Schmerzmedizin 5 / 2019

misstrauen einer ärztlichen Begleitung, die sich nach ihrer Einschätzung aus- schließlich an der Autonomie des Indi- viduums und dem Selbstbestimmungs- recht als Abwehrrecht orientiert. Sie können sich nur schwer vorstellen, dass Ärzte im modernen Medizinbetrieb überhaupt dazu fähig sind, empathisch mit Sterbenden über deren bevorstehen- den Tod zu sprechen, ohne ihnen Le- benswillen, Zuversicht und Hoffnung zu nehmen. Dass das Zerstören von Hoff- nung mutmaßlich das Sterben beschleu- nigt, ist eine im Judentum häufig anzu- treffende Vorstellung [7, 8]. …das Sterben aber zulassen und nie künstlich in die Länge ziehen Bereits im Mittelalter und lange bevor die Medizin Sterbeprozesse so effektiv und künstlich in die Länge ziehen konn- te wie heute, machten sich Rabbiner Ge- danken darüber, ob das Gebot, Leben zu erhalten beziehungsweise zu verlängern, nicht auch falsch ausgelegt und befolgt werden könnte. In dieser frühen Futility-Diskussion wies der in Speyer geborene Rabbi Jehuda ben Samuel (1150–1217) darauf hin, dass man in der Nähe eines Sterbenden rhythmisch klopfende Ge- räusche zu vermeiden habe. Damals glaubte man, dass Geräusche, wie sie etwa beim Holzhacken entstehen, die Seele eines Sterbenden daran hindern könnten, den Körper zu verlassen. Um das unumkehrbar eingetretene Sterben als heiligen und natürlichen Prozess zu- zulassen, sollten gemäß jüdischer Tradi- tion Hindernisse beseitigt, also in die- sem Fall das Holzhacken untersagt wer- den. Ebenso war man damals davon über- zeugt, dass es den Sterbeprozess künst- lich in die Länge ziehen würde, einem Sterbenden Salzkristalle auf die Zunge zu legen. Dies wurde daher von den rab- binischen Autoritäten des Mittelalters bis in die frühe Neuzeit verboten und zudem betont, dass man nicht bloß das Salzauflegen unterlassen solle, sondern bereits aufgelegte Salzkristalle als beste- hende Sterbehindernisse sogar aktiv be- seitigen müsse [9, 10]. In der jüdischen Literatur sind zahllose Narrative, Kasu- istiken und Präzedenzfälle überliefert, in denen es stets um die Unterschei- dung geht, ob angewandte ärztliche oder pflegerische Maßnahmen in der konkreten Situation Leben retten und damit geboten sind, oder ob diese Maß- nahmen nur den Sterbeprozess künst- lich in die Länge ziehen und damit ver- boten sind. Heute lassen die Möglichkeiten der modernen Medizin ständig Situationen entstehen, in denen diese Unterschei- dung sehr schwierig ist. Gerade dann ist es wichtig, den medizinischen Sach- verhalt in halachisches Denken zu übersetzen und gemeinsam mit Kran- ken, ihren Familien und, wenn diesen die Übereinstimmung mit dem jüdi- schen Religionsgesetz wichtig ist, zu- sammen mit dem Rabbiner zu ausba- lancierten Entscheidungen zu kommen. Wichtig ist dabei stets die Klarstellung, dass die Palliativmedizin die gleiche le- bensbejahende Grundhaltung hat wie das Judentum. Die WHO-Definition von Palliativmedizin hält fest, dass das Sterben der natürliche Prozess am Ende des Lebens ist und dass ausdrücklich das Sterben weder beschleunigt noch künstlich in die Länge gezogen werden darf. Lebenszeit vor Lebensqualität? Zwar lehrt das Judentum durchaus theo- logische Kausalverbindungen zwischen Sünde und Leiden, doch erkennt es ganz überwiegend im Ertragen von Schmerz und Leiden keinen förderlichen Sinn oder Zweck. Leiden und Schmerzen müssen weder zur Läuterung ausgehal- ten werden noch gilt das Zulassen von Schmerz als erstrebenswertes Element religiöser Erfahrung, vielmehr muss er so gut wie möglich behandelt und gelin- dert werden. Der babylonische Talmud überliefert spätantike rabbinische Dis- kussionen über Lebensqualität und be- zeichnet einen Lebenszustand, der nur noch von Schmerz und Leid beherrscht wird, als „ein Leben, das kein Leben mehr ist“ (Babylonischer Talmud, Trak- tat Jom Tov, Fol. 32b). Dass Schmerzen und andere physische Leiden sowie spi- rituelle und psychische Nöte einem Ster- benden derart viel Lebensqualität neh- men können, dass er die letzten Tage oder Stunden seines Lebens als nicht mehr lebenswert empfindet, ist also der jüdischen Tradition nicht fremd. Im Zweifel und wenn abzuwägen ist, ob in der Lebensverlängerung oder der Le- bensqualität das vorrangigeTherapieziel zu sehen ist, werden gläubige Juden aber in erster Linie für das Leben und gegen die Priorität von Lebensqualität ent- scheiden. Selbst ein Leben mit größten Einschränkungen gilt schließlich als heilig. Wir können feststellen, dass Palliative Care grundsätzlich die religiösen Gebo- te des Judentums für die Begleitung Kranker und Sterbender erfüllt, denn das Ziel von Palliative Care ist es, „die bestmögliche Lebensqualität bis zum Tod zu bewahren“ und dabei, wie oben bereits erwähnt, das Sterben weder zu beschleunigen noch hinauszuzögern [11]. Auf jüdischer Seite gibt es trotzdem die große Sorge, dass man in unserer postmodernen Gesellschaft und in der heutigen Medizin stark dazu neigt, Le- bensqualität als das höhere Gut über den absoluten Wert des Lebens zu stellen. Entscheiden jüdische Patienten sich an- ders oder haben sie anders lautende Vo- rausverfügungen formuliert, so müssen wir dies als Realisierung ihrer authenti- schen Autonomie respektieren, auch wenn wir selbst und für uns in dieser Viele gläubige Juden fürchten, dass Substanzen wie Morphine zu großzügig eingesetzt werden und das Sterben damit beschleunigt wird. ©© S. Probst 30 Schmerzmedizin 2019; 35 (5) For tbildung Die Bedeutung von Leben und Tod im Judentum

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