Schmerzmedizin 4 / 2018

Schmerzmedizin 4 / 2018

Gekommen, um zu bleiben Chronischer Schmerz zwischen Akzeptanz und neuer Hoffnung Volker Busch, Regensburg Das hervorstechendste Merkmal chronischer Schmerzen ist, dass sie trotz aller Versuche, sie loszuwerden, hartnäckig persistieren. Diese Beschwerden, die meist nicht einmal den Ärzten biologisch plausibel scheinen, können die Lebensqualität der Patienten so stark beeinträchtigen, dass sie sich nur schwer in ihren Lebensalltag integrieren lassen. Dieser Artikel beschreibt Möglichkeiten einer versöhnlichen Akzeptanz chronischer Beschwerden und die Neuorientierung auf lohnenswerte Ziele. D ie Auseinandersetzung mit chro­ nischen Schmerzen durchläuft fast immer ein Stadium des (jah­ relangen) Haderns mit der Realität. Was weh tut und medizinisch nicht erklärbar ist, muss weg, und zwar schnell und voll­ ständig. Der Wunsch nach Unversehrtheit und Beschwerdefreiheit ist zutiefst mensch­ lich. Jedoch sind überstarke Kontroll­ bemühungen in Bezug auf Gesundheit und Körper derzeit auch zu einem gro­ ßen Teil Ausdruck unseres allgemeinen gesellschaftlichenWunsches nach Opti­ mierung und Perfektion. Soziologen sprechen von der „Diktatur der Steuer­ barkeit“. Es gibt heute (technologisch) kaum etwas, was wir nicht kontrollieren oder zumindest nach unseremWillen ir­ gendwie beeinflussen können. Dieser Grundannahme unterwerfen wir auch große Teile der Medizin. Was in chirur­ gisch-operativen Fächern dank des Fort­ schritts auch tatsächlich zunehmend besser zu gelingen scheint, erfährt bei den psychosomatischen Krankheitsbil­ dern seine natürlichen Grenzen. Ein chronisch schmerzender Rücken lässt sich nicht reparieren wie ein kaputtes Regal und keine App der Welt kann Schmerzen abschalten, auch nicht nach Neuinstallation oder einem Update. Auf expliziter Ebene mag niemand den Vergleich zwischen einemWunder­ werk wie dem menschlichen Organis­ mus und einem technischen Gerät stra­ pazieren. Implizit jedoch verbinden vie­ le Menschen mit der modernen Medizin irrwitzige Hoffnungen nach vollständi­ ger Steuerbarkeit, wie sie die Digitalisie­ rung mit ihrer naiv-positiven Erwar­ tungshaltung in den letzten Jahren in al­ len Bereichen des Lebens aufgebaut hat. Auch Heilpraktiker mit Versprechungen zur „ganzheitlichen“ Herangehensweise bei chronischen Schmerzen wecken oft überzogene Hoffnungen der Kontrollier­ barkeit bei betroffenen Patienten, jedoch sind ihre Methoden nur andere als die von Ärzten. Folgen und Gefahren von Kontrolle Eine (über-) starke Konzentration dar­ auf, die Schmerzen kontrollieren und be­ seitigen zu müssen, kann für Betroffene im Wesentlichen drei Folgen haben: 1. Durch die Überzeugung, alles im Le­ ben kontrollieren zu können, schwin­ det die Gabe, sich mit Dingen zu ar­ rangieren. Hadern mit der Realität führt zumVerlust an Handlungsflexi­ bilität. 2. Kontrolle kostet Kraft und verbraucht letztlich wertvolle Energie, die an an­ derer Stelle fehlt. Dies trägt stets die Gefahr eines vollständigen Zusam­ menbruchs bei Erschöpfung oder Ent­ täuschung. 3. Gefühle und Empfindungen werden beim Versuch eines repressiven Um­ gangs mit ihnen meist stärker statt schwächer. Diese „somatosensorische Amplifikation“ ließ sich bei chroni­ schen Schmerzen neurophysiologisch mehrfach nachweisen. Akzeptanz-Commitment-Therapie Moderne psychotherapeutische Ansätze fokussieren weniger auf die Beherr­ schung oder Beseitigung der Schmerzen oder den Versuch einer Korrektur hier­ aus resultierender Ängste oder depressi­ ver Stimmungen. Stattdessen propagie­ ren sie die Akzeptanz der Beschwerden und einen versöhnlichen Umgang mit ihnen, der Raum für eine aktive Lebens­ gestaltung lässt. Dazu gehört auch die Distanzierung von lähmenden negativen Gedanken oder Gefühlen. Schließlich ist der schrittweise Aufbau eines erfüllen­ den Lebens entsprechend seiner persön­ lichen inneren Werte Kennzeichen sol­ cher Therapieverfahren. Wer Kontrolle gewinnen möchte, bekommt sie mitun­ ter erst dadurch, dass er sie an bestimm­ ten Stellen bewusst aufgibt. Im Folgenden soll ein kurzer Über­ blick über einige Bestandteile und ein­ führende Übungen/Tipps aus der soge­ nannten Akzeptanz-Commitment-The­ rapie (ACT) gegeben werden (vgl. [1]). Der einführende Text vermag dabei die Thematik nur ansatzweise darzustellen, soll jedoch das Interesse des geneigten Lesers wecken für eine vielversprechen­ de psychotherapeutische Perspektive bei chronischen Schmerzen, die meist ge­ kommen sind, um zu bleiben. 28 Schmerzmedizin 2018; 34 (4) For tbildung

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