Schmerzmedizin 5 / 2018

der gesund zu werden. Schuldzuweisun- gen dieser Art werden unterstützt und verstärkt durch die Prämisse prinzipiel- ler Kontrollierbarkeit chronischer Schmerzen. Auch „im Rahmen gängiger Ansätze psychologischer Schmerztherapie wer- den für die Entstehung und die Auf- rechterhaltung chronischer Schmerzen überwiegend psychologische Mechanis- men verantwortlich gemacht, das heißt: die Betroffenen selbst“ [2]. Eine alternative Sicht auf den Schmerz Voraussetzung für einen veränderten Umgang mit schmerzkranken Men- schen ist ein verändertes Schmerzver- ständnis, ein Verständnis, das Ursula Frede ([3] S. 439) mit folgenden Worten umschreibt: „Wie Alter, Krankheit und Tod, so gehört auch der Schmerz zu den Bedingungen, unter denen wir dieses Leben angetreten haben, ob uns diese Bedingungen nun gefallen oder nicht. Leben heißt immer auch leiden. Wer die Schattenseiten des Lebens zu bekämpfen versucht, kämpft gegen einen Teil des Lebens.“ Was wäre, wenn eine schwerwiegende Erkrankung als unverschuldetes Schick- sal verstanden würde, das jedem Men- schen jederzeit widerfahren könnte? Wahrscheinlich wäre es einfacher, soli- darisch mit den Betroffenen zu sein. Angst und Trauer angesichts krankheits- bedingter Verluste könnten vomUmfeld mitgetragen werden, ebenso die Freude über Verbesserungen. Im Folgenden sollen sieben Merkmale skizziert werden, deren Bedeutung Ur- sula Frede [1, 4] für die Verwirklichung solidarischen Mitgefühls in der Begeg- nung mit chronisch schmerzkranken Menschen aufgezeigt hat. Hilfreiche Verhaltensweisen im Umgang mit Schmerzpatienten Empathie Empathie meint die Fähigkeit und Be- reitschaft, gefühlsmäßige Reaktionen des Gegenübers wahrzunehmen und da- rauf einzugehen. Ursula Frede ([4] S. 342) macht auf ei- nen wichtigen Aspekt des Ein- und Mit- fühlens aufmerksam: „Mitgefühl, das sich inWorten erschöpft, wo Taten nötig und möglich wären, ist unglaubwürdig.“ Manchmal ist ein Glas Wasser „thera- peutischer“ als eine ausgefeilte Verbali- sierung. Ein demenziell erkrankter Schmerz- patient in der geriatrischen Klinik, in der ich arbeitete, fragte das Pflegeperso- nal immer wieder nach der nächsten Mahlzeit. Schwestern und Pfleger er- klärten ihm wiederholt, dass es doch ganz bald wieder etwas zu essen gäbe. Das konnte er sich aber nicht merken. Ich organisierte ihm daher eine große Dose mit eingepackten Diabetiker-Kek- sen, die ihn immer wieder daran erin- nerte, dass ausreichend Essen vorhan- den war. Echtheit Ein weiteres Merkmal hilfreicher Begeg- nung ist die persönliche Echtheit – also die Fähigkeit und Bereitschaft, anderen gegenüber möglichst offen und aufrich- tig zu sein. Dies kann bedeuten, die ei- genen Grenzen zu respektieren, authen- tisch „Nein“ zu sagen und ebenso au- thentisch die Hand eines Patienten zu halten. Eine Patientin erzählte mir, wie sie den Tod ihres Ehemannes und eine Rei- he anderer Schicksalsschläge erfolgreich bewältigt hat. Dabei füllten sich ihre Au- gen mit Tränen. Sie sprach aber einfach weiter. Ich hatte den starken Impuls, sie zu trösten, legte meine Hand kurz auf ihre und sagte: „Und dennoch ist es nicht immer leicht...“. Darauf stoppte der Redefluss und sie begann zu weinen. Nach kurzer Zeit ging das Gespräch wei- ter und wir sprachen auch über ihre Trauer und ihre Einsamkeit. Akzeptanz Akzeptanz meint, andere so anzuneh- men, wie sie sind. Einen Patienten, der jede Woche mit einem frischen Compu- terausdruck aus dubiosen Internetforen in die Sprechstunde kommt, muss man nicht mit einem Augenrollen begrüßen. Man kann ihm stattdessen widerspie- geln, dass man anerkennt, wie wichtig es ihm ist, nichts zu verpassen, was seine Erkrankung betrifft, und ihm versichern, dass man selbst dasselbe Interesse hat – und eigene Informationsquellen. Die drei genannten Aspekte können Orientierungshilfen bieten in der Beglei- tung schmerzkranker Menschen. Kaum ein Mensch wird sie je zur Gänze ver- wirklichen können. Aber: Der Weg ist das Ziel [5]. Orientierung am Patienten Entscheidend für die Überlegungen von Ursula Frede ([1] S. 11) ist der Wechsel der Perspektive: Die Frage nach der Kon- trolle chronischer Schmerzen tritt zu- rück hinter die Frage: „Wie kann dieser individuelle Mensch in seiner konkreten Situation lernen, mit seinem Schmerz zu leben?“ Daraus folgt, dass sich die Ziele und Interventionen einer jeden Beglei- tung an der Person und Situation des Pa- tienten orientieren sollten – statt an von außen vorgegebenen Vorstellungen funktionaler Bewältigung chronischer Schmerzen. Die Orientierung an der Individuali- tät des Patienten hat zur Folge, dass die Interventionen des Begleiters niemals von Anfang an feststehen, vielmehr für jeden Patienten neu bestimmt werden: „Der Betreuende passt sein Vorgehen an den Patienten an – statt von diesem zu erwarten, sich an sein (des Begleiters) Konzept anzupassen“ [2]. Eine Patientin mit ausgeprägter Os- teoporose entwickelte nach diversen Spontanfrakturen eine ausgeprägte Fallangst. Zudem hatte ihre zunehmen- de Hilfslosigkeit belastende Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges ange- triggert. Die Fallangst und das daraus folgende Vermeidungsverhalten legten eine verhaltenstherapeutische Behand- lung nahe. Doch bat mich die Patientin, mit ihr nicht über ihre Fallangst, son- dern über ihre Flucht zu sprechen, da sie sonst niemanden hätte, dem sie sich an- vertrauen könnte. So führte ich mit ihr „Nicht jeder Schmerz lässt sich lindern, vielleicht aber das Leiden an ihm.“ (Ursula Frede) Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2018; 34 (5) 43

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