Schmerzmedizin 6 / 2018

Hilfsmittel zur Schmerzerkennung Für eine differenzierte Schmerzanamne- se gilt die Selbstauskunft als Goldstan- dard – also das, was der betroffene Mensch über seinen Schmerz, insbeson- dere über dessen Stärke, Lokalisation und sensorische Eigenschaften, aussagt. Für die Selbstauskunft werden übli- cherweise die verschiedenen standardi- sierten Rating-Skalen (Visuelle Analog- Skala, VAS; die Numerische Rating-Ska- la, NRS; im Kinderbereich die Smiley- Skala, SAS) verwendet, die vor allem die unterschiedlichen Schmerzstärken be- trachten. Über mehrdimensionale Fra- gebögen erhält man weiterreichende Aussagen über die verschiedenen physi- schen, psychischen und sozialen Dimen- sionen des Schmerzes und deren Aus- wirkung auf Alltagsaktivitäten, was vor allem bei der Diagnostik chronischer Schmerzen von Bedeutung ist. In der Praxis wird häufig der „Deut- sche Schmerzfragebogen“ der DGSS ver- wendet, der allerdings in seinen Formu- lierungen vielschichtig und komplex und somit für die meisten Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht geeig- net ist. Viele Menschen dieser Personen- gruppe verfügen aber über grundlegen- de Fertigkeiten in den Kulturtechniken Lesen und Schreiben und können mit besonders aufbereiteten Texten, der so- genannten Leichten Sprache, umgehen. Leichte Sprache Leichte Sprache ist eine speziell geregel- te sprachliche Ausdrucksweise des Deut- schen, die auf besonders leichte Ver- ständlichkeit abzielt. Das Regelwerk wird von dem seit 2006 bestehenden Netzwerk Leichte Sprache e. V. heraus- gegeben. Es umfasst Sprach- und Recht- schreibregeln sowie Empfehlungen zu Typografie und Mediengebrauch. Die Leichte Sprache soll Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringe Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen, das Verstehen von Texten erleichtern. Sie dient damit auch der Barrierefreiheit (s. Kasten). Die Qualität der Übersetzung wird durch „PrüferInnen für Leichte Sprache“ kontrolliert. Bei ihnen handelt es sich um Menschen mit geistiger (und mehr- facher) Behinderung, die üblicherweise einem Büro für Leichte Sprache ange- gliedert sind. Für den hier erarbeiteten Schmerzfragebogen waren das die Prü- fer des Vereins „Leben mit Handicaps – Verein zur Förderung der Arbeit mit chronisch kranken und behinderten Menschen e.V. Leipzig“. Weitere Ziel- gruppen, für die der Fragebogen geeig- net sein könnte, sind Menschen mit de- menziellen Erkrankungen oder Men- schen mit Migrationshintergrund. Für Menschen mit (starken) Ein- schränkungen in der Sprach- und Kom- munikationsfähigkeit, wie Säuglinge und Kleinkinder, Menschen mit De- menz, Menschen im Wachkoma oder Menschen mit (schwerer) geistiger Be- hinderung, existieren verschiedene stan- dardisierte Beobachtungsbögen wie die EDAAP-Schmerzskala [3], die BESD- Skala [10] oder die BISAD-Skala [11]. Bei einer Fremdeinschätzung wird – im Ge- gensatz zur Selbstauskunft – das Schmerzverhalten einer Person beob- achtet und beurteilt. Der Schmerzfragebogen in Leichter Sprache Im Schmerzfragebogen in Leichter Spra- che wird sowohl bei der Frage nach der Schmerzstärke als auch bei den Fragen nach dem Einfluss von Schmerzen auf Alltagshandlungen mit gleichen Skalen und mit entsprechenden Farben gearbei- tet. Im Vorfeld wird die Handhabung dieser Skalen sehr konkret erklärt ( Abb. 1 ). Zeitangaben sind für viele Menschen mit einer geistigen Behinderung schwer verständlich. Deshalb werden bei der Frage nach den Häufigkeiten von Schmerzen nur fünf Antwortmöglich- keiten vorgegeben (im Deutschen Schmerzfragebogen sind es sieben), die zusätzlich in ihrer Bedeutung erklärt werden ( Abb. 2 ). Ebenso wurde auch die Anzahl der Antwortmöglichkeiten bei der Frage nach dem Beginn von Schmerzzuständen reduziert ( Abb. 2 ). Eine besondere Herausforderung bil- dete die Frage nach den Schmerzquali- täten. Die Autoren entschieden sich, hier nicht mit Bildern oder Symbolen zu ar- beiten, und verwendeten ähnliche sprachliche Bilder wie im Deutschen Schmerzfragebogen für Kinder und Ju- gendliche des Deutschen Kinder- schmerzzentrums Datteln. Bilder und Symbole können zwar auch hilfreich sein und werden oft zusammen mit Abb. 3 : Die Schmerzqualität wird mittels Sprachbildern abgefragt. Auf Bilder und Symbole wurde bewusst verzichtet, um die Patienten nicht abzulenken oder zu verwirren. Abb. 4 : Neben dem Schmerz selber werden auch schmerzbegleitende Symptome abgefragt. Wie fühlt sich Ihr Schmerz an? Der Schmerz ist ganz tief in mir drin. Und er drückt ganz fest. (dumpf) Der Schmerz sticht, wie mit einer Nadel. Der Schmerz brennt, wie wenn man Feuer oder Brennnesseln berührt. Der Schmerz ist wie ein Krampf. Alles zieht sich zusammen. Der Schmerz pocht wie mein Herz. Und als wenn jemand mit einem Hammer haut. Der Schmerz kommt ganz schnell und fest. Wie wenn es schießt. Wie fühlt sich Ihr Körper an, wenn Sie Schmerzen haben? Können Sie schlecht atmen? Ja Nein Ist Ihr Mund trocken? Ja Nein Zittern Sie? Ja Nein Sind Sie müde? Ja Nein Stört Sie helles Licht? Ja Nein Ist Ihnen schlecht? Ja Nein Müssen Sie sehr oft auf die Toilette? Ja Nein Ist ihre Haut an einer Stelle oder an vielen Stellen rot? Ja Nein Ist ihre Haut an einer Stelle oder an vielen Stellen dick? Ja Nein Universität Leipzig Universität Leipzig For tbildung Schmerzfragebogen in Leichter Sprache 36 Schmerzmedizin 2018; 34 (6)

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