Schmerzmedizin 4 / 2018

Schmerzmedizin 4 / 2018

schwerden ein. Von Epiktet (50–125 n. Chr.) ist dazu überliefert: „Nicht die Din- ge selbst, sondern unsere Vorstellungen und Bewertungen von den Dingen ma- chen uns glücklich oder unglücklich ...“ ( Abb. 2 ). Es ist daher wichtig, Patienten mit einer Neigung zur starken Verschmel­ zung mit negativen Gedanken bei der Differenzierung zwischen inneren Be­ wertungen und äußeren Fakten zu un­ terstützen. Der Vorgang einer solchen Trennung oder „Entschmelzung“ heißt Defusion. Über verschiedene Techniken zur achtsamen Wahrnehmung und Selbstbeobachtung können Schmerz­ patienten erfahrungsgemäß mit etwas Übung lernen, durch einen „Schritt zu­ rück“ aus dem Schmerz oder einer Emo­ tion herauszutreten und die Empfin­ dung zunächst einmal neutral wahrzu­ nehmen. Dabei geht es weder um deren Leugnung noch um Unterdrückung, sondern um das wachsame Wahrneh­ men in neutraler Haltung, ohne sich von seinen Bewertungen vereinnahmen zu lassen. Eine behutsame Distanzie­ rung schafft dabei die Voraussetzung für einen gedanklichen Perspektiv­ wechsel. Diese Form des emotionalen „Loslassens“ ermöglicht es, wieder Alternativen zu erkennen und dadurch Gestaltungsspielräume beziehungs­ weise Handlungsfreiheiten zurückzuge­ winnen. Tipp 2 Bitten Sie Ihren Patienten, gedanklich und emotional aus seinem Schmerz „herauszutreten“. Er soll diesen wie ein Bild an der Wand betrachten. Die Schmerzen werden auf diese Weise ex­ ternalisiert. Nun soll der Patient versu­ chen, seine Schmerzen zu visualisieren, ihm also eine Gestalt und ein Gesicht zu geben. Wichtig ist, dass er dabei ganz objektiv und neutral bleibt. Vielleicht gelingt es ihm sogar, seinem Schmerz einen Namen zu geben oder eine Funk­ tion zuzuteilen. Die therapeutische Er­ fahrung zeigt, dass der Schmerz wäh­ rend dieser Defusion oftmals bereits seinen Schrecken verliert. Was in Form eines Bildes an einer Wand hängt, schafft eine emotionale Distanz ( Abb. 3 ). Die wertfreie Betrachtung erlaubt es dann unter Umständen sogar, Zusam­ menhänge zu erkennen, die man in Angst oder Abwehr nicht wahrnehmen konnte. In einer anderen Externalisierungs­ übung soll sich der Patient vorstellen, dem Schmerz auf einem Stuhl gegenüber zu sitzen und mit ihm gemeinsam in eine Art Verhandlung zu kommen. Zur Verstärkung kann man die Imagination auch in Form eines klassischen Rollen­ spiels durchführen, in dem der Schmerz ein Hausbesetzer in den eigenen vier Wänden ist, den man nicht hinauswer­ fen kann. Dann beginnt ein regelrechter Dialog mit beispielsweise folgenden Dis­ kussionspunkten: Wie könnte ein fried­ liches Miteinander aussehen? Welchen Kompromiss kann man finden? Auf was will man künftig nicht mehr verzichten, trotz des unliebsamen Gastes im eigenen Haus? Neuorientierung Chronische Schmerzpatienten machen ihren Schmerz mitunter zum Mittel­ punkt ihres Lebens. Der Wunsch nach Erklärung, Beseitigung und Wiedergut­ machung ist dabei ein treibendes Motiv, der Aufwand hierzu verbraucht kostbare Energien. Patienten beginnen überdies während ihres Feldzuges gegen den Schmerz wichtige Dinge im Leben zu vermeiden und damit Kraftreserven auf­ zubrauchen. Wer sich aus Sorge vor einer Verletzung nicht mehr bewegt, dekondi­ tioniert sich, jede Anstrengung wird ir­ gendwann zur Qual. Wer sich aus Scham von seinen Mitmenschen zurückzieht, isoliert sich. Jedes negative Gefühl wirkt umso schwerer, wenn niemand (mehr) da ist, der es auffängt oder korrigiert. Die Kombination aus dem verbissenen Kampf gegen den Schmerz und der Ver­ nachlässigung wichtiger stärkender Res­ sourcen kann dazu führen, sich selbst zu verlieren. Eine Rückbesinnung auf das, was das eigene Leben lebenswert macht, gibt eine wichtige Orientierungshilfe. Jeder Mensch braucht eine Richtung, in der er sich vorwärtsbewegen möchte. Grund­ lage einer solchen individuellen Lebens­ orientierung sind die sogenannten Wer­ te. Gemeint sind keine Tugenden im en­ geren Sinne, sondern persönliche Inter­ essen, Stärken und attraktive Motive, die uns ganz besonders wichtig sind, uns antreiben und eine innere Zufrie­ denheit im Leben schenken, auch wenn die Lebensumstände widrig sind. Werteorientierung ist heutzutage zen­ traler Bestandteil vieler psychotherapeu­ tischer Interventionen. Menschen, die durch einen tragischen Verkehrsunfall querschnittsgelähmt sind, müssen sich auch im Laufe der psychischen Ausein­ andersetzung mit ihrem Schicksals­ schlag die Frage stellen, was sie tun kön­ nen, um trotz körperlicher Beeinträchti­ gung wieder ein erfülltes Leben zu füh­ ren. Auch wenn das Handicap des Gelähmtseins nachvollziehbar zunächst furchtbar sein mag, kann diese Trans­ formation im Laufe der Zeit gelingen. Es gibt viele querschnittsgelähmte Men­ schen, die sehr glücklich sind, weil sie es durch das Wiederentdecken eines sinn- und wertvollen Lebens wurden. Das Er­ spüren seiner eigenen Werte und die Selbstverpflichtung, nach ihnen zu le­ ben, ist ein wesentlicher Schritt beim Versuch, chronische Schmerzpatienten ins „Leben“ zurückzuholen. Tipp 3 Lassen Sie Ihren Patienten ein Bild zeichnen, eine Collage basteln oder eine Liste schreiben von den Dingen, die ihm in seinem Leben besonders wichtig sind, und die er (unabhängig von dem Vor­ Abb. 3 : Die distanzierte Wahrnehmung kann Ängste relativieren. ©© V. Busch For tbildung ACT und chronischer Schmerz 30 Schmerzmedizin 2018; 34 (4)

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