Schmerzmedizin 2 / 2019

mit der Konstellation Schwindel und Kopfschmerzen eine ves- tibuläre Migräne, während nur 64,5% der Hals-Nasen-Ohren Ärzte diese Diagnose stellten [9]. Studien, die sich speziell mit der Behandlung von vestibulä- rer Migräne befassen, sind selten und die meisten Diagnose- und Behandlungsrichtlinien werden aus Studien über Migräne mit und ohne Aura extrapoliert. Klinik Vestibuläre Migräne wird definiert als episodisch auftretende Erkrankung mit Schwindelsymptomen (Dreh- oder Schwank- schwindel, Gangunsicherheit, Benommenheitsgefühl) von mä- ßiger oder schwerer Intensität, die zwischen 5 Minuten und 72 Stunden andauern und mindestens zu 50% mit Migränekopf- schmerz, Fotophobie, Phonophobie und/oder visueller Aura as- soziiert sind. Die Patienten sollten aktuell oder in der Vergan- genheit auch klassische Migräneattacken mit oder ohne Aura gehabt haben ( Abb. 1 ). Ungefähr 30% aller vestibulären Migräneattacken werden nicht von Kopfschmerzen begleitet [11, 12, 13]. Im Gegensatz zu den diagnostischen Kriterien wird in einigen Studien von Schwindelattacken berichtet, die nicht nur einige Minuten (30% der Patienten) oder einige Stunden (30% der Patienten), sondern auch nur wenige Sekunden (10% der Patienten) oder sogar bis zu einige Tage (30% der Patienten) dauern können [10, 11, 12, 14]. Nur 10–30% der Patienten berichten von typi- schen vestibulären Symptomen im Sinne einer Aura mit einer Dauer zwischen 5 und 60 Minuten [10, 13]. Bezüglich der Schwindelmerkmale ergab eine bevölkerungsbasierte Umfra- ge, dass spontaner rotatorischer Schwindel (67%) das am häu- figsten auftretende vestibuläre Symptom bei der vestibulären Migräne ist, gefolgt von einem positionellen, also lageabhän- gigen Schwindel (24%) [15]. Der Schwindelcharakter kann sich im Laufe der Migräneattacke verändern. Aus einem anfäng- lich spontanen rotatorischen Schwindel kann etwa ein positi- oneller Schwindel oder ein Schwindel mit Bewegungsillusion werden [16, 17]. Patienten beschreiben häufig eine erhöhte Be- wegungsempfindlichkeit, insbesondere in Bezug auf eigene Kopfbewegungen und sich schnell bewegende visuelle Objek- te [18, 19]. Während und auch nach einer Attacke können ein optokinetischer Nystagmus, eine sakkadierte Blickfolge (meist vertikal), ein zentraler Lagenystagmus und ein leichter hori- zontaler oder vertikaler Spontannystagmus beobachtet werden [10]. In Deutschland durchgeführte Studien an der Allgemeinbe- völkerung schätzten die Lebenszeitprävalenz von Migräne und Schwindel auf 7–16% [1, 20]. Die Lebenszeitprävalenz der ves- tibulären Migräne wurde auf 1%, die Einjahresprävalenz auf 0,9% geschätzt [15]. In einer nordamerikanischen Umfrage wurde das Auftreten von Schwindel bei fast 50% der Migräne- patienten während mindestens einer schweren Migräneattacke beschrieben [21]. Vestibuläre Migräne kann in jeder Lebenspe- riode auftreten, obwohl es häufig im Rahmen einer bereits vor- bestehenden Migräne eine zeitliche Verzögerung bis zum ers- ten Auftreten von Schwindel gibt [10, 11, 13, 22]. Wie bei der typischen Migräne sind Frauen häufiger betroffen als Männer, ebenso wurde eine familiäre Häufung beschrieben [10, 12, 13, 22, 23]. Früher wurde angenommen, dass vestibuläre Migräne ein Subtyp von Migräne mit Aura (MwA) ist; dieser Zusam- menhang ist jedoch mittlerweile umstritten, da zwar einige Stu- dien einen Zusammenhang zwischen MwA und vestibulärer Migräne gefunden haben, in anderen Untersuchungen hinge- gen Patienten mit Migräne ohne Aura mindestens genauso oft vestibuläre Symptome aufwiesen wie MwA-Patienten [10, 12, 13, 14, 24, 25, 26]. Es scheint, dass bei Frauen nach der Meno- Abb. 1 : Diagnosekriterien für vestibuläre Migräne Mindestens fünf Episoden mit vestibulären Symptomen (1) mittlerer oder starker Intensität (2) und einer Dauer von 5 Minuten bis 72 Stunden (3) A Mindestens ein Migränesymptom während mindestens 50 % der vestibulären Episoden (4) Kopfschmerzen mit mindestens zwei der folgenden Merkmale : - Einseitige Lokalisation - Pulsierender Charakter - Mittlere oder starke Schmerzintensität - Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten - Fotophobie und Phonophobie (5) - Visuelle Aura (6) C Aktive oder frühere Migräne mit oder ohne Aura nach ICHD-II- Kriterien (Kategorie 1.1 und 1.2) B Nicht auf eine andere vestibuläre oder ICHD-Diagnose zurückzuführen D Anmerkungen: (1) Die Bárány-Gesellschaft definiert die vestibulären Symptome der vestibulären Migräne wie folgt: – Spontaner Bewegungsschwindel (Vertigo), einschließlich internemVertigo (täuschende Empfindung einer Eigenbewegung) und externemVertigo (täuschende Empfindung der Bewegung der visuellen Umwelt, die drehend oder fließend sein kann) – lageabhängigerVertigo (nachVeränderung der Kopfposition relativ zur Schwerkraft) – visuell induzierterVertigo (durch komplexen oder großflächigen visuellen Reiz) – kopfbewegungsinduzierterVertigo, der während der Kopfbewegung auftritt – kopfbewegungsinduzierter diffuser Schwindel („dizziness“) mit begleitender Übelkeit; diffuser Schwindel geht mit der Empfindung einer gestörten räumlichen Orientierung einher. Andere Formen des diffusen Schwindels werden gegenwärtig nicht in die Definition der vestibulären Migräne eingeschlossen. (2) Eine mittlere Intensität vestibulärer Symptome behindert alltägliche Aktivitäten, ohne sie zu verhindern, während bei Symptomen starker Intensität die Alltagsaktivitäten unterbrochen werden müssen. (3) Die Dauer der Episoden variiert stark. Hier wird die Dauer der Episode als die Phase definiert, in der wiederholt kurze Attacken auftreten. Auslöser können Kopfbewegungen, Lagewechsel oder visuelle Stimulation sein. (4) Ein Symptom pro Episode reicht aus. Bei unterschiedlichen Episoden können verschiedene Migränesymptome auftreten. Diese können vor, während oder nach der Attacke auftreten. (5) Phonophobie ist eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen und muss von Recruitment bei kochleären Hörstörungen abgegrenzt werden. Recruitment ist meist unilateral und anhaltend. Es führt zu einer verstärkten und oft verzerrtenWahrnehmung lauter Geräusche. (6) Andere Aura-Formen (z. B. somatosensorische) sind in ihrer Phänomenologie häufig weniger spezifisch und klar umschrieben, sodass sie nicht in die diagnostischen Kriterien aufgenommen wurden. Schmerzmedizin 2019; 35 (2) 23

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=