Schmerzmedizin 5 / 2019

Kommunikation fördern Was sind nun die Ziele der Therapie chronischer Schmerzen? Zum einen die Schmerzreduktion, die Aufrechterhal- tung beziehungsweise die Wiederher- stellung der Funktionalität, die Unab- hängigkeit im Alltag, die Verbesserung der Beweglichkeit und der Lebensquali- tät, aber auch die Edukation der Patien- ten. Um diese Ziele zu erreichen, sei Kommunikation enorm wichtig. Doch genau die komme im Alltag oft zu kurz: „Die durchschnittliche Dauer des Patien- tenkontakts in der Allgemeinarztpraxis beträgt acht Minuten“, kritisierte Bialas. Und damit nicht genug: Im Schnitt un- terbrechen Ärzte ihre Patienten nach etwa 20 Sekunden. Dabei sei eine um- fangreiche Schmerzanamnese, die nicht nur Schmerzintensität, -lokalisation und -qualität ermittelt, sondern auch zusätz- lich Schmerzbeginn, -frequenz und -dauer, von zentraler Bedeutung. Bialas Fazit: Dass die Therapie von chronischen Rückenschmerzen immer noch eine Herausforderung ist, liege an mehreren Faktoren. Zum einen verfol- gen Patienten immer eigene Strategien, zum anderen denken Ärzte oft viel zu somatisch. Sie nehmen sich außerdem meist nur wenig Zeit für ihre Patienten und vertrauen zu viel auf die Bildgebung Auch dürfe die Psyche nicht unterschätzt werden. „Glauben Sie dem Patienten, wenn er sagt, dass er Schmerzen hat!“, forderte der Experte. Dr. Miriam Sonnet Literatur 1. Jensen MC et al. Magnetic resonance imaging of the lumbar spine in people without back pain. N Engl J Med 1994;331:69-73 Vortrag „Warum scheitern wir so oft an der Behandlung des Rückenschmerzes?“, 9. Homburger Schmerz- und Palliativkongress, Homburg, 21. August 2019 Die Herausforderungen einer palliativen Geburt Steht bei einer Schwangerschaft fest, dass ein Kind schwerkrank geboren wird, gibt es nicht nur die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs, sondern auch die der „palliativen Geburt“. In Berlin existiert ein spezielles Angebot, das Eltern in dieser schwierigen Situation begleitet. V on den 4.000 Kindern und Jugend­ lichen, die pro Jahr in Deutschland vor dem 18. Lebensjahr ihr Leben verlie- ren, versterben 60% im ersten Lebens- jahr und zwei Drittel bereits in den ers- ten vier Wochen nach der Geburt, be- richtete Dr. Lars Garten, Klinik für Neo- natologie, Charité Berlin. Die Neugebo- renen-Todesfälle sind zum einen extrem kleine Frühgeborene an der Grenze der Lebensfähigkeit, also Kinder, die zwi- schen der 22. und 24. Schwangerschafts- woche geboren werden. Hier dürfen El- tern nach einem Aufklärungsgespräch entscheiden, ob ihr Kind primär eine palliativmedizinische Versorgung erhält oder ob der maximale Einsatz von le- benserhaltenden Maßnahmen erfolgen soll. Des Weiteren umfassen die Neuge- borenen-Todesfälle Kinder mit akuten neonatologischen Problemen oder solche, bei denen vor der Geburt eine schwere genetische Erkrankung diagnostiziert wurde, etwa eine Trisomie 18. Es besteht Optimierungsbedarf Eltern müssen in dieser Situation sehr früh existenzielle Entscheidungen über ihr Kind treffen. Das Problem sei hierbei, dass die Beratung der Eltern primär nicht durch Kinderärzte, Neonatologen oder Palliativmediziner, sondern durch Gynäkologen stattfindet. „Ich glaube, dass wir in Deutschland in vielen Berei- chen einen Optimierungsbedarf haben“, äußerte sich der Experte. Die meisten Eltern entscheiden sich für den Schwangerschaftsabbruch, es gebe aber auch die Möglichkeit der „pal- liativen Geburt“. Entscheidet sich eine Frau dafür, ihr schwerkrankes Kind aus- zutragen, müssen die Eltern umfassend aufgeklärt werden. So kann die Schwan- gere beispielsweise warten, bis ihr Kind spontan in der Klinik oder – je nach Be- treuungsangeboten – zu Hause geboren wird. Alternativ könne man die Geburt vorzeitig einleiten oder einen Kaiser- schnitt durchführen. Wird das Kind in der Klinik geboren, kann man es entwe- der dort bis zum Tod betreuen, es ist aber auch möglich, die ganze Familie unter Begleitung eines ambulanten Palliativ- teams zeitnah nach Hause zu entlassen oder sie in ein Kinderhospiz weiterzulei- ten. „Das sind alles Dinge, die man nicht in einem einzelnen Gespräch mit den El- tern besprechen kann“, betonte Garten. Und deshalb sei es notwendig, für diese Eltern andere Aufklärungsangebote zu entwickeln und anzubieten. Spezielles Konzept in Berlin In Berlin wurde vor einigen Jahren ein ausgeweitetes Beratungskonzept erar- beitet, mit dem Ziel, Versorgungsbrüche zu vermindern und Informationslücken zwischen den ambulanten und stationär tätigen Begleitern zu schließen. „Das Konzept ermöglicht es, dass Paare in dieser Situation über Beratungsstellen, Hebammen, Perinataldiagnostik- oder Frauenarztpraxen zu uns in die Hoch- schulambulanz der Neonatologie ge- schickt werden können“, erläuterte Gar- ten. Die Beratung dort findet mehrzeitig und multiprofessionell statt – also ärzt- lich pflegerisch und psychosozial. Entscheidet sich ein Paar für eine pal- liative Geburt, erfolgt diese in den meis- ten Fällen in der Klinik. Verstirbt das Kind früh perinatal, leistet das Team der psychosozialen Elternberatungsstelle die Schon kleine Maßnahmen wie die Aufhe- bung fixer Besuchszeiten können für alle Beteiligten in der Palliativversorgung Frühgeborener eine große Hilfe sein. ©© Fotostudio Sessner/ Bundesverband „Das frühgeborene Kind e. V.“ Medizin aktuell 9. Homburger Schmerz- und Palliativkongress 14 Schmerzmedizin 2019; 35 (5)

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