Schmerzmedizin 4 / 2019

weise erforderlichen Dosiserhöhung von Paracetamol eher auf retardierte Präpa- rate zurückgegriffen. Die Werte im Schmerz-Selbstwirksamkeitsfragebogen stiegen von durchschnittlich 23,1 auf 35,3 (von maximal 60 möglichen Punk- ten) und die selbstberichteten Kranken- hausaufenthalte gingen von 50 Fällen in den 12 Monaten vor der Intervention auf 11 Fälle in den 12 Monaten danach zu- rück. Fazit: Ein multidisziplinärer Therapie- ansatz mit Fokus auf Stärkung der Selbstwirksamkeit bei chronisch Schmerzkranken beugt unter anderem einem zunehmenden Analgetikage- brauch vor und reduziert die Zahl von Krankenhausaufenthalten deutlich. Ge- rade der letzte Punkt deutet auf ein günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis dieses Ansatzes hin. Dr. Barbara Kreutzkamp Joypaul S et al. Turning pain into gain: evaluation of a multidisciplinary chronic pain management programm into primary care. Pain Med 2019;20:925–33 Chronische Schmerzen: Zuerst lokal, dann generalisiert Schon länger wird vermutet, dass lokale Schmerzen bei chronischen Erkran- kungen generalisieren können. Ausgelöst wird diese Entwicklung möglicher- weise durch eine zentrale Verstärkung der Schmerzwahrnehmung. Eine Kohortenstudie untermauert nun diese Hypothese. U nter dem Begriff der generalisierten chronischen Schmerzen (engl. „wi- despread pain“) werden persistierende, muskuloskelettale Schmerzen in allen Körperregionen zusammengefasst und teilweise synonymmit demBegriff Fibro- myalgie verwendet – auch wenn sich die Diagnosekriterien für Fibromyalgie im engeren Sinne immer wieder verändert haben. Als Ursache eines solchen genera- lisierten Schmerzsyndroms/Fibromyal- gie wird unter anderem eine zentrale Sen- sibilisierung diskutiert, ausgelöst durch wiederkehrende lokale Schmerzepisoden, die die peripher-zentralen Schmerzsig- nalwege triggern und stärken. Der Pa- thomechanismus der schmerzinduzie- renden Erkrankung ist dabei nicht rele- vant. Eine Datenbankstudie aus Schwe- den stützt jetzt diese Hypothese. Dazu hatten die Wissenschaftler zunächst aus einer über rund zehn Jahre beobachteten Kohorte von 889.938 erwachsenen Pati- enten alle Fälle mit der Diagnose rheuma- toide Arthritis (RA), Endometriose oder chronisch entzündliche Darmerkran- kung identifiziert und dann in einer Pois- son-Regressionsanalyse mit dem Auftre- ten eines generalisierten Schmerzsyn- droms beziehungsweise einer Fibromyal- gie in Verbindung gebracht – unter Berücksichtigung von Faktoren wie Alter, Geschlecht und Ausbildung. In den zehn Beobachtungsjahren be- trug das adjustierte Inzidenzratenver- hältnis (IRR) für eine später aufgetrete- ne Fibromyalgie bei Patienten mit einer RA 3,64 (95%-Konfidenzintervall [KI]: 2,75–4,81) und für ein später aufgetrete- nes generalisiertes Schmerzsyndrom 2,96 (95%-KI: 1,81–4,86) – jeweils ver- glichen mit Patienten ohne eine RA. Die entsprechenden IRR bei Patienten mit Endometriose beliefen sich jeweils auf 2,83 und 5,02 (95%-KI: 1,96–4,08 und 3,10–8,13) und bei Patienten mit einer chronisch entzündlichen Darmerkran- kung auf jeweils 2,32 und 1,42 (95%-KI: 1,58–3,42 und 0,93–2,17). Fazit: Mit Schmerzen einhergehende Er- krankungen wie RA, Endometriose und chronisch entzündliche Darmerkran- kungen prädisponieren für das spätere Auftreten von generalisierten, meist chro- nischen Schmerzen oder von Fibromyal- gie. Diese Assoziation spricht dafür, dass zunächst lokal begrenzte Schmerzen über zentrale Mechanismen im Sinne einer „zentralen Sensibilisierung“ generalisie- ren können. Durch eine adäquate An- algesie im Rahmen der Grunderkran- kung kann dieser Entwicklung mögli- cherweise vorgebeugt werden. Dr. Barbara Kreutzkamp Larrosa Pardo F et al. A diagnosis of rheumatoid arthritis, endometriosis or IBD is associated with later onset of fibromyalgia and chronic widespread pain. Eur J Pain 2019; online 27. Mai doi: 10.1002/ejp.1432

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