Schmerzmedizin 6 / 2018

gestellt werden, in der untersucht wurde, ob eine zeitlich be- grenzte, durch Pflegekräfte durchgeführte Edukation (verhal- tenstherapeutische Lebensstilmodifikation) den Erfolg bei Migränepatienten verbessert [16]. In dieser in Kanada durch- geführten nicht randomisierten, nicht verblindeten Single- Center-Studie erhielten die Patienten innerhalb eines Jahres in der Experimentalgruppe (n=100) jeweils viermal zusätzlich zu einem 30-minütigen Arztbesuch eine ebenso lange Sitzung mit edukativen Elementen durch eine Pflegekraft. In der Kontroll- gruppe (n=100) erfolgte jeweils nur der Arztbesuch. Die kurze Edukation durch Pflegekräfte verbesserte in der Experimental- gruppe die Selbstwirksamkeit (Überzeugung, Kopfschmerz in den Griff zu bekommen) und das Funktionsniveau (geringere psychosoziale Belastung) signifikant stärker als in der Kont- rollgruppe, die Verbesserung der Kopfschmerzsymptomatik war hingegen in beiden Gruppen gleich. In der Kontrollgrup- pe ließ sich überraschenderweise eine erfolgreichere Prophyla- xe häufiger realisieren als in der Experimentalgruppe. Die Stu- die zeigt, dass Edukation durch Pflegekräfte möglich ist und psychologisch relevante Variablen positiv beeinflussen kann. Möglicherweise könnte die Stärkung von Ressourcen der Pati- enten langfristig einer Chronifizierung des Kopfschmerzes ent- gegenwirken. In diesem Abschnitt lassen sich auch multimodal und multidisziplinär ausgerichtete Kopfschmerztherapien einglie- dern. Bei diesen erfolgt die Therapie nicht nur durch einen ärztlichen oder psychologischen Kopfschmerztherapeuten, sondern es werden je nach Kopfschmerz- und Begleitsympto- matik verschiedene weitere Berufsgruppen wie Physiothera- peuten, Pflegepersonal und Entspannungstrainer beteiligt [17]. Weiterentwicklungen verhaltenstherapeutischer Ansätze Diese Weiterentwicklungen sind teilweise durch technische Neuerungen möglich. Die Verbreitung neurowissenschaftlicher Methoden erlaubt eine Erweiterung der Biofeedbackverfahren auf Neurofeedbackverfahren, das heißt, es werden neurophy- siologische Maße zurückgemeldet [18], was besonders in der Migränebehandlung sinnvoll ist. Der Patient kann lernen, be- stimmte Frequenzbänder oder Parameter im Elektroenzepha- logramm (EEG) zu beeinflussen und darüber die kortikale Ha- bituation stärken. Von der Grundidee ist diese Vorgehensweise plausibel, da hierdurch möglicherweise in einem höheren Aus- maß kopfschmerzrelevante neurophysiologische Prozesse po- sitiv beeinflusst werden können. Allerdings muss sich zukünf- tig noch zeigen, inwiefern Neurofeedbackverfahren einen ef- fektiven und vor allem auch praktikablen therapeutischen Zu- gang erlauben. Ein weiterer Ansatz in der verhaltenstherapeutischen Be- handlung versucht, dem Patienten deutlich zu machen, sich nicht nur mit dem Schmerz zu beschäftigen: Eine Verlagerung der Aufmerksamkeit von Kopfschmerzattacken hin zu schmerzfreien Zeiten ist anzustreben. Denn das ständige Füh- ren von Kopfschmerzkalendern (auch digital, siehe unten) kann zu einer übermäßigen Symptomaufmerksamkeit führen. Hingegen kann ein „Kopfschmerz-frei-Tagebuch“ den Patien- ten helfen, für sich einmal genauer zu überprüfen, was mit dem Nichtvorhandensein von Schmerzen zusammenhängt. Dies verlagert den Fokus auf mögliche protektive Bedingun- gen [11]. Ein wichtiger neuer Ansatz ist es, den Patienten zu ermuti- gen, vermeintliche Auslösefaktoren von Kopfschmerzattacken (Trigger) – wie Schokolade, Käse, Alkohol, bestimmte Aktivi- täten – nicht mehr konsequent zu vermeiden. Oft ist dies ja auch gar nicht möglich, etwa wenn Auslöser unbekannt oder relativ unvermeidbar sind (z. B. Wetter, hormonale Einflüsse). Hingegen soll der Patient erlernen, mit Triggern angemessen umzugehen (Triggermanagement) [19]. Dieser Ansatz basiert auf der verhaltenstherapeutischen Behandlung von spezifi- schen Phobien, bei denen die Vermeidung von aversiven Emo- tionen eines der Hauptprobleme darstellt. Oft zeigen Kopf- schmerzpatienten Verhaltensweisen, die denen von Phobikern ähneln. Diese vermeiden alles, von dem sie erwarten, dass es Angst auslöst – Kopfschmerzpatienten vermeiden alles, von dem sie erwarten, dass es Kopfschmerz auslöst. Manche Au- toren bringen hier aufgrund der Ähnlichkeit sogar den Termi- nus Cephalalgiaphobie (Kopfschmerzphobie) ins Spiel [20]. Während bei Phobien die Behandlung der Vermeidung einen wesentlichen Stellenwert in der Therapie einnimmt, wird dies bei Kopfschmerzpatienten viel zu selten thematisiert. Verhal- tensempfehlungen zielen bislang häufig auf eine komplette Vermeidung potenzieller Kopfschmerzauslöser ab – was auch zahlreiche Print- und Onlinemedien nach wie vor propagie- ren. Doch genau das kann aus mehreren Gründen kontrapro- duktiv sein [21]: 1. Problem von Generalisierungsprozessen mit Ausweitung der Vermeidung auf andere räumlich und zeitlich assoziierte Faktoren 2. starke Einschränkung der Lebensqualität durch ständige Vermeidungsversuche 3. Vermeidungsversuche sind aufwendig und führen zu Stress, was einen der bedeutsamsten Auslöser von Migräneattacken darstellt [8] Tab. 2: Komponenten des EASE*-Ansatzes [21, 22] EASE-Komponente Bedeutung/Inhalt 1. Experiment (= Experimentiere!) Mit Verhaltensexperimenten herausfinden, ob bestimmte vermutete Auslöser wirklich Auslöser sind (z. B. für Nahrungsmittel geeignet) 2. Avoid (= Vermeide!) Vermeidung von potenziell gesundheitsschäd­ lichen Auslösern (z. B. giftige Dämpfe, Schlaf­ mangel, Hunger, Durst) 3. Stress (= Stress­ management) Stressmanagement (Bewältigung von Stresso­ ren, z. B. über Entspannung, positives Denken), da Stress oft nicht vermeidbar ist 4. Exposure (= Exposition) Graduierte Exposition gegenüber Auslösern, die schrittweise in ihrer Stärke/Dosis erhöht werden (z. B. bei sensorischen Reizen wie Licht, Gerüche, Geräusche) Ziel: Eintreten von Desensibilisierung *EASE = Experiment, Avoid, Stress, Exposure Zer tif izier te For tbildung Psychologische Kopfschmerztherapie 26 Schmerzmedizin 2018; 34 (6)

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=