Schmerzmedizin 4 / 2019

Galenus-von-Pergamon-Preis 2019: Zwei Migräneantikörper unter den Bewerbern — — Der Galenus-von-Pergamon-Preis, ge- stiftet vomSpringer Medizin Verlag, würdigt jedes Jahr ein in Deutschland zugelassenes und auf den Markt gebrachtes, innovatives Medikament. Unter den 15 Bewerbern fin- den sich dieses Jahr zwei Kandidaten, die ein ganz neues Konzept der Migränepro- phylaxe repräsentieren: Monoklonale Anti- körper, die auf das Calcitonin-Gene-Rela- ted-Peptid (CGRP) beziehungsweise dessen Rezeptor abzielen. Erenumab Mit Erenumab ( von Novartis wurde im November 2018 der erste Vertre- ter dieser neuen Wirkstoffklasse im deut- schen Markt eingeführt. Erenumab, das speziell für die Migräneprophylaxe entwi- ckelt wurde, bindet an den CGRP-Rezeptor. Zugelassen ist das Medikament zur Migrä- neprophylaxe bei Erwachsenen mit min- destens vier Migränetagen pro Monat. Die laut Fachinformation empfohlene Dosis beträgt 70 mg; manche Patienten können von einer Dosis von 140 mg alle vier Wochen profitieren. Erenumab wurde in einem umfangreichen Studienprogramm mit insgesamt mehr als 3.000 Patienten mit episodischer und chronischer Migräne evaluiert. Die Antikörpertherapie zeichnete sich in diesen Studien unter anderem durch einen schnellen Wirkeintritt und ein sehr gutes Sicherheits- und Verträglichkeits­ profil aus. In einer zulassungsrelevanten, zwölfwöchi- gen dreiarmigen Phase-II-Studie mit 667 Patienten mit chronischer Migräne wurde Erenumab in den Dosisstärken 70 mg und 140 mg versus Placebo geprüft. Innerhalb von drei Monaten sank die Zahl der monat- lichen Migränetage in beiden Verum-Armen um 6,6 Tage, unter Placebo um 4,2 Tage (p < 0,001). In der Erweiterungsstudie über ein Jahr erreichten die Patienten, die anfangs im Mittel 18,1 Migränetage pro Monat aufwiesen, eine durchschnittliche Reduktion ihrer Migränetage um 10,5 Tage (140 mg) und 8,5 Tage (70 mg). In der auf sechs Monate angelegten Phase- III-Studie STRIVE bei 955 Patienten mit epi- sodischer Migräne (im Mittel an 8,3 Tagen pro Monat) reduzierte Erenumab die Zahl der monatlichen Migränetage um 3,2 Tage (70 mg) und 3,7 Tage (140 mg), unter Place- bo sank sie um 1,8 Tage (jeweils p < 0,001). Unter Erenumab konnte bei 43,3% (70 mg) und 50% (140 mg) der Patienten die Zahl der monatlichen Migränetage mindestens halbiert werden. Im Placebo-Arm war das nur bei 26,6% der Patienten der Fall. Ähnli- che Ergebnisse erbrachte die Phase-III-Stu- die ARISE, an der 577 Patienten mit episodi- scher Migräne teilnahmen. Die Wirksamkeit bei schwer zu behandeln- der Migräne zeigte die doppelblinde, place- bokontrollierte Phase-IIIb-Studie LIBERTY, an der 246 Patienten mit episodischer Mig- räne bei im Mittel 9,3 Migränetagen pro Monat teilnahmen. Fast alle Patienten wa- ren bereits mit zwei bis vier Prophylaxen vorbehandelt worden, jedoch ohne ausrei- chenden Effekt. In diesem Kollektiv schwer betroffener Patienten konnte bei 30,3%mit 140 mg Erenumab alle vier Wochen eine Verringerung der monatlichenMigränetage um mindestens die Hälfte bis zum Studie- nende nach zwölf Wochen erzielt werden (Placebo: 14%; p < 0,002). ImMittel sank die Zahl der monatlichen Migränetage unter dem CGRP-Rezeptor-Antikörper um 1,8 Tage versus 0,2 Tage unter Placebo (p = 0,004). Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) sieht in der frühen Nutzenbewer- tung einen Anhaltspunkt für einen be- trächtlichen Zusatznutzen für Erenumab bei Migränepatienten, die auf keine der folgenden prophylaktischen Vortherapien zufriedenstellend ansprechen, für diese nicht geeignet sind oder sie nicht vertragen: Metoprolol, Propranolol, Flunarizin, Topira- mat, Amitriptylin, Valproinsäure oder Botu- linumtoxin A. Fremanezumab Im Mai 2019 kam der CGRP-Antikörper Fre- manezumab von Teva auf den Markt. Auch Fremanezumab ist zur Migrä- neprophylaxe bei Erwachsenen mit min- destens vier Migränetagen proMonat zuge- lassen. Aufgrund der Halbwertszeit von 32 Tagen kann das Präparat entweder einmal monatlich in einer Dosis von 225 mg oder auch nur vierteljährlich in einer Einzeldosis von 675 mg als subkutane (s. c.) Injektion appliziert werden, was die Flexibilität der Behandlung erhöht. Die klinische Wirksam- keit und Sicherheit von Fremanezumab wurden in den randomisierten, placebo- kontrollierten, dreiarmigen, zwölfwöchigen Phase-III-Studien HALO-EM und HALO-CM bei Erwachsenen mit hochfrequenter epi- sodischer und chronischer Migräne unter- sucht. An der Studie HALO-EMnahmen insgesamt 875 Patienten mit mindestens vier Migräne- tagen pro Monat teil. Sie wurden entweder mit Fremanezumab 225 mg s.c. einmal monatlich oder mit 675 mg s.c. alle drei Monate oder mit Placebo s.c. behandelt. In beiden Verumgruppen hatte die Zahl der monatlichen Migränetage bis zum Studien­ ende nach zwölf Wochen verglichen mit dem Ausgangswert (primärer Endpunkt) signifikant gegenüber Placebo abgenom- men (p < 0,001): Bei monatlicher Injektion betrug die Reduktion imMittel 3,7 Tage, bei vierteljährlicher Gabe 3,4 Tage und mit Placebo 2,2 Tage. Eine Reduktion der Zahl der monatlichen Migränetage um mindes- tens 50% wurde bei 47,7% der Patienten unter monatlicher und bei 44,4% der Pati- enten unter vierteljährlicher Injektion des Antikörpers erreicht (Placebo: 27,9%). Der Unterschied zu Placebo war statistisch sig- nifikant (p < 0,001). Außerdem benötigten die Patienten an weniger Tagen eine Akut- medikation als zu Studienbeginn (p < 0,001 versus Placebo). In die Studie HALO-CM wurden 1.036 Pati- entenmit chronischer Migräne einbezogen. Die Zahl der monatlichen Kopfschmerztage sank bei monatlicher Fremanezumab-Gabe um im Mittel 4,6 Tage, bei quartalsweiser Gabe um 4,3 Tage und mit Placebo um 2,5 Tage (p < 0,001 versus Placebo). Bereits nach einer Woche zeigte sich eine signifikante Besserung (p < 0,001 versus Placebo). Eine Halbierung der Zahl der monatlichen Kopf- schmerztage erreichten 40,5% der Patien- ten unter monatlicher und 37,6% bei vier- teljährlicher Fremanezumab-Injektion. In beiden HALO-Studien verbesserten sich unter Fremanezumab auch die Lebensqua- lität, der allgemeine Gesundheitsstatus, die psychische Gesundheit sowie die Arbeits- produktivität. Zudem war die Wirksamkeit des CGRP-Antikörpers mit einemgünstigen Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil ver- bunden. red Industrieforum  48 Schmerzmedizin 2019; 35 (4)

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