Schmerzmedizin 5 / 2018

Versorgungsforschung Wirksamkeit und Verträglichkeit oral-retardierter Opioidagonisten in Abhängigkeit von der Komorbidität chronischer Schmerzpatienten Ergebnisse einer retrospektiven Evaluation anonymisierter Behandlungsdaten des PraxisRegister Schmerz durch die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin. Michael A. Überall, Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Johannes Horlemann Hintergrund Opioidanalgetika gehören im prakti- schen Alltag der Schmerzmedizin zu den bedeutendsten pharmakotherapeu- tischen Optionen für die symptomati- sche Behandlung von Menschen mit akuten sowie chronischen Schmerzen unterschiedlichster Ätiologie, Pathoge- nese und Pathophysiologie. Während ihr Stellenwert bei starken akuten Schmerzen (z. B. als zeitlich befristete Notfalltherapie oder im Rahmen einer vorübergehenden peri-/postoperativen Schmerzbehandlung etc.) sowie für die Palliativbehandlung von Menschen mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen unumstritten ist und meist auch auf der Grundlage qualitativ guter kontrollier- ter Studien erfolgt, kontrastiert ihr welt- weit zunehmender Einsatz – vor allem bei chronischen nichttumorbedingten Schmerzen – mit einem bedauerlichen Mangel an ausreichender wissenschaft- licher Evidenz, insbesondere bezüglich des Ausmaßes der individuell erzielba- ren Beschwerdelinderung beziehungs- weise die über die reine Analgesie hin- aus resultierenden Verbesserungen be- züglich Funktionalität, Lebensqualität, Langzeitwirksamkeit und -verträglich- keit sowie ihrer differenzialtherapeuti- schen Wirksamkeit bei unterschiedli- chen Schmerzsyndromen oder patho- physiologischen Veränderungen. Hinzu kommt eine mangelnde Übertragbarkeit der wenigen verfügbaren Daten aus kon- trollierten Studien in den praktischen Versorgungsalltag sowie eine generell zu beklagende unzureichende Individuali- sierung des therapeutischen Einsatzes in Abhängigkeit von den spezifischen Be- dürfnissen des jeweiligen Einzelfalles. Neben der Frage des Ausmaßes der durch stark wirksame oder hochpotente Opioide im praktischen Alltag erzielten Beschwerdelinderung bezüglich Schmerz, Funktion und Lebensqualität ist insbe- sondere auch die Frage nach der indivi- duellen Sicherheit und Verträglichkeit der zum Einsatz gebrachten Wirkstoffe und Fertigarzneimittel von Bedeutung. Letztlich können, unter Berücksichti- gung der üblichen Empfehlungen wie „start-low, go slow“, auch die potentesten Analgetika nur dann ihre Wirkung ent- falten, wenn der Patient in der Lage ist, sie ausreichend lange und in einer aus- reichend hohen Dosis einzunehmen. Daten aus kontrollierten Studien – an meist sorgfältig bezüglich zahlreicher Ein- und Ausschlusskriterien selektier- ten Patienten sowie mehr oder weniger standardisierten Titrationsschemata – belegen für die reinen Opioidagonisten bedauerlich hohe Raten an vorzeitigen Behandlungsabbrüchen von bis zu 60% in den ersten 12 Behandlungswochen, eine allenfalls marginale analgetische Wirkung sowie eine weitestgehend feh- lende Verbesserung bezüglich schmerz- bedingter Beeinträchtigungen von Funktionalität und Lebensqualität. Sys- tematische Erhebungen zur Verträg­ lichkeit dieser Therapien im praktischen Alltag im Spannungsfeld einer indivi­ dualisierten Auswahl von Wirkstoff/ Fertigarzneimittel und Dosistitration sowie vielfältigsten Begleiterkrankun- gen und multiplen Begleittherapien feh- len weitestgehend. Allerdings berichten Experten im Rahmen individualisierter Behandlungskonzepte über deutlich ge- ringere Abbruchraten und deutliche, klinisch relevante Beschwerdelinderun- gen. Der Schlüssel für einen auch nachhal- tig wirksamen Einsatz der Opioidan- algetika liegt offensichtlich in der indi- vidualisierten Balance zwischen Wir- kung und Verträglichkeit sowie der op- timalen Auswahl des für den jeweiligen Einzelfall und seine spezifischen Proble- me bezüglich Schmerzerkrankung, Be- gleiterkrankungen und Ko-Medikation geeignetsten Wirkstoffes, dessen best- möglicher Darreichungsform und einer DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 46 Schmerzmedizin 2018; 34 (5)

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