eine Mig- räneattacke haben, oder aus ganz ande- ren Gründen. Dennoch waren in der Vergangenheit bereits Gruppen mit die- sem Ansatz, über das Internetsuchver- halten einer Bevölkerung auf das Auf- treten bestimmter Krankheiten rück- zuschließen, sehr erfolgreich. Anhand des Suchverhaltens nach dem Begriffs- feld „Grippe“ etwa ließen sich über mehrere Jahre hinweg Grippepeaks genauer vorhersagen als durch die Daten des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) allein. Ein Sechs-Monats-Zyklus bei den Suchanfragen Als Houle und seine Kollegen dieses Vorgehen auf das Themengebiet Migrä- ne anwandten, stellten sie Interessantes fest: Im Wochenverlauf wurde beson- ders häufig an Montagen nach Migräne gegoogelt, freitags und am Wochenen- de tendenziell weniger [5]. „Der Montag ist ein harter Tag, wie man das eben von Montagen kennt“, stellte Houles fest. Über mehrere Jahre hinweg beob- achtet, entdeckte sein Team, dass 2005/2006 auf Google vergleichsweise selten nach Migräne gesucht wurde, die Suchanfragen seit einigen Jahren aber kontinuierlich steigen. Innerhalb eines Jahres wird Migräne am häufigsten im Januar in die Suchleiste eingegeben, Mitte des Jahres brechen die Anfragen etwas ein, um dann wieder zuzuneh- men. Im Dezember wurde interessan- terweise mit Abstand am seltensten nach Migräne gesucht. Es scheine bei der Migräne also zumindest in puncto Suchanfragen tatsächlich eine Art Sechs-Monats-Zyklus zu geben, resü- mierte Houles: „Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber es interessant darüber nachzudenken.“ Um auszuschließen, einem Artefakt aufgesessen zu sein, gleichen Houles und sein Team ihre Daten nun mit Mel- dungen aus den Notaufnahmen ab. Ers- te vorläufige Untersuchungen deuten darauf, dass es tatsächlich einen Zusam- menhang zwischen der Häufigkeit der Suchanfragen auf Google und dem Be- such der Notaufnahme wegen Migräne- symptomen zu geben scheint, verkünde- te er. Muster aufzudecken, denen das Migräneaufkommen folgt, könnte für die Zukunft relevant werden. „Wenn man weiß, dass ein Zyklus bevorsteht, könnte man die Behandlung entspre- chend anpassen.“ Und warum ausgerechnet am 17. Fe- bruar 2011 so exzessiv nach Migräne ge- googlet wurde? Grund war kein sponta- nes, massenhaftes Auftreten von Migrä- ne unter der US-amerikanischen Bevöl- kerung, vielmehr erlitt an diesem Tag die Moderatorin Serene Branson einen Migräneanfall live vor der Kamera. Dr. Lamia Özgör Literatur 1. van Oosterhout W et al. Cephalalgia 2018;38(4):617-25 2. de Tommaso M et al. BMC Neurology 2018;18:94 3. Karl Alstadhaug MD et al. Headache 2008;48(1):95-100 4. Soriani S et al. Headache 2006;46(10):1571-4 5. Burns SM et al. Headache 2017;57(8):1217-27 61. Kongress der American Headache Society (AHS), „Circadian and seasonal variation in headache”, Philadelphia/USA, 12. Juli 2019 ©© Kurt Kleemann / stock.adobe.com Medizin aktuell 61. Kongress der American Headache Society in Philadelphia 12 Schmerzmedizin 2019; 35 (5)

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