Schmerzmedizin 6 / 2018

näle beteiligt sein können [5]. Problema- tisch wird es, wenn Menschen keine Verbalsprache besitzen und auch in ihren mimischen und gestischen Möglichkeiten eingeschränkt sind, zum Beispiel Men- schen mit ICP. Auch biografische Erfah- rungen, die viele Menschen mit geistiger Behinderung hinnehmen mussten – wie das Ignorieren oder Sanktionieren von Schmerzverhalten sowie traumatisch er- lebte Krankenhausaufenthalte – können Ausdrucksformen von Schmerzen verän- dern, sodass sich diese völlig unerwartet beispielsweise im totalen Rückzug oder auch in selbst- oder fremdverletzendem Verhalten zeigen. Ob ein Schmerzausdruck eines Men- schen mit geistiger Behinderung auch als Schmerzausdruck wahrgenommen wird, hängt mit Menschenbildannah- men und Vorurteilen zusammen – etwa der Annahme einer verminderten Schmerzwahrnehmung, die leider im- mer noch sowohl in medizinisch-pflege- rischen als auch pädagogischen Kontex- ten kursiert. Einfluss auf die Entschlüs- selung einer Schmerzbotschaft durch Bezugspersonen hat auch deren Vorwis- sen zu schmerzverursachenden Krank- heiten bei bestimmten Syndromen beziehungsweise ihre Kenntnis der indi- viduellen Krankengeschichte und der biografischen Erfahrungen des Patien- ten. Auch die Schmerzgeschichte der Be- zugspersonen selber und ihre Einstel- lung zu Schmerzen spielen eine große Rolle dabei, ob eine Schmerzäußerung wahr- und ernstgenommen wird. Wahrnehmung von Schmerzen bei Menschen mit geistiger Behinderung Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass (schwere) Erkrankungen und damit verbundene Schmerzen sowie das Ein- treten in eine palliative Situation bei Menschen mit geistiger Behinderung sehr verspätet erkannt und auch wesent- lich schlechter behandelt werden [6, 7]. Einige der hier zitierten Ergebnisse stammen aus einer groß angelegten Un- tersuchung des Caritasverbandes Augs- burg zur hospizlichen und palliativen Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung von 2011. Während in der Gesamtbevölkerung etwas mehr als 50% der Krebspatienten 5 Jahre nach Diag- nosestellung überleben, wurde nur für 19% der Menschen mit geistiger Behin- derung ein 2-jähriges Überleben nach der Krebsdiagnose festgestellt [8]. Ebenfalls zeigte sich, dass die durch die Mitarbeiter in Wohnheimen wahr- genommenen Schmerzen in keinemVer- hältnis zu den Schmerzen stehen, die aufgrund der in den medizinischen Gut- achten aufgeführten, schwerwiegenden chronischen Erkrankungen sowie der Altersstruktur zu vermuten sind. Bei 420 Bewohnern, die angeblich keine Schmer- zen hatten, wurden im Gutachten Spas- tizität, Erkrankungen des Bewegungsap- parates, Osteoporose und weitere chro- nische Erkrankungen beschrieben, von denen man weiß, dass sie mit Schmerzen einhergehen [8]. Abb. 1 : Zu Beginn des Schmerzfragebogens in Leichter Sprache wird die Handhabung der Skalen genau erklärt. Abb. 2 : Zeitangaben sind verständlich erklärt und auf das Wesentliche reduziert. Die Farben in dem Bild haben eine Bedeutung: Grün bedeutet: mir geht es gut Oder auch: ich kann etwas gut Gelb bedeutet: mir geht es mittel Oder auch: ich kann etwas mittelgut Rot bedeutet: mir geht es schlecht Oder auch: ich kann etwas gar nicht Die Zahlen haben auch eine Bedeutung: Je größer die Zahlen werden, um so schlechter geht es Ihnen. Wenn im Fragebogen diese Bilder kommen: Machen Sie im Bild ein Kreuz in ein Kästchen so, dass es für Sie stimmt. Hier ist ein Beispiel: Es gibt noch etwas Wichtiges zu sagen: Im Fragebogen sind Bilder zu sehen. Die Bilder sehen so aus: Wie oft haben Sie Schmerzen? selten: das heißt ungefähr einmal im Monat manchmal: das heißt ein Mal in der Woche oft: das heißt zwei bis drei Mal in der Woche immer: das heißt jeden Tag dauernd: das heißt die Schmerzen hören nie auf Wann hat Ihr Schmerz angefangen? Zum Beispiel: im letzten Jahr im letzten Monat in der letztenWoche gestern zu einer anderen Zeit: _________________________________________ __________________________________________ __________________________________________ Universität Leipzig Universität Leipzig Schmerzmedizin 2018; 34 (6) 35

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