Schmerzmedizin 6 / 2018

©© Mehmet Dilsiz / Fotolia.com In der Rubrik „Literatur kompakt“ werden die wichtigsten Originalarbeiten aus der internationalen Fachliteratur referiert. Gluteale Tendinopathie: Drei Strategien gegen den Schmerz Physiotherapie oder Kortikoidinjektionen richten anfänglich mehr gegen die Beschwerden einer glutealen Tendinopathie aus als ein ausschließlich abwartendes Vorgehen. Allerdings ist auch Letzteres auf längere Sicht in mehr als der Hälfte der Fälle erfolgreich. D ie Prävalenz der glutealen Tendino- pathie, auch als Trochanter-Bursitis oder Trochanter-major-Schmerzsyn- drom bezeichnet, ist mit 10–25% außer- ordentlich hoch, jede vierte Frau über 50 Jahren soll davon betroffen sein. Cha- rakteristische Symptome sind Schmer- zen und Druckempfindlichkeit über dem Trochanter major, die sowohl den Schlaf wie auch die körperliche Beweg- lichkeit beeinträchtigen können. Kortikoidinjektionen gelten zwar als probates Mittel gegen die gluteale Ten- dinopathie. Doch die Linderung der Be- schwerden hält oft nur kurz an, und auf Dauer unterscheiden sich die Besse- rungsraten nicht wesentlich von jenen unter einer abwartenden Strategie. Eine Gruppe australischer Rehabilitations- und Sportmediziner um Dr. Rebecca Mellor von der University of Queensland hat nun untersucht, ob sich ein Vorge- hen, das sich bei anderen Tendinopathi- en bewährt hat, auch auf die gluteale Tendinopathie anwenden lässt: die Schu- lung der Patienten bezüglich der Mög- lichkeiten, die Sehnen zu entlasten, und das Erlernen gezielter physiotherapeuti- scher Übungen, die den pathologischen Prozessen entgegenwirken. 204 Patienten mit einer per Magnetre- sonanztomografie gesicherten glutealen Tendinopathie waren an der Studie be- teiligt. Sie wurden drei Gruppen zuge- lost. Die erste Gruppe durchlief eine aus- führliche Schulung sowie insgesamt 14 Physiotherapiesitzungen im Lauf von acht Wochen inklusive einer Anleitung zum Üben zu Hause. Die Mitglieder der zweiten Gruppe erhielten unter Ultra- schallkontrolle eine lokale Injektion von Betamethason oder Triamcinolon plus Bupivacain. Die Teilnehmer der dritten Gruppe wurden von einem Physiothera- peuten allgemein über ihre Erkrankung, deren Risikofaktoren und das richtige Bewegungsverhalten informiert. Außer- dem wurde ihnen versichert, dass sich die Beschwerden mit der Zeit von selbst bessern würden. Nach acht Wochen gaben 77,3% der Probanden in der Schulungs- und Gym- nastikgruppe an, ihre allgemeinen Be- schwerden hätten sich mäßig oder stark gebessert. Das vermeldeten auch 58,5% der Patienten nach der Steroidinjektion. In der Gruppe mit abwartendem Vorge- hen sagten dies nur 29,4%. Die Schmer- zen, die zu Beginn in allen Gruppen bei einemWert von knapp unter 5 auf einer Skala von 0 bis 10 gelegen hatten, waren bei den Physiotherapierten auf Werte zwischen 1 und 2, nach der Kortikoidin- jektion auf Werte zwischen 2 und 3 und bei den Abwartenden auf Werte unter 4 zurückgegangen. Nach 52Wochen betrugen die Erfolgs- raten 78,6% (Schulung plus Physiothe- rapie), 58,3% (Steroidinjektion) bezie- hungsweise 51,9% (Abwarten). Zwi- schen den Injektionen und dem Abwar- ten war diesbezüglich keine signifikante Differenz mehr vorhanden. Die Zahl der zu behandelnden Patien- ten, um einen Patienten zusätzlich von seinen Symptomen zu befreien (Number Needed to Treat, NNT), betrug 4,9 res- pektive 3,7 für den Vergleich Physiothe- rapie versus Injektion beziehungsweise Physiotherapie versus Abwarten. Mit Blick speziell auf die Schmerzsituation unterschieden sich Physiotherapie und Injektionen nicht mehr in statistisch re- levanter Weise. Doch in beiden Gruppen waren die Schmerzen mit Werten knapp über 2 imMittel geringer als bei den Pro- banden nach abwartendem Manage- ment, wo die Werte im Schnitt etwas über 3 lagen. Fazit: Bei Patienten mit glutealer Ten- dinopathie ist eine Physiotherapie mit anschließender regelmäßiger Gymnas- tik in Eigenregie insgesamt erfolgrei- cher als Kortikoidinjektionen und ein abwartendes Vorgehen. Die Studie war zwar randomisiert, aber naturgemäß nicht doppelt verblindet. Dass die Pati- enten wussten, wie sie behandelt wur- den, könnte das Ergebnis verzerrt haben. Dr. Robert Bublak Mellor R et al. Education plus exercise versus corticosteroid injection use versus a wait and see approach on global outcome and pain from gluteal tendinopathy: prospective, single blin- ded, randomised clinical trial. BMJ 2018; 361: k1662; doi: 10.1136/bmj.k1662 Literatur kompakt  18 Schmerzmedizin 2018; 34 (6)

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