Schmerzmedizin 4 / 2018

Schmerzmedizin 4 / 2018

basierte Wahrsagerei – von der intrans­ parenten Standardisierung der Befun­ dung und der völlig fehlenden Möglich­ keit echter/systematischer Verlaufs­ bewertungen ganz zu schweigen. Stan­ dardisierte Dokumentation im 21. Jahr­ hundert sieht anders aus oder sollte zu­ mindest im Interesse der chronischen Schmerzpatienten anders vonstatten­ gehen. Eine Frage der Einstellung Interessant ist hier natürlich auch die Frage nach der Einstellung zum Doku­ mentationssystem: Dient es der Archi­ vierung/Speicherung im Praxisalltag ge­ wonnener Daten und ist damit eher ein Verwaltungstool, das post hoc noch Ar­ beit macht? Oder unterstützt es a priori den differenzialdiagnostischen Prozess, indem es Anamneseerhebung und Be­ schwerdebeschreibung in allen Berei­ chen der Schmerzproblematik optimiert – und ist damit eher ein sinnvolles Assis­ tenztool? Je nach persönlicher Sicht variiert na­ türlich auch die Bereitschaft, sich mit ei­ nem solchen technologischen Hilfsmit­ tel zu beschäftigen. Während Erstere da­ rin primär ein dem zunehmenden Be­ dürfnis nach Standardisierung Tribut zollendes Verwaltungsmonstrum sehen, das sie von der Arbeit am Patienten ab­ hält und unnötige Ressourcen bindet, empfinden Letztere entsprechende Hilfsmittel als echte Bereicherung ihrer alltäglichen Arbeit am/mit/für den Pati­ enten, die ihnen nicht nur Zeit spart, sondern auch zusätzlichen Erkenntnis­ gewinn liefert. Verklärt wird diesbezüglich gerne auch die vermeintlich fehlende Fähigkeit Betroffener, elektronische Eingabemedi­ en zu nutzen. Fakt ist: Wer heute – im Zeitalter von Smartphones, Tablets und der segensreichen Einführung des WYSIWYG-Konzeptes (What You See Is What You Get) durch Microsoft – nicht in der Lage ist, sein Kreuzchen durch Antippen eines bestimmten Bild­ schirmbereichs mit dem Finger, einem Stift oder Anklicken mit einer Maus zu setzen, der ist auch nicht in der Lage, mit einem Stift den entsprechenden Papier­ fragebogen auszufüllen. Natürlich ist es im praktischen Alltag am Empfangstresen einer Schmerzpra­ xis aufwendiger, einem 68-jährigen Nichtangehörigen der Facebook-Gene­ ration die Verwendung eines Tablets zur Beantwortung seiner personalisierten Version des Deutschen Schmerzfragebo­ gens zu erläutern und ihn unter Umstän­ den sogar bei seinen ersten Schritten in diese für ihn neue Welt zu begleiten. Fakt ist aber auch, dass dieser zeitliche Mehraufwand nicht nur problemlos durch die nachfolgenden Einsparungen (infolge der nicht mehr notwendigen Da­ tenübertragung vom Papier in ein elek­ tronisches Format) zurückgewonnen wird, sondern durch die zusätzlichen Möglichkeiten der elektronischen Aus­ wertung auch neue und nicht selten be­ handlungsrelevante Informationen ge­ wonnen werden können. Wenn etablierte Routinen zum Pro- blem werden Ärzte finden viele Begründungen, war­ um sie (noch) nicht auf ein vollelektro­ nisches Dokumentationssystem umge­ stiegen sind: zu unsicher, zu aufwendig, Patienten zu alt, Patienten zu schwer krank, Personalmangel, Kosten... Vor diesemHintergrund kommt mir immer eine Episode aus der guten alten Papier­ fragebogenzeit des Deutschen Schmerz­ fragebogens in Erinnerung. Nach lan­ gemHin und Her hatte die DGS endlich eine elektronisch les- und scanbare Ver­ sion des Deutschen Schmerzfragebogens entwickelt und durch Zusatzinstrumen­ te an den besonderen Bedarf des Versor­ gungsalltags im niedergelassenen Be­ reich angepasst. Da kam in einer Um­ frage unter DGS-Mitgliedern nach Gründen, die gegen dessen Nutzung sprechen, völlig überraschend das Argu­ ment des Formats auf. Die DIN-A5-Ver­ sion, die damals speziell für die Hoch­ leistungsscanner zur Reduzierung von Lese- und Interpretationsfehlern entwi­ ckelt worden war, sei laut zahlreichen potenziellen Nutzern für die meisten Schmerzpatienten einfach zu klein! Es werde dringend eine DIN-A4-Version benötigt, um diesem speziellen Problem gerecht werden zu können. Gesagt, getan. Die DIN-A4-Version wurde entwickelt, die Scanner-Routi­ nen wurden neu programmiert, der Fra­ gebogen in entsprechend (hoher) Aufla­ ge gedruckt und von der DGS-Ge­ schäftsstelle zum subventioniertem Preis angeboten. Und was passierte? Nichts! Nicht ein einziger dieser spezi­ ell geforderten DIN-A4-Versionen des Deutschen Schmerzfragebogens wurde abgerufen, nicht ein einziger eingesetzt. Wie durch ein Wunder hatten offen­ Abb.1 : Anforderun­ gen an ein „ideales Dokumentations­ system“ für die Praxis. Basierend auf einer Stichproben­ befragung von 178 Ärzten auf dem Deut­ schen Schmerz- und Palliativtag 2018. Bzgl. Fragebogeninventar und Endgerät flexibles und interdisziplinär nutzbares System 59 % Vollelektronisches (papierloses) System 55 % Plattformunabhängige Version 46% Kostenloses Angebot (z.B. für DGS-Mitglieder) 44% Schnittstelle zur Praxissoftware 41% Umsetzung als Online-/Web-Applikation 39 % Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2018; 34 (4) 43

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