Schmerzmedizin 3 / 2019

aufgrund von Kontraindikationen nicht eingesetzt werden konnte. Zu den zugelassenen Wirkstoffen zählen Flunarizin, Amitriptylin, Topiramat, Metoprolol und Propranolol sowie bei chronischer Migräne Onabotulinum­ toxin A. Zusätzlich zählt auch Valpro­ insäure im Rahmen der Arzneimittel­ richtlinie des G-BA als Wirkstoff zur Migräneprophylaxe. Wenn sowohl Me­ toprolol als auch Propranolol eingesetzt wurden, gilt dies nur als eine erfolglose Vortherapie. Gemäß der Fachinformation sollte die Initiierung der Behandlung durch Ärzte mit Erfahrung in der Migränediagnose und -behandlung erfolgen. Zwingend notwendig ist die regelmäßige Evaluati­ on zur Entscheidung über die Fortset­ zung der Behandlung. Dafür empfiehlt sich der Einsatz der Migräne-App, die unter anderem die Patienten dabei un­ terstützt, individuelle Regeln in der Kopfschmerzbehandlung einzuhalten, Komplikationen wie einen MÜK zu ver­ meiden und nicht medikamentöse Be­ handlungsmöglichkeiten wie die pro­ gressiven Muskelentspannung zur Ver­ fügung stellt [41]. Bei etwa 50% der Patienten, die seit mindestens drei Monaten mehr als 15 Kopfschmerztagen pro Monat haben, ist neben der primären Kopfschmerzform der MÜK ein weiterer Grund für eine Zunahme der Kopfschmerztage [3, 46]. Die meisten Betroffenen erleben nach ei­ ner Medikamentenpause eine Redukti­ on ihrer monatlichen Kopfschmerztage und ein erneutes Ansprechen auf vor­ beugende Medikation sowie Akutmedi­ kation. Die Beratung zu MÜK, das Wis­ sen um den Zusammenhang und die Konsequenzen eines MÜK sind daher essentiell. Patienten mit MÜK sollten vor dem Beginn einer Behandlung mit Erenumab eine adäquate Medikamen­ tenpause durchführen und zur 10-20-Re­ gel angehalten werden: Schmerzmittel und spezifische Migränemittel sollten an weniger als 10 Tagen pro Monat ver­ wendet werden, mindestens 20 Tage im Monat sollten komplett frei von deren Einnahme sein. Die Erenumab-Injektionen erfolgen subkutan mit Hilfe eines Autoinjektors, dessen Umgang vielen Migränepatien­ ten vertraut ist, da ein nahezu identi­ scher Pen auch zur subkutanen Applika­ tion von Sumatriptan verwendet wird. ImUnterschied dazu wird der Pen nicht bei Bedarf während einer Attacke einge­ setzt, sondern in festen Zeitabständen von vier Wochen zur Vorbeugung. Der Antikörper kann in Bauch, Oberschen­ kel oder die Außenseite des Oberarms injiziert werden. Jede Folge-Injektion sollte an einer anderen Stelle gesetzt wer­ den. Injektionen dürfen nicht in emp­ findliche, verletzte, gerötete oder verhär­ tete Hautpartien gegeben werden. Der Autoinjektor ist für den einmaligen Ge­ brauch bestimmt. Sicherheitshalber soll­ te die Anwendung von Erenumab wäh­ rend der Schwangerschaft vermieden werden. Auf eine ausreichende Kontra­ zeption ist daher zu achten. Da die Antikörper nicht im menschli­ chen Körper gebildet werden, sondern im Labor als vollständig humane mono­ klonale lgG2-Antikörper in Ovarialzel­ len chinesischer Hamster (CHO) mit Hilfe rekombinanter DNA-Technologie hergestellt werden, muss die Gabe regel­ mäßig wiederholt werden. Eine Antikör­ pertherapie bedeutet nicht, dass die Er­ krankung nicht mehr auftritt, nur das Risiko für zukünftige Attacken wird ge­ senkt. Während des Dosierungszeit­ raums wird Erenumab vorwiegend über einen unspezifischen proteolytischen Weg eliminiert und hat eine Halbwerts­ zeit von circa 28 Tagen. Das Arzneimittel ist im Kühlschrank bei 2–8 °C zu lagern und nicht einzu­ frieren. Der Autoinjektor soll im Um­ karton lichtgeschützt aufbewahrt wer­ den. Wird das Arzneimittel bei Raum­ temperatur bis zu 25 °C gelagert, muss es innerhalb von 14 Tagen verwendet oder entsorgt werden. Vor der Anwen­ dung sollte die Lösung visuell überprüft werden. Enthält sie Trübungen, Flocken, Partikel oder ist sie gelb gefärbt, darf sie nicht verwendet werden. Um Beschwer­ den an der Injektionsstelle zu vermei­ den, sollte der Pen vor der Injektion mindestens 30 Minuten bei Raumtem­ peratur unter Vermeidung von Schüt­ teln, direkter Sonneneinstrahlung oder anderer Wärmequellen aufbewahrt werden. Die neueTherapie ist imGegensatz zu allen anderen bisher verfügbaren vor­ beugenden Medikamenten erstmals spe­ zifisch für die Migräneprophylaxe ent­ wickelt worden. Eine langsame Auf­ dosierung wegen eventueller Unverträg­ lichkeiten und Nebenwirkungen ist nicht erforderlich. Bei Ansprechen ist von einem Wirkeintritt innerhalb weni­ ger Tage auszugehen. Nebenwirkungen der bisherigen migränevorbeugenden Mittel wie Gewichtszunahme, Stim­ mungsveränderungen, Müdigkeit, An­ triebsreduktion oder Benommenheit sind nicht zu erwarten. Gemäß den bis­ herigen Daten darf man aber nicht damit rechnen, dass die Migräne mit dem neuen Wirkprinzip aufhört und man leben kann, wie man will. Rund 70% der Patienten mit episodischer Mi­ gräne mit bisher erfolglosen anderen Therapieversuchen werden wahrschein­ lich auch nicht auf den Antikörper an­ sprechen. Wer zu den 30% Respondern gehört, kann bislang nicht vorhergesagt werden. Auch wie groß die Wirksamkeit bei Patienten mit chronischer Migräne ist, die bislang auf keine Standardpro­ phylaxe – einschließlich Onabotulinum­ toxin A – angesprochen haben und am meisten eine Besserung ihres Zustandes erhoffen, ist zurzeit unbekannt. Vom Studienprogramm waren sie ausge­ schlossen. Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Hartmut Göbel Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel Heikendorfer Weg 9–27 24149 Kiel
 E-Mail: hg@schmerzklinik.de Dr. med. Axel Heinze Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel Dr. med. Katja Heinze-Kuhn Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel Dr. med. Astrid Gendolla Praxis für Neurologie, Psychosomatik, Psychiatrie, Nervenheilkunde, Psychotherapie und Spezielle Schmerztherapie Essen Dr. med. Johannes Horlemann Praxis für innere Medizin und Allgemein- medizin, Schmerzmedizin und Palliativ­ medizin, Kevelaer DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 44 Schmerzmedizin 2019; 35 (3)

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