Schmerzmedizin 2 / 2019

Wie die Uhrzeit Arztentscheidungen beeinflussen kann Die Bereitschaft, bei Kreuzschmerzen ein Opioid zu verordnen, scheint zu steigen, wenn die Sprechstunde sich dem Ende zuneigt. B ei unspezifischen Kreuzschmerzen gibt die Leitlinie nur eine Kann- Empfehlung für Opioidanalgetika, ent- sprechend dem Empfehlungsgrad 0. In der Akutsituation können Opioide für einen begrenzten Zeitraum und unter regelmäßiger Reevaluation eingesetzt werden, sofern andere Analgetika nicht wirken oder kontraindiziert sind. Der Einsatz bei chronischen Kreuzschmer- zen ist möglich, wenn die befristete The- rapie eine deutliche Besserung und al- lenfalls geringe Nebenwirkungen verur- sacht hat. Doch im Alltag lassen sich Ärzte offenbar nicht nur von diesen Empfehlungen leiten, wenn sie Kreuz- schmerzpatienten in ihrer Praxis behan- deln. Darauf deutet jedenfalls eine Ana- lyse der Mayo-Klinik hin. Ausgewertet wurden die Daten von 2.772 Patienten mit unspezifischen Kreuzschmerzen. Patienten mit vorbe- stehender Langzeitopioidtherapie waren ausgeschlossen. Fast jeder Fünfte (19,8%) hatte die Praxis mit einem Opi- oidrezept verlassen. Die Wahrschein- lichkeit, zu diesen Patienten zu gehören, war um 41% erhöht, wenn der Praxis­ besuch nicht zwischen 8 und 11 Uhr, sondern zwischen 14 und 17 Uhr statt- gefunden hatte. Ebenso bestand in der jeweils vierten und letzten Stunde des Vormittags- wie Nachmittagsblocks eine größere Aussicht auf eine Opioidverord- nung, die Wahrscheinlichkeit lag um 60% höher als in der jeweils ersten Stun- de. Bei allen Vergleichen waren diverse patienten- und arztspezifische Unter- schiede (z. B. Schmerzstärke, Berufs­ jahre als Arzt) abgeglichen worden. Als möglichen Grund für ihre Beob- achtung sehen die Studienautoren um Dr. Lindsey Philpot eine „decision fa- tigue“ (Entscheidungsmüdigkeit). Damit wird der Umstand beschrieben, dass bei Menschen, die viele Entscheidungen am Stück treffen müssen, die Entschei- dungsqualität mit der Zeit nachlässt. „Arbeitsplatzmüdigkeit geht mit Abwei- chungen von professionellen Leitlinien einher“, schreiben die Ärzte der Mayo- Klinik. „Decision fatigue“ könnte ihrer Ansicht nach auch hinter einem anderen, ähnlichen Phänomen stecken: Die Chance, dass Patienten mit akutem Atemwegsinfekt ein Rezept für ein Anti- biotikum ausgestellt bekommen, ist ebenfalls am Ende der Sprechstunde hö- her als am Anfang. Instrumente, mit de- nen Ärzte bei der Entscheidungsfindung unterstützt werden, könnten daher dazu beitragen, die Patientensicherheit und die Verordnung von Opioiden zu verbes- sern, so Philpot und Kollegen. Fazit: Die Wahrscheinlichkeit, dass Ärz- te Patienten mit Kreuzschmerzen Opi­ oide verordnen, scheint im Laufe des Ta- ges zuzunehmen und ist kurz vor Ende der Sprechstunde am höchsten. Die Stu- dienautoren führen das auf „decision fa- tigue“ zurück, von der besonders Men- schen betroffen sind, die viele Entschei- dungen am Stück treffen müssen. Dr. Beate Schumacher Philpot LM et al. Time of day is associated with opioid prescribing for low back pain in primary care. J Gen Intern Med 2018;33:1828–30 Die Entscheidungsqualität kann leiden, wenn Ärzte sehr viele Entscheidungen am Stück treffen müssen. ©© RioPatuca Images / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodellen)

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