Schmerzmedizin 2 / 2019

Schmerz als Zeugnis einer schweren Kindheit Wer in der Kindheit vernachlässigt, misshandelt oder gemobbt wurde, leidet im Erwachsenenalter häufiger unter chronischen Schmerzen. Eine deutsche Studie hat diese Zusammenhänge in der Allgemeinbevölkerung untersucht. E ine schwierige Kindheit gilt als Risi- kofaktor für spätere Schmerzleiden. Oft beginnt der Schmerz bereits im Kin- des- oder Jugendalter und mündet im Erwachsenenalter in einen chronischen Zustand. In einer Querschnittstudie ha- ben Dr. Rebecca Brown von der Univer- sität Ulm und Kollegen diesen Zusam- menhang näher beleuchtet. An der Stu- die nahmen 2.491 Personen aus der All- gemeinbevölkerung Deutschlands in einemDurchschnittsalter von 48 Jahren teil. Mit dem Childhood Trauma Ques- tionnaire (CTQ) wurden sexueller, psy- chischer und emotionaler Missbrauch sowie emotionale und physische Ver- nachlässigung in der Kindheit erfasst. Der Schmerz (z. B. am ganzen Körper, Kopf-, Rücken- oder Nackenschmerz) wurde mit den Polytrauma Outcome (POLO)-Chart bewertet, depressive Symptome mit dem Patient Health Questionnaire (PHQ-2) und Angst‑ symptome mit dem General Anxiety Disorder Questionnaire (GAD-2). Die durchschnittliche Schmerzstärke lag auf einer Skala von 0 bis 10 bei 0,82, wobei die höchsten Werte für Nacken-, Rücken- und Kopfschmerz angegeben wurden. 22,4% der Befragten gaben kör- perliche, 13,1% seelische Vernachlässi- gung in der Kindheit zu Protokoll. Mob- bing durch Mitschüler erlebten 10,9%. Fast jeder Dritte berichtete über mindes- tens eine Form von Misshandlung oder Vernachlässigung mittleren oder hohen Schweregrades. 1,2% hatten alle fünf oben genannten Formen vonMissbrauch und Vernachlässigung erlebt. Der Schmerz war umso stärker, je mehr Formen von Vernachlässigung und Misshandlung die Studienteilneh- mer in der Kindheit hinnehmen muss- ten. Die schlimmsten Spuren hinterließ der seelische Missbrauch. Aber auch Er- wachsene, die als Kind von Altersgenos- sen gemobbt wurden, litten signifikant gehäuft unter chronischen Schmerzen. Die geschlechtsspezifische Betrach- tung ergab, dass bei Frauen jede Art der schlechten Behandlung in der Kindheit Einfluss auf spätere Schmerzerkrankun- gen hatte, während Männer entspre- chende Spätfolgen nur nach sexuellem Missbrauch und körperlichenMisshand- lungen entwickelten. Depression und Angst ließen zwar signifikante Zusam- menhänge mit dem aktuellen Schmerz erkennen, sie hatten aber keinen Einfluss auf die Assoziation zwischen belasten- den Kindheitserlebnissen und Schmerz. Fazit: Negative Kindheitserfahrungen wie körperliche und seelische Misshand- lung, sexueller Missbrauch in der Fami- lie oder Mobbing durch Altersgenossen scheinen langfristige Effekte auf das Schmerzempfinden zu haben. Da sich dieser Zusammenhang sogar in der All- gemeinbevölkerung zeige, seien Präven- tionsbemühungen erforderlich, betonen die Forscher. Dr. Christine Starostzik Brown RC et al. Associations of adverse child- hood experiences and bullying on physical pain in the general population of Germany. J Pain Res 2018;11:3099–108 ©© SolStock / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen) Mobbing und Misshandlung in der Kindheit können sich im Erwachsenenalter als chronische Schmerzen manifestieren.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=