Schmerzmedizin 1 / 2019

Nicht invasive Vagus-Stimulation auch im klinischen Alltag wirksam und sicher Die nicht invasive Stimulation des Nervus vagus bei therapieresistentem Clusterkopfschmerz kann mittlerweile auch ambulant durch die Patienten durchgeführt werden. Eine Real-Life-Studie untersuchte Wirksamkeit und Sicherheit der Geräte unter Alltagsbedingungen. D ie nicht invasive Stimulation des Nervus vagus (nVNS) ist eine noch relativ neue Option für die Behandlung von therapieresistentem Clusterkopf- schmerz (CH). Mithilfe eines kommer- ziell erhältlichen nVNS-Geräts ) können Patienten diese Methode sowohl in der Prävention als auch der Therapie von CH-Attacken selber ambu- lant einsetzen. Außer zum CH-Manage- ment wird das Gerät auch für die Be- handlung/Prophylaxe von Migräne oder analgetikainduziertemKopfschmerz an- geboten. Kontrollierte Studien bestäti- gen Wirksamkeit und Sicherheit dieses nicht medikamentösen Verfahrens, Re- al-Life-Daten sollen nun die Praktikabi- lität im klinischen Alltag beleuchten. Einbezogen in die retrospektive Ana- lyse waren 30 Patienten mit therapie­ resistentem, zum Großteil chronischem CH, die bei ihren Krankenversicherern in Großbritannien um finanzielle Unter- stützung für ein nVNS-Gerät gebeten hatten und bereit waren, anschließend in strukturierten Befragungen Auskunft über ihre Erfahrungen in den zurücklie- genden 3 bis 6 Monaten zu geben. Dazu beantworteten sie ein strukturiertes In- terview und führten Tagebuch, zusätz- lich beurteilen Ärzte den Therapiever- lauf. Insgesamt sank die Attackenhäufig- keit von durchschnittlich 26,6 (SD: 17,1) Attacken pro Woche vor Beginn der nVNS auf 9,5 pro Woche (SD: 11,0), die Attackendauer verkürzte sich von 51,9 (SD: 36,7) Minuten auf 29,4 (SD: 28,5) Minuten (für beide Parameter p < 0,001). Auch die Schwere der Attacken, gemes- sen anhand einer 10-Punkte-Skala, ging mit p < 0,001 signifikant von 7,8 (SD: 2,3) auf 6,0 (SD: 2,6) zurück. Der Ver- brauch an Akutmedikamenten sank, ebenso wurden positive Veränderungen bei der Prophylaxemedikation beobach- tet. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf, hin und wieder berichteten die Patienten über leichte Rötungen und Muskelschmerzen im Applikations­ gebiet. Fazit: Die ambulante nVNS eignet sich auch in der täglichen Praxis zur Vorbeu- gung und Behandlung von therapieresis- tentem Clusterkopfschmerz. Dr. Barbara Kreutzkamp Marin J et al. Non-invasive vagus nerve stimu- lation for treatment of cluster headache: early UK clinical experience. J Headache Pain 2018;19:114 95%-Konfidenzintervall 8,7–23,6; p < 0,001). Zudem nahmen die Patienten häufiger an den Tai-Chi- als an den Aus- dauertrainingseinheiten teil (62% vs. 40%). Kommentar Bei einer für eine monozentrische Untersu- chung hohen Fallzahl zeigt diese einfach- blinde, randomisierte, kontrollierte Studie eine hohe methodische Qualität (Jadad- Score 4). Das Problem der fehlenden dop- pelten Verblindung ist bei solchen Ansätzen kaum zu lösen. Tai-Chi erwies sich bereits in vorherigen Studien bei Fibromyalgie und anderen muskuloskelettalen chronischen Schmerz- störungen als wirksam. Im Gegensatz zu Tai-Chi ist aerobes Ausdauertraining als Baustein der multimodalen Fibromyalgie- Behandlung etabliert. Die Studie vonWang et al. weist erstmals eine gleiche oder bes- sere Wirksamkeit von Tai-Chi beim Fibromy- algie-Syndrom nach. Der von den Autoren als primäre Zielvariable gewählte FIQR ist für das Fibromyalgie-Syndromgut validiert und bildet mehrere Facetten des Fibromy- algie-Syndroms ab (Schmerzen, körperliche Belastbarkeit, Fatigue, Morgensteifigkeit, depressive und ängstliche Symptome, be- rufliche Schwierigkeiten, allgemeines Wohlbefinden). Verbesserungen im FIQR von ≥ 8 Punkten sind als klinisch relevant anzusehen. Alle Interventionen, auch das aerobe Ausdauertraining, zeigten daher klinisch relevante und auch 24 Wochen nach Beendigung der Intervention anhal- tende Effekte. Zudem nahmen die Patien- ten in allen Interventionsgruppen weniger Analgetika ein. Es erscheint plausibel, dass Tai-Chi hier wirksamer als aerobes Ausdauertraining ist, da es auch meditativ-entspannende Kom- ponenten und Achtsamkeitsübungen ent- hält. Ausfallraten von 11–28% nach 24 und von 25–35% nach 52 Wochen sowie Teil- nahmequoten an den Interventionseinhei- ten von 40–62% untermauern, dass beim Fibromyalgie-Syndrom ein schwierig zu motivierendes Patientenkollektiv vorliegt. Daher ist es wünschenswert, diesen Patien- ten mehrere wirksame und von der GKV erstattungsfähige Therapieoptionen anbie- ten zu können. Auch wenn eine multizent- rische, randomisierte, kontrollierte Studie zur Verallgemeinerung der Ergebnisse zu fordern ist, sollte die Untersuchung von Wang et al. Anlass geben, Tai-Chi als festen Bestandteil der Fibromyalgie-Behandlung zu berücksichtigen. Wang C et al. Effect of tai chi versus aerobic exercise for fibromyalgia: comparative effective- ness randomized controlled trial. BMJ 2018;360:k851 Priv.-Doz. Dr. med. Patrick Jung Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz Neuropsychiatri- sches Zentrum Frankfurt- Sachsenhausen E-Mail: patrick.jung@uni- medizin-mainz.de Literatur kompakt  14 Schmerzmedizin 2019; 35 (1)

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