Schmerzmedizin 4 / 2019

DAGST Deutsche Akademie für ganzheitliche Schmerztherapie Schmerzen und Scham Dem Patienten die Last abnehmen Liebe Kolleginnen und Kollegen, im öffentlichen Leben werden derzeit in vielen Bereichen sinkende Schamgren- zen oder auch „Schamlosigkeit“ beklagt, zum Beispiel wenn vorbeifahrende Au- tos auf der Autobahn Fotos von Ver- kehrsunfällen schießen. „Fremdschä- men“ ist ein fester Begriff geworden und öffentliche Beschämung in „sozialen“ Medien ein häufiges Phänomen. Im medizinischen Kontext wird die Scham seltener und wenn dann vor allem im psychiatrischen/psychothera- peutischen Kontext thematisiert. War- um sollten wir auch? Es liegt doch auf der Hand, dass gewisse Situationen für Patienten schambehaftet sind – begin- nend mit manchen Untersuchungssitu- ationen über ansteckende Hautkrank- heiten bis hin zu urogenitalen Sympto- men. Damit geht man einfach professio- nell um, dann ist Scham doch gar kein Thema, oder? In der Palliativmedizin hat man viel- leicht nochmal einen anderen Blick da- rauf, denn hier gibt es regelmäßiger Fra- gestellungen, in denen Schamgefühle berührt werden. Zu den prägnantesten Beispielen zählen vielleicht ulzerierende Tumore, bei denen die Scham der Pati- enten manchmal zu einer deutlichen Verzögerung der Diagnosestellung führt. Alleine lässt sich die Scham kaum überwinden Dass Scham auch in Bezug auf chroni- sche Schmerzen ein großes Thema ist, stellt Professor Claude-Hélène Mayer im folgenden Artikel dar. Darin gibt sie auch einen umfangreichen Überblick darüber, wann Schamgefühle eine Rolle spielen können. Viele Situationen sind natürlich jedem von uns bewusst: Etwa dass Patienten sich schämen, über Suizidgedanken zu reden und unglaublich erleichtert sind, wenn sie hören, dass das bei Depressio- nen sehr häufig vorkommt, sozusagen „normal“ ist. Oder dass Patienten sich schämen, ihre soziale Rolle nicht mehr ausfüllen zu können, nicht mehr zu „funktionieren“. Insbesondere bei den „fröhlichen Durchhaltern“ helfen da Er- klärungen über Belastungsgrenzen mit- unter wenig, denn die starke Emotion, Scham zu überwinden, ist für den Pati- enten alleine oft nicht möglich. Dass die- ses intensive Gefühl Einfluss auf das Schmerzerleben hat, steckt ja schon im Wort selbst: „pein-lich“. Darum finde ich es auch sehr interessant, dass es the- rapeutische Ansätze gibt, die sich spezi- ell auf die Überwindung der Scham fo- kussieren. Was aktuell sicher immer mehr eine Rolle spielt, sind interkultu- rell unterschiedliche Schamgrenzen. Aber auch ohne kulturelle Unterschiede können die individuellen Grenzen ganz verschieden sein. Mayers Artikel greift zusätzlich den Aspekt auf, dass es durch das individu- elle Schamerleben auch innerhalb eines Behandlungsteams zu erheblichen Kon- flikten kommen kann. Vielleicht hilft Ih- Die DAGST e. V. ist eine originäre Schmerzgesellschaft und setzt sich seit ihrer Gründung 2002 ausschließlich für eine qualitativ hoch­ wertige Ausbildung in ganzheitlicher Schmerztherapie ein. Unsere Ziele: — Bessere Behandlung von Schmerz­ patienten durch ganzheitlichen Ansatz — Berufsbegleitende qualifizierte Schmerztherapie-Ausbildung mit Zertifikat zum Tätigkeitsschwerpunkt „Ganzheitliche Schmerzbehandlung“ — Interaktive Vorträge mit Beteiligung des Auditoriums und Demonstration von Behandlungsverfahren — Umsetzung der Ergebnisse aktueller Schmerzforschung in die Ausbildung und Therapie — Intensiver kollegialer Austausch sowie Bildung von interdisziplinären Netzwerken Deutsche Akademie für ganzheitliche Schmerztherapie e. V. 1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Sven Gottschling (Schriftleitung) 2. Vorsitzende: Birgit Scheytt Weitere Informationen: Fortbildungsbüro DAGST Amperstr. 20A 82296 Schöngeising Telefon: 08141 318276-0 Fax: 08141 318276-1 E-Mail: kontakt@dagst.de Redaktion: Christine Höppner E-Mail: ch@orgaplanung.de www.dagst.de „Nachdenklich stimmt mich, dass sich Patien- ten mit chronischen Schmerzerkrankungen nicht nur für die Krank- heitsfolgen, sondern auch für die Schmerzen selbst schämen.“ Birgit Scheytt Fachärztin für Neurologie, derzeit Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Zentrum für Psychiatrie, Emmendingen  38 Schmerzmedizin 2019; 35 (4)

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