Schmerzmedizin 1 / 2019

Migräne: Schränkt den Alltag ein, stärkt aber die Resilienz Wie ergeht es Migränepatienten mit vier und mehr Attacken pro Monat? Eine große, weltweite Umfrage suchte sowohl nach Belastungen im privaten und beruflichen Bereich als auch nach psychischen Stärken, die sich die Patienten im Kampf gegen die Krankheit angeeignet haben. P atienten mit häufigen und/oder thera- pieresistenten Migräneanfällen ha- ben erfahrungsgemäß einen hohen Lei- densdruck. In einer qualitativen Studie sammeltenWissenschaftler Angaben von Betroffenen zu konkreten Belastungen in Alltag und Beruf sowie zumUmgang mit diesen Belastungen. Auf Basis dieser An- gaben wurden dann im Rahmen der welt- weiten Studie „My Migraine Voice“ sub- jektive Einschätzungen zu klinischen, persönlichen und ökonomischen Pers- pektiven von schwer betroffenen Patien- ten gesammelt und ausgewertet. An der Studie nahmen 11.266 Erwach- sene mit vier oder mehr Migräneattacken pro Monat sowie einer zum größten Teil unbefriedigenden Migräneprophylaxe teil. 74% der Befragten berichteten, die Attacken in Dunkelheit oder Isolation zu Gibt es einen Zusammenhang zwischen schwerer Migräne und Persönlichkeitsstörung? Die eine „Migräne-Persönlichkeit“ gibt es sicherlich nicht. Möglicherweise ist aber die Erkrankungsschwere mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen assoziiert. Diese sollten dann auch bei der Therapie berücksichtigt werden. P atienten mit Migräne haben statis- tisch gesehen erhöhte Neurotizis- mus-Werte im Vergleich zu Personen ohne Migräne. Laut weiteren Studien leiden Migränepatienten auch unter ei- nem erhöhten situationsgebundenen Stresslevel sowie verminderter Selbst- achtung und Introspektionsfähigkeit. Bei vielen dieser Assoziationsstudien bemängeln Kritiker allerdings eine zu ungenaue Abgrenzung von festen Per- sönlichkeitsmerkmalen und Persönlich- keitsprofilen, die sich erst in Folge der Kopfschmerzerkrankung und ihrer Schwere entwickeln. Eine neue Studie untersuchte nun den Einfluss von diag- nostizierten Persönlichkeitsstörungen auf die Schwere und Häufigkeit von Mi- gräneattacken. Einbezogen in die Studie waren 61 Pa- tienten in einemDurchschnittsalter von 41,28 Jahren mit einer Migräne entspre- chend den Kriterien der International Headache Society (IHS). 45,9% der Patienten hatten eine chronische Migrä- ne. Mögliche Persönlichkeitsstörungen wurden anhand des Structured Clinical Interview for DSM-IV (SCID-II) und die Migräneschwere anhand des Headache Impact Test-6 (HIT-6) erhoben. Bei 20 der 61 Migränepatienten (32,8%) stellte das Studienteam Persön- lichkeitsstörungen fest – davon 23,0% vom zwanghaften/anakastischen, 9,8% vom vermeidenden, 9,8% vom Border- line-, 3,3% vom schizoiden, 1,6% vom histrionischen und 1,6% vom abhängi- gen Typ. Verglichen mit Migränepatien- ten ohne Persönlichkeitsstörungen hat- ten Migränepatienten mit Persönlich- keitsstörungen signifikant häufiger eine chronische Migräne (p < 0,001) sowie signifikant häufiger eine schwere Migrä- ne (p < 0,001). Fazit: In einer klinischen Studie mit 61 Migränepatienten war eine komorbide Persönlichkeitsstörung häufiger mit ei- ner chronischen und schweren Migräne assoziiert. Bei knapp 33% der Migräne- patienten wurden Persönlichkeitsstö- rungen festgestellt, überwiegend vom zwanghaften Typ, die Prävalenzen für Persönlichkeitsstörungen in der Ge- samtbevölkerung belaufen sich laut ver- schiedener Statistiken auf 9,0 bis 13,4%. Bei Migränepatienten sollte daher auch nach möglichen komorbiden Persön- lichkeitsstörungen gesucht und diese dann in der Therapieplanung berück- sichtigt werden, so die Autoren. Dr. Barbara Kreutzkamp Yang F et al. Personality disorders are associated with more severe forms of migraine. Acta Neu- rol Belg 2018; doi: 10.1007/s13760-018-1050-6 ©© Savushkin / Getty Images / iStock Migränepatienten fühlen sich im Alltag oft eingeschränkt. Dennoch gelingt es vielen, positive Erfahrungen aus ihrer Krankheit zu ziehen. Schmerzmedizin 2019; 35 (1) 15

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=