Schmerzmedizin 6 / 2017

PD Dr. med. Michael A. Überall, Nürnberg Medizinischer Leiter IFNAP – Institut für Neurowissenschaften, Algesiologie & Pädiatrie „Bei der wünschenswerten Verknüpfung von solider Naturwissenschaft und ethischer Einsicht öffnen sich zwangsläufig immer wieder Grenzbereiche.“ Grenzen der Evidenz am Beispiel von Cannabis und Methadon S chmerzmedizin als angewandte Naturwissen- schaft mit einem konkreten Handlungsauf- trag und Ethik als Wissenschaft der Moral ge- hören im Versorgungsalltag der praktischen Be- treuung chronisch (schmerz-)kranker Menschen zum essenziellen Handwerkszeug eines jeden The- rapeuten. Beide Disziplinen stehen im Dienste des (betroffenen) Menschen. Beide definieren sich durch die Fokussierung auf die individuellen Be- dürfnisse und Besonderheiten des konkreten Ein- zelfalles und beide sind durch die Suche nach dem Besten für eben diesen individuellen Menschen und seine Beschwerden charakterisiert. Mit der Transformation der Medizin von einem vorwiegend erfahrungsgetriebenen praktischen Kunsthandwerk hin zur evidenzbasierten ange- wandten Naturwissenschaft vollzog sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein grundlegender Wan- del, der das gemeinsame Ringen von Schmerzmedi- zin und Ethik um eine bestmögliche Versorgung des Einzelfalles zugunsten einer qualitätsgesicherten Grundversorgung Aller zunehmend infrage stellt. Außer Frage steht, dass die enormen Erfolge der Medizin in den vergangenen Jahrzehnten vor allem durch diese naturwissenschaftliche Orientierung erzielt werden konnten, die völlig neue Einsichten undTherapien für lange Zeit als unbehandelbar gel- tende Erkrankungen brachten. Ebenso unbezwei- felbar ist jedoch, dass das reine Wissen um das Wie einer Erkrankung, also die Reduktion auf die wis- senschaftliche Kenntnis von Fakten gerade bei Ge- sundheitsproblemen mit komplexer biopsychosozi- aler Genese oder mit infauster Prognose, in der Re- gel nicht ausreicht, um die Frage nach demwirklich Sinnvollen adäquat zu beantworten. Bei der wünschenswerten Verknüpfung von soli- der Naturwissenschaft und ethischer Einsicht in das, was für den Einzelfall sinnvoll und gut ist, öff- nen sich zwangsläufig immer wieder Grenzbereiche. So wie aktuell zum Einsatz von Cannabis als Medi- zin für schwerkranke Menschen, für deren Behand- lung keine wirksame oder keine verträgliche Alter- native zu Verfügung steht. Oder wie beim Einsatz von Methadon für Menschen mit tumorbedingten Schmerzen, die aus Sicht der etablierten Therapie- standards als nicht mehr kurativ behandelbar gelten. Bei beiden Therapien ist die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Meinung unter Laien und der wissenschaftlichen Datenlage unter Experten enorm. Befürworter wie Gegner eines Einsatzes die- ser Therapieformen bei Betroffenen, denen mit den etablierten Behandlungsverfahren kein sinnvolles Therapieangebot mehr unterbreitet werden kann, stehen sich unversöhnlich gegenüber. Aus Sicht der Naturwissenschaft ist die Lage klar: Für beide Therapien (mehr noch für Methadon als für Cannabis) gilt, dass die wissenschaftliche Evi- denz weder für ihre Wirksamkeit noch für ihre Sicherheit und Verträglichkeit den gängigen Stan- dards und Anforderungen der Medizin im 21. Jahr- hundert entspricht. Ihr Einsatz sollte damit auf kon- trollierte Studien beschränkt werden. Aus ethischer Sicht ist die Lage aber ebenso klar: Bei chronisch oder schwer schmerzkranken Patien- ten mit schlechter sowie palliativ Kranken mit in- fauster Prognose haben die etablierten Standards der evidenzbasierten Medizin nachweislich versagt. Wer sollte diesen Menschen verwehren, mit Canna- bis oder Methadon den einen – und möglicherwei- se letzten – Strohhalm zu ergreifen, wenn damit eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf seinen Krank- heitsverlauf oder auf seine schwerwiegenden Sym- ptome besteht? Wohl kaum einer, der tagtäglich ent- sprechend Betroffene versorgt! Ihr Michael A. Überall Schmerzmedizin 2017; 33 (6) 3 Editorial

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