Schmerzmedizin 1 / 2019

„Nicht alle Maßnahmen, die das Gesundheitssystem vorhält, müssen beim Einzelnen auch zur Anwendung kommen.“ Gesunde Zurückhaltung als Teil ärztlicher Kunst D eutschland ist Weltmeister: Nicht nur im Fußball (jedenfalls einige Male), sondern auch in der Veranlassung von Röntgendia­ gnostik und operativ-invasiven Maßnahmen. Auf der „practica“ in Bad Orb ist letztes Jahr das Semi­ nar „Schutz vor Überversorgung“ angeboten wor­ den. Beklagt wurden die Verantwortungsdiffusion sowie die Angst vor juristischen Konsequenzen, die eine Diagnostik- und Behandlungsmaschinerie an­ treibt. Dass unser Gesundheitssystem Fehlanreize setzt und in diesem System Patienten mit Schmerzerkrankungen chronifizieren, ist nicht al­ lein von Seiten der Schmerzmediziner beklagt wor­ den. Das System versüßt Überdiagnostik und Über­ therapie mit wirtschaftlichem Erfolg. Neuerdings definieren sich die Allgemeinärzte als erstrangiges Korrektiv, um die Bewegung in die Leistungsmen­ ge zu begrenzen. Das allgemeinmedizinische Prin­ zip des „abwartenden Offenhaltens“ entwickelt sich zum Prinzip des „Schutzes des Patienten imKampf gegen Überdiagnostik“. Häufig geht die Überversorgung von Patienten­ wünschen aus, um bei banalen Erkrankungen Maximaltherapie zu erreichen. Auch wird aber, so­ gar mit fraglichen IGeL-Angeboten, durch Ärzte an der Behandlungsspirale gedreht. Mit schmerzmedi­ zinischer Expertise, die auch im Hausarztbereich vorhanden sein kann und sollte, könnte in der Re­ gel schnell und leicht eingeschätzt werden, ob ein Patient wegen Schmerzen an Wirbelsäule oder Ge­ lenk operiert werden sollte oder nicht – auch ohne die gesamte orthopädische Diagnostikspirale zu durchlaufen. Dies wird selbstverständlich auch von einem erfahrenen Schmerzmediziner erwartet. Demut vor dem einzelnen Menschen Es geht letztlich um ärztliche Kunst, also die indi­ vidualisierte Betrachtung eines Patientenproblems vor demHintergrund von Standards und Leitlinien. ImMittelpunkt steht die Demut vor dem einzelnen Menschen. Die Vermittlung einer solchen begrün­ deten Betrachtung kostet deutlich mehr Zeit als die schnelle Überweisung im Praxisalltag. Sogar im Be­ reich der Palliativmedizin hat der G-BA Formen der Übertherapie in der letzten Lebensphase eines Men­ schen beobachtet. Nicht alle Maßnahmen, die das Gesundheitssystem vorhält, müssen beim Einzel­ nen auch zur Anwendung kommen. Besonders schützenswert gegenüber Polypragmasie sind alte Menschen und Menschen in persönlicher, ausge­ prägter Not, denen offensichtlich Angebote eher übergestülpt werden können. Auch die Überversorgung mit Medikamenten ist sprichwörtlich. Selten erlebe ich Patienten mit so­ matoformen Schmerzen, die nicht seit Jahren er­ folglos Opioide einnehmen – und dies meist in ho­ hen Dosen. Unsere Medizin hat sich offenbar zu einem reflexhaften System entwickelt, das viel zu wenig priorisiert und steuert. Trotz aller Leitlinien­ medizin besteht kein übergeordneter gesellschaftli­ cher Konsens darüber, was eine gute Gesundheits­ versorgung ausmacht. Die Allgemeinmediziner sind der Ansicht, dass die neue Leitlinie „Schutz vor Über- und Unterversorgung“ Besserung verspricht. In einer solchen Leitlinie sollte die Schmerzmedi­ zin unbedingt ihren Platz einnehmen. Schutz vor Über- und Unterversorgung: Ein The­ ma auch für eine DGS-Praxisleitlinie. Pfade im Dschungel von Patientenwünschen, wirtschaftli­ chen Interessen und Kommunikationsdefiziten. Ist eine Rückbesinnung auf die „ärztliche Kunst“ noch möglich? Ihr Johannes Horlemann Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., Facharzt für Allgemeinmedizin, spezielle Schmerztherapie, Kevelaer; Leiter des Regionalen Schmerzzentrums DGS, Geldern Schmerzmedizin 2019; 35 (1) 3 Editorial

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