Schmerzmedizin 5 / 2018

ein Lebensrückblickinterview durch, was ihr half, psychisch stabiler zu wer- den. Standhalten Intensiven Emotionen standzuhalten, ist eine Herausforderung. Wie Standhalten gelingen kann und was es bedeutet, be- schreibt Ursula Frede ([1] S. 200): „Ob und inwieweit es einemTherapeuten ge- lingt, dem Leid seines Patienten stand- zuhalten, zeigt sich zunächst einmal im Verzicht auf unnötige oder sogar stören- de Aktivitäten. Trauer, zum Beispiel die Trauer angesichts vielfältiger und end- gültiger Verluste, ist wie eine mächtige Welle, die man am besten auslaufen lässt. Wenn keine Deiche errichtet werden, hinter denen sich die Trauerwellen stau- en, können sie allmählich verebben. Der Therapeut braucht hier gar nicht viel zu tun – nur darauf zu achten, dass er der Trauer nichts in den Weg stellt, was ihr natürliches Abfließen behindern könnte. Keine Bewertungen also, keine vor- schnellen Aufforderungen zu positivem Denken und keine Belehrungen über funktionales und dysfunktionales Ver- halten.“ Ein schwerkranker Prostatakrebspati- ent hatte vor wenigen Minuten erfahren, dass seine Frau ganz überraschend an ei- nem Schlaganfall verstorben war. Seine Trauer und Verzweiflung waren immens. Wir hatten bis dahin einen guten Kon- takt aufgebaut. Ich setzte mich zu ihm, hielt seine Hand, spiegelte gelegentlich sein Seufzen und seinen schweren Atem, bis er etwas zur Ruhe gekommen war. Dann sahen wir uns in die Augen, ver- abschiedeten uns durch einen langen Händedruck und ein Nicken. Alles war gesagt. Erst am folgenden Tag sprachen wir über seine Frau und das, was passiert war. Trauer zulassen und Ermutigung zum Abschied Im Krankenhaus erlebe ich häufig, dass mich Pflegekräfte, Therapeuten oder Ärzte zu einem Patienten schicken, der „depressiv“ sei. In vielen Fällen aber zei- gen die Patienten eine Trauerreaktion – oft in Folge ihrer Erkrankung. Manch- mal kann nicht einmal diese Erklärung bewirken, dass die Kollegen nicht mehr von „Depressionen“, sondern von „Trau- er“ sprechen. Offenbar ist es für viele Menschen schwer, intensive Traurigkeit als etwas Normales zu anzusehen. Trauer ist weder neurotisch noch ir- gendwie therapiebedürftig. Sie ist viel- mehr eine normale menschliche Reakti- on auf Verlust und Bedrohung. Als sol- che sollte sie auch anerkannt und ihr of- fener Ausdruck aktiv gefördert werden. Etwas zu verlieren, ist etwas anderes, als sich von etwas zu verabschieden [2]: „Ein Verlust geschieht demMenschen, ei- nen Abschied vollzieht er selbst. Ummit chronischen Schmerzen leben zu lernen, gilt es zunächst, Abschied zu nehmen: Abschied von der Illusion persönlicher Unverwundbarkeit, Abschied von be- stimmten Vorstellungen über das Leben, das man am liebsten führen möchte.“ Das medizinische Personal kann die- sen Prozess unterstützen, indem die Ver- luste, die der Patient betrauert, nicht ba- gatellisiert werden. Um eine Bagatellisie- rung handelt es sich beispielsweise auch, wenn man einem Erkrankten, der nicht mehr ohne Gehhilfe wird gehen können, die Vorzüge der neuesten Rollatoren be- schreibt. Verluste werden leichter überwunden, wenn sie gewürdigt werden, indemman sich auf die damit verbundene Traurig- keit einlässt, den Erkrankten sogar da- nach fragt: „Nicht aus der Verleugnung von Leid, sondern aus seiner Anerken- nung wachsen Kraft und Mut, sich von früheren Lebensvorstellungen zu verab- schieden und ein neues Lebenskonzept zu entwickeln.“ ([4] S. 345). Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die aufgrund ihrer fortgeschrittenen Os- teoporose ihren Hund abgeben musste. Ihre erwachsenen Kinder hatten eine neue Familie für das Tier gefunden und konnten gar nicht verstehen, weshalb die Mutter sich darüber nicht freute. In un- seren Gesprächen konnte die Patientin ihrer Trauer Ausdruck verleihen, ohne bewertet zu werden. Zudem wurde deut- lich, wie sehr der Hund ihr Bedürfnis nach Kontakt erfüllt hatte. Wir überleg- ten schließlich gemeinsam, welche ande- ren Wege es für sie gab, Kontakte zu ha- ben. Aktivierung von Ressourcen Ein wunderbares Zitat zur Ausrichtung von Unterstützung stammt vom Psycho- therapieforscher Klaus Grawe ([6] S. 351): „Etwas Positives hinmachen, ist für den Therapieerfolg wichtiger, als etwas Negatives wegmachen.“ Persönliche Res- sourcen zu entwickeln oder wiederzu- entdecken ist wirkungsvoller und wahr- scheinlich auch nachhaltiger, als der Versuch, die negativen Emotionen zu vertreiben. Wie die Aktivierung von Ressourcen konkret aussehen kann, verdeutlicht Ur- sula Frede anhand ihrer persönlichen Erfahrung: „Nach der Erstanamnese fragt mich eine Ärztin: »Wenn ich Ihnen so zuhöre: Sie haben sehr viel mitge- macht. Und doch wirken Sie ganz ge- fasst. Was gibt Ihnen die Kraft, all das auszuhalten?« Mit dieser Frage sind wir nicht mehr bei meinem Schmerz. Wir sind bei meinen Kraftquellen.“ ([7] S. 694). Die Auseinandersetzung mit den Res- sourcen des Patienten kommt häufig zu kurz, wenn die Kräfte zu sehr imKampf gegen den Schmerz gebunden sind. Hilf- reich dagegen ist es, die Aufmerksam- keit des Erkrankten wiederholt auf seine Fähigkeiten und Werte, auf seine inne- ren und äußeren Kraftquellen zu lenken, beispielsweise durch Fragen folgender Art ([4] S. 346): — „Worauf in Ihrem Leben sind Sie heu- te noch stolz?“ — „Was möchten Sie auf keinen Fall an- ders haben?“ — „Wer oder was hat Ihnen bei früheren Krisen Ihres Lebens geholfen?“ — „Wer oder was gibt Ihnen heute Kraft, die Belastungen Ihrer Situation zu tra- gen?“ Eine bettlägerige Patientin hat mir auf die Frage „Was können Sie noch?“ geant- wortet: „Fast nichts mehr. Ich bin, was meinen Körper betrifft, komplett auf Hilfe von Anderen angewiesen. Aber das eine, das kann ich noch: Ich bete jeden Abend für alle Menschen. Nicht nur für mich, sondern für die ganze Welt und den Frieden.“ Fazit Im vorliegenden Artikel wurde darge- stellt, wie zentrale Überlegungen nach Ursula Frede zum Umgang mit chro- nisch schmerzkranken Menschen in die Praxis umgesetzt werden können. Sie plädiert für eine Haltung, die auf impli- DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 44 Schmerzmedizin 2018; 34 (5)

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