Schmerzmedizin 2 / 2019

Keine Tachyphylaxie unter Galcanezumab Die Effizienz von Galcanezumab zur Migräneprophylaxe wurde in mehreren Studien belegt. Jetzt hat ein Forscherteam gezeigt, dass seine Wirksamkeit auch über mehrere Monate hinweg konstant bestehen bleibt. M it dem Antikörper Galcanezumab, gerichtet gegen das Calcitonin-Ge- ne-Related-Peptid (CGRP), kann Migrä- neanfällen vorgebeugt werden. Eine Re- duktion der monatlichen Migränetage um mindestens 50% erreichten in den Phase-3-Studien EVOLVE-1 und -2 zur episodischenMigräne 60% der Patienten (gegenüber 36–39% unter Placebo) und in REGAIN zur chronischen Migräne 27% (gegenüber 15% unter Placebo). Um herauszufinden, ob dieWirkung über die Zeit erhalten bleibt oder mit einer Tachy- phylaxie zu rechnen ist, haben internati- onale Wissenschaftler um PD Dr. Stefa- nie Förderreuther von der LMU Mün- chen die individuellen Patientendaten aus den drei Studien noch einmal analy- siert. An den sechsmonatigen EVOLVE- Studien beteiligten sich 1.773 Patienten mit episodischer Migräne (durchschnitt- lich 9,1 Migränetage pro Monat), die im Verhältnis 1:1:2 mit Galcanezumab 120 mg/Monat, Galcanezumab 240 mg/ Monat oder Placebo behandelt wurden. Eine anfängliche 50%-Response blieb bei 41,5% beziehungsweise 41,1% der Pati- enten mit der 120- beziehungsweise 240-mg-Dosis über drei Monate und bei 19,0% beziehungsweise 20,5% über sechs Monate erhalten. Unter Placebo waren diese Raten jeweils signifikant niedriger (21,4% nach drei und 8,0% nach sechs Monaten). Von den Patienten, bei denen inMonat 1 unter Galcanezumab die Zahl der Migränetage mindestens halbiert war, zeigten 83% auch in den folgenden fünf Monaten noch eine 50%-Response. Auch die 1.113 Teilnehmer der REGAIN-Studie (durchschnittlich 19,3 Migränetage pro Monat) wurden im Ver- hältnis 1:1:2 mit Antikörper (120 bzw. 240 mg/Monat) oder Placebo behandelt. Ein 50%-Ansprechen über die gesamte Studiendauer von drei Monaten erreich- ten hier 16,8% und 14,6% aus der Anti- körper- und 6,3% aus der Placebogruppe, die Unterschiede waren signifikant. Fazit: Mit 120 oder 240 mg Galcane- zumab lässt sich bei episodischer und chronischer Migräne auch bei mehrmo- natiger Anwendung ein statistisch und klinisch bedeutsamer Präventionseffekt erzielen. Dr. Beate Schuhmacher Förderreuther S et al. Preventive effects of galcanezumab in adult patients with episodic or chronic migraine are persistent: data from the phase 3, randomized, double-blind, placebo­ controlled EVOLVE-1, EVOLVE-2, and REGAIN studies. J Headache Pain 2018;19:121 Schützt Migräne Frauen vor Diabetes mellitus? In einer französischen Kohortenstudie zeigte sich, dass Migränepatientinnen ein um 30% reduziertes Diabetesrisiko aufweisen. Umgekehrt scheint die Migräneprävalenz Jahre vor dem Ausbruch des Diabetes zurückzugehen. A uf einen inversen Zusammenhang von Migräne und Diabetes stießen Forscher umDr. Guy Fagherazzi vom In- stitut National de la Santé et de la Recher- che Médicale in Villejuif, Frankreich, in einer prospektiven Kohortenstudie. In die Auswertung gingen die Angaben von mehr als 74.000 Frauen ein, allesamt Teilnehmerinnen der E3N-Studie, die 1990 begonnen hatte. 2002 waren die Frauen, zu diesem Zeitpunkt im Mittel 61 Jahre alt, nachuntersucht worden. Kei- ne von ihnen war damals Diabetikerin. Es folgte eine zehnjährige Nachbeobach- tungphase, in der knapp 2.400 Proban- dinnen an Typ-2-Diabetes erkrankten. Es zeigte sich, dass Frauen, die an ak- tiver Migräne litten, im Vergleich zu Frauen ohne Migräne unter gleichzeiti- ger Berücksichtigung diverser möglicher Einflussfaktoren ein um 30% geringeres Diabetesrisiko aufwiesen. Und umge- kehrt ging die Migräneprävalenz bei den schließlich an Diabetes erkrankten Frau- en in den 24 Jahren vor der Diagnose von 22% auf 11% zurück: Die Migräne von Frauen verschwindet also häufig, bevor sie an Diabetes erkranken. In den 22 Jah- ren nach der Diagnose blieb die Migräne­ prävalenz dann konstant bei 11%. Fagherazzi und Kollegen diskutieren zudem mögliche Mechanismen, die die Verbindung zwischen Migräne und Dia- betes erklären könnten. Sie verweisen etwa auf Assoziationen, die zwischen Po- lymorphismen des Insulinrezeptorgens und Migräne bestehen. Frauen mit Mig- räne sollen zudem laut früheren Erkennt- nissen höhere Insulinspiegel aufweisen. Eine verstärkte Insulinsekretion nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten mit re- aktiver Hypoglykämie gilt sogar als mög- licher Migränetrigger. Auch Fasten kann Migräne auslösen – und hierfür wird ebenfalls die Hypoglykämie zusammen mit einer vermehrten Produktion von Ketonkörpern verantwortlich gemacht. Einen weiteren Zusammenhang lässt das Calcitonin-Gene-Related-Peptid (CGRP) vermuten, ein Vasodilatator, der bei Mi- gräne eine Rolle spielt, aber auch im Energiestoffwechsel involviert sein soll. Fazit: Frauen, die an Migräne leiden, ha- ben laut Erkenntnissen französischer Forscher ein um 30% reduziertes Diabe- tesrisiko. Umgekehrt geht die Migräne­ prävalenz Jahre vor einer späteren Dia­ betesdiagnose zurück. Einschränkend ist zu sagen, dass die Migräneprävalenz unter Frauen im reproduktiven Alter am höchsten ist und nach der Menopause zurückgeht. Die Diabetesprävalenz ver- hält sich umgekehrt. Es ist nicht auszu- schließen, dass es hier nicht genannte Faktoren gibt, die zu beidem beitragen; Migräne und Diabetesrisiko müssen also nicht direkt kausal zusammenhän- gen. Robert Bublak Fagherazzi G et al. Associations between migraine and type 2 diabetes in women. Findings from the E3N cohort study. JAMA Neurol 2018; doi: 10.1001/jamaneurol.2018.3960 Literatur kompakt  12 Schmerzmedizin 2019; 35 (2)

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