Schmerzmedizin 4 / 2019

Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., Facharzt für innere Medizin und Allgemeinmedizin, spezielle Schmerztherapie, Kevelaer; Leiter des Regionalen Schmerzzentrums DGS, Kevelaer „Graue Haare, verlangsamte Bewegungen und Schwerhörigkeit sollten uns duldsamer werden lassen und zu einer groß­ zügigeren Zeitplanung im ärztlichen Handeln führen.“ Wertschätzende Kommunikation als zentrales Anliegen im Alter V ielleicht ist es Ihnen wie mir ergangen: Nach einem sehr interaktiven und diskussions- freudigen Deutschen Schmerz- und Pallia- tivtag im März habe ich viele gute Eindrücke mit nach Hause genommen, Botschaften aus Gesprä- chen mit Kollegen und neue Informationen gewon- nen, aber auch das Bedürfnis, meine Kenntnisse weiter zu vertiefen und Gespräche zu suchen, die über den reinen Informationsaustausch hinausge- hen. Das Organisationskomitee hat bereits jetzt den nächsten Schmerztag im Blick. Mit dem Schwerpunktthema „Schmerz und Alter“ wird auch 2020 wieder die Kommunikation im Mittel- punkt vieler schmerzmedizinischer Handlungs- weisen stehen. Zunehmende Konzentrationsstörungen im Alter, sensorische Einschränkungen beim Hören und Se- hen, aber auch die Verstärkung altersstereotyper Verhaltensweisen münden oft in eine Reduktion von Kommunikationsmöglichkeiten und machen das Gespräch mit Senioren zu einer der wesentlichs- ten Herausforderungen einer guten schmerzmedi- zinischen Betreuung. Es bedarf keiner weiteren Er- läuterung, dass ältere Menschen eine der größten Gruppen unter unseren schmerzmedizinischen Pa- tienten darstellen. Senioren verdienen eine Kommunikation auf Augenhöhe Wir neigen manchmal dazu, Senioren wie Kinder anzusprechen. Mittels vereinfachender Syntax und Wortwahl üben wir patronisierende Effekte aus, die die Schmerzmedizin direktiver gestaltet, als es den Älteren oft guttut. Dabei sollte eine misslun- gene Kommunikation zunächst den Sender und nicht den Empfänger der Nachricht hinterfragen; „Leaderspeak“ macht den alten Menschen nur noch abhängiger und hilfloser. Um sein Selbstwertge- fühl und Selbstbild nicht zu verletzen, sondern sei- ne eigenen Ressourcen – sowohl in der Kommuni- kation als auch in der Bewegung und Alltagsgestal- tung – zu unterstützen, ist ein Kommunikations- stil auf Augenhöhe und ohne Abwertung notwendig. Wir sollten unsere Sprache nicht auf Basis falscher Annahmen und stereotyper Erwar- tungen an alte Menschen anpassen. Graue Haare, verlangsamte Bewegungen und Schwerhörigkeit sollten uns duldsamer werden lassen und zu einer großzügigeren Zeitplanung im ärztlichen Handeln führen. Abwertende Begriffe wie „Runzelrabatt“, „Überalterung“ oder „Alterslast“ sind oft unbe- wusst in unsere Sprache eingeflossen. Dabei sollten wir daran denken, dass auch wir einmal nicht mehr auf der Seite des Therapeuten sitzen, sondern im Alter selbst zunehmend Empfänger dieser Nach- richten sein werden. Wir sollten ein Gespür dafür entwickeln, dass der vertrauensvolle sprachliche Kontakt im Verstehen, der uns jetzt nicht gelingt, später auch mit uns möglicherweise nicht gelingen wird. Gerade die zunehmende Digitalisierung wird die Betreuungsmöglichkeiten älterer Menschen verbes- sern. Die Nutzung unserer Dokumentationsplatt- form iDocLive® hat gezeigt, dass die allermeisten Senioren gut mit modernen Medien umgehen kön- nen oder sich dabei helfen lassen. Eine gute Kom- munikation zwischen den Sektoren (z. B. ambulant, stationär, Notfallmedizin) ist in der Zukunft nur mit digitalem Informationsaustausch denkbar. Also weiter voran: Denn kein alter Mensch ist zu alt für eine achtsame, entgegenkommende Wahrneh- mung. Ihr Johannes Horlemann Schmerzmedizin 2019; 35 (4) 3 Editorial

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