Schmerzmedizin 3 / 2019

Methadon in der Tumorschmerztherapie? Der Einsatz von Methadon in der Schmerztherapie ist ein strittiges Thema. In einem Impulsvortrag wurden seine Vor- und Nachteile, seine Risiken und Chancen diskutiert. D ie Frage, ob Schmerzen bei Tumor- patienten mit D,L-Methadon be- handelt werden sollten, wird nach wie vor kontrovers diskutiert und gab damit den Anlass für ein Symposium, in dem Professor Friedemann Nauck, Göttin- gen, und Dr. Hans-Jörg Hilscher, Iser- lohn, das Für undWider dieser Schmerz- therapieoption in Impulsvorträgen vor- stellten. Während weltweit das Racemat D,L- Methadon in der Schmerztherapie ein- gesetzt wird und es entsprechende Fer- tigarzneimittel gibt, ist in Deutschland nur Levomethadon ( als Fertigarzneimittel für die Schmerzthe- rapie zugelassen. Alle anderen Metha- don- und Levomethadon-haltigen Arz- neimittel haben lediglich eine Zulassung zur Substitutionstherapie bei Opiat­ abhängigkeit. Dementsprechend emp- fiehlt die deutsche S3-Leitlinie „Pallia- tivmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung“ auch nur Levomethadon für die Tumorschmerz- therapie. Nauck wies darauf hin, dass die Verschreibung Methadon-haltiger Rezepturen dem Arzt dennoch offen- steht: „Anders als bei Substitutionspati- enten gibt es zudem in der Schmerzthe- rapie weder bei Fertigarzneimitteln mit Levomethadon noch bei Rezepturen mit Methadon eine Meldepflicht“. Der Palliativmediziner riet dennoch davon ab, Methadon einzusetzen: „Die Substanz hat zwar einen ähnlichen an- algetischen Nutzen wie Morphin – an- dere Opioide sind aber leichter zu hand- haben“. Auch das Problem des Off-label- Use und der Bedarf für eine Einstel- lungsphase in der Klinik sprächen gegen Methadon. „Dazu kommt, dass der Stel- lenwert von Methadon als Antitumor- mittel zurzeit durch Studien nicht aus- reichend belegt ist. Fallberichte zeigen, dass Patienten, die Methadon als Anti- tumormittel erhalten haben, unter er- heblichen Nebenwirkungen dieser The- rapie leiden können“, ergänzte Nauck. Dagegen habe Levomethadon unbe- stritten seine Daseinsberechtigung in der Schmerztherapie bei Palliativpatien- ten: „Von erfahrenen Schmerztherapeu- ten kann es als Schmerzmittel eingesetzt werden, wenn die Wirkung anderer Opi- oide nicht ausreichend ist“, so Nauck. Wegen der komplexen Pharmakokinetik müsse allerdings mit Schwierigkeiten bei der Dosisfindung gerechnet werden. Hilscher vertrat im Hinblick auf D,L- Methadon eine gegensätzliche Meinung und nannte als dessen Vorzüge seine gute Wirksamkeit auf neuropathische sowie somatische Schmerzen, die hohe therapeutische Breite, das im Vergleich zu anderen Opiaten geringere Neben- wirkungsspektrum, die niedrigen The- rapiekosten und die mögliche tumorsup- pressive Wirkung. „Bis auf die Obstipa- tion verschwinden alle Nebenwirkungen einer Methadontherapie in Tages- bis Wochenfrist“, betonte Hilscher. Übel- keit, die überdies nach etwa zwei Wo- chen sistiere, lasse sich zuvor durch Levomepromazin meist vollständig blo- ckieren. Mit Methadon stehe für austhe- rapierte Krebspatienten eine zusätzliche Option für die Schmerztherapie zur Ver- fügung, die diesen Patienten nicht vor- enthalten werden sollte, schloss der Al- gesiologe. Dr. Silke Wedekind Symposium „Methadon in der Schmerzmedizin: eine Kontroverse“, Deutscher Schmerz- und Palliativtag, Frankfurt am Main, 7. März 2019 Schlüsselfaktor Kommunikation Eine adäquate Kommunikation mit dem Patienten kann nicht nur zu einem besseren Vertrauensverhältnis zu dem Arzt führen, sie kann auch einen deutlichen Einfluss auf die Schmerzen und die Erkrankung selber haben. U nter Berücksichtigung der biopsy- chosozialen Komponenten der Schmerzentstehung muss eine wirksa- me Schmerztherapie immer multimodal und interdisziplinär erfolgen. Dazu ge- hört laut Hans-Günter Nobis, Bad Sal- zuflen, dass sich die Therapie nicht al- lein auf die Verordnung von Medika- menten erstrecken darf: „Vielmehr hängt der Erfolg einer Schmerztherapie ganz wesentlich von einer adäquaten Pa- tientenkommunikation ab“, betonte der Psychologe. Wenn Schmerzpatienten beispielswei- se im Rahmen einer stationären Rehabi- litation die Qualität des Kontakts zum Arzt als hoch einschätzten, reduzierten sich ihre Schmerzen sowie depressive Symptome und die Zahl der Krankheits- tage [1]. „In einer Studie wurde zudem gezeigt, dass eine warmherzige, freund- liche und angstnehmende Zuwendung den Krankheitsverlauf bei Patienten mit überwiegend körperlichen Erkrankun- gen – unabhängig von der sonstigen Be- handlung – eindeutig verkürzen und die Nebenwirkungsquote verringern kann“, berichtet Nobis [2]. Daraus ergebe sich ein enormer Be- darf für eine gute Patientenkommunika- tion, die auch das Ziel einer Edukation verfolgt: „Vermittelt werden sollten dem Patienten eine multidimensionale Theo- rie des Schmerzes, Techniken, wie er mit dem Schmerz umgehen kann und Me- thoden zum Aufbau von Selbstwirksam- keit“, schloss der Psychologe. Dr. Silke Wedekind Literatur 1. Dibbelt S et al. Rehabilitation 2010;49:315– 25 2. Di Blasi Z et al. Lancet 2001;357:757–62 Fokusseminar „‚Ich bilde mir den Schmerz doch nicht ein!?‘ Kommunikations- und Informations- probleme mit Schmerzpatienten nachvoll­ ziehen“, Deutscher Schmerz- und Palliativtag, Frankfurt am Main, 8. März 2019 Medizin aktuell Kongressbericht vom Deutschen Schmerz- und Palliativtag 2019 14 Schmerzmedizin 2019; 35 (3)

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