Schmerzmedizin 4 / 2019

Virtuelle Realität lässt Kinder schmerzhafte Eingriffe besser überstehen Die Angst vor einem medizinischen Eingriff lässt sich bei Kindern offenbar deutlich abmildern, wenn sie mittels virtueller Realität in eine Fantasiewelt abtauchen dürfen. In einer niederländischen Studie nahm dabei auch das Schmerzempfinden ab. W ie gut sich Kinder mithilfe der vir- tuellen Realität (VR) von schmerz- haften oder angsteinflößenden Eingrif- fen ablenken lassen, hat ein Team aus den Niederlanden untersucht. In der Metaanalyse von 17 Studien waren die Effektstärken deutlich – sowohl für die Reduktion von Angst als auch von Schmerzen. In sechs der ausgewählten Studien hatte man die VR bei der Versorgung von Brandwunden eingesetzt, in zwei während eines zahnmedizinischen Ein- griffs. Jeweils vier Studien hatten sich auf venöse Zugänge beziehungsweise Maßnahmen im Rahmen einer onkolo- gischen Behandlung (z. B. Lumbalpunk- tion, Portzugang oder Chemotherapie) fokussiert. In all diesen Studien hatten die Kinder während des Eingriffs ein „head-mounted display“ (HMD) getra- gen, wodurch sie die Illusion erhielten, sich in einer virtuellenWelt zu befinden. In einer weiteren Studie wurde die VR- Brille ausschließlich präprozedural genutzt, nämlich zum Angstabbau vor einer elektiven Operation unter Allge- meinanästhesie. Bei 14 der in die Meta- analyse eingeschlossenen Studien han- delte es sich um randomisierte kontrol- lierte Studien, wobei die VR der jeweils üblichen Versorgung gegenübergestellt wurde. Letztere konnte auch konventio- nelle Ablenkungsmaßnahmen wie Fern- sehen oder Musikhören enthalten. Im Schnitt waren pro Studie 38 Kinder be- teiligt; die Teilnehmer waren zwischen 4 und 21 Jahre alt. Bei den Studien zum Schmerz (n = 14) war die mithilfe von Fragebögen bezie- hungsweise visuellen Analogskalen er- fasste Effektstärke ausgeprägt, mit einer mittleren Standarddifferenz (standar- dized mean difference, SMD) von 1,3 (95%-Konfidenzintervall [KI] 0,68–1,91; p < 0,001). Die schmerzlindernde Wir- kung konnte zudem von außenstehen- den Beobachtern bestätigt werden. Der Effekt nahm jedoch mit zunehmendem Alter der Kinder ab (pro Lebensjahr um 0,26). Am besten funktionierte die In- tervention bei Kindern mit Brandwun- den, gefolgt von Kindern, bei denen Blut abgenommen werden sollte. Bei den on- kologischen Maßnahmen zeigte sich da- gegen in puncto Schmerzen kein signi- fikanter Unterschied zur Vergleichs- gruppe. In sieben Studien wurde (auch) der Ef- fekt der VR als Angstlöser untersucht. Die Effektstärke war auch hier beachtlich (SMD 1,32; 95%-KI 0,21–2,44; p = 0,2), und auch hier wirkte die Intervention bei jüngeren Kindern besser als bei älteren. Ihren Zweck erfüllte die VR speziell auch bei der Angst vor onkologischen Maß- nahmen (SMD 0,53). Für die Studienau- toren ist die angstlösende Komponente der VR insofern bedeutsam, als antizipa- torische Ängste vor einer medizinischen Intervention nicht nur Stress, sondern auch Schmerzen während der Maßnah- me verstärken können. Die Tatsache, dass vor allem jüngere Kinder auf die VR ansprachen, erklären die Forscher damit, dass bei ihnen das „magische Denken“ oft noch sehr stark ausgeprägt ist. Dadurch seien sie in der Lage, sich vollständig von einer Fantasie in Bann schlagen zu lassen. Bei der VR wird das Eintauchen in die imaginäre Welt dadurch verstärkt, dass man im je- weiligen Szenario nicht nur die Position, sondern auch Raumorientierung und Perspektive wechseln kann. In den einzelnen Studien kam aller- dings sehr unterschiedliche Software zur Anwendung; dies sowie die Vielzahl der medizinischen Maßnahmen, bei denen der VR-Effekt untersucht wurde, schrän- ken die Generalisierbarkeit der Befunde ein. Fazit: Die virtuelle Realität lässt sich möglicherweise dazu nutzen, Ängste und Schmerzen im Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen abzubauen. Vor dem Einsatz in der Praxis sind wei- tere Studien zur Objektivierung der Ef- fekte erforderlich. Dr. Elke Oberhofer Eijlers R et al. Systematic review and meta- analysis of virtual reality in pediatrics: effects on pain and anxiety. Anesth Analg 2019; online 23. Mai doi: 10.1213/ANE.0000000000004165 ©© Newman Studio / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell) Je jünger die Patienten sind, desto ausgeprägter ist bei ihnen das „magische Denken“ und desto leichter lassen sie sich von Schmerzen und Angst ablenken. Literatur kompakt  16 Schmerzmedizin 2019; 35 (4)

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