Schmerzmedizin 1 / 2019

gabe zu, ihre Patienten einzuladen, das Schiff der Schmerztherapie zu betreten und sich mit dem multiprofessionellen Team aus Ärzten verschiedener Diszip- linen, geschulten Psychologen und Psy- chotherapeuten, Physiotherapeuten, Er- gotherapeuten und algesiologischem Fachpersonal „auf See“ zu begeben, um nach einem nicht selten stürmischen Auf und Ab in einen neuen Hafen ein- zufahren. Durch die medizinische Therapie soll der Schmerz am Ende vielleicht nicht verschwunden, aber zumindest spürbar gemindert sein. Insbesondere durch psy- chotherapeutische Ansätze kann die Ein- stellung gegenüber der chronischen Be- lastung modifiziert werden: Das Verhält- nis zwischen Schmerzsubjekt und Schmerzobjekt verändert sich, die Ver- bindung und Partnerschaft von hoffen- dem Ich und zermürbendem Du, dem Schmerz, verliert seine blockierende Bin- dung. Stattdessen tritt womöglich eine wertungsfreie Akzeptanz an die Stelle mühevoller Kontrolle und darüber hin- aus eine Reaktivierung vergessener Res- sourcen an die Stelle katastrophisierend- passiver Vermeidung des Lebens, das auch für schmerzleidende Patienten stets in der Gegenwart stattfindet [3]. Neuordnung des Beziehungsgefüges Kehrt ein solcher Patient sicher „in den Hafen eingelaufen“ nach Hause zurück, sind Freunde und Angehörige nicht sel- ten irritiert: Patienten haben Zugang zu ihren in der Regel biografisch erworbe- nen Denk- und Handlungsschemata be- kommen, nehmen Belastungsgrenzen wahr und verteidigen diese womöglich. Das häufig langjährige Beziehungsele- ment „Schmerz“ hat an Kraft eingebüßt und macht eine Neuorientierung des so- zialen Systems des Patienten erforder- lich. Ein respektvoller Vergleich zur Stö- rungsgruppe der Suchterkrankten und ihrer Zugehörigen (Freunde, Angehöri- ge, Bezugspersonen) sei an dieser Stelle erlaubt: Auch die sogenannten Ko-Ab- hängigen fokussieren sich mit ansteigen- der Dynamik des Abusus zunehmend auf den „Stoff“. Alles dreht sich um den Erkrankten und dessen Bedarf. Eigene und gemeinsame Bedürfnisse treten hingegen zunehmend in den Hinter- grund. Angehörige werden zu „Wasser- trägern“. Nicht selten enden Beziehun- gen in diesem Setting sogar, sobald sich der Suchtkranke nach Entzug in Remis- sion befindet – die Bindungskraft der auf die Sucht reduzierten Beziehung greift nicht mehr. Patienten und ihre Angehörigen – alle in einem Boot Um diesen Erfahrungen und Beobach- tungen Rechnung zu tragen, hat sich das Team der Schmerztherapie Helios in Barmen entschieden, die Zugehörigen unserer Schmerzpatienten in die Be- handlung einzubinden: Im Rahmen ei- nes Pilotprojektes haben wir Patienten, Freunde und Angehörige auf unser Boot/Schiff eingeladen und zusammen- gebracht. Es erscheint uns wichtig, dass Patienten über die Grundpfeiler unseres bio-psycho-sozialen Behandlungsansat- zes informiert sind – etwa über physio- logische Unterschiede zwischen chroni- schem und akutem Schmerz, über Ver- stärkerkreisläufe und schmerzunabhän- gige Lebensqualitäten. Gleichzeitig liegt es uns am Herzen, mit Zugehörigen zu erarbeiten, dass die Schmerztherapie zu einer Veränderung des Patienten und somit der Bezie- hungsbalance führen kann: Wo liegen Chancen der Neujustierung? Wo ist Un- terstützung sinnvoll? Wo kann ein lie- bevoll gemeintes „Ich mach das schon für dich“ zu einem operanten Faktor werden, der vielmehr zu einer Aufrecht- erhaltung der Symptomatik führt, da der Betroffene bislang nur den Weg Schmerz zur Aufmerksamkeitszuwen- dung erlernt hat? Von besonderer Bedeutung ist daher eine ausgewogene Selbstfürsorge der Zu- gehörigen, auf die die Erkrankung – ohne unmittelbar selbst betroffen zu sein – lebensverändernd wirkt und zu erschöpfender Versorgung, aber auch re- signativer Hilflosigkeit führen kann. Wo liegen auch hier Grenzen zur Überbelas- tung? Ist es trotz des Leides erlaubt, „nein“ zu sagen? Welche (vergessenen) Wünsche habe ich an die Beziehung mit dem anderen? Wo liegen eigene Ressour- cen und Wertvorstellungen? Unsere Er- fahrungen bestätigen, welch hoher Be- darf im sozialen Umfeld unserer Patien- ten besteht, am Prozess „auf hoher See in der Schmerzklinik zu sein“ eingebun- den zu werden. Als Mitreisende auf unterschiedlichen Positionen freuen wir uns darauf, das Repertoire unserer Interventionsmög- lichkeiten nicht nur auszuschöpfen, son- dern auszubauen und fortzuentwickeln, sodass unsere Patienten und ihre Zuge- hörigen eine gemeinsame Freude am Dasein im Sosein wiederfinden. Das Einbeziehen der Bezugspersonen in ein multimodales Behandlungskonzept hilft, die Schmerzerkrankung zu verste- hen und realistische Therapieerwartun- gen zu vermitteln. Sie ist ein Baustein in einem nachhaltigen Behandlungskon- zept. Literatur 1. www.iasp-pain.org/GlobalYear 2. Casser HR et al. Interdisziplinäres Assess- ment zur multimodalen Schmerztherapie. Schmerz 2013;27:363-70 3. Nobis H-G et al. Ärztliche Edukation und Kommunikation in der primären Schmerz- behandlung. Der Schmerz 2013;27:317-24 Dr. med. Dipl. oek. med. Thomas H. Cegla Schmerzklinik Wuppertal – Helios Universitätsklinikum Wuppertal Im Saalscheid 5 42369 Wuppertal E-Mail: Thomas.Cegla@dgschmerzmedizin. de Dipl. Psych. Astrid Magner, M.A. Schmerzklinik Wuppertal – Helios Universitätsklinikum Wuppertal Im Saalscheid 5 42369 Wuppertal Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2019; 35 (1) 45

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