Schmerzmedizin 2 / 2019

THC:CBD-haltiges Mundspray: Real-World-Daten des PraxisRegisters Schmerz Wirkung und Verträglichkeit von Cannabis bei chronischen Schmerzen Michael A. Überall, Nürnberg und Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Göppingen Die Legalisierung der medizinischen Verwendung und die Vereinfachung der ärztlichen Verordnung von Cannabis als (Schmerz-)Medizin öffnet für viele Menschen mit bislang therapieschwierigen und eventuell chronischen Schmerzen neue Perspektiven auf eine nachhaltige und nebenwirkungsarme Beschwerde­ linderung. Hohe Erwartungen von Öffentlichkeit und Betroffenen stehen in deutlichem Kontrast zu den eher ernüchternden Wirksamkeitsdaten aus kontrollierten Studien. Zusätzlich erschwert die Vielzahl ver­ schiedener Darreichungsformen einen rationalen Umgang mit dieser neuen Behandlungsform – ein Umstand, der Ausgangspunkt einer Analyse anonymisierter Real-World-Daten des PraxisRegisters Schmerz zum Einsatz des THC:CBD-haltigen Oromukosalsprays war. S eit März 2017 hat sich mit der Mög- lichkeit der Verordnung von Can- nabis als Schmerzmedizin das Spektrum der pharmakologischen Al- ternativen zur Behandlung von Men- schen mit schwerwiegenden chroni- schen Schmerzen deutlich erweitert. Dieser Schritt des Deutschen Bundes- tags war aus Sicht Betroffener lange überfällig. Das jahrelange Hin und Her zwischen antragstellenden Patienten und ihren betreuenden Ärzten einerseits und den Krankenkassen beziehungswei- se dem Medizinischen Dienst der Kran- kenkassen andererseits fand damit ein – auch für viele Experten – überraschen- des Ende. Die Situation hilfesuchender Schmerzpatienten hat sich aber seitdem nur bedingt verbessert. Mit dem Gesetz zur Änderung betäu- bungsmittelrechtlicher (und anderer) Vorschriften bestand endlich die Mög- lichkeit, Cannabis als Medizin unter be- stimmten Umständen nicht nur legal zu verordnen, sondern die damit verbunde- nen Kosten auch zu Lasten der gesetzli- chen und privaten Krankenversicherun- gen abrechnen zu dürfen. Angesichts re- striktiver Bewilligungspraktiken auf der einen Seite und einer aufgrund der Ge- schwindigkeit und Form der zulas- sungsunabhängigen Legalisierung ver- unsicherten Ärzteschaft auf der anderen Seite trat auf Seiten der Betroffenen je- doch rasch Ernüchterung ein. Seitdem liefern sich Leitlinien undMe- taanalysen einWettrennen um die Frage, was Cannabis als Medizin überhaupt be- wirkt beziehungsweise wie, wann und wemwelche Darreichungsform von Can- nabis als Medizin zu Lasten der Kran- kenversicherungen verordnet werden kann/darf und wann wemwas nicht. Ein unhaltbarer und nicht selten weniger von transparenter medizinisch-wissenschaft- licher Evidenz (im Sinne evident/beweis- hafter Studiendaten), denn weltanschau- lich-philosophisch und/oder zuneh- mend auch ökonomischen Gesichts- punkten erklärbarer Zustand, der drin- gend einer konkretisierenden Handrei- chung und Hilfestellung bedarf. Dass der Einsatz von Cannabis als Medizin bei Patienten mit anderweitig therapierefraktären, schwerwiegenden (eventuell auch chronischen) Schmerzen auch diesseits der Lebensendphase und außerhalb traditionell als palliativmedi- zinisch beschriebenen Versorgungssitu- ationen grundsätzlich sinnhaft sein kann, steht – wie in der aktuellen Pra- xisleitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) zu Cannabis als Medizin formuliert – außer Frage. Offen bleiben diesbezüglich jedoch – neben der für die meisten Formen von Cannabis als Medizin fehlenden Evi- denz in Form ausreichend umfangrei- cher placebokontrollierter randomisier- ter Studien mit kongruenten Ergebnis- sen – wesentliche Antworten auf rele- vante Alltagsfragen. Sind die seitens des Gesetzgebers in § 31 (6) SGB V vorgege- benen Kriterien für eine Kostenüber- nahme mehr als nur der Ausdruck einer medikolegalen Verunsicherung bezie- hungsweise ökonomischer Rationie- rungsbestrebungen oder können diese auch medizinisch im Sinn einer trans- parenten Rationalisierung begründet werden, etwa indem sie potenzielle Res- ponder identifizieren und damit die Wahrscheinlichkeit eines positiven An- sprechens Betroffener auf die neue The- rapiealternative erhöhen? Wie hoch sind vor dem Hintergrund der in kontrollier- ten Studien berichteten schwachen Evi- denz beziehungsweise geringenWirkun- gen die im praktischen Versorgungs- alltag unter Cannabis überhaupt zu be- obachtenden Behandlungseffekte? Und letztlich: Gibt es alltagstaugliche klini- sche Parameter oder Hinweise, die bei der Selektion geeigneter Behandlungs- kandidaten für den Einsatz von Canna- bis als Medizin helfen können? DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 42 Schmerzmedizin 2019; 35 (2)

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