Schmerzmedizin 2 / 2019

Katastrophisieren stört die Schmerzmodulation im Gehirn Wer sehr zum Katastrophisieren neigt, kann sich schlechter von Schmerzen ablenken, ergab eine Studie mit Fibromyalgiepatientinnen. Womöglich beeinflusst das Katastrophisieren auch die Schmerzmodulation im Gehirn und ist an der Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen beteiligt. F ibromyalgiepatienten neigen dazu, ihre Schmerzen zu überhöhen, grü- beln darüber nach, fühlen sich ausgelie- fert. Inwieweit dieses Katastrophisieren Hirnprozesse beeinflusst, die an der Mo- dulierung des Schmerzempfindens be- teiligt sind, haben US-Forscher nun un- tersucht. An der Studie nahmen 20 Pati- entinnen mit Fibromyalgie (FM) sowie als Kontrollgruppe 18 gesunde Frauen, jeweils im Alter zwischen 18 und 65 Jah- ren, teil. Allen Teilnehmerinnen wurden über eine amHandballen befestigte Son- de Hitzereize verabreicht. Gleichzeitig wurde die Aktivierung von Hirnarealen mittels funktioneller MRT erfasst. Im MRT-Gerät liegend sollten die Proban- dinnen unmittelbar nach dem Reiz per Knopfdruck auf einer projizierten 20-Punkte-Skala (Gracely Box) angeben, wie intensiv zum einen und wie unange- nehm zum anderen sie den Schmerz empfanden. Diese Übung wurde gekoppelt mit dem Stroop-Test. Dabei werden Wörter, die eine bestimmte Farbe bezeichnen, in verschiedenen Farben präsentiert, wobei Bezeichnung und Farbe entweder kon- gruent (z. B. das Wort „rot“ in roter Schrift) oder inkongruent (z. B. „rot“ in grüner Schrift) sein können. Die Teil- nehmerinnen mussten zu jedem Wort die Taste der entsprechenden Schriftfar- be drücken, ohne sich durch die Wort- bedeutung irritieren zu lassen. Dieser Test sollte zeigen, inwieweit sich die Pro- bandinnen durch die erhöhte Konzent- ration von den Schmerzen ablenken lie- ßen. Vor Testbeginn hatten die Teilneh- merinnen die Pain Catastrophizing Sca- le (PCS) ausgefüllt, einen Fragebogen, der die individuelle Neigung zum Kata- strophisieren erfasst. Wie sich herausstellte, empfanden FM-Patientinnen die Schmerzreize als deutlich unangenehmer als die Kontroll- gruppe. Sie reagierten außerdem im in- kongruenten Stroop-Test deutlich lang- samer. Zwar gelang die Ablenkung von den Schmerzen grundsätzlich in beiden Gruppen, was sich in den jeweils deut- lich niedrigeren Gracely-Box-Werten bei Kopplung des Hitzereizes mit dem Stroop-Test zeigte. Allerdings hingen die Bewertungen der Schmerzen stark davon ab, wie sehr die Teilnehmerinnen zum Katastrophisieren neigten. Wäh- rend die Forscher bei den FM-Patientin- nen eine eindeutige Korrelation zwi- schen PCS-Scores und subjektiver Schmerzintensität beziehungsweise Un- behagen fanden, waren diese Zusam- menhänge bei den gesunden Teilneh- merinnen nicht signifikant. Die PCS-Scores korrelierten zudem deutlich mit den Hirnaktivitäten: Wer mehr zum Katastrophisieren neigte, zeigte während des Stroop-Tests eine deutlich höhere Aktivität im dorsolate- ralen präfrontalen Kortex (DLPFC). Diese Region ist an der affektiven und kognitiven Schmerzverarbeitung betei- ligt. Die entsprechende Aktivierung ging bei den Patientinnen sowohl mit in- tensiverem Schmerzempfinden als auch mit einem stärkeremUnbehagen einher. Dagegen blieb die Leistung im Stroop- Test in beiden Gruppen von der DLPFC- Aktivität unbeeinflusst. Kein Gruppen- unterschied fand sich zudem im Hin- blick auf das Verhältnis zwischen Kata- strophisierungstendenz und Schmerz- modulation. Das Team um Dr. Laura D. Ellingson von der Iowa State University folgert da- raus, dass das Katastrophisieren Einfluss auf Hirnprozesse nimmt, die bei der Schmerzmodulation eine Rolle spielen. Dadurch, so die Experten, werde der nützliche Effekt der Ablenkung beein- trächtigt. Fazit: FM-Patientinnen, die stark zum Katastrophisieren neigen, gelingt es of- fenbar schlechter, sich von Schmerzen ablenken zu lassen. Die Katastrophisie- rungstendenz stellt möglicherweise ei- nen Mechanismus dar, über den chroni- sche Schmerzen verstärkt beziehungs- weise aufrechterhalten werden. Dr. Elke Oberhofer Ellingson LD et al. Catastrophizing interferes with cognitive modulation of pain in women with fibromyalgia. Pain Medicine 2018;19:2408– 22 In einer Studie empfanden Patientinnen mit Fibromyalgie Schmerzreize als unange- nehmer als gesunde Kontrollen. Gleichzeitig neigten sie eher zum Katastrophisieren. ©© elenaleonova / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell) Literatur kompakt  14 Schmerzmedizin 2019; 35 (2)

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=