Schmerzmedizin 1 / 2019

Schmerzverarbeitung und Schmerz- empfinden, sondern auch Schlafarchi- tektur und -rhythmik sowie Stimmung und Affekt verändert werden. Wirksame Hilfe fordern/anbieten Dieses Wissen um die biologische Natur des lange Zeit vor allem psychologisch verklärten Phänomens Depression öff- net neue Perspektiven bezüglich diffe- renzierter medikamentöser und nicht medikamentöser Therapiekonzepte. So ist es sinnvoll, im Rahmen ganzheitli- cher schmerzmedizinischer Behand- lungskonzepte neben selektiven Seroto- nin- und Noradrenalin-Wiederaufnah- mehemmern (SNRI) auch psychothera- peutische(kognitiv-verhaltensorientierte) Ansätze zu nutzen, um den Betroffenen nicht nur Perspektiven, sondern auch konkrete Wege aus ihrem Schmerz­ dilemma aufzuzeigen. Psychotherapie so wirksam wie Medikamente Während der Einsatz antidepressiv wir- kender Arzneimittel zur Stärkung des körpereigenen (endogenen) Schmerz- kontrollsystems im Rahmen ganzheitli- cher multimodaler Behandlungskonzep- te bereits seit längerem etabliert ist, füh- ren nicht medikamentöse psychothera- peutische Verfahren diesbezüglich ein Schattendasein. Dabei wird die Psycho- therapie von der im Mai 2018 aktuali- sierten „Nationalen VersorgungsLeitli- nie“ (NVL) zur Depressionsbehandlung nicht nur als sinnvolle Ergänzung zu ei- ner Behandlung mit Antidepressiva ge- wertet, sondern auch als gleichwertige Alternative empfohlen [1]. Onlineangebot schließt Versorgungslücke Angesichts des flächendeckenden Man- gels an Psychotherapeuten, der absolut unzureichenden Verfügbarkeit algesio- logisch qualifizierter Psychotherapeuten und der mehrmonatigen bis jahrelangen Wartezeit bis zu einem möglichen The- rapiebeginn spricht sich die NVL auch für den Einsatz computerbasierter psy- chosozialer Interventionen aus. Online-Therapieangebote können die Wartzeiten auf einen Psychotherapie- platz verkürzen und die derzeit beste- hende Versorgungslücke schließen, wenn sie von hoher Qualität sind und über ausreichende wissenschaftliche Evidenz in Form qualitativ hochwertiger Studien verfügen – wie das internetba- sierte, interaktive Psychotherapiepro- gramm deprexis®24 (www.deprexis24. de). Das CE-zertifizierte Programm be- steht aus zehn Modulen mit überwie- gend kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ausrichtung. Neben Informationen zum Krankheitsbild vermittelt es Übungen und Techniken zur Depressionsbewälti- gung, die die Betroffenen zur Vertiefung und Integration in ihren Alltag auch in Form von E-Mails oder SMS beziehen können. Im dynamischen Dialog mit dem Patienten erkennt das interaktive, passwortgeschützte Therapieprogramm die individuellen Bedürfnisse und stellt sich, abhängig von den jeweiligen Patien- tenangaben, flexibel darauf ein. Zudem besteht für Behandler die Möglichkeit, eine „Cockpit-Funktion“ zu aktivieren, über die der Therapieprozess verfolgt werden kann, um beispielsweise im spä- teren Gespräch mit den Betroffenen be- stimmte Aspekte gezielt zu adressieren, anzusprechen und zu vertiefen. Evidenz für nachhaltige Wirksamkeit In kontrollierten Studien mit mehreren tausend Teilnehmern mit leichten bis mittelschweren Depressionen oder de- pressiven Störungen zeigte deprexis®24 eine mit der Face-to-Face-Psychothera- pie vergleichbare Wirksamkeit – unab- hängig von der Natur beziehungsweise der Ursache der Depression [2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11]. Die Effektstärken lagen überwiegend im mittleren bis hohen Be- reich. Auch bei Patienten, die im Rah- men neurologischer Grunderkrankun- gen wie Epilepsie [5] oder multiple Skle- rose (MS) [7] depressive Symptome ent- wickelt hatten, führte das Online-Tool zu einer signifikanten Verbesserung der depressiven Symptomatik. Das Therapieprogramm kann mit und ohne begleitende Unterstützung durch einen Arzt oder Psychotherapeuten an- gewendet werden, wobei die Abnahme der depressiven Symptomatik bei einer therapeutengestützten Anwendung noch gesteigert werden kann [3]. Idealerweise sollten die Übungen über einen Zeit- raum von drei Monaten zweimal pro Woche für jeweils 30 Minuten durchge- führt werden. Die Symptomverbesse- rung bleibt auch nach der Anwendungs- phase über weitere sechs Monate nach- weislich stabil [8]. Grundsätzlich steht das Online-The- rapieprogramm deprexis®24 allen Be- troffenen offen, es setzt aber – weil es keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherungen ist – den Ab- schluss einer Kostenübernahmeverein- barung mit der jeweiligen Krankenkas- se oder eine private Kostenübernahme voraus. Bedingung für die Antragstellung ist eine Feststellung der Behandlungs­ bedürftigkeit durch den behandelnden Arzt, entsprechend einer Diagnoseko- dierung nach ICD-10. Diese sowie der Kostenübernahmeantrag können seit dem 1. Januar 2019 unter Verwendung des DGS-Praxisdokumentationssystems iDocLive® [12] für die Patienten fundiert bestätigt und einfach erstellt werden. Zeitgleich können Betroffene über das assoziierte Portal „mein-Schmerz.de“ prüfen, ob für sie ein Behandlungsbe- darf besteht, und dann das Gespräch mit ihrem behandelnden Arzt suchen, um mit ihm die weiteren Schritte zu bespre- chen. Literatur 1. S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie. Unipolare Depression – Langfassung. 2015. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-005. html (21.11.2018) 2. Meyer B et al. J Med Internet Res 2009; 11(2):e15 3. Berger T et al. Cog Behv Therapy 2011; 40:251-66 4. Moritz S et al. Behav Res Ther 2012; 50:513- 21 5. Schröder J et al. Epilepsia 2014; 55:2069-76 6. Meyer B et al. Internet Interventions 2015; 2:48-59 7. Fischer A et al. Lancet Psychiatry 2015; 2:217- 23 8. Klein JP et al. Psychother Psychosom 2016; 85:218-28 9. Beevers CG et al. J Consult Clin Psychol 2017; 367-80 10. Berger T et al. J Affect Dis 2017; 227:455-62 11. Zwerenz R et al. Psychother Psychosom 2017; 86:341-50 12. https://idoclive.de Priv.-Doz. Dr. med. Michael A. Überall DGS-Exzellenzzentrum für Versorgungs- forschung, Nürnberg Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2019; 35 (1) 47

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=