Schmerzmedizin 4 / 2018

Schmerzmedizin 4 / 2018

Elektronische Dokumentationssysteme Datenmonstrum oder nützliches Anamnesetool? Eine gute und rechtssichere Dokumentation ist heute in praktisch allen Bereichen der Schmerzmedizin unerlässlich und entgegen landläufiger Vorurteile dank moderner elektronischer Systeme weder unverhältnis- mäßig zeitraubend noch teuer oder lästiges bürokratisches Übel. Vielmehr kann sie sich als vielseitiges Hilfsmittel zur Erhebung wesent- licher Informationen zu Diagnosestellung, Verlaufsbeobachtung, Abrechnung, Qualitätssicherung und Versorgungsforschung erweisen. D ie Verwendung standardisierter Dokumentationsinstrumente – etwa des Deutschen Schmerzfra- gebogens oder des Deutschen Schmerz- tagebuchs – sind heute aus der schmerz- medizinischen Versorgungslandschaft Deutschlands kaummehr wegzudenken, eine Versorgung chronisch schmerz- kranker Menschen ohne sie nicht wirk- lich vorstellbar. Angesichts der Komple- xität des biopsychosozialen Krankheits- bildes „Schmerz“ und seiner vielfältigen individuellen Facetten ermöglichen va- lidierte Selbstauskunftsinstrumente mehr als nur eine umfangreiche und vielseitige Begleitevaluation Betroffener im praktischen Alltag. Insbesondere als elektronische Systeme bieten sie auch eine ökonomische, also zeit- und res- sourcensparende Alternative zu den tra- ditionellen Formen der Anamnese- und Befunderhebung und sind eine wertvol- le Unterstützung bei der Differenzial­ diagnostik und der sich daraus ergeben- den Behandlungsoptionen. Dennoch ergab eine Stichproben­ umfrage unter 178 Teilnehmern des Deutschen Schmerz- und Palliativtages 2018, dass trotz dieser Vorteile nicht ein- mal die Hälfte der Ärzte (42%) ein elek- tronisches Dokumentationssystem zur Betreuung ihrer Schmerzpatienten nutzt. Die mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V. entwickelten Dokumentationssyste- me Pain Soft®, Pain-Doc-Pro® und iDo- cLive® rangieren dabei an erster Stelle (50%), wobei immerhin noch 26% die beiden Alt- beziehungsweise Vorläufer- versionen des aktuell von der DGS emp- fohlenen Online-Systems iDocLive® nut- zen. Das Dokumentationssystem als ei- erlegende Wollmilchsau Die befragten Teilnehmer äußerten ein breites Spektrum an Wünschen für ein „ideales Dokumentationssystem“ (Abb. 1) . „Einfach“ war die am häufigsten genann- te Antwort, gefolgt von „benutzerfreund- lich“, „praktikabel“, „zeitsparend“, „pa- pierlos“ und „papierbasiert“, „sicher“, „zuverlässig“ und „pragmatisch“. In Sum- me liest sich das – insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Änderungen durch die Datenschutzgrundverordnung in der EU – dann doch ein wenig wie der Wunsch nach der „eierlegenden Woll- milchsau“. Fakt ist, dass die Einführung und Nutzung eines elektronischen Systems zur Unterstützung von Anamnese- und Befunderhebung sowie Verlaufsbeob- achtung zunächst einmal immer mit ei- nem gewissen Aufwand verbunden ist. Mag dieses vollelektronische Dokumen- tationssystem auch modern, flexibel, ohne Fragebogeninventar und Instru- mente skalierbar und technologisch plattformunabhängig daherkommen: Es wird sich nur dann erfolgreich in einen bereits etablierten Tagesablauf integrie- ren und seine beträchtlichen Möglich- keiten zur Optimierung von Patienten- versorgung und Praxismanagement ent- wickeln können, wenn dieser Prozess bi- direktional erfolgt – mitunter also auch tradierte und liebgewonnene Alltags- routinen verändert werden. Papier versus papierlos – Krieg der Welt(anschauung)en Die vielen Verfechter des scheinbar ein- fachen, unaufwendigen und aus ihrer Sicht patientenfreundlichen Konzeptes der Papierfragebogen übersehen gerne den beträchtlichen zeitlichen Aufwand, der mit der systematischen Übertragung der Daten in ein elektronisches Praxis- system verbunden ist. Einfach ist ein sol- ches System nur für den Teil des Praxis- personals, der dem Patienten am Emp- fang den Papierfragebogen zusammen mit einem Stift aushändigt – wohlwis- send, dass diesem schon irgendwie klar ist, was er damit während seiner Warte- zeit zu tun hat. Sehr viel weniger einfach ist es für den Teil des Teams, der die handschriftlichen Angaben in verwert- barer Form in ein elektronisches System übertragen muss. Und gänzlich unmög- lich wird es von ärztlicher Seite ange- sichts der zum Teil komplexen Berech- nungsalgorithmen der aktuell empfoh- lenen Komponenten des Deutschen Schmerzfragebogens, die Patienten­ angaben sinnvoll zu bewerten und für einen individualisierten Behandlungs- plan zielführend zu nutzen. Die mancherorts freien Interpretatio- nen der Patientenangaben „aufgrund jahrelanger eigener Erfahrungen“ des behandelnden Therapeuten grenzen an- gesichts der (sinnvollen!) Komplexität rational validierter Instrumente schon stark an Hellseherei oder kristallkugel- DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 42 Schmerzmedizin 2018; 34 (4)

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