Schmerzmedizin 1 / 2019

Offener Brief an die KBV Quo vadis, ambulante Schmerztherapie? Sehr geehrte Damen und Herren, als Schmerztherapeut der ersten Stunde sehe ich mit großer Sorge die künftige Entwicklung und das bislang in Deutschland Erreichte gefährdet. In den 1980er-Jahren hat das Schmerz- therapeutische Kolloquium (StK) mit den Protagonisten Dr. Dietrich Jungck und Dr. Thomas Flöter die ersten Schmerztherapievereinbarungen gestal- tet. Daraus ist schließlich in den 1990er- Jahren die Qualitätssicherungsvereinba- rung zur Behandlung chronisch schmerzkranker Patienten entstanden. DiesemMetier widmeten sich als Pionie- re zunächst Anästhesisten, die keine Narkosen mehr durchführten, sondern ihre Fähigkeiten und Kenntnisse der Be- handlung von Patienten mit chroni- schen Schmerzen widmeten, unbesehen, ob der Grund ein Tumor oder eine an- dere, nicht maligne Erkrankung war. Gründung eines neuen Fachs Um im niedergelassenen Bereich zu überleben, mussten Sondervereinbarun- gen geschaffen werden, denn für Anäs- thesisten war die Schmerztherapie ge- nauso fachfremd wie für Orthopäden, Allgemeinmediziner oder Neurologen. Diese vier Fachgebiete sind im Wesent- lichen die Mutterfächer eines Schmerz- therapeuten. Durch die weit überwie- gende Tätigkeit mit chronisch schmerz- kranken Patienten hat sich in aller Stille quasi ein eigenes Fach mit eigenen Fach- gesellschaften gebildet: Eine Fachgesell- schaft – die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS), heute Deutsche Schmerzgesellschaft (DSG) – widmete sich mehr den Forschungs- schwerpunkten. Die andere – das StK, heute Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) – hatte eher die ambulante Versorgung im Fokus. Beide haben zu Beginn des neuen Jahrtau- sends zusammen den Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychothera- peuten in der Schmerz- und Palliativme- dizin in Deutschland (BVSD) gegründet. Wachsende Ignoranz der Schmerzmedizin gegenüber Nun sehe ich auf internen Versammlun- gen und Kongressen mit wachsender Sorge die Überalterung der Schmerzthe- rapeuten sowie die wachsende Ignoranz gegenüber diesem neuen Fachgebiet. Diese äußert sich darin, dass es keine Be- darfsplanung gibt, sich die Honorierung von KV zu KV sowie zwischen den Fach- gebieten deutlich unterscheidet – auch was die Budgets im Sinne der Plausibili- täts- und Prüfvereinbarungen betrifft – und dass es den schon lange geforderten Facharzt (der übrigens viele Probleme lösen würde) weiterhin nicht gibt. Den zunehmenden Mangel in anderen Fach- gebieten versucht man mit der Förde- rung der Facharztweiterbildung bei Hausärzten und bei Fachärzten zu be- gegnen. Bei den Schmerzmedizinern in- des gibt es keine Förderung. Dies entzieht sich nun vollkommen meinem Verständnis. Wenn man schon sieht, dass Mängel in der Versorgung und Sicherstellung entstehen, dann er- greife ich doch besser frühzeitig Steue- rungsmaßnahmen, zum Beispiel eine Förderung der Schmerztherapieweiter- bildung, Bedarfsplanung, Steigerung der Attraktivität des Berufs durch Anhe- bung und Sicherstellung der Vergütung. All dies kann ich nicht erkennen. Sie haben die Kampagne „Lass Dich nieder“ mit folgendem Ziel gestartet: „Mit der Nachwuchsoffensive ‚Lass dich nieder!‘ wollen die KBV und die Kassen- ärztlichen Vereinigungen junge Medizi- ner von dem Weg in die Niederlassung überzeugen. Die Kampagnengesichter auf Großflächenplakaten und Online- Bannern sind selbst angehende Ärzte. Sie wollen andere Medizinstudierende und Ärzte in der Facharztausbildung motivie- ren, sich später niederzulassen. Hinter- grund der Kampagne ist der Ärztemangel, der in einigen Regionen Deutschlands schon heute zu spüren ist. Vor allem nie- dergelassene Ärzte im hausärztlichen Be- reich haben Schwierigkeiten, einen Nach- folger zu finden.“ Leider passen Ihre Ini- tiativen, bezieht man sie auf die Schmerztherapie, dabei nicht ins Bild. Sehenden Auges in die Mangelversorgung? Ich habe nun bei meiner regionalen KV nachgefragt, ob zumindest regional eine Förderung der Weiterbildung angedacht ist, denn das beschließen bekanntlich die Vertreterversammlungen. Zur Ant- wort bekam ich, dass man darüber schon nachdenke, nur benötige man eine Direktive aus Berlin, von der KBV. Dies ist auch der Grund, warum ich Ih- nen schreibe. Ich kann keinerlei Bewe- gung erkennen, obwohl wir sehenden Auges in die Mangelversorgung driften. Es gibt in Deutschland, die Zahlen sind bekannt, etwa 20 Millionen Menschen mit chronischen oder ständig wieder- kehrenden Schmerzen und 2 Millionen haben solche Schmerzen, dass sie einen spezialisierten und qualifizierten Schmerztherapeuten brauchen. Wenn ich dies weiß und dann sehen muss, wie notdürftig oder gar nicht vorhanden die ergriffenen Maßnahmen sind, dann ge- statten Sie, muss ich mir als Pionier der Schmerztherapie, der vielleicht bald in Rente geht, ernsthaft Sorgen machen. Mit freundlichen kollegialen Grüßen Ihr San.-Rat Dr. Oliver M.D. Emrich San.-Rat Dr. med. Oliver M.D. Emrich Arzt für Allgemeinmedizin und Anästhesiologie, spezielle Schmerz­ therapie und Palliativmedizin Leiter des Schmerz- und Palliativzentrums DGS Ludwigshafen Rosenthalstrasse 17 D-67069 Ludwigshafen/Rhein E-Mail: o.emrich@praxis-emrich.de DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 42 Schmerzmedizin 2019; 35 (1)

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