Schmerzmedizin 5 / 2019

Mit Capsaicin Schmerzen reduzieren und Nervenschäden beheben Patienten mit einer chemotherapieinduzierten Neuropathie kann lokales Capsaicin helfen. Schmerzen und Schmerzempfindlichkeit werden schon nach einer Anwendung reduziert und möglicherweise wird sogar die Nerven­ regeneration angekurbelt. V iele Antitumortherapien gehen mit einem erhöhten Risiko für periphe- re Neuropathien einher, die akut zu Do- sisreduktion oder Therapieabbruch zwingen und in manchen Fällen die Pa- tienten über Jahre begleiten. Die verfüg- baren Therapien für die chemothera- pieinduzierte Neuropathie (CIPN) sind begrenzt. Studien mit Gabapentin, La- motrigin und trizyklischen Antidepres- siva verliefen oftmals enttäuschend, le- diglich Duloxetin scheint eine zumin- dest leichte Wirkung zu entfalten. Als Alternative empfiehlt sich Capsai- cin – ein Agonist des Rezeptors Transi- enter Rezeptor-Potenzial-Kationenkanal der Unterfamilie V Subtyp 1 (TRPV1). Ein Pflaster mit 8%igem Capsaicin ist für die Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen und reduziert die Schmerzen nach einmaliger Anwendung für bis zu zwölf Wochen. In einer mono- zentrischen Studie wurde nun die Hypo- these geprüft, wonach der Paprika- scharfstoff darüber hinaus sogar eine krankheitsmodifizierende Wirkung ha- ben könnte, indem er die geschädigten peripheren Nerven wie bei einer Axoto- mie „wegschneidet“ und die Regenerati- on gesunden Nervengewebes fördert. Dazu wurde bei 16 Patienten mit einer durchschnittlich seit 2,5 Jahren beste- henden CIPN 30 Minuten lang ein 8%-Capsaicin-Pflaster auf die Füße ge- klebt. Nach drei Monaten berichteten die Patienten über eine deutliche Verbesse- rung bei spontanen Schmerzen (Reduk- tion in der Numerical Pain Rating Scale [NPRS]: –1,27; p = 0,02) sowie bei berüh- rungs- oder kälteinduziertem Schmerz (–1,823; p = 0,03 bzw. –1,456; p = 0,03). Im Short-FormMcGill-Schmerzfragebo- gen wurde ein teilweise hochsignifikan- ter Rückgang beim neuropathischen, kontinuierlichen sowie beim Gesamt- schmerz dokumentiert. Zu keinen Ver- änderungen kam es dagegen im quanti- tativen sensorischen Test. In zusätzlich prä- und posttherapeu- tisch entnommenen Biopsien zeigte sich darüber hinaus ein deutlicher Rückgang von geschädigten intra- und subepider- malem Nervenfasern beziehungsweise ein Zuwachs von normalem Nerven­ gewebe, gemessen anhand des Rezeptors TRPV1 sowie der Nervenzellmarker Protein Gene Product 9.5 (PGP9.5) und Growth Associated Protein 43kD GAP- 43. Auch die Spiegel von Nerve Growth Factor (NGF) und Neurotrophin-3 (NT- 3) sowie die Zahl von lokalen Langer- hans-Zellen normalisierten sich. Fazit: Bei Patienten mit langjähriger CIPN lindert eine einmalige Pflas- terapplikation mit 8%igem Capsaicin verschiedene Schmerzqualitäten und fördert möglicherweise auch die Ner- venregeneration über das übliche Maß hinaus. Dr. Barbara Kreutzkamp Anand P et al. Rational treatment of chemo­ therapy-induced peripheral neuropathy with capsaicin 8% patch: from pain relief toward disease modification. J Pain Res 2019;12:2039–52 Capsaicin unterstützt vielleicht sogar die Nervenregeneration. ©© Stockbyte / Photos.com plus Die diagnostische Performance der ABC-Indikatoren im Vergleich zu den FM-Diagnosekriterien von 2010/11 wur- de nun anhand der Daten von 409 stati- onären Patienten mit chronischen funk- tionellen Schmerzen überprüft. Unter der Annahme, dass es sich bei der FM phänotypisch um ein den ganzen Kör- per betreffendes Schmerzgeschehen handelt, wurden die Patienten in zwei Subgruppen aufgeteilt: Personen mit Schmerzen am ganzen Körper und Per- sonen mit Schmerzen nicht am ganzen Körper. Insgesamt wiesen die 2011-Kriterien eine Spezifität von 68,1%, eine Sensitivi- tät von 75,5%, eine korrekte Klassifika- tion von 71,0% und eine diagnostische Odds Ratio von 6,56 (Konfidenzintervall [KI]: 4,17–10,31) auf, die ABC-Indikato- ren hingegen eine Spezifität von 88,3%, eine Sensitivität von 62,3% und eine korrekte Klassifikation von 78,6% bei ei- ner diagnostischen Odds Ratio von 12,47 (KI: 7,30–21,28). Fazit: In der Diagnose der Fibromyalgie haben die ABC-Indikatoren Algesie, bi- laterale Lokalisation und chronischer Disstress eine deutlich höhere Diagnose­ spezifität und Diskriminierungsfähig- keit als die bisher gültigen FM-Diagno- sekriterien von 2010/2011. Zusätzlich er- laubt das zugrunde liegende pathophy- siologische Konzept der ABC-Indikato- ren unter der Annahme eines komple- xen Schmerzgeschehens auch eine bes- sere Kommunikation mit dem Patienten, vermuten die Autoren und hoffen, mit ihrer aktuellen Publikation eine frucht- bare Diskussion anstoßen zu können. Dr. Barbara Kreutzkamp Stewart JA et al. Rethinking the criteria for fibromyalgia in 2019: the ABC indicators. J Pain Res 2019;12:2115–24 Hinweis der Redaktion: Die PraxisLeitlinie Fibromyalgie der DGS aus dem Jahr 2017 ba­ siert ebenfalls auf den ABC-Kriterien zur Diag­ nostik. In der PraxisLeitlinie wurden nur Leitlini­ enaussagen von 2010 bis 2012 berücksichtigt. Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 19

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=