Schmerzmedizin 6 / 2018

Non-MT-Gruppe wurden imMittel 492 Tage, die der MT-Gruppe 463 Tage be- gleitet. Innerhalb des Beobachtungszeit- raums hatten 175 Kinder erneut über Rückenschmerzen geklagt, insgesamt 592 Mal. Die Anzahl der Rückfälle pro Kind reichte von 1–21, wobei die Kinder der Non-MT-Gruppe im Median über einen Rückfall (IQR 1–3) und die der MT-Gruppe über zwei Rückfälle (IQR 0–4) berichteten. Damit ergab sich zwi- schen den beiden Gruppen kein signifi- kanter Unterschied für das Rückfallrisi- ko (p = 0,07). Auch mit Blick auf die durchschnittliche Dauer der einzelnen Schmerzepisoden, auf die Zahl der Wo- chen, in der die Schüler über Schmerzen klagten, sowie auf die Schmerzintensität schnitten beide Gruppen ähnlich ab. Die MT-Gruppe berichtete jedoch über ei- nen höheren „global perceived effect“ (OR 2,22; 95%-KI 1,19−4,15). Bei Kindern mit Rückenschmerzen lässt sich durch die zusätzlich zur kon- servativen Therapie durchgeführte ma- nuelle Therapie die Rückfallquote nicht senken, so das Resümee der dänischen Wissenschaftler. Die Kinder erfuhren durch die manuelle Therapie aber auch keine Nachteile, wie die Studienautoren weiter ausführen, weshalb sie es der Prä- ferenz eines jeden Einzelnen überlassen, ob allein mit konservativen Methoden behandelt oder die manuelle Therapie hinzugenommen wird. Fazit: Die Kombination aus konservati- ver und manueller Therapie schnitt nicht besser ab als die konservative Therapie allein. Die Studienpopulation entspricht allerdings nicht unbedingt dem norma- len Patientenkollektiv, was die Über- tragbarkeit der Ergebnisse einschränkt. Dr. Dagmar Kraus Dissing KB et al. Conservative care with or wit- hout manipulative therapy in the management of back and/or neck pain in Danish children aged 9–15: a randomised controlled trial nested in a school-based cohort. BMJ Open 2018; 8:e021358; doi: 10.1136/bmjopen- 2017-021358 Cave Noceboeffekte bei Therapie mit Generika Vorurteile gegenüber billigeren Nachahmerpräparaten können die Therapie­ treue beschädigen. Das beweist ein Experiment mit falschen Etiketten. M ehr als 80% aller Verordnungen in Deutschland betreffen Generika. Obwohl die Nachfolgepräparate den gleichen Wirkstoff enthalten wie das Original und ihre Bioäquivalenz bewie- sen haben, scheinen sich Vorurteile hin- sichtlich der Wirksamkeit und Sicher- heit dieser preisgünstigeren Medika- mente zu halten. Die negativen Erwar- tungen können durch reduzierte Placebo- und verstärkte Noceboeffekte den Behandlungserfolg beeinträchtigen, wie randomisierte Studien bereits erge- ben haben. Eine weitere randomisierte Untersuchung aus Brasilien zeigt nun, dass auch die Therapietreue schlechter ist, wenn Patienten statt des Originals ein billigeres Generikum erhalten – oder ihnen das zumindest suggeriert wird. In dieser Studie hatten 101 Patienten nach einem dentalchirurgischen Ein- griff für sieben Tage einmal täglich Tra- madol 50 mg verordnet bekommen. Al- len Patienten war dazu eine Box mit den Originaltabletten ausgehändigt worden; die Box trug aber nur bei 51 Patienten das korrekte Etikett, bei den übrigen 50 war sie mit dem Etikett eines Generi- kums versehen. Die Patienten waren au- ßerdem über den Preis des Original- be- ziehungsweise des Nachahmerpräparats informiert worden. Das Therapieverhal- ten wurde telefonisch nach einem, vier und sieben Tagen abgefragt. Von den Patienten mit dem Generi- kum-Label beendeten 54% die Therapie vor Tag sieben, mit dem Original-Label waren es nur 33%. Unterschiede bei Dauer und Ausmaß der Operation sowie Alter, Geschlecht oder Bildung konnten diese Differenz nicht erklären. In der Gruppe mit dem vermeintlichen Gene- rikum griffen außerdem 26% der Pati- enten zusätzlich zu weiteren Schmerz- mitteln, in der Original-Label-Gruppe tat das keiner. Bei den zusätzlich einge- nommenen Mitteln handelte es sich aus- schließlich um solche mit schwächerer analgetischer Wirkung. Die Patienten mit dem Generikum-Label berichteten außerdem über stärkere Schmerzen und schätzten die Effektivität ihrer Tabletten signifikant geringer ein als die Original- Label-Gruppe; sie waren dementspre- chend weniger geneigt, ihre Schmerzthe- rapie weiterzuempfehlen. Diese Effekte sind umso erstaunlicher, als in einer Befragung vor der Operati- on über 90% der Studienteilnehmer die Qualität von Original- und generischen Medikamenten als gleich bewertet hat- ten. Die Studienautoren um Dr. Rafael Goldszmidt vermuten, dass hier unbe- wusste Effekte am Werk waren, die durch die Information über den Preis noch verstärkt wurden. Dass umgekehrt eine besondere Bindung an das Original ausschlaggebend war, halten die For- scher für wenig wahrscheinlich, weil das rezeptpflichtige Medikament den meis- ten Patienten nicht bekannt gewesen sein dürfte. Auch wenn in Deutschland, wo sehr viel mehr Generika verordnet werden als in Brasilien, die Wahrneh- mung eventuell weniger von Vorurteilen belastet ist, kann die Studie eine War- nung sein, solche unerwünschten Effek- te bei der Verordnung von Generika im Blick zu haben und gegebenenfalls mit dem Patienten zu besprechen. Ein- schränkend ist zu bemerken, dass nur 100 Patienten, speziell mit postoperati- ven Schmerzen, rekrutiert wurden. Fazit: Das Wissen, ein billigeres Generi- kum einzunehmen, kann die Therapie- adhärenz beeinträchtigen. In einem Ex- periment, in dem alle Patienten das identische Original-Analgetikum erhiel- ten, beendeten Patienten mit dem ver- meintlichen Generikum die Therapie früher, verwendeten öfter zusätzliche Schmerzmittel und gaben stärkere Schmerzen an. Dr. Beate Schumacher Goldszmidt RB et al. The impact of generic labels on the consumption of and adherence to medication: a randomized controlled trial. Eur J Public Health 2018; online 8. September; doi: 10.1093/eurpub/cky183 Schmerzmedizin 2018; 34 (6) 21

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