Schmerzmedizin 5 / 2019

enten haben häufig einen schweren Ge- wichtsverlust, insbesondere bei gastro- intestinalen Tumoren, sind abgemagert, zum Teil kachektisch. Durch Hypopro- teinämie haben sie periphere Ödeme oder Lungenödeme, ihr Hautturgor ist stark reduziert und sie neigen vermehrt zu Dekubitus. Die Frage der hochkalori- schen Ernährung sollte ab dem Zeit- punkt des Gewichtsverlustes gestellt werden, nicht erst im katabolen Ernäh- rungszustand. Schwere Gewichtsverlus- te lassen sich durch hochkalorische Ernährung nicht mehr kompensieren ( Tab. 2 ). Behandlungsziele Folgende Ziele sollten im Vordergrund stehen: — Respekt vor den Wünschen, Bedürf- nissen und Ablehnungen des Patienten — Begleitsymptome wie Völlegefühl, Übelkeit und Erbrechen lindern — Subjektives Durst- und Hungergefühl stillen — Zwangloser Genuss, mengenunabhän- gig — Appetitsteigernde Angebote machen — Ängste des Patienten und der Angehö- rigen ernst nehmen und beachten Handlungsleitend sollten das Bewahren des subjektiven Wohlbefindens und das Stillen von Hunger- und Durstgefühl sein. Dementsprechend hat sich auch die Bundesärztekammer 2004 und 2011 geäußert. Dazu gehören nicht immer Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr, da sie für Sterbende eine schwere Belas- tung sein können. Jedoch müssen ge- mäß den Grundsätzen der Bundesärz- tekammer zur ärztlichen Sterbebeglei- tung Hunger und Durst als subjektive Empfindungen gestillt werden [2]. Noch eindeutiger positioniert sich der Bayeri- sche Landesauschuss zumThema Essen und Trinken am Lebensende: „Schwer- kranke und sterbende Menschen haben deutlich weniger das Bedürfnis zu essen und zu trinken. Ein Mensch kann nicht qualvoll verhungern und verdursten, wenn er Hunger und Durst gar nicht verspürt.“ Schlussendlich kann man nur ver- hungern, wenn man Hunger hat [5] oder wie die Begründerin der moder- nen Hospizbewegung und Palliative Care Cicely Saunders treffend sagte: „Menschen sterben nicht, weil sie nicht essen, sondern sie essen nicht, weil sie sterben“ [5]. Theorie und Praxis Doch im täglichen Klinikalltag stellt sich vieles leider genau anders dar. Der Hang zur Übertherapie am Lebensende ist ein Phänomen, das wir nicht nur bei der Ernährung finden, sondern auch bei therapeutischen Behandlungsansätzen wie der Chemo- und/oder Strahlenthe- rapie, bei Beatmungszeiten auf Intensiv- stationen und Ernährung über die per- kutane endoskopische Gastrostomie (PEG) bei demenziellen oder stark ZNS- geschädigten Patienten. Die Interessen sind dabei unterschied- lich, dennoch stellt sich die Frage: War- um fordern gerade auch Angehörige am Lebensende bestimmte Therapieoptio- nen, die zum Teil vorher keine oder nur geringe Beachtung fanden? Ein Grund ist sicherlich die schlechte oder ungenü- gende Aufklärung sowie der geringe In- formationsfluss an Angehörige. Nur eine frühzeitige und gute Informations- politik kann dazu beitragen, dass Ange- hörige physiologische Prozesse bei Ster- benskranken besser verstehen und ak- zeptieren, um nicht mehr das Gefühl zu ertragen, der Patient müsse verhungern oder verdursten. Auch der Übereifer oder die Unkennt- nis mancher Behandler verbessert die Si- tuation der Patienten im Sterben nicht, sondern verschlechtert sie nur. Professor Gian Domenico Borasio vom Klinikum der LMUMünchen bemerkte zutreffend: „Es wird derzeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen vieles in bester Absicht ge- tan, was die Menschen – ungewollt – ak- tiv am friedlichen Sterben hindert“ [2]. Das freiwillige Beenden der Nahrungs- aufnahme bei fortgeschrittenen tumorö- sen Erkrankungen schwerstkranker Pa- tienten gehört vielmehr zum natürli- chen Sterbeprozess dazu und kann Aus- druck der Autonomie und der Würde des Patienten sein [1]. Es ist aber stets wichtig festzustellen, ob die Appetitlo- sigkeit und die verminderte orale Nah- Ein freiwilliger Verzicht auf Nahrung in der Sterbephase kann zu einer Ausschüttung von Endorphinen führen – und dem Patienten das Sterben erträglicher machen. ©© shironosov / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell) Tab. 2: Bei einem fortgeschrittenen Tumorstadium.... ... hat eine hyperkalorische Ernährung keinen positiven Effekt mehr, da eine katabole Stoffwechsellage vorliegt. ... ist ein Gewichtsverlust nicht zu verhindern. ... stillen bereits kleinste Nahrungsmengen den Hunger und/oder den Durst. Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 43

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