Schmerzmedizin 5 / 2019

Hunger und Durst am Lebensende „Der muss doch was essen…“ Verzichten Sterbende auf Nahrung und Flüssigkeit, kann das für Angehörige und Behandler eine belastende Situation werden. Vielfach wird gefordert, den Patienten nicht „verhungern zu lassen“. Dabei wird der Verzicht durch den Betroffenen meist nicht als Qual empfunden und kann ihm sogar das Sterben erleichtern. E ssen und Trinken sind essenzielle Bedürfnisse unseres Lebens. Ver- änderungen dieser alltäglichen Gewohnheiten sind bei Patienten wie auch Angehörigen oftmals hochgradig emotional und mit diffusen Ängsten besetzt. Zunächst gilt es, Hunger und Durst zu definieren, bevor wir auf die speziellen Bedürfnisse am Lebensende eingehen. Definition Hunger und Durst Durst meldet sich als Existenzbedürfnis. Ihm folgt die Handlungsbereitschaft des (gesunden) Menschen zu trinken. Sinkt der Wasseranteil des Körpers um circa 0,5%, signalisiert das Gehirn Durst. Bei einem Verlust von 10% kommt es zu ei- nem Trockenheitsgefühl im Mund und zu Sprechstörungen. Der tägliche Flüs- sigkeitsbedarf liegt beim gesunden Er- wachsenen bei circa 2 Liter, ist aber stark variabel. Das Fehlen des Durstgefühls wird als Adipsie bezeichnet, wobei das Durstgefühl ab dem 50. Lebensjahr mit zunehmendem Alter physiologisch ab- nimmt. Der Zustand der Mundhöhle (Mundtrockenheit, Ulzerationen, Infek- tionen etc.) triggert das Durstgefühl mehr als der Volumenzustand, eine gute Mundpflege wird bei auftretendem Durst vorausgesetzt [1]. Hunger tritt in der Folge von Nah- rungsmangel auf, wird aber auch als eine subjektiv wahrgenommene körperliche Empfindung bezeichnet. Hierbei handelt es sich um ein physisches, soziales, ge- sellschaftspolitisches und psychologi- sches Phänomen, das je nach Betrach- tungsweise unterschiedlich dargestellt wird. Die biologische Funktion des Hungerreizes besteht darin, die ausrei- chende Versorgung mit Nährstoffen und Energie sicherzustellen [1]. Ursachen einer verminderten Nahrungsaufnahme Es gibt vielfältige Ursachen, die zu einer verminderten oralen Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme führen können ( Tab. 1 ). Zunächst sollte abgeklärt wer- den, ob es sich um eine reversible oder irreversible Störung im Zusammenhang mit der Tumorerkrankung handelt. Des Weiteren sollte eine symptomkontrol- lierte Therapie nach Rücksprache mit dem Patienten erfolgen. Auch invasive Verfahren sind dabei zu berücksichtigen [1, 2, 3, 4]. Pathophysiologie bei Tumorerkrankungen Die Ausgangsbasis bei fortgeschrittenen tumorösen Erkrankungen ist gegenüber Gesunden eine völlig andere. Die Pati- Tab. 1: Mögliche Ursachen einer verminderten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme Mund-/ Schleimhautentzündung (Stomatitis, Soor ) Geschmacksstörung, Zinkmangel, brennende Zunge Trockener Mund (Xerostomie), Dehydrierung Schluckstörung Hypersalivation Kaustörungen Dysphagie, Odynophagie, Soorösophagitis Reflux-Krankheit Chronische Nausea, frühes Sättigungsgefühl, autonome gastrointestinale Dysmotilität Akute Nausea, Erbrechen (auch durch Chemo- oder Radiotherapie) Schwere Verstopfung Gastrointestinale Obstruktion Angst vor Stuhlinkontinenz nach dem Essen Schwere Symptome und Syndromkomplexe (Schmerz, Husten, Atemnot, Depression usw.) Verwirrung, Demenz Soziale und finanzielle Hindernisse Essenspräsentation und unangepasste Umgebung Diätfehler:„zu gesund“ essen, mit zu wenig Proteinen und Fett Alternative Krebsdiäten (Hungerkuren) Psychische Ursachen DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 42 Schmerzmedizin 2019; 35 (5)

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