Schmerzmedizin 2 / 2019

Multimodale Schmerztherapie Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Die Berücksichtigung biopsychosozialer Bereiche in der multimodalen Schmerztherapie sollte über eine flächendeckende, hochqualitative Versorgungsstruktur mit entsprechenden Vergütungen ermöglicht werden, die auch ein außerklinisches Behandlungssetting unter Einbeziehung von mindestens zwei Fachdisziplinen und drei aktiver Therapiemethoden erlaubt. F ür chronische Schmerzen benutzte John Bonica, Begründer der mo- dernen Schmerzmedizin, schon 1955 den Begriff „intractable pain“ [1]. Das Problem chronischer Erkrankungen ist die oft lebenslange Behandlungsdau- er und damit verbunden die Beeinträch- tigung persönlicher und allgemeiner ge- sundheitsrelevanter Systeme. Weitge- hend akzeptiert ist, dass ein körperliches Symptom (Biologisches System) zu psy- chischen Veränderungen führt (Psycho- logisches System) und auch Auswirkun- gen auf den Menschen als soziales We- sen hat (Soziales System). Gehen wir bei einer chronischen Erkrankung von ei- nem biopsychosozialen Krankheitsmo- dell aus, müssen alle Bereiche in der The- rapie berücksichtigt werden ( Abb. 1 ). Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, dass eine Befundveränderung im biolo- gischen Bereich nicht dauerhaft und nachhaltig sein wird. Der Begriff „chronische Schmerzen“ erfasst verschiedene Schmerzerkran- kungen unterschiedlicher Genese, was allgemeingültige Behandlungsstandards erschwert. Vor der Therapieplanung ist eine Bestandsaufnahme notwendig, die alle Bereiche des biopsychosozialen Mo- dells berücksichtigt. Sie ist im Idealfall schon interdisziplinär sowie berufsgrup- penübergreifend und keine solitäre ärzt- liche Aufgabe [2]. So ist nachvollziehbar, dass in der Anfangsphase einer sich spe- zialisierenden Schmerzmedizin der Be- griff multidisziplinär verwandt wurde [3, 4]. In Deutschland entwickelte sich aus Erfahrungen mit speziellen Rücken- schmerzprogrammen eine Therapiepla- nung aus verschiedenen Modulen, wo- für der Begriff der multimodalen Schmerztherapie allgemeingültig über- nommen wurde [2, 5]. Nimmt man ihn wortwörtlich, handelt es sich um eine in- dividualisiert modulierte Schmerzthera- pie aus unterschiedlich angepassten Therapiebausteinen. Setting schmerztherapeutischer Behandlung Multimodale Schmerztherapie bedeutet jedoch nicht zwingend stationäre Kran- kenhausbehandlung. Sie ist auch tages- klinisch oder ambulant vorstellbar. Die bis heute gültige Idee, dass schmerzthe- rapeutische Kolloquien, heute als Team- konferenzen gefordert, die Therapie mit- gestalten, war ein innovativer Schritt des Schmerztherapeutischen Kolloquiums e. V. – heute die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. Der IST-Zu- stand der multimodalen Schmerzmedi- zin ist zurzeit die Behandlung im krankenhausstationären oder im tages- klinischen Setting. Ein auf den Behand- lungsfall pauschalisiertes Vergütungs- system, wie in der Krankenhausvergü- tung angewandt, benötigt Vorgaben durch Kataloge, die Leistungen und Grundvoraussetzungen beschreiben und einer Vergütung vorausgehen. Die Forderungen sind standardisiert am bio­ psychosozialen/multimodalen Schmerz- modell orientiert [5, 6]. Gefordert werden mindestens zwei Fachdisziplinen, davon eine psychiatri- sche, psychosomatische oder psycholo- gisch-psychotherapeutische Disziplin für die Diagnostik, Therapieplanung und Verlaufskontrolle. Die Zusatzbe- zeichnung „spezielle Schmerzmedizin“ wird für die ärztliche Disziplin gefordert. Eine zweite medizinische Disziplin ist für die Teilnahme an den regelmäßig stattfindenden Teamkonferenzen erfor- derlich. Abb. 1 : Das biopsychosoziale Krankheitsmodell zeigt die Zusammenhänge zwischen allen inneren und äußeren Systemen, die den Menschen beeinflussen. Schmerzerleben – Intensität – Ort – Qualität – Zeit Emotionen Verhalten Biologische Prozesse Kognitionen z. B. – Arztbesuch – Medikamenteneinnahme – Vermeidung körperlicher Aktivitäten z. B. – Muskelverspannung – Entzündung – Nervenkompression z. B. – Katastrophisieren – Schonmythen – Überzeugung der Nichtbeeinflussbarkeit z. B. – Verzweiflung – Hilflosigkeit – Traurigkeit – Ärger ©© Springer; Schmerzpsychotherapie, 2017 DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 38 Schmerzmedizin 2019; 35 (2)

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=