Schmerzmedizin 1 / 2019

Patientenschulung bringt wenig bei akutem Kreuzschmerz Eine zweistündige Schulung zum Management von Kreuzschmerzen nützt den Betroffenen wenig. Allenfalls kurzfristig lassen sich Verbesserungen feststellen. D ie Gefahr, dass akute Kreuzschmer- zen chronifizieren, ist bekanntlich recht hoch. Studien zufolge betrifft das 20–30% der Patienten, die aufgrund von Rückenschmerzen einen Arzt aufsuchen, wie Gesundheitsforscher umDr. Adrian Traeger von der Sydney School of Public Health berichten. Dies sei selbst dann der Fall, wenn die Patienten leitlinienge- recht behandelt werden und neben Me- dikamenten auch Informationen über die Entstehung der Schmerzen sowie Tipps zum Schmerzmanagement von ih- ren Ärzte erhalten. Darüber hinaus werde in vielen Leit- linien eine spezielle Schmerzedukation empfohlen und in Schmerzmanage- mentprogrammen aufgegriffen. Patien- ten sollen dabei Ursachen und Präven- tionsmöglichkeiten kennenlernen und von falschen Vorstellungen befreit wer- den, etwa, dass übermäßige körperliche Schonung nützt. Eine solche meist zweistündige Schmerzedukation sei bislang vorwiegend in offenen Studien geprüft worden. Die beobachteten posi- tiven Effekte könnten dabei aber auch auf das therapeutische Gespräch an sich und weniger auf die Inhalte zu- rückzuführen sein. Diesen Verdacht scheint nun eine randomisiert-kontrol- lierte Studie zu bestätigen: Dabei schnitt eine spezifische Schmerzeduka- tion nicht besser ab als eine ähnlich lange dauernde Unterhaltung über Ge- sundheitsthemen. Für die Studie „Preventing Chronic Low Back Pain“ (PREVENT) haben sich die Forscher um Traeger auf Patienten mit akuten Kreuzschmerzen konzent- riert, die ein hohes Chronifizierungsri- siko (über 30%) aufweisen. Das Risiko wurde anhand eines speziellen Fragebo- gens ermittelt. Das Team um Traeger fand 202 Pati- enten, die solchen Kriterien entsprachen. Die Hälfte wurde von Physiotherapeuten zweimal eine Stunde einer Schmerzedu- kation unterzogen. Dabei sollten die Pa- tienten die Ursachen und biologische Bedeutung von Schmerzen erfassen – allgemein sowie mit Bezug auf akute und chronische Rückenschmerzen. Fer- ner wurden Missverständnisse und Ängste angegangen, etwa, nicht mehr ar- beiten zu können, weil der Rücken dau- erhaft geschädigt ist, oder Befürchtun- gen, das Problem könnte persistieren. Schließlich wurde den Betroffenen gera- ten, körperlich aktiv zu werden, sich nicht zu schonen, aber auch nicht zu überlasten. Die übrigen Patienten erhiel- ten eine „Placeboedukation“. Ein Physio- therapeut sprach mit ihnen über ihren allgemeinen Zustand und befragte sie zu ihren Rückenschmerzen, gab aber keine Tipps oder spezifische Informationen zu Schmerzen und zum Schmerzmanage- ment. Im Schnitt waren die Teilnehmer 45 Jahre alt, die Hälfte Frauen, sie wurden seit etwas weniger als zwei Wochen von Kreuzschmerzen geplagt. Etwa die Hälf- te nahm Schmerzmittel ein, rund ein Viertel war krankgeschrieben oder hatte die Arbeitszeit aufgrund der Schmerzen reduziert. Auf einer analogen Schmerzskala (0– 10 Punkte) lag der Wert in der Woche vor der Schulung etwas über 6 Punkte und zum Zeitpunkt der Maßnahme in beiden Gruppen bei 4,0 Punkten. Eine Woche nach der Schmerzedukation war er auf 3,2 Punkte, nach der Placeboedu- kation auf 3,1 Punkte gesunken. Nach drei, sechs und zwölf Monaten zeigten sich ebenfalls keine statistisch belastba- ren Unterschiede, wenngleich sich nach einem Jahr zumindest eine numerische Differenz zugunsten der Schmerzeduka- tion ergab (1,8 vs. 2,5 Punkte). Ähnlich geringe Unterschiede fanden die Forscher bei den schmerzbedingten Beeinträchtigungen auf einer 24-Punk- te-Skala. Dieser Wert ging innerhalb ei- ner Woche von zunächst 11–12 Punkten auf 5,6 Punkte mit und auf 7,1 Punkte ohne spezifische Edukation zurück, die Differenz von 1,6 Punkten war statis- tisch signifikant und bleib bis zum drit- ten Monat nach der Intervention beste- hen, allerdings wurde der Unterschied nicht als klinisch relevant beurteilt. Nach sechs und zwölf Monaten pendel- ten sich die Werte in beiden Gruppen zwischen 3 und 4 Punkten ein, wobei es keine signifikanten Differenzen mehr gab. Immerhin erlitten die Patienten mit Schmerzedukation deutlich seltener ei- nen Rückfall in den ersten zwölf Mona- ten nach der Intervention (29 vs. 47%), auch suchten sie etwas seltener erneut ei- nen Arzt oder Physiotherapeuten wegen Rückenschmerzen auf als in der Kont- rollgruppe, signifikant war die Differenz hierbei jedoch nur in den ersten drei Monaten. Katastrophisierende Gedan- ken und falsche Vorstellungen über Schmerzen wurden in der Schmerzedu- kationsgruppe ebenfalls häufiger besei- tigt als in der Kontrollgruppe, dies führ- te letztlich aber nicht zu einer verstärk- ten Schmerzlinderung. „Unsere Studie legt nahe, dass eine in- tensive Schmerzedukation nicht effek- tiver ist als eine Placebomaßnahme“, schlussfolgern die Wissenschaftler um Traeger. „Die Ergebnisse stehen damit im Widerspruch zur weitläufigen Auf- fassung, nach der die Patientenschu- lung ein wirksames Mittel zum Ma- nagement von Kreuzschmerzen dar- stellt.“ Fazit: Schmerzen und schmerzbedingte Behinderungen gehen mit einer zwei- stündigen Schmerzedukation nicht stär- ker zurück als mit einer gleich langen allgemeinen Unterhaltung durch einen Therapeuten. Eine intensive Schmerz­ edukation scheint daher nur wenig zu bringen. Eine Einschränkung der Studie besteht darin, dass die Schmerzen in bei- den Gruppen stark zurückgingen, Un- terschiede lassen sich dadurch nur schwer nachweisen. Thomas Müller Traeger AC et al. Effect of Intensive Patient Edu- cation vs Placebo Patient Education on Outco- mes in Patients With Acute Low Back Pain. A Randomized Clinical Trial. JAMA Neurol 2018; doi: 10.1001/jamaneurol.2018.3376 Literatur kompakt  18 Schmerzmedizin 2019; 35 (1)

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