Schmerzmedizin 6 / 2018

Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., Facharzt für Allgemeinmedizin, spezielle Schmerztherapie, Kevelaer; Leiter des Regionalen Schmerzzentrums DGS, Geldern „Eine multimodale schmerztherapeutische Behandlung ist der einzige und angemessene Weg zur Behandlung einer Schmerz- chronifizierung.“ Interdisziplinär? Multimodal? Oder reicht die Teambesprechung? Z ahlreiche schmerzmedizinische Einrichtun- gen, Krankenhausabteilungen und Schmerz- zentren beschreiben sich gern als „multimo- dal“. Gemeint war ursprünglich die Vielfältigkeit von Kommunikationsmethoden mit paralleler Nut- zung unterschiedlicher Sinneskanäle. Die Psycho- logie meint damit eine Mehrebenen-Diagnostik. Die Erfassung biopsychosozialer Chronifizierungs- verläufe unserer Schmerzpatienten setzt multimo- dale Kommunikations- und Interaktionsanwen- dungen voraus. Schmerzdiagnostik und -behand- lung setzen interdisziplinär mindestens zwei, meist mehr Fachdisziplinen, davon eine psychiatrische (psychosomatische oder psychologische) Disziplin, als standardisiertes Verfahren ein. Notwendige Teilbereiche Zu einer multimodalen Schmerztherapie gehören die intensive Schulung der Betroffenen auf der Ba- sis eines biopsychosozialen Schmerzverständnisses, die körperliche Aktivierung, psychologische Ver- fahren, psychohygienische Maßnahmen, Stressbe- wältigung, Achtsamkeitstraining, neurologische und orthopädische Funktionsanalysen, ergothera- peutische Behandlungsanteile, medikamentöse und invasive Therapieformen, je nach Indikation gleich- wertig nebeneinander oder nach individueller Indi- kation. Es handelt sich nicht um eine „Komplexbe- handlung“ unterschiedlicher Disziplinen; vielmehr braucht es von Anfang an eine aktive Kommunika- tion der Beteiligten, eine gemeinsame Dokumenta- tion in der Schmerzdiagnostik und imVerlauf. Eine multimodale schmerztherapeutische Behandlung ist der einzige und angemessene Weg zur Behand- lung einer Schmerzchronifizierung. Ergebnissicherung Eine Schmerzchronifizierung ist häufig gekenn- zeichnet von oft erfolglosen, wenig zufriedenstel- lendenTherapieversuchen. Die Patienten berichten zunehmend eine Änderung der Schmerzsymptoma- tik und Schmerzstärke sowie gesteigerten Medika- mentenverbrauch, auch Beigebrauch, und eine Ver- schärfung psychosozialer Risikofaktoren. Häufig liegen Komorbiditäten vor, insbesondere im Erle- bensbereich. Aufgrund dieser mehrdimensionalen Schmerz- ausweitung sind multimodale Verfahren angezeigt. Sie vereinen standardisierte Empfehlungen mit hochindividueller Anwendung. Die Ziele multimo- daler Arbeit gibt der Patient vor, nicht das Thera- peutenteam. Zukünftige Erfolgskriterien erfolgrei- cher Therapie sollten Schmerzstärke, Beeinträchti- gung durch Schmerz, Depressivität und gesund- heitsbezogene Lebensqualität einbeziehen. Schmerzkonferenz Eine Schmerzkonferenz ist eine beispielhafte Form, einem Patienten multimodal und konkret in Diag- nostik und Therapie zu begegnen. Diese fallbezoge- ne interdisziplinäre Kooperation ist offen für alle interessierten Berufsgruppen um den Schmerz­ patienten herum. Gemeinsam werden leitlinienge- rechte Standards berücksichtigt, um den Patienten diagnostisch und therapeutisch individuell zu be- raten. Die Einführung regelmäßiger Schmerz­ konferenzen gehört zu den größten Verdiensten der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin in der Versorgungslandschaft. Schmerzkonferenzen sind interaktiv, kreativ und auf das Wohl des betroffenen Patienten ausgerichtet. Sie sind deshalb keine Fort- bildung, sondern eine Erfahrung: gemeinsamer Ausdruck des Wunsches nach Zusammenarbeit in multimodalen, interdisziplinären Vorgehensweisen. Ihr Johannes Horlemann Schmerzmedizin 2018; 34 (6) 3 Editorial

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