Schmerzmedizin 3 / 2019

Vielfaches kürzer als bei der oral-trans- mukosalen oder der oral-enteralen An- wendung. Aber ist das, was der Betrof- fene damit erzielt, wirklich noch durch die eigentlich behandlungsauslösende medizinische Anwendung gedeckt? Sind Ärzte heute – in der zweiten Deka- de des 21. Jahrhunderts und in einem der besten medizinischen Gesundheits- systeme der westlichen Welt – wirklich schon so tief gesunken, dass sie das Heil der ihnen anvertrauten Menschen mit chronischen Schmerzen und anderen schweren Erkrankungen in der medizi- nisch verordneten Anwendung von Drogen suchen (müssen)? Wohl kaum! Nur, wen stört dies? Von interessierter Seite wird diesbe- züglich gerne auf die „guten“ Erfahrun- gen mit der Cannabislegalisierung in den Ländern des nordamerikanischen Kontinents und Israel verwiesen und da- bei übersehen, dass sich trotz Freizeit- konsum, einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz und breiter medizinischen Anwendung der Anteil der schwer/chro- nisch (schmerz-)kranken Menschen nicht wirklich verändert hat. Fraglich ist auch, ob die beschriebene Wirkung der inhalierten/gerauchten Cannabisblüten wirklich dem entspricht, was man sich von Cannabis als Medizin erwartet hat, oder ob diese „berauschenden“ Effekte nicht vielmehr nur die eigentlichen Pro- bleme verschleiern und Betroffenen im wahrsten Sinne des Wortes eine Art „Auszeit“ verschaffen. Als Nächstes: Homöopathie, Bachblüten? Ohne den Zwang, wissenschaftlich fun- dierte Daten vorzulegen, und ohne die formale Not der arzneimittelrechtlichen Zulassung mutiert die medizinische Verordnung von Cannabis in Deutsch- land zur Farce. Gleichermaßen werden verordnende Ärzte gezwungen, die Grundprinzipien einer rationalen, be- dürfnisorientierten und medizinisch nicht nur evident-wirksamen, sondern auch verträglichen und sicheren Thera- pie zu unterlaufen. Mit genau denselben Argumenten, mit denen hier aktuell Cannabis gesellschaftlich entstigmati- siert, breit verfügbar und Druck auf Ärz- te gemacht wird, könnten auch Alkohol, Homöopathika, Bachblüten und sonsti- ge mehr oder weniger rationale, aber ge- nau so wenig evidenzbasierte Therapien zu Lasten der gesetzlichen Krankenkas- sen verfügbar gemacht werden. Am bes- ten noch über einen Volksentscheid: Cannabis (und der Rest) für alle oder al- les und (natürlich kostenlos!) zu Lasten der Krankenkassen! Sollte es jemals so weit kommen, wird er als Beispiel für die Absurdität basisdemokratischer Ent- scheidungen und die Notwendigkeit ei- ner repräsentativen parlamentarischen Demokratie in die Geschichte eingehen und dann historisch rückblickend wohl den Anfang vom Ende markieren. Ob das wirklich so beabsichtigt war? Evidenz versus Eminenz Und was machen die medizinischen Fachgesellschaften? Was machen Ärzte undTherapeuten? WelchenWeg wählen sie, um sich aus diesem Dilemma zu be- freien? Nun, die Wissenschaftler bekla- gen und beschweren sich! Von der poli- tischen Irrationalität und der Geschwin- digkeit der Ereignisse überrollt, tagen und debattieren sie – und sind doch nicht in der Lage, auch nur ansatzweise einen Beitrag zur Verbesserung der Ge- samtsituation beizutragen, der nennens- werter wäre, als gebetsmühlenartig in ei- ner Metaanalyse nach der anderen zu wiederholen, dass die Evidenz für den aktuell erlebten flächendeckenden (Groß-)Einsatz von Cannabis als Medi- zin (zu) gering ist. Und es stimmt ja auch: Zwischen der öffentlichen idealisierten Erwartung an Wirksamkeit, Verträglichkeit und Si- cherheit von Cannabisprodukten sowie den Ergebnissen systematischer Über- sichtsarbeiten und prospektiver Beob- achtungsstudien nach den aktuellen Standards der evidenzbasierten Medizin besteht eine große Diskrepanz. Doch gleichzeitig zeigen zahlreiche konkrete Anwendungserfahrungen nun einmal auch, dass es Menschen mit schweren chronischen und anderweitig thera- pieschwierigen Erkrankungen gibt, die – auch ohne die bewusstseinsverändern- den (Neben-)Wirkungen – positiv auf eine Behandlung mit Cannabis reagie- ren und zum Teil über beträchtliche Lin- derungen ihrer vormals/anderweitig therapierefraktären Beschwerden be- richten. Erfahrungen dokumentieren und teilen Diese Alltagserfahrungen sollten in der vom Gesetzgeber ermöglichten fünfjäh- rigen Übergangsphase der legalisierten Anwendung von Cannabis als Medizin im Rahmen systematischer, nicht inter- ventioneller Anwendungsbeobachtun- gen und unter Einbeziehung Betroffe- ner prospektiv gesammelt und die Er- gebnisse der Allgemeinheit zur Verfü- gung gestellt werden. Wissenschaftliche Fach- und medizinische Versorger­ gesellschaften sollten sich nicht nur zu Kritik aufgerufen fühlen, sondern viel- mehr in der Verantwortung stehen, solche Projekte zu entwickeln und vor- anzutreiben. Mit dem PraxisRegister Schmerz ver- fügt die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. (DGS) seit Jahren über eine technologische Plattform und ein Ärztenetzwerk, das für ein solches Projekt problemlos genutzt werden könnte; nicht nur um Erkenntnisse zu Wirksamkeit und Verträglichkeit oder Informationen zu Dosis-Wirkung-Be- ziehungen zu erhalten, sondern insbe- sondere auch um etwa sinnvolle von we- niger sinnvollen Indikationen zu unter- scheiden. Ziel solcher Projekte ist nicht, die Ver- ordnung einzelner Darreichungsformen von Cannabis zu bewerben, sondern die großangelegte/kollektive und systemati- sche Sammlung individueller Fälle auf hohem methodischen Niveau, um das bestehende Informationsdefizit zu ver- ringern, die Anwendungssicherheit durch den kollektiven Erfahrungsschatz zu erhöhen und letztlich auch, um die Voraussetzungen für die dringend not- wendigen, randomisierten, kontrollier- ten Studien zu schaffen. Die Auswertung von 800 Fällen von Menschen mit schwe- ren chronischen Schmerzen, die im ers- ten Jahr der neuen Gesetzgebung im PraxisRegister Schmerz dokumentiert wurden und die im Rahmen der Regel- versorgung mit dem (in Deutschland für die Behandlung der muskulären Spastik bei Multipler Sklerose zugelassenen) THC:CBD-haltigen Oromukosalspray behandelt wurden, zeigt das enorme Po- tenzial derartiger Projekte – nicht nur bezüglich Fragen zu medizinisch sinn- vollen Indikationen sowie der im kon- DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 50 Schmerzmedizin 2019; 35 (3)

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