Schmerzmedizin 4 / 2019

ma Scham genauer betrachtet werden, wann sie im medizinischen Kontext greift und wie sich mit ihr konstruktiv umgehen lässt. Scham und ihre Auswirkungen In der Vergangenheit ist die Scham in- terdisziplinär und interkulturell oftmals pathologisiert worden, da sie mit Blick auf die mentale und körperliche Ge- sundheit sowie das Wohlbefinden dest- ruktive Auswirkungen haben kann. Ent- sprechend ist sie in vielen Kontexten ein „unsichtbares Phänomen“ [4]. Das Ge- fühl von Scham entwickelt sich meist früh in der Kindheit und schamhafte Er- lebnisse im Erwachsenenalter werden stark durch die Kindheitserfahrungen geprägt [5]. Solche Erfahrungen können zu Depressionen, Süchten, Angststörun- gen, Traumata, posttraumatischen Be- lastungs- und auch Essstörungen führen [6]. Als Folge ziehen sich Menschen aus dem sozialen Leben zurück, isolieren sich, greifen andere an oder kritisieren sich selber stark. Scham ist also nicht nur sehr häufig mit Isolation und Rück- zug aus dem sozialen Leben verbunden, sondern auch Auslöser für Wut, Zorn und Gewalt [7]. Weiterhin scheint sie auch in Verbindung mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen, etwa Border- line, sowie mit Suizid und Suizidversu- chen zu stehen; letztere scheinen sich gehäuft als Reaktion auf erlebte Scham zu zeigen. Scham in der Medizin Im medizinischen Kontext kann die Scham eine besondere Rolle spielen; Pa- tienten sind in der Kommunikation mit dem Arzt besonders verletzlich [8]. Ärzte und medizinisches Fachpersonal bewegen sich oftmals in der Privatsphä- re des Patienten, wenn es beispielsweise in der Anamnese um die Exploration des Privatlebens oder seiner medizini- schen Geschichte geht. Für medizini- sches Fachpersonal kann es zu scham- vollen Situationen kommen, wenn sie etwa Fehler machen, sie in der Kommu- nikation oder Untersuchung Grenzen bei Patienten oder sich selber über- schreiten oder sie individuelle oder ge- sellschaftliche Tabuthemen ansprechen müssen. Schamerlebnisse beim Patienten kön- nen dadurch entstehen, dass sie sich bei Behandlungen ein Krankenhauszimmer teilen müssen und ihre Privatsphäre ver- letzt wird, dass sie bestimmte Körper- funktionen nicht (mehr) steuern können, dass der Körper untersucht wird und der Patient sich ausziehen oder nackt zeigen muss. Aber auch bestimmte medizini- sche Interventionen wie invasive Ein- griffe können als schambesetzt erlebt werden. So zeigt sich beispielsweise, dass Frauen während und nach Schwanger- schaftsabbrüchen oftmals Scham erle- ben, die mit mentalen Schmerzen, Am- bivalenzen und Schuldgefühlen einher- gehen [9]. Zudem können Fragen zur Person als schamvoll erlebt werden, wenn es im Arzt-Patienten-Gespräch etwa um intime Details zu Drogenkon- sum, dysfunktionale Beziehungen, be- stimmte als stigmatisierend erlebte Krankheiten (z. B. Hautkrankheiten oder HIV) oder Übergewicht geht. Pati- enten empfinden gegebenenfalls Scham, wenn sie von der sozialen Norm abwei- chen oder aber auch nur meinen abzu- weichen. Die Scham in der Arzt-Patienten-In- teraktionen kann zudem „ansteckend“ sein und bestimmte Themen, die vom Patienten als schamhaft erlebt werden, können auch für das medizinische Fach- personal schambesetzt sein oder werden [8]. Dann können diese Themen leicht zum Tabu und unaussprechlich werden. Auch medizinische Fehler, medizini- sches Unwissen oder Unsicherheiten bei Interventionen oder Behandlungsplänen oder die fehlende Compliance beim Pa- tienten können als schamhaft erlebt wer- den. Zudem kann es zu Schamerlebnis- sen kommen, wenn Patienten Grenzen des medizinischen Fachpersonals über- schreiten, etwa bei der Herstellung un- angemessener Intimität (z. B. Umar- mung des Arztes). Scham und Schmerz Das Gefühl der Scham geht häufig mit Ausgrenzungserlebnissen einher und zeigt einem Menschen die Perspektive anderer Menschen auf sich selbst. Sie wird oftmals mit dem Empfinden von Schmerz verglichen oder sogar gänzlich gleichgesetzt [10]. EinigenWissenschaft- lern zufolge ist Scham vor allem als „so- cial pain“, als sozialer Schmerz, zu be- trachten [11], während andere hervorhe- ben, dass Scham oftmals im Zusammen- hang mit chronischen oder medizinisch unerklärbaren Schmerzen erlebt wird [12]. Dabei steht das Schamerleben in den Erzählungen über chronische Schmer- zen im Zusammenhang mit Genderdis- kursen und kulturellen Krankheitskon- zepten. Können Schmerzen medizinisch nicht erfasst werden, erleben Patienten oftmals Skepsis und Misstrauen auf Sei- ten der Ärzte oder des medizinischen Fachpersonals, was dann wiederum zu Scham führen kann [12]. Andere Wis- senschaftler weisen darauf hin, dass Pa- tienten mit chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates signifikant größe- re Level an Scham erleben als Kontroll- gruppen ohne chronisches körperliches Schmerzleiden [13]. Scham als Ressource In den vergangenen Jahren gibt es einen Trend in der Forschung zur Scham, der sich mit ihren nützlichen und positiven Aspekten beschäftigt. Dabei stellten mehrere Arbeitsgruppen fest, dass es notwendig ist, die negativen und dest- ruktiven Aspekte der Scham zu bearbei- ten, um sie anschließend zu transfor- mieren, in einen positiven Kontext zu setzen und sie letztlich als Ressource zu betrachten sowie aus ihr nützliche Kon- sequenzen für das persönliche Wachs- tum und die weitere Entwicklung abzu- leiten [2, 14]. Dies gilt auch für den me- dizinischen Kontext. Strategien zum Umgang mit Scham immedizinischen Kontext Wichtig ist in der Arzt-Patienten-Inter- aktion vor allem, dass eine professionel- le Allianz zwischen medizinischem Fachpersonal und Patient vorliegt, die dazu einlädt, gemeinsam, offen, respekt- voll und konstruktiv mit herausfordern- den Themen und Emotionen umzuge- hen sowie Strategien zur Erhöhung der Gesundheit und des Wohlbefindens zu erarbeiten. Grundsätzlich ist anzumerken, dass Transparenz, Respekt, die positive Kon- notation von Verhaltensweisen, das Mut Machen und Loben, das Grenzen Setzen, die Ressourcenorientierung und – wenn Schmerzmedizin 2019; 35 (4) 41

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