Schmerzmedizin 6 / 2018

Zukunft auch Biofeedbackverfahren per App angewandt wer- den können, indem anschließbare Messfühler zum Einsatz kommen. Durch Biofeedback kann der Patient lernen, die für die Auslösung einer Kopfschmerzattacke relevanten Körperre- aktionen oder -funktionen zu identifizieren und ihnen bewusst entgegenwirken; der Kopfschmerzattacke oder Exazerbation von Kopfschmerzen soll so bestenfalls imVorfeld wirkungsvoll begegnet werden [30]. Dies entspricht der erwähnten Idee der präemptiven Therapie, der Behandlung einer Kopfschmerz­ attacke vor ihrer eigentlichen Entstehung. Der Unterschied zur Prophylaxe liegt in der spezifischen Attackennähe, der Unter- schied zur Akutbehandlung in dem noch nicht eingetretenen Schmerzzustand. Kopfschmerz-Apps wurden bislang nur selten in Studien un- tersucht. Es existieren kaumQualitätsstandards, Kopfschmerz- experten und Patienten werden zu selten gemeinsam in den Entwicklungsprozess involviert [26, 31]. Es besteht die Gefahr, dass durch die häufige Verwendung von Apps (z. B. Registrie- rung von Schmerzstärke etc.) die Symptomaufmerksamkeit er- höht wird. Allerdings sind bislang einige Projekte angelaufen, die versuchen, diese Probleme spezifisch anzugehen und – ähn- lich wie bei anderen therapeutischen Zugängen – eine Entwick- lung von Kopfschmerz-Apps hin zu richtigen Medizinproduk- ten einzuleiten. Telemedizin: Hierbei erfolgt die therapeutische Versorgung – vermittelt über verschiedene moderne Kommunikationswege (z. B. Video, Telefon, Textnachrichten/E-Mail) – aus einer geo- grafischen Entfernung. Solch ein therapeutisches Vorgehen bie- tet sich in abgelegenen und weniger dicht besiedelten Regionen an; dies reduziert den zeitlichen und finanziellen Aufwand für Patienten, wie in einer norwegischen Studie aufgezeigt wurde [32]. In dieser Studie kam allerdings keine Verhaltenstherapie zum Einsatz, sondern ausschließlich eine Konsultation durch neurologische Kopfschmerzexperten. Während bei Erwachse- nen kaum Studien vorliegen, scheint die Anwendung psycho- logischer Verfahren mittels Telemedizin insbesondere für Kin- der und Jugendliche geeignet und effektiv zu sein [33]. „Es geht nicht mehr nur um die Klärung der Frage, ob Psychotherapie wirkt, sondern für welchen Patienten welche Therapie wirkt.“ Informationsangebote im Internet: Inwiefern hier wirklich von einer psychologischen Therapieform gesprochen werden kann, ist bislang unklar. Allerdings nehmen Informationsan- gebote zumThema Kopfschmerz auf offiziellen und inoffiziel- len Seiten für die Patienten einen großen Raum ein und kön- nen somit als niederschwelliges therapeutisches Angebot ver- standen werden. So kontaktieren Patienten Expertenforen, um – ergänzend zur fachärztlichen Behandlung – weitere oder noch offengebliebene Fragen zu Symptomen und therapeuti- schen Zugängen zu klären [34]. Vieles von dem herunterzula- denden Material (z. B. über die Homepages von Fachgesell- schaften: Kopfschmerzkalender, Informationsbroschüren etc.) kann dem Ansatz der Psychoedukation zugerechnet werden. Es gibt auch Homepages, die bestimmte therapeutische Kom- ponenten enthalten, die Patienten erlernen und anwenden können (siehe internetbasierte Therapie). Interessant ist, dass Homepages durchaus einen Einfluss auf therapeutisch rele- vante Patientenvariablen zu haben scheinen. In einer innova- tiven Studie verglichen Martin und Timmings den Einfluss zweier ansonsten vergleichbarer Homepages, die entweder Auslöservermeidung (WebMD-Seite) oder Triggermanage- ment (EASE-Ansatzseite) zum Inhalt hatten [21]. Patienten, die die Seite zum Triggermanagement lasen, gaben eine höhe- re Selbstwirksamkeitserwartung an, sie waren also zuversicht- licher, die Kopfschmerzen selbst in den Griff zu bekommen. Auch sahen sie ihren Kopfschmerz weniger durch Zufall be- stimmt als Patienten, die die Seite zur Auslöservermeidung lasen. Sie waren auch optimistischer, dass sich Kopfschmerz- frequenz, -dauer und -intensität reduzieren. Das heißt aber na- türlich noch nicht, dass die Veränderungen in den erfassten Variablen auch verhaltenswirksam werden und dadurch die Kopfschmerzsymptomatik reduzieren. Zu bedenken sind auch mögliche kontraproduktive Effekte durch Internetseiten bei Patienten, die gerade in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung sind. Internetseiten sollten immer evidenzbasiert gestaltet sein und deshalb in regelmäßigen Abständen, ent- sprechend der zum jeweiligen Zeitpunkt vorliegenden Evidenz aktualisiert werden. Internetseiten können auch für die Forschung einen wichti- gen Beitrag leisten. Das Suchverhalten von Internetusern bei Twitter, Google, Facebook etc. kann dazu beitragen, Zusam- menhänge zwischen Umweltereignissen (z. B. Feiertage, Wet- ter etc.) und Kopfschmerzen genauer zu untersuchen [35]. All diese Ansätze ersetzen natürlich nicht die professionelle Therapie, insbesondere bei schwerer beeinträchtigten Patien- ten. Da Patienten mitunter längere Zeit auf einenTherapieplatz warten müssen, können die E-Health-Verfahren aber nicht pharmakologische Selbstbehandlungsansätze unterstützen [36, 37] oder dabei helfen, die Zeit bis zum Start der klassischen Therapie überbrücken. Aktuelle Herausforderungen Mit aktuellen Entwicklungen gehen immer auch bestimmte Herausforderungen einher [15]. Bezogen auf Neurofeedback und E-Health sind vielfältige technische, vor allem aber auch administrative und organisatorische Herausforderungen im Versorgungssystem zu meistern [27]. Wissenschaftliche Her- ausforderungen stellen sich durch die mitunter beobachtbare Heterogenität der Ergebnisse psychologischer Therapien, klei- nere Effekte im Vergleich zu älteren Arbeiten und bestimmte methodische Einschränkungen [38, 39]. Insbesondere die Un- tersuchung spezifischer Mechanismen (z. B. Therapeuten-Pati- ent-Beziehung, Therapiepräferenz) könnte dazu beitragen, die Heterogenität in den Studien besser zu erklären. ImMittel sind Entspannung, KVT und Biofeedback vergleichbar in ihren Ef- fekten [40, 41]. Letztendlich geht es nicht mehr nur um die Klä- rung der Frage, ob Psychotherapie an sich wirkt, sondern für welchen Patienten welche Therapie bei welchem Therapeuten unter welchen Bedingungen wirkt – eine Frage, die Kiesler schon vor über 50 Jahren formulierte [42]. Zer tif izier te For tbildung Psychologische Kopfschmerztherapie 28 Schmerzmedizin 2018; 34 (6)

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