Schmerzmedizin 3 / 2019

Kommentar zur Umsetzung evidenzbasierter Medizin in der Praxis Wie David Sacketts Konzept gekapert wurde Evidenzbasierte Medizin soll auf den drei Grundpfeilern Patienten- wunsch, interne Evidenz und externe Evidenz basieren. Mittlerweile scheinen aber die Ergebnisse aus klinischen Studien bei der Therapie- entscheidung an Bedeutung zu gewinnen. Inwiefern passt das noch zur Grundidee Sacketts? S ie alle kennen die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern, die der dänische Schriftsteller Hans Chris­ tian Andersen 1837 veröffentlichte: Es war einmal ein eitler Kaiser, dessen ein­ ziges Bestreben darin lag, sich seinem Volk in immer prächtigeren Gewändern zu zeigen und der eines Tages zwei ziem­ lich cleveren Trickbetrügern auf den Leim ging. Diese versprachen ihm (na­ türlich für viel Geld) Kleider, die von Menschen, die dumm oder nicht gut ge­ nug für ihr jeweiliges Amt sind (heute würde man wohl eher von Job sprechen), nicht gesehen werden können. Der Kai­ ser verzockte nicht nur das gesamte Geld seines Hofstaates, sondern erhöhte auch noch die Steuern, um noch mehr Geld in eine absurde Idee zu investieren, die nie­ mand wirklich sehen konnte. Aber kei­ ner (er selbst eingeschlossen) wollte zu­ geben, dass er von dem, was ihm da so großspurig versprochen worden war, nichts sah. So zog der Kaiser seine vermeintlich schicken – nur eben leider weder sicht­ baren noch fühlbaren, geschweige denn existenten – Kleider an und offenbarte sich so während einer großen Prozessi­ on seinem Volk. Die Untertanen wuss­ ten natürlich um die besondere Eigen­ schaft des Kaisers neuer Kleider und so waren sie – angesichts ihrer Unfähigkeit zur Wahrnehmung der eigenen Unzu­ länglichkeit bewusst geworden – der scheinbaren Pracht der neuen Prunkge­ wänder mehr als zugänglich und beju­ belten mit tosendem Applaus die neue Herrlichkeit. Und wahrscheinlich wür­ den sie auch heute noch jubeln, wenn da nicht ein kleines Kind gewesen wäre, das – offenkundig in Unkenntnis der ver­ trackten Kombination aus sensorischen Wahrnehmungsdefiziten und kogniti­ vem Leistungsvermögen – aussprach, was doch alle vor Augen hatten: „Aber er hat ja gar nichts an!“ Und mit einem Mal begannen sich auch alle anderen und sogar der Kaiser selbst zu wundern und merkten, welch geschicktem Kom­ plott sie aufgesessen waren. Was bitte schön soll ein Märchen in der Zeitschrift einer schmerzmedizini­ schen Versorgergesellschaft, werden sich jetzt viele Leser fragen? Sie auch? Nun, Märchen wurden nicht nur erzählt, um Kinder in den Schlaf zu wiegen oder (mangels elektronischer Ablenkung) die langen Abende an Lagerfeuer oder Ka­ min zu verkürzen, sondern auch um auf­ merksam zu machen, Hintergründe zu beleuchten und wichtige Botschaften zu vermitteln. Und auch, wenn der Umfang derartiger Aktivitäten im Zeitalter von Twitter auf maximal 280 Zeichen limi­ tiert ist und wir uns angewöhnt haben, nur noch in Schlagzeilen zu denken und fettgedruckte Überschriften zu lesen, hat doch das eine oder andere Märchen nichts an Aktualität verloren und kann uns auch heute noch die Augen öffnen und unseren Blick auf Dinge/Entwick­ lungen lenken, die uns ohne die mär­ chenhafte Bloßstellung ganz normal er­ scheinen – vorausgesetzt natürlich, wir sind noch in der Lage, es zu lesen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber irgendwie hat man bei solchen Märchen immer das Gefühl, dass man selbst ge­ gen das, was da so erzählt wird, gefeit ist. Dass es doch immer die anderen betrifft und man selbst dank Weitblick, Lebens­ erfahrung und Wissen immun ist gegen die Manipulationen interessierter Krei­ se. Aber ist dem wirklich so? Die Märchen von heute Lassen Sie uns einfach, bezugnehmend auf das vorgenannte Märchen, das Gan­ ze am Beispiel der evidenzbasierten Me­ dizin (EbM) durchdenken. Der Kaiser ist in diesem Fall unser Gesundheitssys­ tem. Die prächtigen Kleider sind die ver­ schiedenen Konzepte, um die Versor­ gung zu verbessern und die Kosten ge­ ring zu halten. Die beiden Trickbetrüger sind die Krankenkassen und die Idee der unsichtbaren Kleider ist das von den Krankenkassen in ihrem Sinne manipu­ lierte Konzept der EbM. Das staunende Volk ist das Kollektiv der Ärzte, das – ge­ blendet von der glänzenden Hülle und der grundsätzlich guten Idee der von David Sackett mitbegründeten EbM – voller Erstaunen mitmacht und ange­ sichts der breiten politischen Zustim­ mung und der Wortgewalt der Unter­ stützer gar nicht auf die Idee kommt, Sinn und Nutzen der Umsetzung kri­ tisch zu hinterfragen. Und das kleine Kind schließlich, das ist der Whistle­ blower, der Einzelne oder die (meist klei­ ne) Gruppe der Erkennenden, der/die kritisch hinterfragen, was da so passiert und ob das wirklich noch mit dem ur­ sprünglichen EbM-Konzept Sacketts in Einklang steht. Wächst in Ihnen lang­ sam das Unbehagen und fragen Sie sich gerade, welche Rolle Sie in diesem Ge­ dankenspiel übernehmen (könnten)? Sacketts Grundidee ist gut und beste­ chend einfach. Die Versorgung von Pa­ DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 36 Schmerzmedizin 2019; 35 (3)

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