Schmerzmedizin 2 / 2019

Interview mit Norbert Schürmann „Opioide niemals als Add-on-Therapie!“ Für die Dauertherapie bei mittleren bis starken Schmerzen gibt es keine verträglicheren Analgetika als retardierte Opioide, betont der Schmerz­ mediziner Norbert Schürmann. Wichtig sind gleichmäßige Wirkspiegel. Daneben kritisiert der Schmerzexperte die Fixierung auf Morphin. ?? Herr Schürmann, ab wann ist ein Schmerz opioidpflichtig? Norbert Schürmann: Wenn der Patient chronische oder so starke Schmerzen hat, dass man ein Medikament der WHO-Stufe II oder III benötigt. Für die Dauerbehand- lung bei Schmerzen sind Opioide die am besten verträglichen Analgetika: Sie lösen weder an der Leber noch an den Nieren oder am Herzkreislaufsystem Schäden aus. Vereinfacht gesagt, verläuft – auf Dauer gesehen – die Wirkstärke nach WHO-Klassi- fikation von Stufe I bis III umgekehrt propor- tional zu den Nebenwirkungen. Daher ist es vernünftig, Opioide bereits einzusetzen, wenn Schmerzen nach zwei bis drei Wo- chen beginnen zu chronifizieren. ?? Also auch bei Nichttumorschmerzen? Schürmann: Ja, zum Beispiel bei chroni- schen Lumboischialgien oder Arthrose- Schmerzen. Ich verwende aber ausschließ- lich retardierte Opioide! Ansonsten würden wir eine Situation provozieren, wie wir sie heute in Nordamerika vorfinden, wo die Verbreitung nicht retardierter Opioide, die ja rasch anfluten, bei vielen Menschen ein Suchtverhalten ausgelöst hat. Ganz grund- sätzlich möchte ich betonen, dass eine Therapie mit Opioiden niemals eine Add- on-Therapie sein kann, also etwas, das man mal nimmt und mal nicht. Denn wichtig ist die über die Zeit gleichmäßige Besetzung der Opioidrezeptoren. ?? Wie würden Sie bei einem Opioid-naiven Patienten beginnen? Schürmann: Mit einem niedrigpotenten Präparat wie Tilidin, solange keine Leber­ insuffizienz vorliegt. Tilidin unterliegt nicht der Betäubungsmittelverordnung und ist in der Regel gut verträglich, mit einer Wirkpo- tenz von etwa einem Siebtel von Morphin. Es wird in Deutschland ausschließlich in Fixkombi mit Naloxon angeboten und braucht in der retardierten Galenik oft nur ein- bis zweimal täglich eingenommen zu werden. In den ersten 14 Tagen sollten Übelkeit und Erbrechenmit Metoclopramid oder mit dem noch wirksameren Haloperi- dol vorgebeugt werden, danach kann das abgesetzt werden. Tapentadol ist hervorra- gend bei neuropathischen Schmerzen so- wie Herpes zoster geeignet. Es ist deutlich schwächer als Morphin, hemmt aber zu- gleich die Noradrenalin-Wiederaufnahme. ?? Morphin gilt in der Differenzialthera- pie mit Opioiden nach wie vor als Refe- renzsubstanz – zu Recht? Schürmann: Ja und nein. Ja, wegen der großen Erfahrungmit Morphin und deshalb, weil es in allen Galeniken und damit für alle denkbaren klinischen Situationen zur Verfü- gung steht. Dagegen spricht die erhebliche Nebenwirkungspalette: Somnolenz, Agi- tiertheit, Myoklonien, Histaminfreisetzung und Juckreiz, das Immunsystemwird suppri- miert, Übelkeit und Erbrechen, Albträume, Schwindelgefühl, die Kumulationsgefahr „Für die Dauerbehand- lung bei Schmerzen sind Opioide die am besten verträglichen Analgetika“ Norbert Schürmann Leiter der Abteilung für Schmerz- und Palliativmedizin, St. Josef Krankenhaus GmbH Moers Vizepräsident der DGS Leiter des Schmerzzentrums DGS in Duisburg ©© Tijana / stock.adobe.com Bereits wenn Schmerzen nach zwei bis drei Wochen beginnen zu chronifizieren, kann eine Therapie mit Opioiden sinnvoll sein. DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 40 Schmerzmedizin 2019; 35 (2)

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