Schmerzmedizin 3 / 2019

Kommentar zur Neuregelung des Zweitmeinungsverfahrens Von Böcken und Gärtnern Der Gemeinsame Bundesausschuss hat entschieden, dass nur noch Ärzte aus demselben Fachgebiet zweitmeinungsberechtigt sind. Noch gilt die Neuregelung nur für drei Indikationen. Aber welchen Einfluss wird sie auf die Schmerzmedizin haben, wenn die Verfahrensregeln ausgeweitet werden? D a ist sie also, die Entscheidung, wer wann wie eine Zweitmei- nung vor einem operativen Ein- griff abgeben darf und wer wann wie nicht (mehr). Freuen werden sich darü- ber, dass eine Zweitmeinung nur noch von Angehörigen des jeweils in Frage kommenden Fachgebiets eingeholt wer- den kann, natürlich vor allem Interes- senvertreter der operativ tätigen Fächer. Und in der Tat muss die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) durchaus auch als beachtlicher Erfolg strategischer Lobbyaktivität in Berlin gewertet werden, der angesichts der Unbeeinflussbarkeit des mächtigsten Organs im deutschen Gesundheitssys- tem zu denken gibt. Zu laut waren der Aufschrei und das Wehklagen der operativen Fächer über all die unwissenden, ignoranten und ah- nungslosen Zweitmeinungsgeber, die den jeweiligen Sachverhalt bezüglich ei- ner Operationsindikation aus einem an- deren Blickwinkel betrachteten – eben dem des nicht operativ Tätigen – und damit nicht wenigen bereits terminier- ten, aber nicht wirklich indizierten Ope- rationen im Interesse der Betroffenen ein plötzliches Ende bereiteten. Zu Recht. Denn wie sollte man es sonst interpre- tieren, wenn etwa im Rahmen einer in- terdisziplinären Begutachtung durch Schmerzmediziner, Physiotherapeuten und algesiologischen Psychotherapeuten mehr als neun von zehn bereits verein- barten Wirbelsäuleneingriffen bei Pati- enten mit Kreuz-/Rückenschmerzen und sieben bis acht der geplanten gelenk­ ersetzenden Eingriffe bei Hüft-, Knie- und Schulterschmerzen negativ bewer- tet und abgesagt werden – und die Be- schwerden der Betroffenen nach qualifi- zierter Anpassung der Regelversorgung so nachhaltig gelindert werden konnten, dass auch im weiteren Verlauf keine Operation notwendig wurde? Und wie wäre die Begutachtung wohl ausgefallen, wenn sie, wie es jetzt beschlossen wurde, nicht mit dem kritischen Blick von au- ßen, sondern nur durch einen anderen Operateur erfolgt wäre? Die Zweitmeinung lebt von ärztlicher Vielfalt Eine zielführende Zweitmeinung kann aus Sicht Betroffener nicht zum Ziel ha- ben, dass ein operativ tätiger Kollege die Operationsfähigkeit und -würdigkeit ei- nes Befundes im Sinne einer Input-Kon- trolle bestätigt. Sie muss stattdessen Chancen und Perspektiven einer nicht operativen, konservativen Intervention hinsichtlich einer nachhaltigen Ver- laufsverbesserung hinterfragen. Und ge- nau das kann ja wohl nur durch Kolle- gen erfolgen, deren Befähigung auf nicht operativen Gebieten liegen. Dabei darf/ soll diese zweite Meinung nicht als Ge- neralkritik an Indikationsstellung und Vorgehensweise operativ tätiger Fachge- biete überinterpretiert werden, durchaus aber als Herausforderung bezüglich In- dikationsstellung und im Interesse des Patienten auch als Anspruch an eine be- dürfnisorientierte Behandlung mit dem Ziel der Output-Optimierung. Mit der neuen Regelung hat der G-BA Sinn und medizinischenWert des Zweit- meinungsverfahrens innerhalb der Rou- tinen der Regelversorgung verramscht. Obwohl die aktuellen Ausführungsbe- stimmungen schmerzmedizinisch rele- vante Operationsverfahren (z. B. anWir- belsäule und Gelenken) noch gar nicht aufführen, erlauben die bereits formu- lierten Vorgaben für die drei Pilotindi- kationen (Tonsillotomie, Tonsillektomie und Hysterektomie) einen Einblick, was auch andere Zweitmeinungsverfahren erwartet beziehungsweise ihnen droht – etwa der Umstand, dass die aus Sicht des G-BA zweitmeinungsbefähigten Ärzte Ist diese Operation wirklich nötig? Bislang durften auch Ärzte aus anderen Fach­ disziplinen eine Zweitmeinung abgeben. Der G-BA ist gerade dabei, dies zu ändern. ©© Morsa Images / Getty Images / iStock DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 46 Schmerzmedizin 2019; 35 (3)

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