Schmerzmedizin 1 / 2019

Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie: Wie effektiv ist sie wirklich? Trotz anderslautender Argumentation in Leitlinien und vielen Veröffent­ lichungen fehlt es offensichtlich nach wie vor an belastbaren Beweisen für die Wirksamkeit von interdisziplinären multimodalen Programmen als Strategie zur Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen. Darauf weist jedenfalls ein kürzlich veröffentlichter Umbrella-Review hin. R ückenschmerzen, Nackenschmerzen und Fibromyalgie sind sehr häufige chronische Erkrankungen, die zu erheb- lichen Behinderungen, Stress, einge- schränkter Lebensqualität und Fehlzei- ten bei der Arbeit führen. Die Prävalenz dieser Erkrankungen reicht von 10% bis 60%, wobei starke Schwankungen in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht und Bevölkerungssituation nachzuweisen sind. Daher sind wirksame Behand- lungsstrategien von größter Bedeutung. In den letzten Jahrzehnten wurde in diesem Zusammenhang die interdiszip- linäre Multimodale Schmerztherapie (MMST) als Ansatz zur Schmerzbe- handlung untersucht. Die MMST um- fasst ein komplexes, biopsychosoziales Behandlungssystem, das eine synchroni- sierte Kombination von körperlichen, pädagogischen oder psychologischen Be- handlungen enthält, welche von einem Team verschiedener Fachkräfte, meist im stationären, jetzt zunehmend auch im ambulanten Bereich, angeboten wer- den. Mehrere systematische Reviews und Metaanalysen unterstützen die Wirk- samkeit der MMST. Aufgrund dieser Daten wurde der MMST bei der Behand- lung vor allem von Patienten mit chroni- schen Kreuzschmerzen, aber auch bei anderen Formen chronischer Schmerzen, eine hohe Evidenz für Wirksamkeit so- wie Kosteneffizienz bei weitgehend feh- lenden Komplikationen attestiert. Es gibt jedoch zunehmende Hinweise, dass diese Ergebnisse durch eine Reihe von Mängeln beeinflusst werden könn- ten, etwa durch die Heterogenität der Studien, durch Publikationsbias und durch selektive Berichterstattung von positiven Ergebnissen. Um solche Un- klarheiten zu analysieren, bieten sich Umbrella-Reviews an, die systematisch die Evidenz eines ganzen Themas in ver- schiedenen systematischen Reviews und Metaanalysen bewerten und so bessere Aussagen über die tatsächliche Evidenz- stärke eines Ergebnisses machen können. Ein internationales Team aus Grund- lagenforschern, Epidemiologen und Bio- statistikern untersuchte nun, ob die MMST bei Patienten mit chronischen Schmerzen im Vergleich zu anderen ak- tiven oder inaktiven Kontrollen zu einer signifikanten Verbesserung der Schmerz- situation, der Behinderung oder eines anderen relevanten Faktors führt. Zu diesem Zweck wurde eine Gesamtüber- prüfung der systematischen Reviews und Metaanalysen durchgeführt, in der die Wirksamkeit der MMST für die oben genannten Schmerzzustände bewertet wurde, um die zur Zeit erkennbare Evi- denz darzustellen und Bereiche für wei- tere Forschung aufzuzeigen. Der Umbrella-Review untersuchte insgesamt 12 Metaanalysen (einschließ- lich 462 Primärstudien) und 24 qualita- tive systematische Reviews (einschließ- lich 243 Primärstudien). Die Ergebnisse deuten allerdings darauf hin, dass es an belastbaren Beweisen für die Wirksam- keit der MMST fehlt. Die meisten der veröffentlichten Studien zeigten dem- nach Unsicherheiten bei den Effektgrö- ßen aufgrund großer Heterogenität, kleiner Stichprobengrößen, kleiner Stu- dieneffekte, eines Exzesses an signifi- kanten Ergebnissen oder einer Kombi- nation dieser Faktoren. Eine schwache Evidenz, insbesondere für kurzfristige Verbesserungen, könne zwar gegeben sein, eindeutige Schlussfolgerungen lie- ßen sich jedoch nicht ableiten. Fazit: Diese Studie unterstreicht die Not- wendigkeit umfangreicher, besser durch- geführter, randomisierter kontrollierter Studien zurWirksamkeit vonMMSTmit einer standardisierten Formulierung von Behandlungsmodalitäten, Ergebnismes- sungen, Schmerzpopulationen, Schmerz- bewertung und Behandlungsdauer. Dragioti E et al. Effectiveness of Multidisciplina­ ry Programmes for Clinical Pain Conditions: An Umbrella Review. J Rehabil Med; 2018;50:779-1 Dr. med. Ulrich Moser Arzt für Allgemeinmedizin, Spezielle Schmerztherapie, Chirotherapie, Akupunktur, Sportmedizin Marktplatz 2, 63920 Großheubach E-Mail: U-Moser@t-online.de

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