Schmerzmedizin 5 / 2019

Abwägung zu anderen Ergebnissen kommen würden. Therapien am Lebensende Weil all diese Sorgen nicht unbegründet sind und es sie auch außerhalb der jüdi- schen Welt gibt, hat man in den letzten Jahren ganz bewusst und konsequent die missverständlichen Begriffe „passive Sterbehilfe“ und „indirekte Sterbehilfe“ aufgegeben. Stattdessen spricht man heute vom „Sterbenlassen“ und von „Therapien am Lebensende“. Zum Sterbenlassen gehört unbedingt das oben erwähnte Entfernen von Ster- behindernissen, was seit jeher seinen le- gitimen Platz in der jüdischen Tradition hat. Der Begriff der „indirekten Sterbe- hilfe“ ist unterdessen verpönt und man will mit der neuen Bezeichnung „Thera- pien am Lebensende“ klarstellen, dass der Tod niemals und weder direkt noch indirekt Ziel einer palliativmedizini- schen oder hospizlichen Begleitung am Lebensende ist. Dass eine konsequente Schmerztherapie oder Behandlung qual- voller Luftnot mit Morphinen bezie- hungsweise Sedativa unbeabsichtigt ei- nen früheren Tod herbeiführen könnte, ist bei korrekter Anwendung der Medi- kamente zwar ein eher hypothetisches Risiko, aber es ist eben nie ganz auszu- schließen. Für die moralische und juris- tische Bewertung gilt dann jedoch die Absicht hinter dem Handeln, nämlich die Lebensqualität am Lebensende zu verbessern und auf keinen Fall dadurch das Sterben zu beschleunigen. Auch die religiösen Autoritäten des orthodoxen Judentums folgen dieser Argumentation und sehen in der Linderung von Leiden die Erfüllung einer so großen Mizwa (hebr. religiöse Pflicht), dass das Risiko eingegangen werden darf, damit unbe- absichtigt möglicherweise den Sterbe- prozess zu beschleunigen [12]. Dialog Es zeigt sich, wie wichtig die sensible kommunikative Begleitung innerhalb einer tragfähigen Beziehung zum Pati- enten und seinem Umfeld ist. Sehr oft suchen auch betont nicht religiöse jüdi- sche Familien in existenziell herausfor- dernden Situationen nach einem (religi- ös-)jüdischen Zugang und Halt bei schwierigen Entscheidungen am Le- bensende. Rabbiner und ehrenamtliche Helfer der sogenannten Bikkur-Cholim- Gruppen (Bikkur Cholim: hebr. Kran- kenbesuch) aus den jüdischen Gemein- den genießen viel Vertrauen und eine hohe Anerkennung, weil sie religiösen und altruistischen, nicht aber ökonomi- schen Motiven folgen. Da es große Unterschiede in den Vorstellungen von Gesundheit, Pflege und Krankheit zwischen den professionellen Akteuren im Gesundheitssystem und jüdischen Kranken und ihren Familien gibt, kön- nen diese ehrenamtliche Helfer wertvol- le Vermittler und „Kulturdolmetscher“ innerhalb des heute immer wichtiger werdenden Diversity-Managements sein. Sie kennen und verstehen die Kranken oft besser als die professionellen Helfer – schließlich haben sie die gleiche Soziali- sation erfahren, haben ähnliche Patch- work-Identitäten, kennen unter Umstän- den die Biografien und Lebensentwürfe viel besser, sprechen die gleiche Sprache, wissen um die speziellen Bedürfnisse und haben die gleiche spirituelle Heimat. Rabbiner und Bikkur-Cholim-Gruppen sollten daher von der professionellen Be- gleitung unbedingt wahrgenommen und in das multiprofessionelle Team in- tegriert werden [7, 13]. Dr. med. Stephan M. Probst Klinikum Bielefeld Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin Teutoburger Straße 50 33604 Bielefeld E-Mail: stephan.probst@ klinikumbielefeld.de Literatur 1. Rosenfield G. Germany. in: Schneiderman H, Maller JB, Fine M (Hrsg.). The American Jewish Year Book 5707 (1946-47). Vol. 48. Philadelphia: The Jewish Publication Society; 1946 2. Arnsberg G. Wer sind wir? 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