Schmerzmedizin 4 / 2019

HIT-6-Fragebogen interferiert nicht mit psychosozialen Faktoren Zwischen psychosozialen Gegebenheiten – etwa dem Vorliegen einer Depression – und dem Auftreten von Kopfschmerzen besteht eine Wechsel- beziehung. Das wirft die Frage auf, ob man den Einfluss von Kopfschmerzen überhaupt unabhängig messen kann. P atienten, die an Kopfschmerzen lei- den, haben häufiger als andere psych- iatrische Begleiterkrankungen; so wer- den bei ihnen beispielsweise öfter De- pressionen diagnostiziert. Darüber hin- aus scheint dieseBeziehungwechselseitig zu sein: Kopfschmerzen fördern ebenso Depressionen wie umgekehrt Depressi- onen zu Kopfschmerzen führen können. Wenn Kopfschmerzen so eng mit psych- iatrischen Symptomen assoziiert sind, stellt sich die Frage, wie stark diese Symptome auf die Krankheitslast der Kopfschmerzpatienten durchschlagen. Anders ausgedrückt: Wird die Bestim- mung dieser Kopfschmerzlast, beispiels- weise mithilfe eines spezifischen Frage- bogens, durch Faktoren wie Depressivi- tät, Angst oder auch Stress verzerrt? Finnische Mediziner sind dieser Frage nachgegangen. An ihrer Studie waren 469 berufstätige Frauen beteiligt, die an- gegeben hatten, im vorangegangenen Jahr Kopfschmerzen gehabt zu haben. Als Messinstrument für den Kopf- schmerz diente der Headache Impact Test-6 (HIT-6). Dieser fragt nach 1) Häu- figkeit und Schwere der Schmerzen, 2) der Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, 3) dem Bedürfnis, sich hinzulegen, 4) Mü- digkeit, 5) Gereiztheit und 6) Konzentra- tionsfähigkeit. Zu erzielen sind 36 (keine Beeinträchtigung) bis 78 Punkte (sehr starke Beeinträchtigung). Gemäß den Er- gebnissen der exploratorischen Analyse geben die Punkte 4–6 Auskunft über die Lebensqualität und psychologische As- pekte (Faktor eins) und die Punkte 1–3 über die Schwere der Kopfschmerzen und den funktionellen Abbau (Faktor zwei). ImMittel kamen die Frauen in der Studie auf 48 Punkte, was einer höchstens leich- ten Beeinträchtigung entspricht. Die finnischen Ärzte korrelierten nun verschiedene psychosoziale Faktoren, die mit Kopfschmerzen in Verbindung gebracht werden (Ängstlichkeit, Depres- sion, soziale Isolation, Feindseligkeit und Arbeitsstress) mit den Ergebnissen des HIT-6. Wie sich zeigte, korreliert Faktor eins mit Depression, Angst und sozialer Isolation, Faktor zwei hingegen mit De- pression, Angst und Stress. Die Korrela- tionen, wiewohl signifikant, waren aber nur sehr schwach ausgeprägt. Mit dem Faktor Feindseligkeit kam nicht einmal eine schwache Korrelation zustande. „Der HIT-6-Fragebogen besitzt eine gute Konstruktvalidität und beschreibt den Einfluss von Kopfschmerzen verläss- lich und unabhängig, ohne Interferenzen mit psychosozialen Faktoren für die Gruppe berufstätiger Frauen“, schließen die Wissenschaftler. Nicht auszuschlie- ßen ist aber, dass der Einfluss psychiatri- scher Symptome bei schwerer von Kopf- schmerzen geplagten Frauen stärker ist. Fazit: Die Messung der Schwere von Kopfschmerzen und der damit verbun- denen Einschränkungen mit dem HIT- 6-Fragebogen ist laut Ergebnissen der vorliegenden Studie valide, jedenfalls für berufstätige Frauen allgemein. Das Er- gebnis wird nicht durch psychosoziale Faktoren verzerrt, die mit Kopfschmer- zen in Verbindung gebracht werden, etwa Ängstlichkeit, Depression oder Stress. Dr. Robert Bublak Malmberg-Ceder K et al. The role of psychosocial risk factors in the burden of headache. J Pain Res 2019;12:1733–41 Turning Pain into Gain: Multimodales Therapieprogramm zeigt Wirkung Multidisziplinäre (holistische) Therapieansätze stärken die Selbstwirksamkeit chronisch schmerzkranker Patienten, was sich in einem Rückgang bei Analge- tikaverbrauch und Krankernhausaufenthalten widerspiegelt. Eine Beobach- tungsstudie aus Australien dokumentiert die Effekte. C hronischen Schmerzen ist mit An- algetika allein schwer beizukommen – das ist bekannt. In Australien laufen deshalb von der Regierung unterstützte multidisziplinär orientierte Programme für chronisch Schmerzkranke mit dem Ziel, den Schmerzmittelgebrauch einzu- dämmen und die Selbstwirksamkeit der Betroffenen zu stärken. Die niedrig- schwelligen und kostenlosen Program- me zielen auf Schmerzkranke unter- schiedlichster Diagnose, zusätzlich kön- nen auch Angehörige und die versorgen- den Primärärzte teilnehmen. Eines dieser multidisziplinären Ange- bote ist das „Turning Pain Into Gain“- Programm. In regelmäßigen persönli- chen, schriftlichen und webbasierten Einheiten lernen die Patienten Grund- sätze der Achtsamkeit, Schmerzwahr- nehmung und Zielsetzungsstrategien und werden über Schmerzen sowie die Wirkungsweise von Analgetika aufge- klärt. Zusätzlich erhalten sie Tipps für Ernährung, körperliche Betätigung und wie sich die erreichten Fortschritte er- halten lassen. In einer über ein Jahr an- gelegten Beobachtungsstudie mit 252 chronisch Schmerzkranken wurde der Effekt des Programms bei den Zielpara- metern Medikamenteneinnahme, Le- bensqualität, Alltagsfunktionen, Selbst- wirksamkeit und stationäre Aufenthalte überprüft. Es wurden Angaben von 178 Teilneh- mern (70,6%) ausgewertet. Insgesamt verbesserten sich sämtliche Studienziele: Die nationalen Empfehlungen zur medi- kamentösen Analgesie wurden häufiger eingehalten und etwa statt einer bedarfs- Literatur kompakt  14 Schmerzmedizin 2019; 35 (4)

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