Schmerzmedizin 4 / 2019

Patienten mit ausgeprägter Symptoma- tik umfasst („Vollversorgung, wenn die anderweitigen ambulanten Versor- gungsmöglichkeiten auch unter Einbe- ziehung von Beratung, Koordination und unterstützender Teilversorgung nicht mehr ausreichen“). Auch wenn in § 2 (2) die zu erwarten- de Versorgungsdauer der Patienten auf wenige Tage bis Wochen begrenzt wird, wird in der praktischen Umsetzung klar, dass einige Patienten auch längerfristig eine spezialisierte Versorgung benötigen. Gerade bei nicht onkologischen Patien- ten kommt es nach intermittierend auf- tretenden Krisen zu einer Stabilisierung, in der dann die aktiv palliativmedizini- sche Versorgung ausgesetzt und die be- darfsweise Versorgung wiederaufge- nommen wird. Für onkologische Patien- ten ist eine frühe Integration palliativ- medizinischer Inhalte in die Patienten- versorgung wichtig, da hiermit ein län- geres Überleben der Patienten ermög- licht werden kann [1]. So ist eine stati- sche Trennung von AAPV und SAPV vielfach nicht sinnvoll und möglich. Ge- rade in diesem Ineinandergreifen von AAPV und SAPV in einer einzigen Ver- tragsstruktur liegt die Stärke unserer Versorgung in Westfalen-Lippe. Wie viel Behandlung ist zu viel? Die Diskussion über ein „Zuviel“ und ein „Zulange“ in der Behandlung, letztend- lich die Frage nach nicht mehr indizier- ter Behandlung am Lebensende, hat im März diesen Jahres mit einem Prozess vor dem Bundesgerichtshof neue Nah- rung erhalten – denken wir nur an die vielen schwerstgeschädigtenWachkoma- patienten in Intensiv- und Beatmungs- wohngemeinschaften, bei denen keine Aussicht darauf besteht, dass sie ein selbstbestimmtes Leben wiedererlangen. Bereits 2012 formuliertenMitglieder des Berufsverbandes der Palliativmediziner in Westfalen-Lippe unter Federführung des Rechtsanwaltes Dr. Peter Holtappels: „Niemand hat das Recht, in das Leben ei- nes Mitmenschen einzugreifen, dass er dessen Sterben verlängert oder verkürzt [2].“ Die Verfasser des Artikels halten die Feststellung, dass das Sterben Teil des Lebens ist, für ein ein Axiom und sehen in dem Leben und Sterben inWürde das höchste und von der Rechtsordnung ab- solut geschützte Gut, den archimedi- schen Punkt der deutschen Rechtsord- nung. Die nur noch lebenserhaltenden therapeutischenMaßnahmen sind in der Wirklichkeit häufig Maßnahmen, deren überwiegender Zweck es ist, das Sterben zu verhindern. Hier sollte sich der Be- handler bei der Indikationsstellung be- sonders bemühen. Mit der positiven Entwicklung der SAPV und ihren unterschiedlichen For- men, Finanzierungen, die ihren unter- schiedlichen Versorgungsverträgen ge- schuldet sind, regionaler Wirksamkeit und Erreichbarkeit für die Patienten konnte die AAPV zunächst nicht Schritt halten. Diesem Manko aus Gebieten Deutschlands, die ausschließlich durch SAPV-Teams versorgt wurden, ist erst im Oktober 2013 mit der Aufnahme von zu- sätzlichen Gebührenpositionen im ein- heitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) abgeholfen worden. Seitdem werden Eingangsdiagnostik und Hausbesuche besser vergütet. Dass der Gesetzgeber nun auch die SAPV homogenisieren möchte, ist wohl nachvollziehbar. Mit Spannung erwarten wir zum Jah- resende die SAPV-Versorgungsrichtlinie. Wie weit unsere Vertragsgrundlage in Westfalen-Lippe, vor allem aber die praktische Organisation der ambulan- ten Palliativversorgung, beeinflusst wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist damit zu rechnen, dass mehr Professionalisie- rung, eine verstärkte Teamarbeit und Fragen der Qualitätssicherung auf uns zukommen werden und wir uns bereits heute mit einer Weiterentwicklung un- serer etablierten Strukturen beschäfti- gen müssen. Ein aktueller Beitrag zur Qualitäts­ sicherung in der ambulanten Palliativ- versorgung in Westfalen-Lippe soll eine randomisierte und kontrollierte Studie mit dem Titel „Verbessert die ambulante Palliativversorgung in Westfalen-Lippe die Symptomlast und die Lebensqualität von Palliativpatienten?“ sein, wobei Da- ten aus je drei palliativmedizinischen Konsiliardiensten (aus groß- und mittel- städtischen sowie ländlichen Regionen) mittels validierten Fragebögen von Pati- enten und Zugehörigen erfasst werden. Besonders freut uns, dass die Kassenärzt- liche Vereinigung Westfalen-Lippe die nicht geringen Kosten übernimmt – was uns zeigt, welch großes Interesse an einer qualitativ hochwertigen und flächen­ deckenden ambulanten Palliativversor- gung besteht. PD Dr. med. Eberhard A. Lux, Lünen Literatur 1. Temel JS et al. N Engl J Med 2010;363:733-42 2. Holtappels P et al. Angew Schmerzther Palliativmed 2012;5(4):36-7 ©© KatarzynaBialasiewicz / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen) Gerade bei onkologischen Patienten kann sich eine frühe Integration von Palliativ­ versorgung positiv auf das Überleben auswirken. Schmerzmedizin 2019; 35 (4) 45

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