Schmerzmedizin 3 / 2019

Behandlungsversuch mit lokalem Ambroxol bei therapieresistenter Trigeminusneuralgie Die topische Gabe des als Expektorans bekannten Ambroxol reduziert bei therapieresistenter Trigeminusneuralgie Schmerzintensität und Attacken­ häufigkeit, so das Ergebnis einer Fallserie mit fünf Patienten. Vermittelt wird der Effekt durch eine Natriumkanalblockade. D ie Behandlung von Patienten mit einer Trigeminusneuralgie ist nach wie vor unbefriedigend. Mittel der ers- ten Wahl sind Inhibitoren der span- nungsaktivierten Natriumkanäle (NaV), in erster Linie die Antiepileptika Carb- amazepin und Oxcarbazepin. Neben Unverträglichkeitsreaktionen limitieren vor allem bei Carbamazepin auch zahl- reiche Wechselwirkungen den Einsatz. In der Zweitlinie stehen dann unspezifi- sche NaV-Inhibitoren wie andere Anti- konvulsiva oder trizyklische Antide- pressiva zur Verfügung. Spezifische NaV-Blocker zur Analgesie bei Trigemi- nusneuralgie sind in Entwicklung. Doch schon jetzt bietet sich mit topi- schem Ambroxol eine neue Option an. Die bisher vorwiegend als Expektorans eingesetzte Substanz wirkt stark anäs- thesierend (40 mal stärker als Lidocain) und hemmt bevorzugt den Natrium­ kanal-Subtyp NaV-1.8, der sich vor al- lem auf nozizeptiven C-Fasern findet und beim trigeminalen Schmerz eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Verar- beitet als Creme kommt Ambroxol be- reits bei anderen neuropathischen Schmerzentitäten wie der postherpeti- schen Neuralgie oder der postoperativen Neuralgie zum Einsatz. Eine retrospek- tive Fallauswertung zeigt das Potenzial der neuen Option bei der Trigeminus- neuralgie. Beschrieben werden die Fälle von fünf Patienten mit Trigeminusneuralgie, überwiegend therapierefraktär gegen Carbamazepin oder Oxcarbazepin. An drei verschiedenen Schmerzzentren er- hielten sie eine 20% Ambroxol-Creme, aufgetragen zwei- bis dreimal täglich auf den schmerzenden Bereichen. Vor Behandlungsbeginn berichteten alle Patienten über triggerbare Schmerz- attacken mit Intensitäten zwischen 4 und 10 auf der numerischen Schmerz- skala (NRS), drei Patienten hatten zu- sätzlich auch spontane Schmerzattacken. Der analgetische Effekt der Creme trat innerhalb von 15 bis 30 Minuten auf und hielt über 4–6 Stunden an. Die Atta- ckenfrequenz ging bei allen Patienten zurück, bei einem Patienten waren die Schmerzen nach einer Woche vollstän- dig verschwunden. Die Schmerzintensi- tät reduzierte sich auf 2–8 NRS-Punkte. Hautveränderungen oder andere Neben- wirkungen traten nicht auf, bei zwei der fünf Patienten konnte die oraleTherapie reduziert werden. Fazit: Bei Patienten mit einer therapie­ resistenten Trigeminusneuralgie lohnt ein Therapieversuch mit einer 20%igen Ambroxol-Creme. In einer kleinen Fall- serie mit fünf Patienten gingen Atta- ckenhäufigkeit und Schmerzintensität zurück, Nebenwirkungen wurden nicht berichtet. Dr. Barbara Kreutzkamp Kern KU et al. Topical ambroxol 20% for the treatment of classical trigeminal neuralgia – a new option? Initial clinical case observations. Headache 2019;59:418–29 Wie steht es in Deutschland mit den Opioiden? In einer aktuellen Studie wurde bei einem Viertel der Patienten unter Lang­ zeittherapie mit Opioiden wegen chronischer Nichtkrebsschmerzen eine Opioidsubstanzstörung diagnostiziert. A ngesichts der Opioidkrise in den USA wollten Wissenschaftler vom Univer- sitätsklinikum Bonn abschätzen, ob ähn- liches auch hierzulande denkbar wäre. Um den Anteil der Patienten mit Opioid- substanzstörung („opioid use disorder“, OUD) zu erfassen, befragten sie 204 am- bulante Patienten aus vier Kliniken im RaumBonn. BeimAbholen ihres Rezepts füllten die im Schnitt 62-jährigen Studi- enteilnehmer einen Fragebogen aus. Alle Patienten waren wegen chronischer Nichttumorschmerzen seit mehr als sechs Monaten unter Opioiden, zumeist wegen Rücken-, Gelenk- oder Nacken- schmerzen. 59% der Teilnehmer wurden bereits mehr als vier Jahre mit Opioiden behandelt. Mindestens zwei von elf Kri- terienmussten für die Diagnose OUD zu- treffen. Unter anderemwurde gefragt, ob Opioide häufig in größerenMengen oder über einen längeren Zeitraum als vorge- sehen eingenommen würden und die Einnahme willentlich schlecht kontrol- liert werden könne. Auch wurden Fragen nach der Leistungsfähigkeit in Schule und Job unter wiederholter Opioidan- wendung gestellt. Bei 26,5% der Befragten wurde eine OUD festgestellt, in 9,3% der Fälle als moderat oder schwer eingestuft. In der Regressionsanalyse zeigte sich als einzige signifikante Korrelation das Alter der Pa- tienten: Mit jedem zusätzlichen Lebens- jahr sank dieWahrscheinlichkeit für eine OUD um 3%. Die in dieser Studie ermit- telten Daten liegen im Bereich der OUD- Raten anderer Länder, mit 21–41% in den USA sowie 21% in Australien. Gemäß ihrer Daten raten die Autoren, Personen unter Opioid-Langzeittherapie wegen chronischer Nichtkrebsschmerzen als Risikogruppe für OUD anzusehen. Vor allem bei moderaten oder schweren OUD benötigten sie Unterstützung durch einen Suchtexperten. Fazit: Mehr als ein Viertel der Nicht- krebspatienten unter einer Langzeitthe- rapie mit Opioiden erfüllt die Kriterien der Diagnose OUD. Jedoch beziehen sich die Studiendaten nur auf vier Klini- ken im Raum Bonn. Dr. Christine Starostzik Just JM et al. Opioid use disorder in chronic non-cancer pain in Germany: a cross sectional study. BMJ Open 2019;9(4):e026871 Schmerzmedizin 2019; 35 (3) 21

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