Schmerzmedizin 3 / 2019

Übertherapie am Lebensende Wenn finanzielle Interessen vor dem Patientenwohl stehen Matthias Thöns, Witten, und Thomas Sitte, Fulda Noch in ihren letzten Lebenswochen erfahren viele Patienten strapazierende Behandlungen. Dazu gehören Langzeitbeatmungen, Intensivbehandlungen oder auch Chemotherapien, die ihre Lebensqualität reduzieren. Die Gründe dafür sind meist wirtschaftlicher Natur, während der Patient häufig mehr Schaden als Nutzen davonträgt. D ie Kernaufgabe palliativmedizinischer Versorgung ist stets eine lebensverbessernde, leidenslindernde und möglichst belastungsarme Behandlung des Patienten gemäß dessen Therapiezielen. Demgegenüber ist Überthera- pie definiert als eine medizinische Behandlung, die voraus- sehbar dem Patienten mehr schadet als nützt, seinen Zielen aber nicht dient. Der Anteil an Übertherapie nimmt weltweit zu, für die USA wird eine Rate von 29% angegeben, interna- tional werden teilweise bereits auch 89% erreicht [1]. Selbst Papst Franziskus sprach vor der World Medical Association im November 2017 über die notwendige Vermeidung von Übertherapie [2]. Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen bezeichnet Übertherapie als „das zentrale medizinische und ökonomische Problem“ . Auch die Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftli- chen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) – Deutsch- lands höchstes Leitliniengremium – betont, wenn auch etwas weitschweifig: „Konflikte zwischen betriebswirtschaftlichen Zie- len und medizinisch-ethischen Anforderungen manifestieren sich in besonderer Schärfe im Krankenhaus“ [3]. Professor Josef Hecken, der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschus- ses, beklagt massive Fehlanreize in Kliniken, Chemotherapie in den letzten Lebenstagen, unnötige Operationen und zu lange Klinikaufenthalte bei Hochaltrigen [4]. Auf den Punkt bringt es der Präsident der Berliner Ärztekammer, Dr. Günther Jonitz: „Die Verwandlung der Krankenhäuser in betriebswirtschaftli- che Unternehmen ist eine Fehlentwicklung historischen Ausma- ßes. (...) Nicht mehr der kranke Mensch steht heute im Mittel- ©© KatarzynaBialasiewicz / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell) 22 Schmerzmedizin 2019; 35 (3) Zer tif izier te For tbildung

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