Schmerzmedizin 2 / 2019

Verfahren in der multimodalen Schmerztherapie Gefordert wird die gleichzeitige Anwen- dung von mindestens drei aktiven The- rapieverfahren wie Psycho- oder Physio- therapie, Entspannungsverfahren, Ergo- oder medizinische Trainingstherapie, sensomotorisches oder Arbeitsplatztrai- ning, künstlerische (Kunst oder Musik) oder sonstige übende Therapien. Vorge- geben sind die Gesamtbehandlungsdau- er und eine durchschnittliche Therapie­ dauer von 30 Minuten sowie eine Min- destanzahl von etwa 20 Therapieeinhei- ten in sieben Tagen. Die drei Fallpauschalen für die multimodale Schmerztherapie sind seit 2017 in je- weils zwei von der Liegezeit abhängige Unterscheidungen mit mindestens 7 be- ziehungsweise 14 Tagen differenziert ( Tab. 1 ). Das bestehende Versorgungsproblem chronisch schmerzkranker Menschen führt zu Beeinträchtigungen der Le- bensqualität, der Arbeitsfähigkeit, zu ei- nem problematischen Gebrauch von Arzneimitteln sowie zu ungünstigen Wechselwirkungen mit zusätzlich beste- henden Erkrankungen. Hier kann eine individualisierte, multimodaleTherapie sinnvoll sein [5, 6]. Sie kann die Grund- lage zu einem besseren Umgang mit der Erkrankung schaffen. Die Nachhaltig- keit einer multimodalen stationären Therapie ist eng gekoppelt an die Nach- versorgung der Patienten. Die bestehen- den Vorgaben erlauben in einem be- schränkten Rahmen eine individuali- sierte Therapieplanung. Aktive Verfah- ren sind nicht in jedem Fall von Anfang an möglich. Sinnvoll ist in einigen Fällen das langsame Hinführen zur Aktivität. 30 Minuten aktive Therapie können für einen hochchronifizierten Schmerzpati- enten belastend und eine hohe, frustrie- rende Herausforderung sein. Ökonomie und Versorgungsstruktur Der Konflikt, für die Vergütung nicht notwendige Leistungen anzubieten, um eine individuell sinnvolle Therapiepla- nung zu ermöglichen, ist ein ökonomi- scher. Wirtschaftlich am sinnvollsten ist eine multimodale Therapie in der Min- destverweildauer mit der Mindestzahl anTherapieeinheiten. In der Praxis wird immer etwas mehr angeboten werden, um im Falle einer externen Überprü- fung durch den Medizinischen Dienst selbst dann in der Vergütung zu bleiben, wenn es unterschiedliche Sichtweisen gibt und nicht alle Therapietage oder -einheiten anerkannt werden. Dieses „etwas mehr als erforderlich“ ist also auch aus Sicht des Trägers ökonomisch sinnvoll. Ökonomisch nicht sinnvoll ist ein „zu viel“ an Therapien. Soll die auf- wendige stationäre Schmerzmedizin er- halten bleiben, so muss sie auch für Krankenhausträger attraktiv bleiben. Wer investiert schon in einen Bereich, der Verluste macht, wenn er die Vorteile einer speziellen schmerztherapeutischen Klinik für das gesamte Krankenhaus und die anderen Fachabteilungen nicht gesondert betrachtet? Die Qualität einer stationären Schmerztherapie ist die Qualität der Versorgungsstruktur. Qualifiziertes Personal und strukturierte Behand- lungsabläufe dienen dem Patientenwohl mehr als die strikte Orientierung an ex- ternen allgemeinen Vorgaben. Im beste- henden System ist es möglich, eine nicht individualisierte, stationär multimoda- le Schmerztherapie mit strukturellen Mindestvoraussetzungen durchzufüh- ren und bezahlt zu bekommen. Das kurzfristig wirtschaftlich Interessante weckt Begehrlichkeiten bei Kranken- hausträgern, führt jedoch bei der Ge- samtbetrachtung mittel- und langfris- tig in einem sich anpassenden Vergü- tungssystem zu geringer Vergütung. Diese gefährdet wiederum den Erhalt von Strukturen und einer qualitativ hochwertigen flächendeckenden Ver- sorgung. Fazit Benötigt wird eine langfristige Erfas- sung von Behandlungsverläufen, um die Nachhaltigkeit therapeutischer Maß- nahmen zu überprüfen. Strukturquali- tät, größere Therapiefreiheit und damit verbunden geringere Einzelfallprüfun- gen des Medizinischen Dienstes bei zu- sätzlicher Einbindung weiterversorgen- der Strukturen sind für die zukünftige multimodale, individualisierte Schmerz- medizin zu fordern. Dr. med. Dipl. oek. med. Thomas H. Cegla Schmerzklinik Wuppertal Helios Universitätsklinikum Wuppertal Im Saalscheid 5, 42369 Wuppertal E-Mail: Thomas.Cegla@ dgschmerzmedizin.de Literatur 1. Bonica JJ. Role of the anesthesiologist in the management of intractable pain. Anesthesiology 1955;16:854–60 2. Arnold B, Brinkschmidt T, Casser HR et al. Multimodal pain therapy for treatment of chronic pain syndrome. Schmerz 2014;28(5):459–72 3. Bonica JJ. Basic principles in managing chronic pain. Arch. Surg. 1977;112(6):783–8 4. Gerbershagen HU, Panhans C. Organizatio- nal bases for management of chronic pain. Klin Anasthesiol Intensivther 1978;18:251–5 5. Kaiser U, Sabatowski R, Azad SC. Multi­ modale Schmerztherapie. Schmerz 2015;29:550–6 6. https://www.dimdi.de Tab. 1: Behandlung nach Fallpauschalenkatalog G-DRG Bezeichnung Behandlungstage DRG Bewertung bei Hauptabteilung Multimodale Schmerz­ therapie bei Erkrankungen und Störungen des Nerven­ systems ≥ 14 B47A 1,685 < 14 B47B 1,176 Multimodale Schmerz­ therapie bei Erkrankungen und Störungen an Muskel- Skelett und Bindegewebe ≥ 14 I42A 1,505 < 14 I42B 1,106 Multimodale Schmerz­ therapie bei psychischen Erkrankungen und Störungen, Alter >19 Jahre ≥ 14 U42B 1,743 < 14 U42C 1,065 Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2019; 35 (2) 39

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=