Schmerzmedizin 5 / 2018

Interview Fibromyalgie: Therapie mit Augenmaß Nicht jeder Fibromyalgie-Patient benötigt eine multimodale Therapie, aber jeder benötigt ein individuell geschneidertes Behandlungskon- zept. Orientierung bietet die PraxisLeitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin. ?? Herr Dr. Emrich, wie anerkannt ist das Fibromyalgie-Syndrom heute unter Ärz- ten in Deutschland? Dr. Oliver Emrich: Es ist bekannt, aber es gibt noch immer Ansichten, die Patienten würden sich ihre Beschwerden lediglich einbilden. Das entspricht nicht dem interna- tionalen Stand des Wissens. Seit der ersten Klassifizierung des Fibromyalgie-Syndroms (FMS) aus dem Jahr 1990 durch das Ameri- can College of Rheumatology (ACR) haben wir gelernt, dass das FMS sehr vielgestaltig ist. Es können überall am Körper verteilt chronische Schmerzen in Verbindung mit Schlafstörungen und Beeinträchtigungen des täglichen Lebens auftreten. Das ACR hat daher 2010 die diagnostischen Kriterien erweitert. Weitere Fachgesellschaften, etwa in Kanada und Israel, haben Leitlinien pub- liziert. Die deutsche AWMF-Leitlinie ist im Jahre 2017 aktualisiert worden. Und im sel- ben Jahr haben wir von der Deutschen Ge- sellschaft für Schmerzmedizin unsere Pra- xisLeitlinie herausgegeben. ?? Wie teilen Sie einem Patienten die Di- agnose mit? Emrich: Ich erläutere, dass ihr Körper ein Problem mit der Schmerzverarbeitung hat. Es werden Körpersignale als Schmerz wahr- genommen, die andere Menschen nicht in dieser Weise als Schmerz wahrnehmen. Viele Patienten sind froh, ihre zuvor oft lange nicht klar fassbaren Beschwerden adressiert zu bekommen und eine Erklä- rung für die Symptome zu erhalten. ?? Die Behandlung soll bevorzugt nicht- pharmakologisch erfolgen. Wie sieht das konkret aus? Emrich: Primäres Ziel ist es, Bewältigungs- strategien zu entwickeln, um die Schmerz- perzeption im täglichen Leben zu erleich- tern. Ich versuche, gemeinsam mit dem Patienten herauszuarbeiten, was ihmguttut. Bei vielen ist es Wärme, dann rate ich zum Beispiel zum Schwimmen im Thermalbad, unter Umständen sogar zum Saunabesuch. Andere berichten, dass ihnen gelegentliche körperliche Ertüchtigung hilft, aber am folgenden Tag leiden sie besonders. Dann rate ich zu übertägigem Ausdauersport im Rahmen der individuellen Möglichkeiten. Weitere Optionen sind Krankengymnastik, Massagen, Lymphdrainagen oder die Kom- pressionstherapie bei Ödemneigung ohne bekannte Ursache. Weiterhin brauchen die Patienten eine Beratung zur Bewältigung des Alltags. ?? Sie machen den Patienten also durch- aus klar, dass sie ihre Beschwerden ihr Le- ben lang nicht mehr loswerden? Emrich: Ja, möglicherweise. Es gibt durch- aus FMS-Patienten, die ihre Beschwerden wieder verlieren. Das ist nicht vorherzu­ sehen. ?? In welchen Situationen sind Analgeti- ka angezeigt? Emrich: Immer dann, wenn man mit den nichtmedikamentösen Maßnahmen nicht das erreicht, was erreicht werden soll. Dazu messen und dokumentieren wir natürlich Schmerzart und Schmerzschwere sowie die Lebensqualität. Chronische Schmerzen sind oft Teil eines Fibromyalgie-Syndroms. ©© mapoli-photo/stock.adobe.com „Viele Patienten sind froh, ihre zuvor oft lan- ge nicht klar fassbaren Beschwerden adressiert zu bekommen und eine Erklärung für die Symp- tome zu erhalten.“ SanRat Dr. med. Oliver Emrich Verantwortlicher Autor der DGS-Praxis- Leitlinie Fibromyalgie-Syndrom DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 40 Schmerzmedizin 2018; 34 (5)

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