Schmerzmedizin 3 / 2018

Erfahrungen mit Cannabis aus der Klinik Cannabishaltige Fertigarzneimittel, Rezepturarzneien und medizinische Cannabisblüten können schwerwiegend erkrankten Patienten seit einem Jahr unter bestimmten Voraussetzungen auch zulasten der gesetzlichen Kranken- versicherungen verordnet werden. W ie Privatdozent Dr. Michael A. Überall, Nürnberg, berichtete, ist die Zahl der Verordnungen von Canna- binoiden nach Inkrafttreten des Geset- zes im März 2017 stark gestiegen. Aller- dings sei bis zum Herbst letzten Jahres nur etwa jeder zweite Antrag auf Versor- gung mit medizinischemCannabis auch von den Krankenkassen genehmigt wor- den. „Für die Ablehnung wurden vor al- lem zwei Gründe genannt: Der fehlende Wirksamkeitsnachweis und Fehler in den Anträgen“, so Überall. Zu diesen Fehlern zählt, dass die für die Anträge geforderten Kriterien nicht ausreichend dargelegt sind und der Nachweis fehlt, dass andere Behand- lungsmethoden ausgeschöpft wurden oder der Patient wirklich austherapiert ist. Die Kritik am fehlenden Wirksam- keitsnachweis ließ Überall dagegen nur bedingt gelten. Zum Beleg führte er die Ergebnisse der vom Bundesgesundheits- ministerium geförderten CaPRis (Can- nabis: Potenzial und Risiken. Eine wis- senschaftliche Analyse)-Studie an, die den aktuellen Forschungsstand zum Thema Cannabis zusammenfasst [1]. Den Ergebnissen der Studie zufolge wurde im Bereich der Anwendung von Medizinalhanf ein Nutzen in der Indi- kation „Übelkeit und Erbrechen bezie- hungsweise Appetitstimulation“ bei Tumorpatienten unter Chemotherapie und Patienten mit HIV/AIDS beschrie- ben sowie eine leichte Besserung der Symptomatik bei chronischen Schmer- zen. „Auch die Spastizität bei Patienten mit Multipler Sklerose verbesserte sich in Studien“, fügte Überall ergänzend hinzu. Zu Fertigarzneimitteln greifen Wer die Verordnung von Cannabis plant, sollte bevorzugt zu Fertigarzneimitteln wie Nabiximols oder Nabilon greifen: „Und zwar in allen Indikationen, nicht nur denjenigen, für die eine Zulassung besteht“, so Überall. Für die Fertigarz- neimittel spreche neben der Zulassung, dass sie eine klare Dosis-Wirkungs-Be- ziehung aufweisen. Professor Volker Limmroth, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Palliativ- medizin, Krankenhaus Köln-Merheim, riet dazu, sich mit den einzelnen verfüg- baren Produkten vertraut zu machen, ei- nes oder zwei davon auszuwählen und diese dann konsequent im eigenen Pra- xisalltag einzusetzen. „Cannabisblüten können ebenfalls ver- ordnet werden. Hier sollte man aller- dings genau auf den Tetrahydrocanna- binol (THC)- und den Cannabidiol (CBD)-Gehalt der Blüten schauen, je nachdem, welcher Effekt erwünscht ist“, so Limmroth. Die Cannabinoide THC und CBD sind die beiden wichtigsten In- haltsstoffe der Cannabispflanze und für die medizinisch gewünschten Wirkun- gen verantwortlich: Beide wirken an- algetisch, THC psychoaktiv, antieme- tisch, appetitanregend und muskelrela- xierend, CBD antipsychotisch, antikon- vulsiv, neuroprotektiv und anxiolytisch. Blüten enthalten das gesamte Spektrum an Cannabinoiden und können damit auch bei Patienten wirksam sein, denen mit Fertigarzneimitteln oder Rezeptur- arzneien nicht geholfen werden kann. Erste Evidenz für Cannabis Überall stellte abschließend Daten aus dem digitalen PraxisRegister Schmerz der Deutschen Gesellschaft für Schmerz- medizin e. V. (DGS) vor, in dem bereits 190.000 Behandlungsfälle dokumentiert sind [2]. Ende 2017 waren darin 1.224 Behandlungsfälle mit Cannabis, davon 800 mit Nabiximols, erfasst. Sie belegen für Patienten mit chronischen Schmer- zen, die mit sonstigen Therapien nicht zufriedenstellend behandelt werden konnten, eine gute Wirksamkeit der Cannabinoidtherapie. „Das sind ekla- tante Befunde, die den Schluss zulassen, dass Cannabinoide einen festen Platz in der Schmerzmedizin erhalten sollten“, lautete dementsprechend Überalls Fazit. Dr. Silke Wedekind Literatur 1. https://www.bundesgesundheitsministeri - um.de/service/publikationen/drogen-und- sucht/details.html?bmg[pubid]=3104. Letz- ter Aufruf: 27. März 2018 2. http://dgschmerzmedizin.de/schmerzdoku- mentation/praxisregister.htm. Letzter Auf- ruf: 27. März 2018 Symposium: „Cannabis als Medizin in Deutsch- land – Status quo nach einem Jahr bzgl. Evidenz, Erfahrung und Stellenwert“, 8. 3. 2018, Deut- sche Schmerz- und Palliativtag 2018 in Frankfurt am Main ©© Juanmonino / Getty Images / iStock Experten raten, eher Fertigarzneimittel zu verschreiben als Cannabisblüten. Medizin aktuell Schmerz- und Palliativtag 2018 14 Schmerzmedizin 2018; 34 (3)

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