Schmerzmedizin 5 / 2019

Alliierten befreit wurden. Nach Kriegs­ ende waren unter den zwei Millionen entwurzelten Menschen, den „displaced persons“ (DP), etwa 200.000 Schoah­ überlebende – zumeist staatenlose Ju­ den osteuropäischer Herkunft. Sie wur­ den in Übergangslagern, den DP- Camps, interniert, wo sie auf die Auswanderung und ein neues Leben weit weg von Deutschland hofften. Nach Gründung des Staates Israel im Mai 1948 sank ihre Zahl durch Auswande­ rung nach Israel, aber auch in Länder wie die USA, Kanada und Australien auf 15.000. Einige wenige deutschstämmige Ju­ den kamen umge­ kehrt aber auch aus dem Exil zurück nach Deutschland. Recht bald entstanden wieder Ge­ meinden und eigenständige Institutio­ nen, die eine neue fragile jüdische Exis­ tenz in Deutschland signalisierten, ob­ wohl der Jüdische Weltkongress 1948 empfahl, dass sich Juden niemals wieder auf dem blutgetränkten Boden Deutsch­ lands ansiedeln sollten. Die Zahl der im Nachkriegsdeutschland lebenden Juden hatte sich auf etwa 30.000 eingependelt, nachdem in den 1950er- und 1960er- Jahren noch etliche Juden vor antisemi­ tischen Verfolgungen aus Ungarn, Po­ len und der Tschechoslowakei in die Bundesrepublik geflohen waren. Über­ alterung, Geburtenrückgang und fort­ währende Auswanderung (gerade der Jüngeren) bedrohten seit Mitte der 1970er-Jahre aber zunehmend das Fort­ bestehen jüdischen Lebens in Deutsch­ land [1, 2]. Dies änderte sich mit der starken Zuwanderung jüdischer Migranten aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion seit Ende der 1980er-Jahre. Bis 2015 kamen so über 200.000 Juden, die sogenannten Kontingentflüchtlinge, nach Deutschland. Weniger als die Hälf­ te von ihnen hat sich jedoch einer jüdi­ schen Gemeinde angeschlossen. 2018 zählte die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) 96.195 Mitglieder in den unter dem Dach des Zentralrats der Ju­ den in Deutschland zusammengeschlos­ senen jüdischen Gemeinden [3]. Dane­ ben leben heute etwa weitere 100.000 Ju­ den in Deutschland, die aus verschie­ densten Gründen keine Mitglieder einer jüdischen Gemeinde sind. Die wesentliche Besonderheit der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands ist, dass über 90% der heute in Deutsch­ land lebenden Juden beziehungsweise Menschen, die im Judentum ihre spiri­ tuelle, ethnische oder kulturelle Heimat sehen, einen postsowjetischen Migrati­ onshintergrund haben. Sie alle sind Überlebende der Schoah, Veteranen des Kampfes gegen das faschistische Deutschland oder deren Nachkommen. Generationenübergreifende Folgen komplexer Traumatisierungsprozesse, die auf Schoah, Kriegserfahrungen, Flucht, Migration und diverse politische und antisemitische Diskriminierungen in der Nachkriegszeit zurückzuführen sind, sowie unterschiedliche kulturelle und gesellschaftliche Sozialisierungen haben einen starken Einfluss auf ihre Lebensentwürfe und damit auf ihren Umgang mit Tod und Sterben – beson­ ders auf ihre Entscheidungen am Le­ bensende. Mitarbeiter von Palliative Care-Teams irritiert beispielsweise der regelmäßig formulierte Wunsch nach möglichst später oder auch ausbleibender Aufklä­ rung Schwerstkranker sowie das impe­ rative Festhalten an lebensverlängern­ den Maßnahmen – vor allem an intra­ venöser Flüssigkeitsgabe und parentera­ ler Ernährung – selbst wenn der Sterbeprozess ganz offensichtlich bereits eingesetzt hat. Dass ein Angehöriger nichts mehr zu essen und zu trinken be­ kommt, ist für jüdische Familien kaum auszuhalten und ruft furchtbare Assozi­ ationen mit dem grausamen Sterben in den Gettos und Konzentrationslagern hervor. Überhaupt erleben Schoahüber­ lebende und ihre Nachkommen den Verlust von Autonomie, zunehmende Hilflosigkeit und das Sterben von Ange­ hörigen als emotional extrem belastend und dies umso mehr, wenn es in Ein­ richtungen statt im Schutz der Familie geschieht [4, 5, 6]. Das vom Schöpfer geschenkte Leben stets retten und bewahren… Zusätzlich zu historisch-biografischen oder kulturanthropologischen Fakto­ ren können auch Denkweisen aus der religiösen Tradition des Judentums den Zugang zu Palliative Care und hospiz­ licher Begleitung erschweren. Im Ju­ dentum gilt das Leben als ein von Gott anvertrautes Gut, auf das der Mensch kei­ nen Besitzanspruch hat. Das Leben an sich ist von geradezu absolutemWert. Dies verpflichtet gläubige Juden, auf die Erhal­ tung ihrer Gesundheit zu achten und bei lebensbedrohlichen Erkrankungen vom Arzt jede nur denkbare lebens­ erhaltende Behandlung einzufordern. Da auch ein Leben von allerkürzester Dauer und mit gänzlich fehlender Le­ bensqualität als heilige Leihgabe Gottes gilt, wird jedes Tun oder Unterlassen, das einen rascheren Tod zur Absicht hat, im jüdischen Religionsgesetz als Mord angesehen. Im Schulchan Aruch, einer im orthodoxen Judentum bis heu­ te autoritativ gültigen Kodifizierung der Halacha, des jüdischen Religionge­ setzes, aus dem 16. Jahrhundert, heißt es: „Der Moribunde gilt als ein Leben­ der in jeglicher Hinsicht“ (Jore Dea, 399,1). Nach der traditionellen Lesart der Halacha sind aktive Sterbehilfe und assistierter Suizid grundsätzlich verbo­ ten. Dies gilt uneingeschränkt auch in nicht behandelbaren, weit fortgeschrit­ tenen und in absehbar kurzer Zeit unumkehrbar tödlich verlaufenden Krankheitsstadien. Diese fundamentale religiöse Ver­ pflichtung, Leben zu erhalten, erklärt die Skepsis, mit der streng gläubige Ju­ den der Palliativmedizin und Hospizen begegnen. Oft wird der Palliativmedizin Fatalismus und ein „zu frühes Aufgeben“ unterstellt. Gar nicht selten hört man die Sorge, dass dort Morphine und Benzo­ diazepine zu großzügig und in der be­ wussten Absicht eingesetzt würden, Le­ ben zu verkürzen. Viele Familien und von ihnen zurate gezogene Rabbiner „Der Moribunde gilt als ein Lebender in jeglicher Hinsicht“ Schulchan Aruch (Jore Dea, 399,1) Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 29

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