Schmerzmedizin 6 / 2018

Biofeedback gegen Migräne – Magie der Gedanken Biofeedback ist ein leicht erlernbares und hoch wirksames Element in der nicht medikamentösen Migränetherapie und -prophylaxe. Am eigenen Leib zu erfahren, wie unmittelbar Gedanken Körperfunktionen beeinflussen, kann zudem selbst eingefleischte Psychotherapieskeptiker überzeugen. I m Laufe einer Migräneattacke kommt es zu passagerer Übererregung im ex- zitatorischen nozizeptiven System des trigeminalen Nucleus caudalis (TNC), die sich wiederum über Sensibilisierung von Schmerzrezeptoren, Freisetzung va- soaktiver Peptide und Vasodilatation meningealer Gefäße in einer Art Teufels- kreis selbst anheizt. Gleichzeitig wird die parasympathische Aktivität im abstei- genden inhibitorischen Schmerzsystem, unter anderem im periaquäduktalen Grau (PAG), herunterreguliert. Aus die- sem Verständnis der Pathophysiologie ergeben sich, so Professor Peter Kropp, Medizinische Psychologie, Universität Rostock, zwei therapeutische Zugänge: Eine Reduktion der Übererregung im TNC sowie eine Stärkung der parasym- pathischen Aktivität im PAG. Diese Ziel- punkte könne man prinzipiell durch ver- schiedene Medikamente, aber auch durch psychotherapeutische Interventi- onen, einschließlich Entspannungsver- fahren und Biofeedback, ansteuern. Unter den Biofeedbackverfahren habe sich in der akuten Attacke das Vasokon- striktionstraining als wirksam erwiesen. Dabei können bestimmte Imaginatio- nen als mentaler Trigger eingesetzt wer- den. Ein bei vielen Menschen wirksamer Vasokonstriktionstrigger ist etwa, sich lange, krallenartige Fingernägeln vorzu- stellen, die genüsslich, langsam und laut- stark über eine Schiefertafel kratzen. Anderen hilft die Vorstellung, herzhaft in eine saftige Zitrone zu beißen. Bei Müttern habe sich wiederum bewährt, sich die Geburt möglichst plastisch und mit allen Sinnen in Erinnerung rufen. „Damit konnte schon manch eine Patien- tin eine beginnende Migräneattacke aufhalten“, berichtet Kropp. Als physiologische Regelgröße in der Migräneprophylaxe werden Hautleit- wert (Skin Conductance Level, SCL), Elektromyografie (EMG), Elektroenze- phalografie (EEG) oder Hauttemperatur verwendet. Kropp betont, wie wichtig es dabei sei, die autonom gesteuerte Funk- tion über einen gut wahrnehmbaren Sinneskanal − akustisch, visuell oder taktil − an die betroffene Person zurück- zumelden. Innerhalb verblüffend kurzer Zeit, laut Kropp bereits in 5 bis 10 Minu- ten, lerne dieser, die autonome Funktion in einem gewissen Rahmen selbst zu steuern. Sobald das der Fall ist, wird das Biofeedbacksignal langsam ausgeblen- det. Danach kann der Patient die Kont- rolle der autonomen Funktion selbst- ständig weiterüben und im „Ernstfall“, wenn eine Migräneattacke imAnflug ist, anwenden. Auch dabei können die Ima- ginationen eingesetzt werden, die der Betroffene als besonders wirksam erlebt hat. Richtig angewendet sei das Ganze so einfach, dass Kropp vermutet, die Fähig- keit, die Körperfunktionen zu beeinflus- sen, sei in uns Menschen seit Urzeiten biologisch angelegt. „Wir brauchen sie nur zu entdecken und der willentlichen Kontrolle unterzuordnen“, ermutigt der Experte. Die Methode sei sehr wirksam und besonders geeignet für Menschen mit Technikaffinität und gleichzeitiger Abneigung gegenüber allem, was wie Psychotherapie daherkommt. „Unter dem Biofeedback bemerken die dann schnell, wie stark und unvermittelt ihre Gedanken auf ihre Körperfunktionen wirken“, berichtet Kropp. Damit sei dann oft die Tür geöffnet für eine tiefer gehende therapeutische Arbeit an den krankheitserhaltenden Kognitionen und Verhaltensmustern. Dr. Thomas M. Heim Symposium „Fit für die Zukunft: Leitlinien­ gerechte verhaltenstherapeutische Behandlung der Migräne“, Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 19.10.2018 über einen Zeitraum von insgesamt zwei Stunden schmerzhafte Reize indu- ziert, in der Gruppe „Placebo“ mit lang- sam abfallender, in der Gruppe „Noce- bo“ mit ansteigender und in der Gruppe „kein Effekt“ mit gleich bleibender Inten- sität. In allen drei Interventionsgruppen fiel die Intensität der erkrankungsasso- ziierten Rückenschmerzen vom Be- handlungs- auf den Folgetag ab. Im Ver- lauf der darauf folgenden Woche nahm die Schmerzintensität wieder zu, blieb aber in allen drei Gruppen unter dem Ausgangswert vor Behandlung. An Tag 8 wurde die Behandlung wiederholt, ohne erneut mit Stromreizen zu kondi- tionieren. Ein weiteres Mal konnte da- mit die Schmerzintensität in allen Interventionsgruppen reduziert werden. In der tieferen Analyse der Daten zeigte sich eine signifikante Korrelation zwi- schen positiver Erwartung und Schmerzlinderung, sogar in der Noce- bogruppe. Dass sich selbst nach Nocebokonditi- onierung noch Placeboeffekte ausbilden können, sieht Schmitz mit als wichtigs- tes Ergebnis dieser aufgrund des kom- plexen Studiendesigns etwas schwer greifbaren Studie. Positive Erwartungen vor der Behandlung hätten sich als be- sonders robust im Hinblick auf deren spätere schmerzlindernde Wirkung er- wiesen. Bereits eine Woche nach der ne- gativen Konditionierung seien die bis dahin gebildeten negativen Erwartun- gen schon deutlich schwerer zu beein- flussen. Es sei daher wichtig, die Erwar- tungen der Patienten im Verlauf der Be- handlung regelmäßig abzufragen und negative Erwartungen früh durch neue Informationen „abzufangen“, um einen Teufelskreis aus negativen Erwartungen und Schmerzverstärkung zu verhindern. Dr. Thomas M. Heim Symposium „Erwartung von Patienten auf Zuversicht und Selbsteffizienz bei der Schmerz- linderung setzen! (DFG-Forschergruppe FOR 1328)“, Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 18.10.2018 Medizin aktuell Deutscher Schmerzkongress 2018 12 Schmerzmedizin 2018; 34 (6)

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