Schmerzmedizin 4 / 2019

Medi zin Report aktuell Opioid-induzierte Obstipation Kausal und effektiv therapieren Die Opioid-induzierte Obstipation (OIC) zählt zu den unterdiagnostizierten, für die Patienten jedoch äußerst belastenden Nebenwirkungen einer Therapie mit nieder- und hochpotenten Opioidanalgetika der WHO-Stufen 2 und 3. Um die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten, muss die OIC so früh wie möglich diagnostiziert und behandelt werden. Mit Naloxegol steht eine gut verträgliche, kausale Therapieoption zur Verfügung, die zu einer raschen Defäkation führt, ohne den zentralen analgetischen Effekt der Opioide zu beeinträchtigen. Opioidanalgetika werden regelmäßig sowohl zur Behandlung von akuten und chro- nischen tumorbedingten Schmerzen als auch von Nicht-Tumorschmerzen eingesetzt. Opi- oide linderndie Schmerzen äußerst effektiv, ihr Einsatz ist allerdings auch mit einer Reihe von Nebenwirkungen verbunden. Die häu- figste und für die Betroffenen zugleich enorm belastende ist die OIC. Diese kannmit Verän- derungen der Stuhlfrequenz und/oder des Stuhlverhaltens, Blähgefühl bzw. Gasbildung, schmerzhaften Stuhlentleerungen, demEin- druck der unvollständigen Entleerung und rektalen Blutungen verbunden sein [1, 2]. Unterschätzter Symptomkomplex Wie Dr. Antoine Lemaire, Valenciennes, Frank- reich, berichtete, werden Inzidenz und Symp- tomlast der OIC von Ärzten oft unterschätzt. Gründe dafür sind Unkenntnis der Pathome- chanismen einer OIC bei den Behandlern sowie Scham über das Gesundheitsproblem bei den Patienten, die dazu führt, dass diese ihre Symptomatik im Arztgespräch nicht the- matisieren. „Die Auswirkungen der OIC auf die Lebensqualität gehen unter Umständen so weit, dass die Patienten lieber ihre Schmerzen ertragen, alsweiterhinOpioide zu nehmen“, erläuterte PDDr. ViolaAndresen, Hamburg. Ärzte sollten ihre Patienten daher frühzeitig über die OIC aufklären, sie auf mögliche Be- schwerden ansprechen und die OIC nach den Empfehlungen der aktuellen PraxisLeitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) sowie demvor kurzemerschienenen Europäischen OIC Konsensus behandeln [3, 4]. Impressum Symposium „Breakthrough Cancer Pain and Opioid-induced Constipation: a Focus on Patient-centered Treatment Approaches“ anlässlich des 16th World Congress of the European Association for Palliative Cancer Care (EAPC), Berlin, 24. Mai 2019 • Medizin Report aktuell Nr. 467692 in: Schmerzmedizin 4/2019 • Berichterstattung: Dr. Silke Wedekind, Frankfurt/Main • Redaktion: Andrea Krahnert • Leitung Corporate Publishing: Ulrike Hafner (verantwortlich) • Springer Medizin Verlag GmbH, Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin • Geschäftsführer: Joachim Krieger, Fabian Kaufmann • Die Springer Medizin Verlag GmbH ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Nature • © Springer Medizin Verlag GmbH Mit freundlicher Unterstützung der Kyowa Kirin GmbH, Düsseldorf Die Herausgeber der Zeitschrift übernehmen keine Verantwortung für diese Rubrik. Laxanzienwirkung oft unzureichend Die obstipierende Wirkung der Opioide ist eine Folge ihres Effekts auf die μ-Opi- oidrezeptoren im Gastrointestinaltrakt. Andresen zufolge führt die Aktivierung der Rezeptoren in der Darmwand zu ei- ner Entkopplung der physiologischen peristaltischen Mechanismen, wodurch die longitudinale propulsive Motorik des Darms zum Vorwärtstransport des Stuhls unterbunden wird. Zudem kommt es zu einer vermehrten Flüssigkeitsabsorption, was den Stuhl hart und trocken macht. „Während die zentral verursachten Neben- wirkungen einer Opioidtherapie oftmals schon nach kurzer Behandlungsdauer abklingen, tritt gegenüber der peripher ausgelösten enteralen Dysfunktion jedoch keine Toleranzentwicklung ein“, erläuterte Andresen. ggf. Kombinationstherapie der Stufen PAMORA + Laxans, Prokinetika Überprüfung, ob evtl. eine Umstellung der Analgesie möglich ist unzureichende Wirkung? unzureichende Wirkung? peripher wirkender µ-Opiodrezeptor-Antagonist PAMORA (z.B. Naloxegol) osmotische (Macrogol) und/oder stimulierende Laxanzien und/oder Prokinetika Opioid-induzierte Obstipation (OIC) Obstipation PAMORA=Peripherally Acting µ-Opioid Receptor Antagonist Abb. 1: Management der Opioid-induzierten Obstipation (modifiziert nach [5]) Schmerzkontrolle erhalten Prof. Dr. Sven Gottschling, Homburg/Saar, riet dazu, bei OIC-Patienten zwar zunächst mit einer konventionellen Laxanzienthe- rapie zu beginnen, jedoch sehr rasch auf einen der neuen, zielgerichteten, peripher wirkenden µ-Opioidrezeptor-Antagonis- ten (Peripherally Acting µ-Opioid Recep- tor Antagonist, PAMORA) wie Naloxegol umzustellen, wenn diese The- rapie zu keinemErfolg führt ( Abb. 1 ) [3–5]. „PAMORA greifen kausal in die OIC-Pa- thophysiologie ein, indem sie die Wirkung der Opioide andenperipherenµ-Opioidre- zeptoren antagonisieren. Die gewünschte analgetische Wirkung wird dagegen nicht beeinträchtigt, weil PAMORAdie Blut-Hirn- Schranke nicht passieren können“, so Gott- schling. Naloxegol wird einmal täglich ein- genommen und kannmit allenOpioiden frei kombiniert werden. Die Therapiemit Nalo- xegol, einemPEGyliertenDerivat vonNalo- xon, führt innerhalb kurzer Zeit zu einer ers- ten spontanen Stuhlentleerung [6]. Literatur 1. Wirz S, Z Gastroenterol 2017, 55:394–400 2. Coyne KS et al., Clinicoecon Outcomes Res 2014, 6:269–281 3. https://dgs-praxisleitlinien.de/index.php/ leitlinien/oic (letzter Zugriff: 6.6.2019) 4. Farmer AD et al., UEG Journal 2019, 7:7–20 5. Storr M et al., Thieme Praxis Report 2017, 9:1–12 6. Chey WD et al., N Engl J Med 2014, 370:2387–2396

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