Schmerzmedizin 5 / 2019

Die Bedeutung von Leben und Tod im Judentum Vom Unbehagen jüdischer Familien mit palliativmedizinischen Angeboten Stephan M. Probst, Bielefeld Bei der Begleitung jüdischer Patienten am Lebensende fällt den Mitarbeitern nahezu aller eingebundenen Berufsgruppen auf, dass sich jüdische Familien offenbar schwer damit tun, sich auf palliativ­ medizinische Angebote einzulassen. Hierfür gibt es verschiedenste, dem ersten Blick vieler Palliativteams zunächst verborgene Gründe und Deutungen, auf die sich dieser Beitrag fokussieren möchte. Jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 Das Judentum wird von der deutschen Öffentlichkeit fast ausschließlich über das Erinnern an die Schoah und in der Auseinandersetzung mit dem wieder aufkeimenden Antisemitismus erfah- ren. Echte Begegnungen mit gelebter jü- discher Kultur sind eher selten. Die jü- dische Gemeinschaft Deutschlands ist eine sehr kleine Minderheit von weni- ger als 200.000 Menschen, die sich in vielerlei Hinsicht von der Mehrheitsge- sellschaft, in der sie lebt, unterscheidet. Die komplizierten und mitunter heik- len Besonderheiten sind eine zwangs- läufige Folge der jüngeren deutsch-jüdi- schen Geschichte. Zum Ende des Zwei- ten Weltkrieges waren sämtliche jüdischen Gemeinden Deutschlands ausgelöscht. Ihre Mitglieder hatten ent- weder noch rechtzeitig fliehen können oder sie waren ermordet worden. Nur wenige hatten in Verstecken, als Kinder aus Mischehen oder mit falscher Iden- tität in Deutschland überlebt oder wa- ren als Häftlinge gerade noch am Leben, als die Konzentrationslager durch die ©© S. Probst 28 Schmerzmedizin 2019; 35 (5) For tbildung

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