Schmerzmedizin 4 / 2019

notwendig – das Erklären und Entschul- digen bei Fehlern oder Fehlverhalten auf Seiten von Ärzten zu einem konstrukti- ven Umgang mit Scham beitragen kön- nen [8]. Menschen, die unter chronischen Krankheiten leiden, erfahren oftmals Marginalisierung, Diskreditierung und eine Absenz von sozialer Unterstützung. Die Methode der „Review Dialogues“ in der Arzt-Patienten-Kommunikation kann dazu beitragen, diese Art Scham anzusprechen und zu beheben [15]. Ein Arzt-Patienten-Gespräch, das die Scham in den Blick nimmt und die Perspektive darauf aktiv verändert, kann sie zu einer Ressource für den Patienten werden las- sen und Empowerment und Selbstbe- stimmung fördern. Menschen mit chronischen Schmer- zen und erhöhtem Schamerleben kön- nen durch die Compassion-Focused- Therapy (CFT), die die ärztliche Behand- lung begleitet, Schamerleben und Selbst- kritik verringern und die Akzeptanz von sich selbst und anderen erhöhen [16]. Jedoch stehen noch weitere psychothera- peutische, verhaltenstherapeutische und systemische Therapieformen zur Aus- wahl, die bei der Transformation von Scham zur Ressource helfen können, etwa die Akzeptanz- und Commitment- therapie oder die Comprehensive Dis- tancing Therapie. Diese können zur Unterstützung einer erfolgreichen medi- zinischen Behandlung hinzugezogen werden. Ärzte und medizinisches Fach- personal können in ihren Gesprächen somit neben der eigenen Sensibilisie- rung für das Thema und eine angepasste Gesprächsführung, Anamnese und Di- agnoseübermittlung zudem auf thera- peutische Verfahren verweisen, die bei der Bearbeitung von negativ erlebten Emotionen wie Scham helfen können, sofern diese nicht direkt im Arzt-Patien- ten-Gespräch transformiert werden können. Dennoch sollte es auch ein Ziel im medizinischen Kontext sein, schamvol- le Aspekte in der gemeinsamen Kom- munikation zwischen professionellem medizinischen Fachpersonal und Pati- ent im Blick zu haben, die Scham zu er- kennen, zu verstehen und dabei zu hel- fen, beim Patienten Copingmechanis- men zu aktivieren, um mit dem Gefühl Scham im Kontext von Gesundheit, Krankheit und Schmerzerleben umzu- gehen. Neuere Studien haben zudem gezeigt, dass Menschen, die Scham erleben, auf persönliche Copingstrategien zurück- greifen, etwa auf Strategien des inneren Umgangs und der Haltung (z. B. Selbst­ reflektion oder eine positive Perspektive zu entwickeln), auf Kommunikations- strategien (z. B. über das Schamerlebnis zu sprechen), auf körperlichen Ausdruck (z. B. Weinen, Singen, Spazieren gehen), auf Veränderungsstrategien (z. B. Kon- textwechsel) oder auf die Entwicklung von zukünftigen Verhaltensstrategien (z. B. Ruhe bewahren oder aus Fehlern zu lernen) [17]. Ärzte und medizinisches Fachpersonal könnten bewusst mit den Patienten Verhalten und Handlungen entwickeln, die an solche Strategien, Haltungen und Handlungsweisen an- knüpfen und sie in ihre Gespräche mit Patienten konstruktiv einbeziehen, um gegebenenfalls versteckte Ressourcen zu (re-)aktivieren. Fazit Scham ist ein Thema, das sich im medi- zinischen Kontext zwar häufig zeigt, je- doch auch oftmals imUnbewussten und unbeachtet gelassen wird. In Arzt-Pati- enten-Interaktionen gibt es Möglichkei- ten und Interventionen, die negativen Aspekte der Scham aufzugreifen, zu transformieren und so Scham zu einer Ressource werden zu lassen. Wird mit dem Gefühl von Scham im medizini- schen Kontext gearbeitet, so wird die Gesundheit ganzheitlich gefördert und es werden neue Perspektiven geschaffen, die es Patienten ermöglichen, gezielt be- stimmte Aspekte im Kontext von Gesundheit und Krankheit, Schmerz und Schmerzfreiheit neu in den Blick zu nehmen. Prof. Dr. habil. Claude-Hélène Mayer Department of Industrial Psychology and People Management, University of Johannesburg Johannesburg, South Africa E-Mail: claudemayer@gmx.net Literatur 1. Wong PTP. The positive psychology of shame and the theory of PP 2.0. PsycCRITIQUES 2017;62(34) 2. Vanderheiden E und Mayer CH (Hrsg.). The Value of Shame. Exploring a Health Resource in Cultural Contexts. 1. Auflage. Cham, Schweiz: Springer International Publishing; 2017 3. Wong PTP. From Shame to Wholeness: An existential Positive Psychology Perspective – A Foreword. In: Mayer CH und Vanderheiden E. (Hrsg.). The Bright Side of Shame. 1. Auflage. Cham, Schweiz: Springer International; 2019 4. Scheff T. The S-word is taboo: shame is invisible in modern societies. J Gen Practice, 2016;4(1):1-6 5. Hilgers M. Scham. 4. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; 2012 6. Sinha M. Shame and Psychotherapy: Theory, Method and Practice. In: Vanderheiden E. und Mayer CH. (Hrsg.). The Value of Shame. 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Cham, Schweiz: Springer International Publishing; 2017 42 Schmerzmedizin 2019; 35 (4) DAGST Deutsche Akademie für ganzheitliche Schmerztherapie

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