Schmerzmedizin 5 / 2019

sitzungen aus und stimmen die Thera­ pie ab. Innerhalb dieses Konzeptes fin­ den auch naturheilkundliche und ande­ re integrative Ansätze ihren Platz. Sie werden von Patienten in der Regel gut angenommen und häufig sogar einge­ fordert. Ein besonders wichtiger Unterschied zwischen der Akutschmerztherapie und der Therapie chronischer Schmerzen ist der Stellenwert der Selbsthilfe. Das be­ deutet auch eine Abnabelung des Patien­ ten vomTherapeuten als alleinigemHel­ fer hin zur Eigenverantwortung und Selbstkontrolle der eigenen Schmerz­ erkrankung. In diesem Rahmen spielen – eine entsprechend intensive Anleitung vorausgesetzt – selbständig durchführ­ bare Therapieverfahren eine zentrale Rolle, beispielsweise ein physiotherapeu­ tisches Heimübungsprogramm, klassi­ sche Entspannungsverfahren, Akupres­ sur oder auch Qigong und Yoga. Zudem helfen achtsamkeitsbasierte Bewegungs­ verfahren (zu denen Qigong zählt) das bei chronischen Schmerzkranken häufig gestörte Gefühl für den eigenen Körper zu korrigieren. Qigong in der traditionellen chinesischen Medizin Qigong bedeutet übersetzt „Arbeit/Um­ gang mit dem Qi“. Qi ist ein schwer übersetzbarer Begriff aus der traditio­ nellen chinesischen Medizin (TCM) und Philosophie und kann am ehesten noch mit „Lebenskraft“ umschrieben werden. Es steht für eine nicht stoffliche Energie, die imVerständnis der chinesischen Me­ dizin im Körper in Leitbahnen, häufig auch missverständlich als „Meridiane“ bezeichnet, fließt. Steht dieses Qi nicht in ausreichender Menge zur Verfügung, oder kann es nicht frei in den Leitbah­ nen fließen, erkrankt der Mensch. Qi­ gong ist damit ein moderner Oberbegriff für alle Übungen, mit denen der Üben­ de das Qi im eigenen Körper selbst be­ einflussen kann. Dabei kommen be­ stimmte Körperhaltungen, Bewegungen, Atemtechniken sowie meditative Kon­ zentration zur Anwendung. Innerhalb der TCM ist Qigong eine der fünf Säulen der Therapie: Dazu zäh­ len neben Akupunktur, der hierzulande bekanntesten Therapieform, auch Arz­ neitherapie, Tuina (etwa vergleichbar mit manueller Therapie) sowie Diätetik. Während Akupunktur längst auch im Westen als anerkanntes Therapieverfah­ ren, besonders in der Behandlung von Schmerzen des Bewegungsapparates, gilt, sind die übrigen therapeutischen Verfahren hauptsächlich in ostasiati­ schen Ländern etabliert. Diätetik und Qigong sind dabei auch heute noch fes­ ter Bestandteil der alltäglichen Lebens­ führung in Teilen der chinesische Bevöl­ kerung. Sie spielen besonders in der Ge­ sunderhaltung, also in der Prävention von Erkrankungen, eine entscheidende Rolle, eignen sich aber auch als thera­ peutisches Verfahren. Von Yangsheng zu Qigong Die heute unter dem Begriff Qigong sub­ summierten Übungen in Ruhe und Be­ wegung haben sich über Jahrhunderte aus der sogenannten Lebenspflege („yangsheng“) entwickelt. Der Begriff „Qigong“ selbst ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Unter dem kommunisti­ schen Regime galten viele alte Methoden als religiöser Aberglaube. Dennoch konnten sich in den 1950er-Jahren bei­ spielsweise unter Dr. Liu Guizhen im chinesischen Beidaihe und Tangshan erste Qigong-Kliniken mit zunehmen­ dem Erfolg etablieren. Während der Kulturrevolution wurde jedoch jegliches Praktizieren von TCM verboten. Erst seit den 1980er-Jahren wurden die viel­ fältigen Qigong-Methoden wieder zu­ nehmend populär und werden seit An­ fang des 21. Jahrhunderts auch in klini­ schen Studien immer intensiver erforscht. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich hunderte unterschiedliche Stilrichtun­ gen und Übungsformen mit vielen Vari­ ationen entwickelt. Neben Übungen zur Gesunderhaltung undTherapie, dem so­ genannten weichen Qigong, wurden Qi­ gong-Methoden auch in verschiedenen philosophischen und religiösen Strö­ mungen wie dem Daoismus, Buddhis­ mus und Konfuzianismus praktiziert [6]. Unterschiede zwischen Tai-Chi- Chuan und Qigong Fälschlicherweise werden die Begriffe Tai-Chi-Chuan und Qigong oft syno­ nym verwendet. Zwar gibt es Über­ schneidungen und Schnittmengen, die auf den gemeinsamen Ursprung in den Übungen zur Lebenspflege („yang­ sheng“) zurückzuführen sind. Tai-Chi- Chuan gehört aber wegen seines auf Selbstverteidigung basierenden Ur­ sprungs zu den asiatischen Kampfküns­ ten, also eher zum „harten Qigong“. Un­ ter dem kommunistischen Regime wur­ de Tai-Chi zu einer Art Volks- und Schulsport mit sehr festen Regeln. Da­ durch sind schon seit Jahren nationale und internationale Tai-Chi-Meister­ schaften möglich. „Weiches“, also medi­ zinisches Qigong, ist einfacher zu erler­ nen, aber auch hier gibt es teilweise sehr komplexe, koordinativ anspruchsvolle Übungen. Häufig existieren verschiede­ ne Variationen zu einer Übung. Eine korrekte Ausführung ist zwar auch hier wichtig, imVordergrund steht aber, dass die Übungen schmerzfrei ausgeübt wer­ den. Es gibt daher im medizinischen Qi­ gong nur Vorschläge, jedoch keine Vor­ schriften bezüglich der zu erreichenden Endpositionen. Prinzipien des Qigong Arbeiten oder Üben mit demQi, also Qi­ gong, führt zunächst zumWahrnehmen des Qi und seiner gleichmäßigen und fließenden Verteilung im gesamten Kör­ per. Im Verständnis der TCM wird hin­ ter dem Symptom „Schmerz“ eine Stag­ nation des Qi in den Leitbahnen vermu­ tet. Die „Arbeit mit dem Qi“ kann entsprechende Blockaden auflösen, das freie Qi zum Fließen bringen und auf diese Weise Schmerzen behandeln [7]. Es gibt Qigong-Übungen im Liegen, Sitzen, Stehen und Gehen. In der Regel beginnt der Anfänger mit Übungen in Bewegung, die sich dann zu Übungen in Ruhepositionen ausweiten lassen. „Qi­ gong in Ruhe“ wird als meditatives Ver­ fahren ausgeübt, äußerlich herrscht Ruhe, aber innerlich besteht Bewegung und Zirkulation. Jede Qigong-Übung beinhaltet die drei Mittel Körperhaltung und Körperbewegung, Atmung und die „innere Vorstellungskraft“. Qigong-Übungen in Bewegung sind natürlich und weich fließend. Der Bewe­ gungsablauf entspricht leichten Deh­ nungen des Bewegungsapparates, die die Beweglichkeit verbessern. Dabei sind die Übungen in der Regel Vorbil­ dern aus der Natur mit starker Symbol­ Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 33

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