Schmerzmedizin 3 / 2018

Dr. med. Johannes Horlemann Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizn e.V. „Es ist Aufgabe der Schmerzmedizin, die unterschiedlichen Vorstellungen von einem guten und lebenswerten Leben individuell zu adressieren, gegen jede Standardisierung.“ Leitlinien, die helfen W er ist gesund, wer ist krank? Der Patient? Das Gesundheitssystem? Die Ärzteschaft? Offensichtlich herrscht große Unsi­ cherheit bei allen Partnern im Gesundheitswesen, nach welchen ethischen Vorgaben und Wahrneh­ mungen die Betreuung von Patienten erfolgen soll. Monomorbide Einzelleitlinien widersprechen sich häufig und stehen untereinander nicht in Bezie­ hung. Die schlechte Vergütung der sprechenden Medizin und der Zeitaufwand für schwerkranke, multimorbide Patienten ebenso wie die Polyphar­ mazie stellen Ärzte vor ein Dilemma. Erstmals werden auch in der Arbeitsgemeinschaft der Wis­ senschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) Leitlinien entwickelt, die die Patienten­ präferenzen in den Vordergrund stellen. Das gro­ ße Ganze zu sehen, war auch das ursprüngliche Anliegen der Deutschen Gesellschaft für Schmerz­ medizin bei der Entwicklung von Praxisleitlinien. Sie sind notwendiger denn je. Leitlinien, die helfen wollen, den Lebensentwurf eines Patienten umzu­ setzen, brauchen Entscheidungswege unabhängig von einzelnen Erkrankungen und orientieren sich stattdessen nach der Präferenz des Patienten, sei­ nen Werten und Lebenszielen. Damit wird der Di­ alog zwischen Arzt und Patient auf besondere Wei­ se transparent. Ganzheitlich orientierte Leitlinien beugen dem Autonomieverlust durch Krankheit vor, den der Patient in unserem Versorgungssys­ tem häufig erleidet. Die Definition der Gesundheit laut der Welt­ gesundheitsorganisation (WHO) als „Zustand völ­ ligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohl­ befindens“, erscheint deshalb überholt, weil die WHO damit offensichtlich die gesamte Menschheit zu Kranken erklärt. Wer die Gesundheit als einen Wert an sich deklariert, der im Übrigen nicht fremddefinierbar ist, entzieht die medizinischen Maßnahmen einemMarkt: Denn Werte sind keine ökonomischen Güter. Der Wert der Gesundheit wird in unserer Gesellschaft offensichtlich in im­ mer schnellerem Tempo neu definiert in der Drei­ ecksbeziehung zwischen Patient, Arzt und Solidar­ gemeinschaft. Die Wertedefinitionen sind jedoch rein subjektiv. Sie unterscheiden sich für die schwangere Patientin, den berufstätigen chroni­ schen Schmerzpatienten und den multimorbiden alten Menschen. Es ist Aufgabe der Schmerzmedi­ zin, die unterschiedlichen Vorstellungen von einem guten und lebenswerten Leben individuell zu ad­ ressieren, gegen jede Standardisierung. Sicherlich fällt es nicht leicht, in einem überlasteten Praxis­ alltag nach den Werten des Patienten zu fragen, aber genau diese Frage ist alternativlos. Sie hilft dem Arzt auch bei den Patienten weiter, die seinen Empfehlungen nicht folgen. Denn selbst auto­ aggressive Entscheidungen oder ein „unsinniges Verhalten“ des Patienten werden dadurch versteh­ bar und ergeben für einen kranken Patienten manchmal sogar Sinn, nämlich mit persönlicher Sinnhaftigkeit. Johannes Horlemann Schmerzmedizin 2018; 34 (3) 3 Editorial

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