Schmerzmedizin 5 / 2019

„Homöopathie lässt sich auch als Antwort auf ein Gesundheits- system verstehen, das vom Spardiktat bestimmt wird, in dem jede Handlung getaktet ist und betriebswirtschaftliche Aspekte den medizinischen Bedarf überstimmen.“ Was die Schmerzmedizin von der Homöopathie lernen kann D ie Homöopathie ist für viele Patienten mit chronischen Schmerzen sicherlich eine ver- führerische Option. Wenn trotz Ausschöp- fens medizinischer Möglichkeiten Schmerzen als nicht beherrschbar erfahren werden, liegt es für vie- le nahe, nach Therapieoptionen zu suchen, die als nebenwirkungsarm gelten und in der Bevölkerung hohes Ansehen genießen. Es wurde bekannt, dass in Frankreich die Erstat- tung homöopathischer Arzneien durch Krankenkas- sen von der Regierung untersagt werden soll. Sind homöopathische Kügelchen und Tropfen in höchs- ter Verdünnung keine Medikamente? Nun ist der Streit mit einer evidenzbasiertenMedizin entbrannt, die zu Recht darauf hinweist, dass bis heute eineWir- kung von Homöopathika, die den Placeboeffekt übersteigt, nicht nachgewiesen werden konnte. Den- noch wird in Deutschland, ganz offensichtlich aus Marketinggründen, die Erstattung homöopathischer Mittel gern zugesagt. Einer der größten Krankenver- sicherer hat das damit begründet, dass „der Homöo- path für seinen Patienten besonders viel Zeit hat“. Diese Argumentation scheint mir ein Schlag ins Gesicht all der Ärzte zu sein, die sich schon immer viel Zeit genommen und im besonderen Maße um ihre Patienten bemüht haben. Der hohe Zeitauf- wand ist ein zentrales Angebot einer seriösen Schmerzmedizin. Aus meiner Sicht handelt es sich um eine skandalöse Strategie, wenn die Kranken- kassen homöopathische Angebote mit der Begrün- dung erstatten, dass der Verordner sich hier mehr Zeit für den Patienten nimmt. Oder wenn an Ho- möopathika, einer gesetzlich nicht verankerten Kassenleistung, nicht gespart wird, gleichzeitig aber der Druck auf Ärzte bestehen bleibt, an Medika- menten, Brillengestellen und Hilfsmitteln zu sparen. Wie gesagt: Mein Verständnis gilt den Patienten, die diese Optionen suchen, wie auch der Wissenschaft, die für unsere Tätigkeit erforderlich ist. Hat die Medizin das Vertrauen der Menschen verspielt? Auf die Frage, warum die Homöopathie in Deutsch- land so weit verbreitet ist, gibt es nur eine Erklä- rung: Sie hilft! Bekannt ist schließlich, dass auch Maßnahmen auf Placeboniveau hilfreich sind. Des- halb stellt sich mir die Frage, ob wir mit der Homöo- pathie weitsichtig genug umgehen. Homöopathie lässt sich auch als Antwort auf ein Gesundheitssys- tem verstehen, das vom Spardiktat bestimmt wird, in dem Menschen durch eine Apparatemedizin ge- schleust werden, in dem jede Handlung getaktet ist und in dem betriebswirtschaftliche Aspekte den medizinischen Bedarf überstimmen. Der Patient er- lebt die Geschwindigkeit eines Röhrensystems aus Anamnese, Diagnose und Therapie. Dies sollte uns zu denken geben. Wir haben offensichtlich das Ge- fühl dafür verloren, dass jeder Patient als Individu- um ernst genommen werden muss, dass Krankheit mehr ist als ein Laborwert. Natürlich muss die Me- dizin wirtschaftlich sein, dennoch: Die Menschen haben das Vertrauen verloren in eine wissenschafts- basierte Medizin, die so wirkt, wie sie sich derzeit darstellt: kalt und berechnend, studienkontrolliert. Der Patient hat Anspruch darauf, verstanden zu werden, Ärzte sollen deshalb mehr zuhören, obwohl reden weniger lukrativ ist als invasives Vorgehen. Homöopathie erhebt den Anspruch, den Menschen „ganzheitlich“ zu behandeln. Auf diese Ganzheit- lichkeit kann eine seriöse Medizin nicht verzichten. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin hat das Motto Individualisierung statt Standardi- sierung ausgerufen. Dieses Prinzip gehört zu unse- remMarkenkern, und es wird langsam immer mehr Menschen in seiner Doppelbedeutung bewusst. Ihr Johannes Horlemann Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., Facharzt für innere Medizin und Allgemeinmedizin, spezielle Schmerztherapie, Kevelaer; Leiter des Regionalen Schmerzzentrums DGS, Kevelaer Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 3 Editorial

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