Schmerzmedizin 5 / 2019

kraft nachempfunden, zum Beispiel die „Kranichübung“ oder das „Spiel der fünf Tiere“. Das Nachahmen typischer Bewe- gungsmuster, etwa dem Tanz des Kra- nichs, soll die dem jeweiligen Tier zuge- sprochenen Eigenschaften (Weisheit, langes Leben oder auch Stärke, Kraft, Schnelligkeit) auf den Übenden über- tragen [8]. Die Bewegungen werden in der Vorstellung wie gegen sanften Wi- derstand ausgeführt, als ob man sich durch Wasser bewegt. Dies hilft bei der Fokussierung auf die bewegten Körper- areale und verhindert eine Fehl- und Überlastung. Die Atmung soll währenddessen zu- nächst natürlich sein; sie ist wie die zur Übung gehörende Körperbewegung sanft, langsam und tief. Mit der Vorstel- lungskraft sollte die Atmung zum soge- nannten Dantian („Zinnoberfeld“, in etwa im Körperzentrum/Unterbauch) gelenkt werden, wodurch sich eine tiefe Bauchatmung entwickelt. Nicht zuletzt spielt die Vorstellungs- kraft (yi) eine führende Rolle in der Qi- gong-Übung: Neben dem Lenken der Vorstellungskraft auf bestimmte Kör- perregionen zählt hierzu auch das Be- trachten realer Gegenstände zur Beruhi- gung des Geistes, das Sich-Vorstellen be- stimmter Bilder wie Berge, Kiefern, Seen oder Tiere oder das Konzentrieren auf bestimmte Begriffe wie Ruhe, Stille oder Entspannung. Diese besondere Bedeu- tung der geistig-psychischen Verfassung in Form der Vorstellungskraft unter- scheidet Qigong besonders von anderen Bewegungsformen. Auch Selbstmassagen kommen vor oder nach dem Praktizieren zu Anwen- dung. Es handelt sich dabei um einfache, häufig auch intuitiv angewendete Hand- griffe, die mit dem Reiben der schmer- zenden, verspannten Körperarealen Er- wärmung erzeugen und zur verbesser- ten Haut- und Weichteildurchblutung führt. Auch die großflächige Behand- lung von Akupunkturpunkten wie bei der Selbstmassage von paravertebraler lumbaler Muskulatur kommt dabei zur Anwendung. Zusätzlich können vor den Qigong-Übungen bestimmte Akupres- surpunkte massiert werden, um die spe- zifische Wirkung zu verstärken. Die Selbstmassage sollte nicht unterschätzt werden – sie kann durch rasche Schmerzreduktion das Selbstwirksam- keitserleben steigern. Studienlage Generell sieht man sich bei der Suche nach Studien als wissenschaftlich akzep- tierter Beleg für die Wirksamkeit eines Verfahrens gerade bei meditativen Bewe- gungstherapien mit verschiedensten Problemen konfrontiert: So erfolgt die Anleitung nicht immer durch einen aus- gebildeten Qigong-Therapeuten, die Fallzahlen sind oft klein und die Ver- gleichsverfahren wenig geeignet. Immerhin wurde Qigong bereits als wirksame Therapieform in wissen- schaftlich basierte Therapieleitlinien aufgenommen. Als sogenannte medita- tive Bewegungsform wird die Anwen- dung von Qigong neben Tai-Chi und Yoga beispielsweise in der Therapie der Fibromyalgie explizit empfohlen (Evi- denzgrad 1a) [9]. Überhaupt finden sich viele positive Studienergebnisse für die Anwendung von Qigong bei Fibromy­ algie [10, 11, 12, 13]. Auch Studien bei Patienten mit Spannungskopfschmerz oder Migräne ergaben mit Qigong eine Reduktion der Schmerztage [14]. Nicht nur zu Schmerzen, auch zu anderen Erkrankungen wurden Studi- en mit Qigong durchgeführt, in denen sich unter anderem positive Effekte bei der Kräftigung des Bewegungsappara- tes sowie der Stressreduktion zeigten [15, 16, 17]. Wirkung von Qigong aus Sicht der westlichen Schulmedizin Qigong-Übungen halten auch einer kri- tischen Beurteilung aus westlichem Blickwinkel stand, so spricht etwa die Übung „Stehen wie eine Kiefer“ viele in der Rückenschmerztherapie wichtige Aspekte an [18]. Diese Übung wird in Ruhe stehend ausgeführt und schritt- weise von unten nach oben aufgebaut: Die Füße werden hüftbreit positioniert; die Fußinnenseiten stehen parallel zu- einander; das Körpergewicht wird auf beide Füße gleichmäßig verteilt, darauf achtend, dass fester Druck auf Ferse und Ballen ausgeübt wird. Richtig aus- geführt, wird damit das Fußgewölbe aufgebaut und Fehlbelastungen werden vermieden. Dann werden die Knie leicht gebeugt („kraftvolles Stehen“) und das Becken aufgerichtet. Damit wird eine Hyperlordose in der Lenden- wirbelsäule vermieden beziehungswei- se korrigiert, der Druck auf die lumba- len Facettengelenke nimmt ab. Außer- dem kann sich der Übende vorstellen, dass alle unteren Körperöffnungen ver- schlossen sind, wodurch der Beckenbo- den angesteuert und angespannt wird. Die Haltung wird nach kranial ergänzt durch das Zurücknehmen des Kopfes mit der Vorstellung, dass der höchste Punkt des Körpers der Scheitelpunkt ist (Akupunkturpunkt Rg20). So korri- giert sich die bei viel sitzenden Men- schen auftretende Ventralpositionie- rung des Kopfes, der Nacken entspannt sich und Muskelverkürzungen durch Fehlhaltungen wird vorgebeugt. Der Blick ist geradeaus und nicht fokussiert, dadurch können sich Augen- und Gesichtsmuskulatur entspannen. Bei dieser Kopfhaltung wurde in Untersu- chungen auch die beste Hirndurch©© kjohansen / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell) Viele Qigong-Übungen können im Stehen oder Sitzen ausgeübt werden. Das macht sie auch für ältere Menschen praktikabel. For tbildung Qigong in der multimodalen Schmerztherapie 34 Schmerzmedizin 2019; 35 (5)

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