Schmerzmedizin 6 / 2018

wachsenseins erst ausbildet, eine schwere, lebensbedrohliche Erkran- kung wie Krebs, können zahlreiche Probleme resultieren. Die Palliativme- dizin ist auf diese Probleme häufig nicht ausreichend vorbereitet. Für das Palliativteam ergeben sich zeitliche und emotionale Belastungen durch das jun- ge Alter oder durch Kinder in der Fa- milie der Patienten. Woran liegt das? „Bei den Teammitgliedern werden pro- fessionelle Barrieren oft aufgeweicht“, erläuterte Alt-Epping. Während jünge- re Teammitglieder aufgrund einer Gleichaltrigkeit oft ein Gefühl der Ver- bundenheit entwickeln, das Abgren- zung beeinträchtigen kann, nehmen äl- tere Teammitglieder häufig eine Mutter- oder Vaterrolle ein. Nicht selten ist es schwierig, die eigenen Ängste vor ei- nem jungen Versterbenden zu verarbei- ten oder den eigenen Ansprüchen an eine wegen des jungen Alters der Pati- enten besonders gute Betreuung gerecht zu werden. Auch von Seite der jungen erwachsenen Patienten können beson- dere Erwartungen und Wünsche Prob- leme bereiten. In dieser Situation kön- ne das Erkennen von psychodynami- schen Übertragungs- und Gegenüber- tragungskonstellationen hilfreich sein, so Alt-Epping. Man müsse sich dieser Prozesse bewusst sein, um sie mögli- cherweise gewinnbringend nutzen zu können. Das Teammuss sich aber auch fragen, ob es zum Beispiel kompetent ist, etwa auch schmerzhafte Polyneuropathien oder Fatigue nach Krebs zu behandeln. Und ob es bereit ist, Patienten unter maximaler Therapie und mit hohem Therapiewunsch palliativmedizinisch mit zu betreuen – auch wenn eine kom- plexe Symptom- und Belastungssitua­ tion und eine entsprechende Prognose dies gut begründet. Denn Krebserkran- kungen sind in dieser Altersgruppe sel- ten und oftmals mit einer guten Prog- nose verbunden. Nur etwa 3% aller Krebsneuerkrankungen (15.000 Fälle pro Jahr) betreffen die Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen. Dem deutschen Kinderkrebsregister zufolge liegt die Langzeitüberlebensrate für unter 15-Jährige bei 80% und dürfte laut Alt- Epping bei jungen Erwachsenen ähn- lich hoch sein. Moderne Konzepte der Kommunikation erforderlich Problematisch ist auch die Ansprache an diese Altersgruppe: Neue Medien wer- den zur Kommunikation kaum genutzt und die Bildsprache, derer sich die Pal- liativmedizin bedient, geht an der Ziel- gruppe der jungen Erwachsenen deut- lich vorbei. Eine Google-Bildsuche mit dem Stichwort Palliativmedizin zeigt Herbststimmungen und Sonnenunter- gänge, Kieselsteine und Kerzen – und vor allem Hände, die sich halten. „Die- ses Symbol des Handhaltens ist wichtig und ausdrucksstark, es demonstriert kompromisslose Zuwendung zu den Pa- tienten – spricht junge Erwachsene aber kaum an“, berichtete Alt-Epping, der der Sprache dieselbe Problematik attestierte: „Junge Menschen mit Hodgkin-Lym- phom und zweitem Rezidiv wollen leben – und nicht ‚den Tagen mehr Leben‘ geben“. Für den Umgang mit jungen Erwach- senen mit Krebs gibt es also keine Rou- tine – aber neue Ansätze, wie die „Deut- sche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs“, die die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onko- logie (DGHO) ins Leben gerufen hat. Auf dem Portal www.junge-erwachsene- mit-krebs.de geht es um Beratung für den Umgang mit Krebs und den Aus- tausch mit Betroffenen („Treffpunkt“). Dazu werden neue Medien von Face- book und Twitter bis YouTube genutzt. Im Vordergrund steht weniger die Be- gleitung in der letzten Lebensphase als vielmehr rehabilitative Gesichtspunkte mit Themen wie der Wiedereingliede- rung in den Job, sozialrechtliche und fi- nanzielle Fragen oder Fertilitätserhalt. Auch die Broschüre „Jung & Krebs – Ers- te Hilfe“ verspricht authentische und praktische Tipps von Betroffenen. Auf Arbeitstreffen der DGHO und der DGP wird dieses Konzept einer „nieder- schwelligen, weniger auf Abschied aus- gerichteten, modernen Palliativmedizin“ weiterentwickelt. Neue S3-Leitlinie Palliativmedizin: Angstzustände ernst nehmen Angst ist ein häufiges Phänomen bei Pal- liativpatienten. Zwar ist die Wahr- scheinlichkeit für eine Angststörung zum Beispiel bei Krebspatienten und in der Allgemeinbevölkerung mit 11,5% vergleichbar, subsyndromale und spezi- fische Ängste sind mit einer Wahr- scheinlichkeit von 50% jedoch deutlich häufiger, wie Urs Münch, Diplom-Psy- chologe aus Berlin, berichtete [2]. Spezi- fische Ängste – ausgelöst durch die Er- krankungssituation und deren Begleit- erscheinungen – können situativ, orga- nisch oder existenziell sein. Zu den situativen Ängsten zählen etwa die Furcht vor Chemotherapien oder ande- ren medizinischen Prozeduren, die Furcht vor Symptomen oder die Sorge um die eigene Existenz und das Wohl- befinden der Angehörigen. Bei den or- ganisch geprägten Angstzuständen kön- nen somatische Faktoren wie vorhande- ne Schmerzen oder Atemnot, metaboli- Nicht besonders ansprechend für junge Erwachsene : Die Bildsprache der Palliativ­ medizin zeigt vor allem Hände, die sich festhalten. ©© Africa Studio / stock.adobe.com Schmerzmedizin 2018; 34 (6) 15

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=