Schmerzmedizin 2 / 2019

reichen jedoch bei keinem untersuchten Präparat aus, um eine therapeutische Empfehlung für eines dieser Medikamente ab- zuleiten. Darüber hinaus wurden die Studien vor der aktuellen Definition der vestibulären Migräne durchgeführt, mit unter- schiedlichen Diagnosekriterien und nicht vergleichbaren Pati- entenkollektiven. Es bleibt zu hoffen, dass die jüngsten Konsen- sus-Diagnosekriterien zu vergleichbareren und qualitativ hoch- wertigeren Studien führen ( Tab. 2 ). Nicht medikamentöse Therapie Eine australische Studie untersuchte den Effekt eines neun- wöchigen strukturierten Trainingsprogramms zur vestibulä- ren Rehabilitation als Add-on zu Medikamenten oder als ei- genständige Behandlung der vestibulären Migräne [42]. 36 Patienten mit täglichen vestibulären Symptomen (20 Patien- ten mit vestibulärer Migräne, 16 mit anderer Schwindelsymp­ tomatik) nahmen innerhalb von sechs Monaten an fünf The- rapieterminen teil. Obwohl von einer unterschiedlichen indi- viduellen Beeinträchtigung durch den Schwindel ausgegan- gen werden muss, profitierten beide Gruppen von dieser Intervention in einem vergleichbaren Ausmaß. Es gab außer- dem kein Unterschied zwischen den verschiedenen Medika- mentenregimen, was zu dem Schluss führte, dass die Rehabi- litationstherapie unabhängig von der verwendeten medizini- schen Prophylaxetherapie bei vestibulärer Migräne wirksam sein kann. Zur Wirkung von Verhaltenstherapien und -modifikationen bei vestibulärer Migräne liegen nur sehr begrenzte Daten vor. Eine Studie untersuchte die Wirksamkeit von Koffein bei 34 Patienten [43]. Etwa 14% der Patienten berichteten von einer Besserung ihrer Symptome. In der gleichen Untersuchung re- duzierte Topiramat die Symptome bei 25% und Nortriptylin bei fast 50% der Patienten. Schlussfolgerung und Empfehlung Da qualitativ hochwertige Studien für die vestibuläre Migräne fehlen, sind die Behandlungsempfehlungen derzeit ähnlich wie bei Migräne mit oder ohne Aura. Einige der folgenden Emp- fehlungen basieren auf meiner eigenen klinischen Erfahrung: In der verfügbaren Literatur wird Zolmitriptan (2,5–5 mg) als akute Therapie der ersten Wahl bei vestibulärer Migräne vorgeschlagen. Rizatriptan kann auch verwendet werden, und wahrscheinlich sind die anderen Triptane genauso wirksam. Patienten mit Übelkeit und/oder Erbrechen können von nicht oralen Anwendungen (Nasenspray oder subkutanen Injektio- nen) profitieren. Wenn Triptane nicht geeignet erscheinen, kann die symptomatische Therapie mit nicht steroidalen Anti- phlogistika, Acetylsalicylsäure, Metoclopramid oder Dimen- hydrinat eine Option sein, zumal die letzten drei in intravenö- sen Formulierungen erhältlich sind (Acetylsalicylsäure 1.000 mg, Metoclopramid 10 mg oder Dimenhydrinat 62,5 mg). Triptane sollten nicht bei Patienten angewendet werden, die die Kriterien für eine Migräne mit Hirnstammaura erfüllen, da es zumindest theoretisch zu ischämischen Ereignissen kommen könnte. Daten für Medikamente zur Prophylaxe der vestibulä- ren Migräne reichen nicht aus, um von den Richtlinien für die Behandlung von Migräne mit oder ohne Aura abzuweichen. Zu den Mitteln, die in Betracht gezogen werden können, gehören Betablocker (Propranolol 80–240 mg, Metoprolol 50–200 mg, Bisoprolol 5–10 mg), Kalziumkanalblocker (Flunarizin 5–10mg) und Antikonvulsiva (Topiramat 50–100mg, Valproin­ säure 1.000–1.500 mg). Bei Patienten, die an chronischer Mig- räne mit vestibulären Symptomen leiden (15 Kopfschmerztage pro Monat, von denen mindestens 8 migränetypisch sind und länger als 3 Monate anhalten), sollten Topiramat oder mindes- tens zwei Injektionen von Onabotulinumtoxin Typ A in Be- tracht gezogen werden [44]. Wenn Depressionen zusammen mit vestibulärer Migräne auftreten, können Amitriptylin oder Venlafaxin eine vernünftige Wahl sein. Patienten mit vorherr- schendem Schwindel ohne oder mit seltenen begleitenden Kopfschmerzen oder mit Schwindel bei typischer Aura-Dauer, könnten erfolgreich mit Lamotrigin (25–100 mg) behandelt werden [34]. Interessenkonflikt Der Autor erklärt, dass er sich bei der Erstellung des Beitrages von keinen wirtschaftlichen Interessen leiten ließ. Mark Obermann hat Reiseunterstützung und Referentenhonorare von Biogen, Genzyme, Novartis, Sanofi-Aventis, Pfizer, Teva Lilly und Heel bekommen. Wissenschaftliche Projekte wurden von Allergan, Electrocore, Heel und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell unterstützt. Der Verlag erklärt, dass die inhaltliche Qualität des Beitrags von zwei unabhängigen Gutachtern geprüft wurde. Werbung in dieser Zeit- schriftenausgabe hat keinen Bezug zur CME-Fortbildung. Der Verlag garantiert, dass die CME-Fortbildung sowie die CME-Fragen frei sind von werblichen Aussagen und keinerlei Produktempfehlun- gen enthalten. Dies gilt insbesondere für Präparate, die zur Therapie des dargestellten Krankheitsbildes geeignet sind. Literatur 1. Neuhauser HK, von Brevern M, Radtke A et al. Epidemiology of vestibular vertigo: a neurotologic survey of the general population. Neurology 2005;65:898-904 2. Rasmussen BK, Jensen R, Schroll M et al. Epidemiology of headache in a general population - a prevalence study. J Clin Epidemiol 1991;44:1147-57 3. Vukovic V, Plavec D, Galinovic I et al. Prevalence of vertigo, dizziness, and migrainous vertigo in patients with migraine. Headache 2007;47:1427-35 4. Cha YH, Lee H, Santell LS et al. Association of benign recurrent vertigo and migraine in 208 patients. Cephalalgia 2009;29:550 5. Lempert T, Olesen J, Furman J et al. Vestibuläre Migräne: diagnostische Kriterien – Konsensusdokument der Bárány-Society und der Inter­ national Headache Society. Nervenarzt 2013;84:511-6 6. Lempert T, Olesen J, Furman J et al. Vestibular migraine: diagnostic criteria. J Vestib Res 2012;22:167-72 Prof. Dr. med. Mark Obermann Zentrum für Neurologie Asklepios Kliniken Schildautal Karl-Herold-Str. 1 38723 Seesen E-Mail: m.obermann@asklepios.com Zer tif izier te For tbildung Vestibuläre Migräne 26 Schmerzmedizin 2019; 35 (2)

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=