Schmerzmedizin 5 / 2019

kann. Das lässt sich nicht nur bei Schmerzen beobachten, son- dern auch bei zahlreichen anderen Symptomen aus der Pallia- tive Care wie Luftnot, Husten oder Verschleimung, Übelkeit, Erbrechen oder Verstopfung. Auch psychische Symptome wie Angst, Depressionen oder Delirien können Ursachen für Schlafstörungen beziehungswei- se einen gestörten Tag/Nacht-Rhythmus mit Tagesschläfrigkeit sein. So leiden Menschen, die gerade eine lebensbedrohliche Diagnose erhalten haben, nicht selten an „schlaflosen Nächten“, in denen sie soziale („Sind meine geliebten Mitmenschen und Angehörigen ausreichend finanziell abgesichert?“) und spiritu- elle Fragen („Hat mein Leben einen Sinn, wenn ich so jung an einer schweren Erkrankung sterben muss?“) wälzen. Ebenso kann die ungewohnte Umgebung eines Krankenhauses, Hos- pizes oder Pflegeheimes den Patienten vom Schlaf abhalten. Nicht ausreichender oder gestörter Schlaf äußert sich häufig in Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und vermehrter Ta- gesschläfrigkeit. Gerade in einem fortgeschrittenen Krank- heitsstadium können die somatischen und psychosozialen Fol- gen gravierend und ausschlaggebend dafür sein, ob der Patient seine berufliche und soziale Rolle überhaupt noch wahrnehmen kann. Wie sehr es den Schlaf einschränken kann, sich mit ei- ner schweren Diagnose auseinanderzusetzen und welche Fol- gen das für den Krankheitsverlauf haben kann, bis hin zu einer Verschlechterung der Krankheitssymptome, zeigt beispielhaft der Fall der Pflegefachfrau Claudia Torre, die an Multipler Skle- rose (MS) erkrankt ist. Sie schreibt: „Mit einem Schlag war al- les anders…Meine Gedanken kreisten um Tausende von Fra- gen, alles war ungewiss und ich bekam Schlafstörungen…mei- ne MS-Symptome wurden stärker“. ImZentrum derTherapie stehen nicht medikamentöse Maß- nahmen, die auf die der Schlafstörung zugrunde liegenden Ur- sache abzielen, etwa körperliche und/oder geistige Anspannung, schlafbehindernde Gedanken oder ungünstige Schlafgewohn- heiten. Die gängigen Vorgehensweisen – etwa der Ratschlag, tagsüber aktiver, um dann nachts müder zu sein – lassen sich in der Palliativsituation häufig nur schlecht anwenden, da die Be- troffenen meist bettlägerig sind. Bewährt haben sich folgende Ansätze: — Nachtschlaf möglichst nicht unterbrechen — Möglichst keine anregenden Genussmittel wie Kaffee oder aufputschende Medikamente — Nur leichte Mahlzeiten am Abend — Regelmäßige Einschlafzeiten und Rituale — Entspannungstraining (z. B. autogenes Training, Yoga) und Meditation — Das Bett nur zum Schlafen nutzen und die Zeit im Bett be- grenzen. Alle Aktivitäten des Wachzustandes aus dem Schlaf- zimmer verbannen und nicht auf die Schlafenszeit legen — Kein Alkohol — Tagesaktivität ausklingen lassen — Keine Uhr im Blickfeld des Bettes — Beruhigende Musik — In-sich-hineinhören und Zeichen der Schlafbereitschaft lesen lernen Medikamentös kann eineTherapie aus Benzodiazepinrezeptor­ agonisten, sedierenden und daher schlafanstoßenden Anti­ depressiva oder Neuroleptika erwogen werden. Kommt es zum „Sundowning“, also einer Erregung in den Abend- oder Nacht- stunden (wenn die Sonne untergeht), eignet sich der Einsatz von atypischen Neuroleptika wie Risperidon oder Quetiapin. Bei ausgeprägter nächtlicher Verwirrtheit und gestörtem Tag/ Nacht-Rhythmus kann unter anderemClomethiazol eingesetzt werden. Fazit — Delirien treten in der Palliativversorgung häufig und aus ver- schiedenen Gründen auf. Sie können hyper- oder hypoakti- ver Natur sein, wobei letztere schwerer zu diagnostizieren sind. Entscheidend sind medikamentöse und nicht medika- mentöse Ansätze, ebenso wie die Delirprävention. — Auslöser für ein Koma in der Palliativmedizin können etwa neurologische Erkrankungen, multiple Stoffwechselstörun- gen oder Organinsuffizienzen, die Sterbephase, schwere In- fekte oder eine palliative Sedierung als Therapiemaßnahme sein. Man muss davon ausgehen, dass Menschen auch im Koma Schmerz empfinden können. Eine entsprechendeThe- rapie ist daher entscheidend. Unsere eigene Sichtweise ent- scheidet, wie man mit einemKomapatienten umgeht, ob man also nur die Defekte sieht und vielleicht sogar glaubt, die Be- troffenen „bekämen sowieso nichts mit“, oder auch Ressour- cen erkennen kann. Mithilfe der „basalen Stimulation“ lässt sich ein körpernaher Dialog zum Patienten aufbauen. — Viele Faktoren – von körperlichen und psychischen Ursachen bis hin zu sozialen oder spirituellen Ängsten – können zu Schlafstörungen führen. An die Art der Ursache richtet sich die Therapie, sei es das Gespräch über spirituelle Fragen, die Klärung sozialer Problemstellungen, verhaltensmedizinische Maßnahmen oder die Verordnung eines schlafanstoßenden Medikaments oder vieles davon gleichzeitig. Dr. med. Christoph Gerhard Chefarzt der Abteilung für Palliativmedizin Vorsitzender des Ethikkomitees Katholisches Klinikum Oberhausen Mülheimer Str. 83, 46045 Oberhausen E-Mail: Christoph.Gerhard@kk-ob.de Interessenkonflikt Der Autor erklärt, dass er sich bei der Erstellung des Beitrags von keinen wirtschaftlichen Interessen leiten ließ und dass keine potenziellen Interessenkonflikte vorliegen. Der Verlag erklärt, dass die inhaltliche Qualität des Beitrags von zwei unabhängigen Gutachtern geprüft wurde. Werbung in dieser Zeitschriftenausgabe hat keinen Bezug zur CME-Fortbildung. CME- Fortbildung und -Fragen sind frei von werblichen Aussagen und Produktempfehlungen. Weiterführende Literatur 1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinien zur Diagnostik und Therapie neurologischer Erkrankungen, Download über: https://www.dgn.org/leitlinien 2. Gerhard C. Neuro-Palliative Care. Bern: Verlag Hans Huber; 2011 3. Gerhard C. Praxiswissen Palliativmedizin. Stuttgart: Thieme; 2015 Zer tif izier te For tbildung Neuropsychiatrische Symptome in der Palliativmedizin 24 Schmerzmedizin 2019; 35 (5)

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