Schmerzmedizin 5 / 2018

Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., Facharzt für Allgemeinmedizin, spezielle Schmerztherapie, Kevelaer; Leiter des Regionalen Schmerzzentrums DGS, Geldern „Die neu entstandene positive Atmosphäre zwischen den Fachgesellschaften in der Schmerzmedizin kann nur der erste, kleinere Schritt sein. Geduld und Hingabe müssen erst noch die Entscheidungsträger in der Versorgung erreichen.“ Wissen, Zeit und Schmerz – Wie können wir klüger werden? D er Physiker Stephen Hawking, der Jahrzehn- te nach der Erstdiagnose einer ALS im Früh- jahr 2018 starb, gefesselt in einem zuneh- mend leblosen Körper, hatte behauptet: „Der größ- te Feind des Wissens ist nicht Unwissenheit, son- dern die Illusion, wissend zu sein.“ Sein Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ wurde eines der erfolg- reichsten Bücher der Welt, es thematisiert die wich- tigste Ressource des Menschen: die Zeit. Illusion über ausreichendes Wissen Die Illusion, wissend zu sein, und der Faktor Zeit sind die beiden bezeichnenden Größen in der der- zeitigen Umsetzung unseres Wissens hin zu einer Etablierung schmerzmedizinischer Versorgung. Die Zeit läuft uns davon, ohne dass wir bisher in der Lage sind, das Fach Schmerzmedizin in der Versor- gungsplanung zu verankern oder in ausreichendem Maße attraktiv zu machen für eine jüngere Genera- tion. Die Illusion, über ausreichendes schmerzme- dizinisches Wissen und Kompetenz zu verfügen, kennzeichnet bis heute die Selbstwahrnehmung mancher Fachdisziplin. Eindeutige Zahlen aus der Versorgungsforschung widerlegen diesen verbreite- ten Irrtum, aber wie wiederum Stephen Hawking meinte: jegliche Mathematik, beziehungsweise „jede mathematische Gleichung halbiert die Zahl der Leser“. Welches Kraut wächst gegen erstarrtes Den- ken? Und überhaupt: Welches Wissen meinen wir, das wir weitergeben könnten? Leitlinienwissen etwa aus der vorhandenen Evidenz? Oder doch aus der Erfahrung der praktizierenden Ärzte und der Pati- enten? Dass Selbstbetroffenheit einem Fachbereich weiterhelfen kann, hat die Entwicklung der Pallia- tivmedizin gezeigt („Wir alle sind Sterbende, jeden Tag!“). Doch keineswegs wir alle sind Patienten mit chronischen Schmerzen. Haben wir das Zeitalter der Vernunft hinter uns gelassen, unwiderruflich? Hilft nur die Flucht, wenn Argumente nicht weiterhelfen und unser unsicheres Wissen auf unsicherem Boden gedeiht? Stephen Hawking riet kurz vor seinem Tod, die Erde zu ver- lassen, um in neue Lebensräume vorzustoßen. Doch dies löst unser Problem wohl kaum, und es würde schwerkranke Menschen zurücklassen. Faszination für unser Fach übertragen Mit Albert Einstein hatte Stephen Hawking ein schwieriges Eheleben und mittelmäßige Schulnoten gemeinsam. Anders als Einstein, der mit seiner Er- kenntnistheorie das Verständnis der Welt funda- mental erweitert hat, liegt das Verdienst von Ste- phen Hawking in der außerordentlichen Hingabe und Geduld, mit der er auch bei deutlich weniger „Gebildeten“ Begeisterung für die Wissenschaft aus- lösen konnte. Dies vielleicht, nämlich die Faszina- tion für unser Fach auf jüngere Menschen zu über- tragen mit Geduld und Hingabe, könnte ein Weg sein. Die neu entstandene positive Atmosphäre zwi- schen den Fachgesellschaften in der Schmerzmedi- zin kann auf diesem Weg nur der erste, kleinere Schritt sein. Geduld und Hingabe müssen erst noch die Entscheidungsträger in der Versorgung errei- chen: Krankenkassen, KVen und Ärztekammern sowie diejenigen Vertreter von Fachgesellschaften, denen Besitzstandswahrung über Versorgungsbe- darf geht. Und die bis heute nicht verstanden haben oder verstehen wollen, dass neben Akutschmerzpa- tienten eine wachsende Zahl von Patienten durch unser und in unserem Gesundheitswesen chronifi- ziert. Weiterhin. Jeden Tag. Sehenden Auges. In aller Geduld, Ihr Johannes Horlemann Schmerzmedizin 2018; 34 (5) 3 Editorial

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