Schmerzmedizin 5 / 2019

ABC-Indikatoren für eine verbesserte Fibromyalgie-Diagnose Mit den derzeit gültigen Diagnosekriterien für Fibromyalgie aus den Jahren 2010/2011 ist nicht jeder zufrieden. Als Alternative bieten sich die „ABC-Kriterien“ an. Eine Studie verglich nun beide Diagnoseansätze in puncto Spezifität und Sensitivität. D ie in den Jahren 2010 und 2011 ein- geführten Diagnosekriterien für die Fibromyalgie (FM) sind in Fachkreisen nicht ganz unumstritten. Sie seien zwar einfach anzuwenden, es fehle aber am Nachweis der klinischen Validität sowie ein zugrunde liegendes pathophysiologi- sches Konzept, monieren Kritiker. Eine Alternative könnten die „ABC-Indikato- ren“ sein. Sie basieren auf der Annahme, dass es sich bei der FM ähnlich wie beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) um ein komplexes Schmerz­ geschehen mit neurogener Inflammation und psychischen Komponenten handelt. Die ABC-Diagnosekriterien fokussieren sich auf drei zentrale FM-Aspekte: Indi- kator A – die Algesie, ermittelt zum Bei- spiel anhand der Druckalgometrie. Indi- kator B – das bilaterale, achsensymmet- rische Verteilungsmuster der Schmerzen, ermittelt anhand einer Schmerzzeich- nung. Indikator C – chronische Dis- stress-Symptome, ermittelt etwa anhand von Fragebögen. Patienten mit medikamenteninduziertem Kopfschmerz sind eher introvertiert Die Behandlung von Patienten mit medikamenteninduzierten Kopfschmer- zen sollte auch psychologische Aspekte umfassen. In einer Studie wurde deshalb nach typischen Persönlichkeitsmerkmalen dieser Patienten im Vergleich zu Migränepatienten und der Normalbevölkerung gesucht. M edikamenteninduzierter Kopf- schmerz (Medication-overuse head­ ache, MOH) ist nach heutiger Auffassung eine Verhaltensstörung, zu deren Ent- wicklung biologische und psychologische Faktoren beitragen und die deshalb unter Berücksichtigung beider Aspekte thera- piert werden sollte. Bisher ist jedoch kaum etwas über psychologische Charak- teristika und möglicherweise typische Persönlichkeitsmerkmale von MOH-Pa- tienten bekannt. Einige Studien hatten bereits Hinwei- se auf eine erhöhte Introvertiertheit von MOH-Patienten mit chronischen Kopf- schmerzen im Vergleich zu Patienten mit episodischer Migräne ergeben. Da- rüber hinaus könnte die beobachtete Häufung von Depression und Angst auf einem erhöhten Neurotizismus bei MOH-Patienten beruhen. An diesen Persönlichkeitsstrukturen setzten däni- sche Forscher an und suchten mithilfe des NEO-Five-Factor-Inventory (NEO- FFI-3, „Big Five-Test“) nach Merkmals- häufungen bei MOH-Patienten. Einbezogen wurden 94 MOH-Patien- ten und 94 altersadjustierte Patientenmit episodischer Migräne, die den NEO- FFI-3 absolvierten. In geschlechterstrati- fizierten Vergleichen und multivariaten Regressionsmodellen untersuchten die Wissenschaftler die fünf Persönlichkeits- merkmale Extraversion, Offenheit, Ver- träglichkeit, Emotionalität und Gewis- senhaftigkeit beider Kopfschmerzgrup- pen und verglichen die Ergebnisse zu- sätzlich mit einer Kohorte von 1.032 gesunden dänischen „Normalbürgern“. Frauen mit einer MOH erzielten im Vergleich zu Frauen mit Migräne signi- fikant niedrigere Werte bei Extraversion (24,4 ± 4,3 vs. 27,1 ± 7,2; p < 0,01), Offen- heit (23,7 ± 3,9 vs. 26,2 ± 6,4; p < 0,01) und Gewissenhaftigkeit (28,9 ± 3,7 vs. 34,6 ± 5,8; p > 0,01). Bei Männern fan- den sich keine Unterschiede. Verglichen mit der Normalbevölkerung ergaben sich für beide Kopfschmerzgruppen sig- nifikant geringere Extraversionswerte und in der MOH-Gruppe zusätzlich deutlich höhere Neurotizismus-Scores. Fazit: Frauen mit MOH sind im Ver- gleich zu Frauen mit episodischen Kopf- schmerzen introvertierter und weniger sozial orientiert, beide Patientengrup- pen unterschieden sich in ihren Persön- lichkeitsmerkmalen von der Normalbe- völkerung. Diese Ergebnisse bieten erste Anhaltspunkte für eine personalisierte psychologische Behandlung von MOH- und auch Migräne-Patienten, diskutie- ren die Autoren. Dr. Barbara Kreutzkamp Mose LS et al. Personality traits in migraine and medication-overuse headache: A comparative study. Acta Neurol Scand 2019;140:116–22 ©© Koldunova_Anna / Getty Images / iStock Auch psychologische Faktoren tragen zu einemMedikamenten- übergebrauchskopf- schmerz bei. Literatur kompakt  18 Schmerzmedizin 2019; 35 (5)

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