Schmerzmedizin 1 / 2019

Web-basierte Psychotherapie bei chronischen Schmerzen Lieber online KI statt real KO Patienten mit chronischen Schmerzen leiden häufig zusätzlich unter depressiver Symptomatik. Diese könnte mit einer internetbasierten kognitiven Intervention (KI) behandelt werden, die flächendeckend und niederschwellig verfügbar ist. C hronische beziehungsweise dauer­ haft wiederkehrende Schmerzen gehen häufig mit einer depressi­ ven Verstimmung einher, mitunter auch mit einer manifesten Depression. Diese kann das Schmerzempfinden beeinflus­ sen und die Lebensqualität der Betroffe­ nen zusätzlich verschlechtern. Entschei­ dend ist es, Schmerzpatienten mit de­ pressiven Symptomen rechtzeitig zu identifizieren und ihnen zeitnah eine ef­ fektive, personalisierte Therapie anzu­ bieten – eine Forderung, die aufgrund der geringen Verfügbarkeit qualifizierter algesiologischer Psychotherapeuten lei­ der seit geraumer Zeit in Deutschland nicht wirklich umgesetzt werden kann. Online verfügbareTherapieprogramme könnten aufgrund ihrer flächendecken­ den Verfügbarkeit und ihrer nieder­ schwelligen Nutzbarkeit für Betroffene ohne entsprechendes Versorgungsange­ bot nicht nur eine echte Alternative zu den persönlichen Versorgungsangebo­ ten darstellen, sondern auch bestehende psychotherapeutische Betreuungspro­ gramme unterstützen. Schmerz und Depression – häufig vergesellschaftet Schmerz ist kein ausschließlich körperli­ ches Phänomen. Nicht nur die Schmerz­ intensität als quantitatives Maß der Wahrnehmung variiert in Abhängigkeit von der jeweiligen individuellen subjek­ tiven Verfassung, sondern auch die Schmerzqualität und ihre Einflussnah­ me auf den Alltag Betroffener. Auch wenn Schmerzen in ihrem akuten Ur­ sprung primär ein biologisches und häu­ fig auch objektivierbares körperliches Phänomen sind, so kommt es spätestens mit ihrer supraspinalen Bewusstwer­ dung (der sogenannten Nozitranslation) zwangsläufig auch zu einer Emotionali­ sierung und affektiven Färbung. Mit zu­ nehmender Dauer der Schmerzerkran­ kung verschiebt sich das Verhältnis von körperlichen und seelischen Dimensio­ nen des Schmerzerlebens und der Schmerzverarbeitung immer weiter weg von der sensorischen Ebene und immer stärker hin zur affektiven Empfindung. Dabei ist es nicht nur verständlich, dass sich bei Menschen mit einer chro­ nischen Schmerzerkrankung reaktiv eine depressive (Ver-)Stimmung ein­ schleicht – zum Beispiel, weil es immer schwerer fällt, angesichts wiederkehren­ der oder anhaltender Schmerzen freudig gestimmt zu sein. Auch die Angst vor dem Schmerz selbst sowie die Frage, ob das eigene Leben jemals wieder frei von Schmerzen und in geordneten Bahnen verlaufen wird, treten immer stärker in den Vordergrund. Es ist mitunter auch umgekehrt, dass eine bereits bestehende Depression durch ein akutes Schmerzer­ eignis hervortreten und das Leben Be­ troffener in Geiselhaft nehmen kann. Entscheidend für Betroffene, Angehö­ rige und Freunde ist es, sich vor Augen zu führen, dass Depression – ob nun als Folge einer chronischen Schmerzer­ krankung oder ein vorbestehendes Grundproblem – eine biologische Er­ krankung ist, die durch ein Ungleichge­ wicht bestimmter Botenstoffe (vor allem Noradrenalin, Serotonin und Dopamin) im zentralen Nervensystem hervorgeru­ fen wird und in deren Folge nicht nur Internetbasierte Psychotherapieprogramme können bei leichten bis mittelschweren Depressionen helfen, die Zeit des Wartens auf einen Therapieplatz zu überbrücken. ©© gradyreese / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell) DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 46 Schmerzmedizin 2019; 35 (1)

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