Schmerzmedizin 3 / 2018

Sexualhormone beeinflussen Schmerzlevel bei Fibromyalgie Die Schmerzempfindung bei Fibromyalgie wird vermutlich auch durch Sexualhormone gesteuert. Eine Experimentalstudie verfolgte Hormon­ konzentration und Fibromyalgie-Symptomatik bei Frauen, deren Hormon­ spiegel und Schmerzlevel täglich überwacht wurde. F ibromyalgie-Beschwerden fluktuie- ren oftmals rasch und nicht vorher- sehbar, was die Patienten zusätzlich zu den Schmerzen belastet. Schon seit län- gerem besteht der Verdacht, dass die Be- schwerdeintensität auch hormonelle Ur- sachen haben könnte. Für diese Hypo- these spricht, dass die Erkrankungsprä- valenz zwischen Jungen und Mädchen bis zur Pubertät ausgeglichen ist, nach der Pubertät die Inzidenz bei Frauen aber im Vergleich zu Männern ansteigt. Experimentelle Untersuchungen unter- stützen die Beobachtung. So schützt Tes- tosteron vor verschiedenen Schmerz­ zuständen unter anderem über eine Be- einflussung peripherer Nozizeptoren und der zentralen nozizeptiven Prozes- sierung. Ähnliche Effekte sind auch für Progesteron beschrieben. In einer expe- rimentellen Untersuchung wurden die täglichen Serumspiegel von Sexualhor- monen und Kortison mit der Beschwer- deintensität bei Fibromyalgie-Patientin- nen korreliert. Einbezogen in die Untersuchung wa- ren acht Frauen mit Fibromyalgie, regel- mäßigem Menstruationszyklus und ohne Einnahme von Kontrazeptiva. Sie hatten sich mit der täglichen Abnahme von venösem Blut über 25 konsekutive Tage bereit erklärt und dokumentierten parallel dazu täglich ihre Fibromyalgie- symptome. Die Konzentrationen von Es- tradiol, Progesteron, Testosteron und Kortisol wurden mit den täglichen Ver- änderungen der Schmerzstärke assozi- iert. Bei allen acht Frauen korrelierten die Tag-zu-Tag-Fluktuationen sowohl von Progesteron als auch Testosteron invers mit der Schmerzstärke (p = 0,002 für Progesteron und p = 0,015 für Testoste- ron). Bei den Konzentrationen von Est- radiol und Kortisol ließen sich dagegen keine auffälligen Assoziationen mit den Fibromyalgie-Schmerzverläufen erken- nen. Die Frauen berichteten über ver- gleichsweise wenig Schmerzen in der Zy- klusmitte und starken Fibromyalgie- Symptomen während der Menstruation, wenn die Sexualhormonkonzentratio- nen ihren Tiefstand erreichen. Zwischen Kortisolkonzentration und Schmerz- symptomatik waren in dieser Studie kei- ne Beziehungen erkennbar. Fazit: Bei Patientinnen mit Fibromyalgie sind hohe Serumspiegel von Progesteron und Testosteron mit einem niedrigen Schmerzlevel verknüpft, so das Ergebnis einer Experimentalstudie. Weitere Un- tersuchungen sollten diese Erkenntnisse nun komplettieren und Vorschläge für sexualhormongestützte Therapien erar- beiten. Dr. Barbara Kreutzkamp Schertzinger M et al. Daily fluctuations of pro­ gesterone and testosterone are associated with fibromyalgia pain severity. J Pain 2018;19:410–7 Triptan plus SSRI: weniger riskant als befürchtet Eigentlich sollten Ärzte Triptane nicht in Kombination mit SSRI oder SNRI verschreiben. Viele tun es trotzdem, offenbar zu Recht: Ein Serotoninsyndrom wird nach Registerdaten bei weniger als zehn von 100.000 Patienten im Jahr festgestellt. S owohl Triptane als auch moderne Antidepressiva verstärken die sero- tonerge Neurotransmission. Unter einer Kombitherapie besteht damit prinzipiell die Gefahr, dass Patienten das gefürch- tete serotonerge Syndrom mit Fieber, Herzrhythmusstörungen, Krampfanfäl- len und Koma erleiden. In der Regel wird daher von der Kombination zweier serotonerger Arzneien abgeraten. Daher hat die US-Zulassungsbehörde FDA vor zwölf Jahren die Warnung ausgespro- chen, Triptane möglichst nicht gemein- sam mit serotonergen Antidepressiva wie SSRI (Serotonin-Wiederaufnahme- hemmer) und SNRI (Serotonin-Norad- renalin-Wiederaufnahmehemmer) zu verwenden. Ähnliche Empfehlungen gibt es auch in Deutschland. Offensichtlich halten sich jedoch viele Ärzte nicht daran. Zum einen, weil es bei depressiven Migränepatienten kaum wirksame Alternativen gibt, zum ande- ren, weil ein serotonerges Syndrom in der Praxis nur selten beobachtet wird. Wie selten, darüber wird immer wieder diskutiert. Vor rund sechs Jahren hatte eine Auswertung von US-Verschrei- bungsdaten keine Hinweise auf eine er- höhte Prävalenz eines solchen Syndroms ergeben, obwohl über eine Million US- Amerikaner gleichzeitig Triptane zu- sammen mit SSRI oder SNRI nehmen. Allerdings ließ sich hier nur schwer sa- gen, ob das Syndrom tatsächlich kaum aufgetreten ist oder in den Berichten le- diglich nicht erfasst worden war. Ärzte um Doktor Yulia Orlova vom Graham Headache Center in Boston ha- ben nun Patienten mit Triptan- und ©© Moodboard / Image Source Schmerzmedizin 2018; 34 (3) 19

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