Schmerzmedizin 3 / 2019

Prof. Dr. med. Sven Gottschling Leiter des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie in Homburg/Saar „Vielfach ist es tatsächlich das Unwissen von uns Ärzten, das dazu führt, Menschen durch nicht mehr angezeigte Therapien durchzuquälen.“ Der Kampf gegen Übertherapie O bwohl das Thema „Übertherapie am Lebens- ende“ in medizinischen Fachkreisen immer noch ein Schattendasein fristet, ist es eine der Hauptsorgen von medizinischen Laien. Die Angst vor einer nicht mehr angezeigten Chemotherapie, die künstliche Ernährung in den letzten Lebenstagen, die Anlage einer PEG-Sonde bei fortgeschrittener Demenz; all das treibt viele um, wohingegen nach wie vor viel zu wenige Menschen über palliativmedizini- sche Versorgungsangebote informiert sind. Dass wir imGesundheitswesen seit vielen Jahren nicht mehr Menschen behandeln, sondern Fallpau- schalen hinterherjagen und dazu gezwungen sind, immer mehr Patienten in immer kürzerer Zeit zu therapieren, liegt an Fehlanreizen für eine Überthe- rapie im Gesundheitswesen, die in dem CME-Arti- kel dieser Ausgabe eindrücklich und erschreckend beschrieben werden ( Seite 22 ). Vor einigen Jahren ist eine größere europäische Studie zum Thema „Wie stirbt man auf einer Nor- malstation eines Krankenhauses?“ erschienen, in der die Autoren feststellen konnten, dass die einge- übten Routineabläufe auch bei sterbenden Patienten wunderbar funktionieren [Toscani F et al. J Pain Symptom Manage 2005;30:33-40]. Das Fazit dieser Studie lautete: „Wenn Sie zum Sterben in ein Kran- kenhaus kommen, erhalten Sie eher eine Blutent- nahme als ein Schmerzmittel“. Vielfach ist es tat- sächlich das Unwissen von uns Ärzten, das dazu führt, Menschen durch nicht mehr angezeigte The- rapien durchzuquälen. Übertherapie auf mehreren Ebenen angehen In Nordamerika ist man in diesem Punkt durchaus schon ein kleines bisschen weiter. Hier wird die Übertherapie am Lebensende, auf Englisch „aggres- siveness of care“ (AOC), schon als Benchmarking- Instrument eingesetzt. Das heißt, dass vor Abtei- lungen, die nachweislich bei einem sehr hohen Pro- zentsatz an Patienten noch in den letzten Lebens- wochen im Rahmen einer Krebserkrankung neue Chemotherapien oder Chemotherapie-Regime- wechsel etablieren, letztlich genauso gewarnt wird wie vor chirurgischen Abteilungen mit besonders hohen Komplikationsraten. Man kann demThema „Übertherapie am Lebens- ende“ nur auf mehreren Wegen gleichzeitig begeg- nen: 1.) Über palliativmedizinische Frühintegrati- on für jede lebensbegrenzende Erkrankung, 2.) über die Schulung von nicht primär palliativmedizinisch tätigen Ärzten und 3.) über eine noch flächen­ deckendere Information und Unterstützung für me- dizinische Laien im Bereich Vorausplanung für das Lebensende. Hierzu gehören sowohl brauchbare und aussagekräftige Patientenverfügungen wie auch entsprechende Vorsorgevollmachten. Rund 70% aller Menschen können am Lebensende nicht mehr selbst entscheiden. Und selbst wenn Vertreter bestellt sind, sind diese in aller Regel nicht über die Wünsche der Patienten informiert, da auch mit Vor- sorgebevollmächtigten viel zu selten über schwere Krankheit, Sterben und Tod gesprochen wird. So erlauben Sie mir am Ende des Editorials noch- mals meine Begeisterung über diesen CME-Artikel zum Ausdruck zu bringen und den Autoren weiter- hin viel Kraft und Frustrationstoleranz zu wün- schen. Ich wünsche diesem Artikel eine weite Ver- breitung, um sowohl medizinischem Personal als auch politischen Entscheidern im Gesundheitswe- sen die Dramatik des Themas „Übertherapie am Le- bensende“ vor Augen zu führen. Mit einem kleinen Augenzwinkern verabschiede ich mich mit folgendem englischen Sprichwort: „Die meisten Krankheiten sind weit weniger gefähr- lich als der Arzt“. Mit den besten Wünschen Ihr Sven Gottschling Schmerzmedizin 2019; 35 (3) 3 Editorial

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=