Schmerzmedizin 5 / 2019

blutung nachgewiesen [19]. Im chinesi- schen Verständnis steht die Kiefer üb- rigens für Lebenskraft, Langlebigkeit und Widerstandskraft. Die weich fließende und tiefe Atmung, die alle Qigong-Übungen begleiten und in der Vorstellungskraft zur Körpermit- te gelenkt werden soll, entspricht in der westlichen Medizin einer tiefen Bauch- atmung. Diese erweitert die Lungen­ kapazität, verbessert die Zwerchfellbe- weglichkeit und führt zur Senkung des Sympathikotonus. Das Arbeiten mit der inneren Vorstel- lungskraft ähnelt den in der westlichen Psychotherapie angewendeten Imagina- tionstechniken, die auch bewusst zur Schmerzmodulation eingesetzt werden können (z. B. Lenken von Wärme oder Kühle an betroffene Körperregionen). Auch das Richten der Aufmerksamkeit auf reale Dinge wie Gegenstände im Raum, bevorzugt Kunstgegenstände wie Gemälde oder Vasen, aber auch auf Landschaftsmerkmale wie Bäume, Blu- men oder Seen ist eine Technik, die als psychotherapeutisches Verfahren in der Akuttherapie eines Angst- oder Panik- anfalls benutzt wird. Welche Patienten profitieren besonders von Qigong? Nahezu alle Schmerzpatienten können Qigong ausführen. Besonders profitie- ren können Patienten, die Schwierigkei- ten mit klassischen Entspannungsver- fahren haben, beispielsweise Trauma­ patienten. Vorteile von Qigong gegenüber ande- ren achtsamkeitsbasierten/meditativen Bewegungsformen wie Yoga ist die ste- hende oder sitzende Haltung, die prob- lemlos auch von älteren Patienten oder Patienten mit Schmerzen in den oberen Extremitäten (z. B. bei CRPS) eingenom- men werden kann, während Yoga-typi- sche Haltungen mit Abstützen der Hän- de (z. B. beim herabschauenden Hund) in der Regel Schmerzen verursachen können. Gerade die Betonung einer schmerzfreien Ausführung der Übung mit entsprechender Anpassung des Be- wegungsradius im Schultergelenk ist gut möglich. Umgekehrt gibt es für Patienten, die wegen allgemeiner Schwäche oder Schmerzen nicht oder nicht lange Ste- hen können, auch eine Reihe von be- währten Übungen im Sitzen, beispiels- weise die „Acht Brokate“. Grundsätzlich können aber viele Übungen so abgewan- delt werden, dass sie problemlos und wirksam auch im Sitzen ausgeübt wer- den können. In der Schmerztherapie kann Qigong dadurch einTherapieverfahren sein, das nicht nur die Beweglichkeit verbessert und zu einer Schmerzreduktion führt, sondern auch das psychische Wohlbefin- den verbessert. Anhaltende Schmerzen führen schließlich zu einer erheblichen Stressantwort des Körpers im Sinne ei- nes erhöhten Sympathikotonus. Hier sollen Entspannungsverfahren wie auto- genes Training und progressive Muskel- relaxation nach Jacobson ansetzen, die zu einer Senkung des Sympathikotonus und Stimulation des Parasympathikus sowie zu einer Senkung des Muskel­ tonus führen. Durch die Möglichkeit, die Übungen nach dem korrekten Erlernen auch selb- ständig durchführen zu können, wird das Vertrauen in die Selbstwirksamkeit und die von vielen Schmerzpatienten verloren gegangen geglaubte Kontrolle über den eigenen Zustand zurückge­ geben. Fazit Die Integration von Qigong in multimo- dale Schmerztherapiekonzepte kann somit eine wertvollen Beitrag auf ver- schiedenen Ebenen leisten: Auf körper- licher (Normalisierung der Körper- wahrnehmung, sanfte Dehnung der Muskulatur, Verbesserung des Gleich- gewichtes und der Koordination), psy- chischer (Verbesserung des Wohlbefin- dens) und vegetativer Ebene (Senken des Sympathikotonus durch tiefe At- mung und Ruhebilder). Damit es eben nicht nur „chinesische Krankengym- nastik“ bleibt, ist die korrekte Weiterga- be aller wesentlichen Gesichtspunkte durch einen profund ausgebildeten An- leiter eine wichtige Voraussetzung. Ein- mal richtig erlernt, kann es aber überall und ohne Hilfsmittel oder spezielle Ausrüstung selbständig ausgeübt werden. Damit unterstützt Qigong zusätzlich die auf Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung ausgerichtete Schmerztherapie und kann Patienten ein gutes Körpergefühl, einen bewegli- chen Körper und einen entspannten, wachen und ruhigen Gemütszustand zurückgegeben. Es sprechen also viele gute Gründe für die Integration von Qigong in das Konzept einer multimodalen Schmerz- therapie. Diese Integration gelingt leichter, wenn es in sogenannten ge- schlossenen Gruppenprogrammen, de- ren Therapieinhalte kurrikulär aufge- baut und aufeinander abgestimmt sind, schrittweise angeleitet und erlernt wird. Dabei wird die Intensität und Frequenz komplementärer Therapien wie Qigong wohl bei westlich ausgerichteten Kon- zepten gegenüber anderen westlich eta- blierten Therapieanteilen (Faszienpfle- ge, Ausdauertraining, medizinische Trainingstherapie, psychotherapeuti- sche Einheiten, klassische Entspan- nungsverfahren) zurückstehen. Den- noch lässt sich auch mit wenigen The- rapiestunden ansatzweise vermitteln, was Qigong leisten kann. Patienten können so erste positive Erfahrungen machen und sich entscheiden, ob sie diese Form der ganzheitlichen Bewe- gungstherapie nach Beendigung der multimodalen Schmerztherapie weiter fortführen möchten. Qigong als Thera- pieangebot innerhalb einer multimoda- len Schmerztherapie wird von Patien- ten dabei in der Regel gut angenommen [20]. Dr. med. Petra Schwinn Tagesklinik für Schmerztherapie Klinik Schongau Marie-Eberth-Str. 6 86956 Schongau E-Mail: p.schwinn@ kh-gmbh-ws.de Literatur 1. Schmidt CO et al. Back pain in the German adult population: prevalence, severity, and sociodemographic correlates in a multiregional survey. Spine (Phila Pa 1976) 2007;32:2005-11 2. https://de.statista.com/statistik/daten/ studie/207676/umfrage/ arbeitsunfaehigkeitstage-aufgrund-von- rueckenbeschwerden/ 3. S1-Leitlinie. Handlungsempfehlung Chronischer Schmerz. AWMF-Registernr. 053/036 Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 35

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=