Schmerzmedizin 5 / 2018

Traditionelle chinesische Medizin Tuina-Massage beim chronischen Rückenschmerz Sabine Zeitler, Ottobrunn Die westliche und die chinesische Medizin bieten grundlegend unter- schiedliche Erklärungsmodelle zur Entstehung chronischer Schmerzen. Im Bereich der chinesischen Tuina-Massage gibt es jedoch viele Über- schneidungen und im wahrsten Sinne des Wortes „Berührungspunkte“ der beiden Ansätze. Tuina ist eine der fünf klassischen Säulen der Tradi- tionellen Chinesischen Medizin (TCM) und steht seit über 2000 Jahren gleichberechtigt neben der Akupunktur, der Phytotherapie, der Diäte- tik und den Bewegungstherapien Qigong und Tai-Chi. Ihre Wirksam- keit ist auch aus Sicht der modernen Medizin mit Studien belegt [1]. I m „Inneren Klassiker des Gelben Fürs- ten“ (Huangdi neijing, 1. Jh. v. u. Z.) heißt es in Kapitel 39: „Die Leitbahnen sind der Ort eines unablässigen Flusses in einem geschlossenen Kreislauf. Dringt al- gor („Kälte“, han)-Qi in die Leitbahnen ein, führt dies zu einer Verlangsamung, (dann) zu einer Verfestigung, die (die Zir- kulation) blockiert. Wenn (algor [„Kälte“, han]-Qi) außerhalb der Leitbahnen bleibt, vermindert sich das Xue; setzt es sich in den Leitbahnen fest, dann ist das Qi nicht durchgängig. Deshalb treten plötzlich Schmerzen auf.“ (nach [2]). Mit den Be- grifflichkeiten der TCM gesprochen ist die Ursache chronischer Schmerzen in Störungen des freien Flusses von Qi und Xue in den Leitbahnen zu suchen. Huang Jianye schreibt in einem Artikel zur Akupunktur bei Schmerzsymptomatik: „Schmerzen spiegeln demnach wider, dass in den Leitbahnen der einzelnen Funktionskreise Qi (feinstoffliche Es- senz und Lebenskraft) und Xue (fließen- de Substanzen im Körper, v.a. Blut) blo- ckiert sind, weshalb man sie wieder durchgängig machen muss.“ [3] Ähnlich äußert sich Catherine Despeux in ihrem Aufsatz zu „Schmerz in der Chinesi- schen Medizin“ [2]: „In diesem neuen chinesischen System wurde Krankheit vor allem als eine Störung der Zirkula­ tion von Qi und Xue sowie ihrer Quali- tät und ihrer Harmonie mit demUniver- sum verstanden. […] So betrachtet, kann Schmerz sowohl ein Haupt- als auch ein Nebensymptom sein. Schmerz kann grundsätzlich auf einer Störung des Qi, auf Stasen des Xue oder auf einer Ver- minderung des Xue basieren.“ Die Tuina-Massage bietet viele Mög- lichkeiten, Blockaden des Qi und des Xue zu lösen und die Durchgängigkeit der Leitbahnen zu verbessern. Aus die- sem Grund hat die manuelle Behand- lung in der Chinesischen Medizin einen so hohen Stellenwert in der Therapie chronischer Schmerzen [4]. Betrachtet man die Erkenntnisse der modernen Medizin, so ist Schmerz ein komplexes Thema, bei dem das periphe- re und das zentrale Nervensystem sowie humorale Faktoren eine Rolle spielen, ebenso komplexe Verbindungen mit dem Thalamus und der Inselrinde, welche die Wahrnehmung von Schmerzempfindun- gen an affektive Assoziationen koppeln. Laut neuesten Forschungsergebnissen [5, 7, 8] tragen schnelle und langsam leiten- de Neurone zur Schmerzwahrnehmung bei. Nozizeptoren in Form von sensori- schen Nervenendigungen liegen direkt unter der Haut und im viszeralen Binde- gewebe. Rezeptive Nervenendigungen befinden sich meist in Scherbereichen zwischen oberflächlichen und tiefen Fas- zien [5]. 80% der klassischen Akupunk- turpunkte stimmen mit Faszienlücken überein, die durch Perforation von Ge- fäß- und Nervenbündeln entstehen [6]. Massagetechniken wie die Tuina-Massa- ge beziehen dieses Fasziengewebe mit ein. Die Wirksamkeit in der Behandlung chronischer Schmerzen beruht auf der ©© Minerva Studio/Adobe Stock (Symbolbild mit Fotomodell) 16 Schmerzmedizin 2018; 34 (5) For tbildung

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