Schmerzmedizin 6 / 2018

Leichter Sprache verwendet, können den Leser aber auch ablenken oder verwirren. Möglicherweise suggeriert ein Bild mit einer Nadel, die in Haut sticht, dem Be- trachter, dass genau das passiert sein muss. Außerdem wurde auf eine Diffe- renzierung in „trifft genau zu“, „trifft weitgehend zu“, „trifft ein wenig zu“ und „trifft nicht zu“, wie sie im Deutschen Schmerzfragebogen verwendet wird, verzichtet ( Abb. 3 ). Es war den Autoren wichtig, zusätzliche, die Schmerzen be- gleitende Symptome wie Müdigkeit oder Atemnot zu erfassen. Die Anzahl der möglichen Befindlichkeiten und Begleit- erscheinungen wurde dabei stark redu- ziert. Nach den Regeln der Leichten Sprache wurden hier wieder die Bedeu- tungsträger rot gekennzeichnet und die Fragen sehr kurz und eindeutig formu- liert. Auf weitere Differenzierungen wie „trifft genau zu“, „trifft weitgehend zu“, „trifft ein wenig zu“ und „trifft nicht zu“ wurde auch hier verzichtet ( Abb. 4 ). Fazit für die Praxis Menschen mit (schwerer) geistiger Be- hinderung sind häufig von akuten und chronischen Schmerzen betroffen, die für sie eine große Belastung darstellen. Es ist zu vermuten, dass sie im Lauf ih- rer Biografie schwerwiegende traumati- sche Erfahrungen mit Schmerzen hin- nehmen mussten, die sowohl physische als auch psychische Spuren hinterlassen haben. Menschen mit geistiger Behinde- rung kommunizieren Schmerzen häufig mit Verhaltensweisen, die nicht typi- scherweise Schmerzausdrucksformen sind. Ebenso bestehen immer noch Vor- urteile und Zweifel bezüglich einer be- stehenden Schmerzwahrnehmung. Zur Evaluation von Schmerzen wurde ein Fragebogen nach den Regeln der Leich- ten Sprache erstellt. Dieser gibt Men- schen mit einer geistigen Behinderung, die grundlegende Kenntnisse in Lesen und Schreiben erworben haben, die Möglichkeit, selbstständig Dimensionen ihres Schmerzerlebens zu beschreiben. Auch für Menschen mit einer demenziel- len Erkrankung, anderen Formen geis- tiger Beeinträchtigung oder für Men- schen, die Deutsch als Zweitsprache er- worben haben, kann dieser Fragebogen hilfreich sein. Dr. phil. Helga Schlichting Pädagogik im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung Erziehungswissenschaft- liche Fakultät Universität Leipzig Marschnerstr. 29 04109 Leipzig E-Mail: helga.schlichting@uni-leipzig.de Literatur 1. Zernikow B. Schmerz und Schmerztherapie bei Kindern und Jugendlichen mit schwers- ten Behinderungen. In: Maier-Michalitsch N (Hrsg). Leben pur – Schmerz. Düsseldorf: selbstbestimmtes leben; 2009 2. Martin P et al. Schmerzerkennung bei Men- schen mit geistiger oder mehrfacher Behin- derung. In: Bruhn R, Strasser B (Hrsg.). Pallia- tive Care für Menschen mit geistiger Behin- derung: Interdisziplinäre Perspektiven für die Begleitung am Lebensende. Stuttgart: Kohlhammer; 2014 3. Belot M. Der Ausdruck von Schmerz bei mehrfachbehinderten Personen: Evaluati- on der Schmerzzeichen bei Jugendlichen und Erwachsenen mit Mehrfachbehinde- rung. In: Maier-Michalitsch N (Hrsg.). Leben pur – Schmerz. Düsseldorf: selbstbestimm- tes leben; 2009 4. Nüsslein F, Schlichting H. Schmerzen bei Menschen mit Komplexer Behinderung – Notwendigkeit einer Konzeptualisierung in der Aus- und Weiterbildung. Teilhabe 2015;54(4):163-9 5. Sirsch E et al. Diagnostik von Schmerzen im Alter – Perspektiven auf ein multidimensio- nales Phänomen. Schmerz 2015;29:339-48 6. Ding-Greiner C, et al. Betreuung und Pflege geistig behinderter und chronisch kranker Menschen im Alter: Beiträge aus der Praxis. Stuttgart: Kohlhammer; 2010 7. Kostrzewa S. Menschen mit geistiger Behin- derung palliativ pflegen und begleiten: Pal- liative Care und geistige Behinderung. Bern: Huber-Verlag; 2013 8. Caritasverband für die Diözese Augsburg e.V. In Würde. Bis zuletzt. Hospizliche und palliative Begleitung und Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung. Augsburg: Eitzenberger; 2011 9. Maaß C. Leichte Sprache: Das Regelbuch. Münster, Berlin: LIT-Verlag; 2015 10. Fischer T. Schmerzeinschätzung bei Men- schen mit schwerer Demenz. Bern: Huber- Verlag; 2012 11. Basler HD et al. Schmerzdiagnostik und -therapie in der Geriatrie. 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