Schmerzmedizin 3 / 2019

te Genehmigung des Eigenanbaus von Cannabis erfolgreich verhindert wurde. Ein Pyrrhussieg, mit dessen Folgen alle im/mit dem deutschen Gesundheitssys- tem Beschäftigten absehbar noch lange werden leben müssen. Das Gute und das Schlechte an der Legalisierung Positiv und für viele Menschen mit schweren chronischen und anderweitig therapierefraktären Schmerzen wichtig ist die mit der Legalisierung von Canna- bis als Medizin verbundene Anerken- nung des Gesetzgebers, dass offensicht- lich nicht alle kranken Menschen mit den in Deutschland verfügbaren, zuge- lassenen und seitens der gesetzlichen Krankenversicherungen auch als Regel- leistung erstatteten Therapien ausrei- chend behandelt werden können. Für sie wird nun eine Behandlungsoption legal verfügbar, deren Einsatz allerdings – meist ohne echte wissenschaftliche Evi- denz – mit derart überhöhten Heilser- wartungen verbunden ist, dass ihnen die tatsächlich zu erzielenden Wirkun- gen meist gar nicht gerecht werden (können). Negativ und weder aus medizinisch- wissenschaftlicher noch juristischer Sicht auch nur ansatzweise nachvoll- ziehbar ist die Nonchalance, mit der seitens des Gesetzgebers die unter- schiedlichsten Darreichungsformen harmonisiert wurden. Therapieoptio- nen, die aus heutiger Sicht steinzeitlich anmuten – wie das Rauchen verschie- dener getrockneter Cannabisblüten mit unterschiedlichsten Konzentrationen an Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) –, wurden mit In- dividualherstellungen von Selektiv- und Vollextrakten in Form von Rezep- turarzneien aus Apotheken sowie mit teil- oder vollsynthetischen Fertigarz- neimitteln, die nach den modernsten pharmazeutischen Standards herge- stellt wurden, über einen Kamm ge- schoren und verordnungstechnisch verramscht – trotz entsprechender Warnhinweise von Experten. Was für ein Schlag ins Gesicht! Nicht nur für die um eine qualitativ hochwertige Arz- neimittelversorgung und entsprechen- de Zulassungen bemühten pharmazeu- tischen Unternehmen, sondern auch für all die Ärzte, die sich im prakti- schen Alltag um eine rationale und evi- denzbasierte medizinische Versorgung bemühen! Eine Maßnahme, die offensichtlich nicht nur dem Ziel der vollständigen Unterbindung des Eigenanbaus geschul- det war, sondern auch noch den Vorteil hatte, dem idealisierten sozialromanti- schen Ideengut der 68er-Generation zu entsprechen. Ganz nebenbei mit der Folge, dass sich auch die zum Zeitpunkt der Abstimmung im Bundestag vertre- tenen Nichtregierungsparteien bei der Abstimmung aufgefordert fühlten, ja zu sagen. Gesetzgeberische Benachteiligung zugelassener Arzneiformen Doch damit nicht genug. Denn statt den beiden formal zugelassenen Darrei- chungsformen von Cannabis (Nabixi- mols und Nabilon) den bevorzugten Sta- tus zuzuerkennen, der ihnen gebührt, und sie aufgrund von medizinisch-wis- senschaftlicher Evidenz, vieltausendfa- chen Anwendungserfahrungen, um- fangreichen Sicherheitsdaten sowie Do- sis-Wirkung-Beziehungen als Mittel der ersten Wahl zu empfehlen, wird ihnen im praktischen Alltag die Off-label-An- wendung jenseits ihrer jeweils zugelas- senen Indikationen nachteilig ausgelegt. Vielmehr wird die No-label-Anwendung der alternativen Arzneimittelformen formal bevorzugt. Warum vor diesem Hintergrund je- mand Interesse haben sollte, die An- wendung von Cannabis als (Schmerz-) Medizin durch die Durchführung kon- trollierter klinischer Studien und das Streben nach einer formalen Zulassung zu verbessern, erschließt sich nicht wirklich. Den Cannabisherstellern wer- den aktuell mit jeder formalen Zulas- sung zusätzliche Beschränkungen der medizinischen Anwendung aufgebür- det, während sich die weniger an wis- senschaftlich fundierten Daten und Zu- lassungen interessierten Produzenten der Vorteile eines gesetzlich ungeregel- ten No-label-Marktes erfreuen und Um- sätze generieren, die jenseits von Gut und Böse liegen. Was für ein absurdes Theater! Verordnungszahlen im Fluss Und so kam es, wie es kommen musste: Nach anfänglicher Zurückhaltung und vorsichtigem Herantasten nimmt der initial hohe Anteil der Verordnungen der beiden Fertigarzneimittel ab. Die Cannabisverordnungen shiften zuneh- mend in Richtung getrockneter Canna- bisblüten – ohne Evidenz, ohne Ratio- nale, ohne Sinn und Verstand. Natür- lich hat die Inhalation von verbranntem oder verdampftem Cannabis (medizi- nisch sinnvoller, wenngleich nicht wirklich besser) unmittelbare (d. h. mit dem ersten Zug eintretende) Effekte, die denen der Extrakte – unabhängig von ihrer jeweiligen Herstellungsart – be- züglich ihrer bewusstseinsverändern- den Wirkungen weit überlegen sind. Die bei der Inhalation von Cannabis- dampf oder -rauch erzielbaren Plasma- spitzenkonzentrationen sind um ein Vielfaches höher und die Anflutungsge- schwindigkeit an den Wirkorten im zentralen Nervensystem sowie die Zeit bis zum Erreichen selbiger um eine Tab. 1: Kostenübernahme der Cannabisverordnung gemäß § 31 Abs. 6 SGB V Die gesetzlichen Krankenkassen müssen die Kosten einer Cannabisverordnung übernehmen, wenn — — eine allgemein anerkannte und dem medizinischen Standard entsprechende Leistung A nicht zur Verfügung steht ODER B unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krank- heitszustandes (z. B. Begleiterkrankungen) nicht zur Anwendung kommen kann — — eine realistische Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht UND — — der Patient der anonymisierten Übermittlung seiner Behandlungsdaten durch den behandelnden Arzt an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zustimmt. Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2019; 35 (3) 49

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