Schmerzmedizin 3 / 2019

Überlegungen zur Legalisierung von Cannabis als (Schmerz-)Medizin Gemeinsam tun, was getan werden muss Zwei Jahre nach der Legalisierung von Cannabis als Medizin steht einer überhöhten Erwartungshaltung ein Mangel an wissenschaftlich fundierter Evidenz gegenüber. Dokumentationsplattformen können den individuellen Nutzen von Cannabis für den Patienten festhalten und als Grundlage für klinische Studien dienen. S o schnell kann es also gehen! Am 10. März jährte sich zum zweiten Mal die Legalisierung des Einsat- zes von Cannabis als Medizin. Ein Grund für große Feiern? Wohl eher nicht, es sei denn, man hält Aktien/An- teile an einem der zahlreichen Unter- nehmen, die seitdem den deutschen Markt mit ihren nicht zugelassenen, aber nun legal zu verordnenden Canna- bisprodukten fluten und sich mit Heils- versprechungen verschiedenster Art zu übertreffen suchen. Zur Erinnerung Infolge eines Grundsatzurteils des 3. Se- nats des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG 3 C 10.14) vom 6. April 2016 wurde das Bundesinstitut für Arznei- mittel und Medizinprodukte (BfArM) verpflichtet, einem Patienten mit thera- pierefraktärer Multipler Sklerose zu er- lauben „Cannabis (Indica-Sativa-Hybri- de) in seiner Wohnung (…) anzubauen, zu ernten und zummedizinischen Zweck seiner Behandlung zu verwenden“ . Ein eindrucksvoller Erfolg für den Kläger und eine schallende Ohrfeige für die ge- setzlichen Krankenversicherungen, die den Betroffenen durch ihre restriktive Verweigerungshaltung letztlich zu die- sem jahrelangen Marathon durch die verschiedenen juristischen Instanzen gezwungen haben – einerseits! Anderer- seits das Worst-Case-Szenario aus Sicht von Bundesoberbehörde, Bundesge- sundheitsministerium und Bundes­ regierung. Diesem Urteil folgte ein in der jüngeren Geschichte der Bundes- republik wohl einmaliger Vor- gang. Offensicht- lich getrieben von der Vision von Canna- bisplanta- gen auf Balkonen und in Vorgärten deutscher Großstädte, startete ein Gesetzesvorhaben, das nach noch nicht einmal neun (!) Monaten am 19. Januar 2017 vom Bundestag frakti- onsübergreifend einstimmig verabschie- det wurde und am 10. März 2017 in Kraft trat: Durch eine Änderung des Be- täubungsmittelgesetzes wurde Cannabis nicht nur formal verkehrs- und damit auch verordnungsfähig, sondern gesetz- liche Krankenversicherungen auch dazu verpflichtet, die Kosten der Cannabisbe- handlung bei Nachweis bestimmter Vo- raussetzungen zu übernehmen. Soweit die Theorie. Seitdem dürfen alle Ärzte in Deutsch- land – mit Ausnahme von Tier- und Zahnärzten – Cannabis (in welcher Form auch immer) legal verordnen, wenn der Betroffene unter einer soge- nannten schwerwiegenden Erkrankung entsprechend Sozialgesetzbuch (SGB) V leidet. Darüber hinaus wurden entspre- chend § 31 Abs. 6 SGB V Bedingungen definiert, unter denen die gesetzlichen Krankenversicherungen verpflichtet sind, die Kosten der Verordnung zu übernehmen ( Tab. 1 ). Zwei Jahre später Man sollte annehmen, dass heute die meisten mit diesemGesetz verbundenen Wogen geglättet und die anfänglichen Umsetzungsprobleme gelöst sind. Doch weit gefehlt! Der Alltag und die unverän- dert hochemotional geführten Diskussi- onen auf allen Ebenen des deutschen Ge- sundheitssystems zeigen, dass diese naiv anmutende Annahme der Tragweite die- ses Gesetzes und den mit seiner brachi- alen Umsetzung verbundenen gesund- heitspolitischen, arzneimittelrechtli- chen und versorgungstechnischen Ver- werfungen nicht einmal annähernd gerecht wird und seit dem 10. März 2017 nur die vormals höchstrichterlich erteil- ©© joanna wnuk / stock.adobe.com DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 48 Schmerzmedizin 2019; 35 (3)

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=