Schmerzmedizin 1 / 2019

Therapie der Migräne Wie spezifisch wirken Entspannungsverfahren? Entspannungsverfahren spielen für die Behandlung der Migräne eine herausragende Rolle. In der Akut­ therapie gibt es bislang vor allem zum Biofeedback-gestützten Vasokonstriktionstraining positive Ergebnisse aus kontrollierten Studien, und bei der Migräneprophylaxe gehören Verhaltenstherapie, progressive Muskel­ relaxation und Biofeedback bereits zu den etablierten Techniken, die auch in den einschlägigen Leitlinien empfohlen werden. E ine leitliniengerechte Migränepro- phylaxe beschränke sich nicht auf Medikamente, sondern beinhalte zusätzlich immer einen verhaltensthera- peutischen Ansatz einschließlich Ent- spannungsverfahren, erklärt Dr. Sandra Christiansen, Klinik für Anästhesiolo- gie am Uniklinikum Hamburg-Eppen- dorf. Für die progressive Muskelrelaxa- tion (PMR) beispielsweise habe man in neueren Studien nachgewiesen, dass sie die Zahl der Migräneattacken reduziert. Ein bei Migränepatienten typischerwei- se erhöhter Parameter, der unter PMR ebenfalls heruntergefahren wird, ist die erhöhte kontingente negative Variation (CNV), ein EEG-Parameter, der ein Aus- druck kortikaler Wach-Aktivität ist. Vermutlich ist die erhöhte CNV das Zei- chen einer Reizverarbeitungsstörung, die in der Pathophysiologie der Migräne eine maßgebliche Rolle spielt. Spezifische Belastungsprofile berücksichtigen Um verhaltenstherapeutische Interven- tionen in Zukunft noch besser an den Bedarf von Menschen mit Kopfschmer- zen anzupassen, ist es notwendig, das spezifische Belastungsprofil der Betrof- fenen genauer zu evaluieren. Zu diesem Zweck führten Christiansen und Mitfor- schende eine Studie durch, die insge- samt 1.186 Menschen mit Kopf-, Rücken- oder Ganzkörperschmerzen umfasste. Das Durchschnittsalter in der Kopf- schmerzgruppe betrug 42 Jahre und war damit signifikant niedriger als bei den durchschnittlich 51-jährigen Patienten mit Rücken- oder Ganzkörperschmer- zen. Der Frauenanteil lag bei 81% in der Kopf-, 66% in der Rücken- und 73% in der Ganzkörperschmerzgruppe. Die durchschnittliche Anzahl der Schmerz- tage pro Monat lag in der Kopfschmerz- gruppe bei 18 Tagen, gegenüber 27 Ta- gen in den Vergleichsgruppen. Die im Funktionsfragebogen Hannover ermit- telte körperliche Leistungsfähigkeit war in der Kopfschmerzgruppe − anders als in den Vergleichsgruppen − kaum ein- geschränkt. Eine Erwerbsunfähigkeits- rente wurde nur von 4% der Kopf- schmerzpatienten angestrebt, gegenüber 12% der Rücken- und 8% der Ganzkör- perschmerzgruppe. Die Kopfschmerz- patienten blickten auf eine mittlere Krankheitsdauer von 14 Jahren zurück; die Rückenpatienten auf 13 Jahre und die Patienten mit Ganzkörperschmerz auf 9 Jahre. Lernen, mit dem Schmerz umzugehen In der Zusammenschau mit anderen Studien könne man, so Christiansen, das Belastungsprofil von Migränepati- enten wie folgt umschreiben: Die Betrof- fenen seien zwar nicht dauerhaft körper- lich eingeschränkt, würden aber von ih- ren Schmerzen plötzlich aus dem Alltag herausgerissen und müssten sich früh damit abfinden, nicht immer einsatzbe- reit zu sein. Das ginge häufig mit einem erhöhten Bedürfnis nach Kontrolle ein- her. Primäres Ziel verhaltenstherapeuti- scher Interventionen bei Migränepatien- ten sei es daher, mit den spezifischen Herausforderungen der Erkrankung zu- rechtzukommen, das heißt mit dem Wechsel von Leistungsfähigkeit und Leistungsausfall, mit den Erwartungs- ängsten vor der nächsten Schmerzatta- cke und mit dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Entspannungsverfahren können neben anderen verhaltensthera- peutischen Interventionen maßgeblich zum Erreichen dieser Ziele beitragen. Dr. Thomas M. Heim Symposium „Fit für die Zukunft: leitlinien­ gerechte verhaltenstherapeutische Behandlung der Migräne“, Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 19.10.2018 Betroffene werden von ihren Schmerzen plötzlich aus dem Alltag gerissen und müssen lernen, mit ihrem Leistungs­ ausfall umzugehen. ©© Peter Maszlen / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell) 12 Schmerzmedizin 2019; 35 (1) Panorama Entspannungsverfahren für die Migränetherapie

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