Schmerzmedizin 5 / 2019

9. Homburger Schmerz- und Palliativkongress Den Patienten ins Zentrum stellen Im Sinne des biopsychosozialen Modells sollten Behandler ihre Patienten möglichst ganzheitlich therapieren und die psychischen Faktoren nicht unterschätzen. In der Praxis kann das bedeuten, das Patientengespräch gegebenenfalls über die Bildgebung zu stellen oder auch fixe Vorgaben bei den Besuchszeiten aufzulockern, wenn das Leid der Patienten und Angehörigen dadurch gemindert werden kann. Bei Rückenschmerzen die Psyche nicht unterschätzen Etwa 30% der 35- bis 50-Jährigen leiden unter chronischen Rückenschmer- zen. Dass die Therapie noch immer eine Herausforderung ist, liegt laut Dr. Patric Bialas unter anderem daran, dass Ärzte viel zu somatisch denken, sich keine Zeit nehmen und die Kraft der Psyche unterschätzen. A nlässlich des diesjährigen Hom- burger Schmerz- und Palliativ- kongresses mahnte Dr. Patric Bi- alas, Klinik für Anästhesiologie, Inten- sivmedizin und Schmerztherapie des UKS Homburg: „Menschen werden ger- ne über einen Kamm geschoren.“ Und genau das sei bei der Therapie chroni- scher Rückenschmerzen ein großes Pro- blem – hat doch jeder Patient seinen ei- genen, individuellen und einzigartigen Schmerz. Es gehe dabei nicht nur um eine einfache Reizweiterleitung, der Schmerz setzt sich vielmehr aus ver- schiedenen Faktoren zusammen, erklär- te der Experte. Neben der sensorisch- diskriminativen und der autonom-vege- tativen Wahrnehmung spielen auch emotionale und kognitive Aspekte eine große Rolle, etwa wie ein Patient über sein Leid spricht. Zusätzlich zu den bio- logischen Faktoren kämen Sozialisati- onsfaktoren hinzu. „Hier müssen wir als Therapeuten unbedingt hinhören. Und das funktioniert definitiv nicht in zwei Minuten“, betonte Bialas. Auch die Yellow Flags beachten Auffällig ist, dass 85% der Rücken- schmerzen unspezifisch sind. Bei der Diagnostik undTherapie müssten daher im Sinne des biopsychosozialen Krank- heitsmodells neben den Red Flags – zum Beispiel eine Tumorerkrankung, Fraktu- ren oder Radikulopathien – auch die Yellow Flags beachtet werden. Dabei handele es sich, führte Bialas an, vor al- lem um psychosoziale Faktoren wie De- pressivität oder Distress. Dass eine Bildgebung nicht immer das Maß aller Dinge ist, zeigt eine etwas äl- tere Studie. Hier wurden MRT-Bilder von Patienten ohne Rückenschmerzen angefertigt und von unabhängigen Neuroradiologen beurteilt, die den kli- nischen Status der Patienten nicht kann- ten [1]. 52% der Probanden wiesen trotz Schmerzfreiheit eine Bandscheibenvor- wölbung auf, 27% eine Protrusion und 1% eine Extrusion. „Die Bildgebung al- leine gibt also keinen Kausalzusammen- hang“, resümierte Bialas. Und gleichzei- tig korreliere die bildgebende Diagnos- tik nicht mit dem Ausmaß der klini- schen Symptomatik. ©© Meinzahn / Getty Images / iStock Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 13 Medizin aktuell

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