Schmerzmedizin 1 / 2019

des Patienten operativ versorgt wurde. Herr H. stand stark unter Stress und gönnte sich nach dem Eingriff nur wenig Zeit zur Regeneration und für den Mus- kelaufbau (Zitat: „Ich muss meine Fami- lie versorgen, Ausfall geht nicht.“). Die Schmerzen blieben nach der Operation trotz Schmerzmittel bestehen. Während der gesamten Zeit litt der Patient bereits unter einer leichten Obstipation (Darm- entleerung spontan alle 3–7 Tage). Imweiteren Verlauf musste der Patient noch insgesamt fünf weitere Operationen über sich ergehen lassen, da es entweder zu weiteren Bandscheibenvorfällen kam, die die bereits bestehenden Schmerzen noch einmal verstärkten, oder aber deut- liche neurologische Defizite die Opera- teure zum Handeln zwangen. Zwischen- zeitlich hatte Herr H. seinen Beruf verlo- ren und war nun zu Hause. Das Arbeiten auf dem LKW war nicht mehr möglich. Der Patient passte aufgrund der anhal- tenden Schmerzen seine Medikamente immer wieder selbstständig an und nahm im Verlauf Tramal, Tilidin und Oxycodon auch in sehr hohen Dosen, ohne dass es zu einer nennenswerten Ver- besserung kam. Ein Abhängigkeitspoten- zial bestand bereits seit vielen Jahren ge- genüber Nikotin (> 100 Zigaretten pro Tag), Schokolade und Cola (2–3 Liter pro Tag). Die seelische Verfassung wurde im Verlauf der Zeit immer schlechter, Herr H. „kämpfte“ jeden Tag mit seinem Be- finden („Ich muss durchhalten.“). Er rutschte immer weiter in eine Depression. Neben einemmultimodalen Schmerz- konzept (begleitende Physio- und Psy- chotherapie) bestanden die Schmerzen weiter. Die Chirurgen intervenierten und implantierten eine „spinal cord sti- mulation“ (SCS), anfänglich schmerzlin- dernd, nach etwa einem Jahr nur noch störend und ineffektiv für den Patienten. Die SCS wurde ausgebaut. Neben Ma- genproblemen verstärkte sich auch trotz Hinzunahme von verschiedenen Laxan- zien (zwei verschiedene Gruppen) die Obstipation. Die Stuhlfrequenz redu- ziert sich nun auf einmal pro Woche (weitere Medikamente: Pregabalin, Amitriptylin, Metamizol, Polyethylen- glykol, Natriumpicosulfat). Der Gang zur Toilette wurde immer mehr zum Martyrium und war mit starken Schmer- zen, häufigen Schleimhautverletzungen und anorektalen Blutungen verbunden. Zwischenzeitlich erfolgte eine Opioidro- tation hin zu Hydromorphon (24 mg 1-0-1; 7,8 mg bei Bedarf bis zu 6 x/24 h), allerdings ohne wesentliche Änderung der Beschwerden. Nachdem Herr H. erneut die Medika- tion selbständig „modulierte“, dies aller- dings auch zugab, wurde er auf Bu- prenorphin 16 mg umgestellt und alle weiteren Opioide gestoppt. Die erweitert durchgeführte Diagnostik zeigte nun ei- nen operationswürdigen Befund im Be- reich der HWS, der die massiv stärker werdenden Schmerzen, aber auch die neurologischen Ausfälle hinreichend er- klären konnte. Der Patient hatte Angst vor einer erneuten Operation und wollte es vorher konservativ versuchen. Nach acht Wochen intensiver konservativer Therapie musste er letztlich dennoch operiert werden, da sich das neurologi- sche Defizit nicht besserte und die Schmerzen weiter zunahmen. Unter Buprenorphin im Hochdosisbe- reich bestand die starke Obstipation fort und man entschied sich für den Einsatz von Naloxegol (zuerst 12,5 mg 1-0-1, dann nach Rücksprache mit dem Patien- ten Steigerung auf 25 mg 1-0-1). Der Pa- tient verspürte hierunter eine leichte Verbesserung, war aber immer noch nicht zufrieden und steigerte deshalb (Off-label) auf 25 mg 1-1-1 in Kombina- tion mit Macrogol bei Bedarf. Hierunter kam es zu einer deutlichen Verbesse- rung von Stuhlfrequenz (alle 2–3 Tage) und -konsistenz. Nach chirurgischer Versorgung der HWS konnte Buprenor- phin auf 8 mg reduziert werden. Die Ob- stipationsprophylaxe wird fortgeführt und verbessert die Lebensqualität des Patienten deutlich. Priv.-Doz. Dr. med. Michael A. Überall Regionales Schmerzzentrum DGS Nürnberg Nordostpark 51, 90411 Nürnberg E-Mail: michael.ueberall@dgschmerzmedizin.de Dr. med. Patric Bialas Universitätsklinikum des Saarlandes und Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes Fachbereich Schmerzmedizin Kirrberger Straße 100, 66424 Homburg an der Saar E-Mail: patric.bialas@uks.eu Zwischenbilanz und Ausblick DGS-Dokumentationsplattform iDocLive ® mit neuer Höchstmarke — — Im Jahr 2018 wurden mit 31.753 Patien- ten so viele Patienten wie nie zuvor unter Verwendung der von der DGS empfohle- nen Online-Dokumentationsplattform iDocLive ® evaluiert. Bei einem Plus von 5,4% gegenüber dem Vorjahr wurden damit bis zum 31. Dezember 2018 von den 146 aktiven Schmerzzentren und unter Verwendung von 7.039.835 Instrumenten insgesamt 1.013.397 Befragungen bei 209.047 Behandlungsfällen durchgeführt sowie bereits weitere 92.115 Online-Befra- gungen für das neue Jahr vorgeplant. iDocLive ® nun auch bei Depression Nachdem das PraxisRegister Schmerz bis- lang vorwiegend der Versorgungsfor- schung mit Routinedaten diente, eröffnet iDocLive ® seit dem 1. Januar 2019 für Pati- enten mit einer behandlungsbedürftigen Depressivität nun auch den Zugang zur Online-Behandlungsplattform als virtuelle Online-Alternative/Ergänzung zu realen Interventionspro- grammen). AbMärz 2019 startet dann über iDocLive ® auch eine prospektive Beobach- tungsstudie zum Einsatz cannabisbasierter Vollspektrumextrakte bei chronischen Schmerzen. Priv.-Doz. Dr. med Michael A. Überall Schmerzmedizin 2019; 35 (1) 41 Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de

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