Schmerzmedizin 2 / 2019

Zielsetzung Mit dem Ziel, Antworten auf die vorge- nannten (und auf zahlreiche weitere) Fragen zu finden, erfolgte eine Analyse der im Jahr 2017 über das PraxisRegister Schmerz und die zugehörigen Online- Plattformen „iDocLive und „mein- Schmerz“ dokumentierten Behand- lungsfälle, bei denen das in Deutschland für die Behandlung der muskulären Spastik bei Multipler Sklerose zugelasse- ne Tetrahydrocannabinol(THC)- und Cannabidiol(CBD)-haltige Oromukosal- spray im Rahmen der neuen Einsatzle- galisierung bei Patienten mit schwerwie- genden Schmerzen zur Anwendung kam. Auswertungskonzept Der Auswertung zugrunde gelegt wur- den die im Rahmen der Regelversorgung und unter Verwendung der Kerninstru- mente des Deutschen Schmerzfragebo- gens der DGS dokumentierten anony- misierten Behandlungsdaten der Patien- ten über einen Zeitraum von drei Mona- ten ab Beginn der Cannabisbehandlung. Formal folgte die Auswertung damit dem Konzept einer nicht interventionel- len Kohortenstudie. Die biometrische Analyse selbst erfolgte zunächst unter Verwendung für das jeweilige Datenfor- mat geeigneter deskriptiver Verfahren, im Verlauf auch unter Einbindung kom- plexerer, multivariater, linearer und bi- när logistischer Regressionsverfahren für ergänzende Responder- und Prädik- tionsanalysen. Eventuell ergänzend ge- nutzte konfirmatorische Testverfahren dienten nicht der Überprüfung vorab formulierter Hypothesen, sondern al- lenfalls der Prüfung der biometrischen Signifikanz explorativ nachgewiesener Unterschiedsmaße. In die Auswertung einbezogen wurden alle im Evaluations- zeitraum dokumentierten Fälle mit ver- wertbaren Anwendungsdaten. Im Ver- lauf fehlende Daten wurden unter Ver- wendung geeigneter Imputationsverfah- ren (lineare Interpolation bei Binnenlücken und „last observation car- ried forward“ bei Randlücken) ersetzt. Als primärer Wirksamkeitsparameter wurde ein Komposit-Endpunkt, defi- niert als durchschnittliche relative (d. h. prozentuale) Beschwerdelinderung am Ende der 12-wöchigen Beobachtungs- phase versus Ausgangsbefund festgelegt, der auf neun verschiedenen patientenre- levanten Parametern beruht: Schmer- zintensität, schmerzbedingte Beein- trächtigungen im Alltag, Schlaf, allge- meines Wohlbefinden, körperliche und seelische Lebensqualität, Depressivität, Angst und Stress (Aggregated 9-factor Symptom Relief Score, ASR-9). Sicher- heits- und Verträglichkeitsanalysen er- folgten unter Bezugnahme auf Häufig- keit und Spektrum der patientenseitig dokumentierten unerwünschten Arz- neimittelwirkungen (UAW). Die Beschränkung der Analyse auf die oromukosale Darreichungsform von Cannabis als Medizin begründete sich durch a) den Sonderstatus des THC:CBD-hal- tigen Mundsprays als in Deutschland (und weiteren 31 Ländern) formal zuge- lassenes cannabishaltiges Fertigarznei- mittel (Handelsname mit all den sich aus dem Prozess der Zulassung arzneimittelrechtlich ergebenden Vor- teilen (u. a. ein umfangreiches klinisches Studienprogramm, mehrtausendfache Anwendungserfahrungen, Dosis-Wir- kungsanalysen und Dosierungsempfeh- lungen, umfangreiche Verträglichkeits- daten, aktives Sicherheitsmanagement), b) die im Gegensatz zu den sonstigen Darreichungsformen von Cannabis als Medizin durch mehrere unabhängige aktuelle Metaanalysen durchgängig be- stätigte positive Bewertung bezüglich ei- nes Einsatzes im Indikationsbereich neuropathischer Schmerz, c) die insbesondere im Vergleich zu ge- trockneten Cannabisblüten und synthe- tischen THC-Analoga gering(er)en Ta- gestherapiekosten und d) das durch das ~1:1-Verhältnis von THC:CBD günstige(re) Sicherheitspro- fil, insbesondere hinsichtlich des Risi- kos unerwünschter THC-assoziierter psych(ot)ischer Arzneimittel(neben) wirkungen. Die Auswertung erfolgte entspre- chend den Vorgaben der Datenschutz- grundverordnung und des Bundesda- tenschutzgesetzes und unter ausschließ- licher Bezugnahme auf anonymisierte Routinedaten der Regelversorgung. Alle Patienten, deren Behandlungsdaten in diese Auswertung eingingen, hatten der bezüglich Personen- und Behandler­ informationen deidentifizierten/anony- misierten Verwendung ihrer Routineda- ten vorab schriftlich zugestimmt. Das Auswertungskonzept wurde in das elek- tronische Register für nicht interventio- nelle Studien bei der Europäischen Arz- neimittelbehörde (EMA) eingetragen (ENCEPP: EUPAS 25799). Ausgangsbefunde Insgesamt erhielten im Jahr 2017 von den 30.228 über die Online-Plattformen „iDocLive“ und „mein-schmerz“ im Pra- xisRegister Schmerz dokumentierten Behandlungsfällen zwischen dem 10. März und dem 31. Dezember 1.224 Pati- enten Cannabis als Medizin (4,1%), von denen wiederum 800 mit dem Oro­ mukosalspray (65,4%) und 424 (34,6%) Abb. 1 : Übersicht über die ICD-10-Diagnosen der mit THC:CBD behandelten Patienten (links) und die zugehörige klinische Phänomenologie (nach PDQ7) je ICD-10-Gruppe (rechts) Häufigkeit (%) Häufigkeit (%) nozizeptiv gemischt neuropathisch Kreuzschmerzen FBSS Schulter-/Nackenschmerzen Postherpetische Neuralgie Diabetische Polyneuropathie Plexusverletzungen Spinalkanalstenose Krebs Fibromyalgie Periphere Nervenläsion Phantomschmerzen Osteoarthrose 0 10 15 5 20 30 25 0 40 65 20 80 100 29,3 29,5 67,1 25,7 68,2 29,7 63,7 20,8 77,8 17,9 76,8 14,6 27,1 58,3 13,2 36,8 50,0 16,1 54,8 29,0 7,7 7,7 9,1 10,5 84,6 50,0 40,9 26,3 63,2 29,7 53,3 20,0 18,5 11,4 9,0 7,0 6,0 4,8 3,9 3,3 2,8 2,4 Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2019; 35 (2) 43

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