Schmerzmedizin 3 / 2019

kreten Einzelfall zu erwartenden Wirk­ samkeit und Verträglichkeit, sondern insbesondere auch bezüglich der Ent­ wicklung zukünftiger klinischer Studi­ enprogramme. Offensichtlich ist, dass derartige Ak­ tivitäten nicht alleine durch die Mittel einer Versorgergesellschaft wie der DGS finanziert werden können, sondern viel­ mehr einer transparenten Kooperation – beispielsweise mit an Cannabis inter­ essierten pharmazeutischen Unterneh­ men – bedürfen, der Mitarbeit aller an diesem Thema interessierten Schmerz­ mediziner und natürlich der von ihnen mit Cannabis behandelten Schmerz­ patienten. Dabei gilt es zu beachten, dass derar­ tige Aktivitäten komplementär zur vor­ geschriebenen Begleitdokumentation des BfArM zu sehen sind. Gerade vergli­ chen mit dieser verpflichtenden Doku­ mentation liegt der Charme patienten­ seitig dokumentierter Alltagsdaten da­ rin, Einblicke in den patientenrelevan­ ten Individualnutzen im zeitlichen Verlauf der Behandlung zu gewinnen. Einblicke, die die einmal jährliche Be­ gleiterhebung des BfArM nicht liefern kann. Das Ziel sind klinische Studien Natürlich werden solche Daten aus nicht interventionellen Beobachtungskonzep­ ten keine randomisierten, kontrollierten, klinischen Studien ersetzen. Das kön­ nen sie nicht und das sollen sie auch nicht! Aber sie können womöglich der Wahrheit des individuellen (Zusatz-) Nutzens von Cannabis als (Schmerz-) Medizin und dem damit verbundenen Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil sehr viel näherkommen als die häufig unter alltagsfernen Bedingungen durch­ geführten klinischen Studien. Und sie können auch dabei helfen, relevante Pa­ rameter für die Planung der dringend benötigten randomisierten placebo-/ak­ tiv-kontrollierten Studien zu generieren! Nicht in jedem Fall, um darauf aufbau­ end eine formale Zulassung anzustreben (wer will dies schon angesichts der aktu­ ellen Möglichkeiten des freien Marktes), sondern um die Anwendungssicherheit zu erhöhen und die Entwicklung indivi­ duell maßgeschneiderter Therapien zu verbessern. Darum müssen solche Studienkon­ zepte entwickelt werden und darum sollten alle, die sich mit der Anwendung Neues Projekt der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin Das Cannabis Informations- und Beobachtungssystem (CIBS) — — Zwei Jahre nach der Legalisierung von Cannabinoiden als Therapieoption bei Patienten mit schwergradiger Symptomlast reiben wir uns die Augen: Zwar ist die Zahl der Verordnungen aller Cannabinoide gestiegen – sowohl die der Fertigarzneimittel als auch die der Rezepturarzneimittel und Blüten –, dennoch ist es nicht zu einem Mehr an Wissen für eine verbesserte Versorgung gekommen. Für viele Menschen mit schweren chronischen und therapierefraktären Schmerzen war die Erleichterung in der Ver- ordnung von Cannabinoiden dennoch ein Segen und aus ethi- schen Gründen wichtig, eine legal verfügbare Behandlungsoption als ein Add-on im laufenden Therapieregime zu haben. Was ist gesichert in der Therapie mit Cannabinoiden, was ist Spe- kulation, was ist Irrglaube? Zu Recht erwarten wir nach zwei Jahren der Diskussion, zuletzt intensiv beim Deutschen Schmerz- und Palliativtag in Frankfurt amMain, keine tiefreichenden Erkenntnis- se aus der gesetzlich vorgeschriebenen Begleiterhebung. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. (DGS) hat sich mit ihrer jüngst veröffentlichten DGS-Praxisleitlinie „Cannabis in der Schmerztherapie“ zur Aufgabe gemacht, die verworrene Verord- nungssituation durch evidenzbasierte Empfehlungen für verschie- dene Indikationen aufzuhellen. Es besteht ein erheblicher Bedarf an fundierten Studien, um den Verordnern eine rationale, bedürf- nisorientierte und medizinisch begründbare Therapie zu ermög- lichen. Die Plattform für die Versorgungsforschung in der DGS ist das PraxisRegister Schmerz. Es ermöglicht die systematische, großan- gelegte und flächendeckende Sammlung von Versorgungsdaten zu allen am Markt verfügbaren Cannabinoiden. Die Routinedoku- mentationen sollen im Rahmen der Regelversorgung prospektiv erhoben werden, um den schmerzmedizinischen Nutzen, die Si- cherheit und das Verträglichkeitsprofil der verschiedenen Canna- binoide in ihrer Anwendung darzustellen. Diese nicht interventio- nellen, behandlungsbegleitenden Beobachtungen können keine doppelblind-randomisierten, placebokontrollierten Studien erset- zen, können diese aber vorbereiten und geben in jedem Fall mehr Einblick in die Versorgungsbedingungen mit Cannabinoiden, als es die fünf Jahre laufende, gesetzlich vorgeschriebene Begleiter- hebung ermöglicht. Die DGS möchte mit diesem Projekt die Anwendungssicherheit mit Cannabinoiden erhöhen, Indikationen undWirkungen schärfer eingrenzen sowie Nebenwirkungen abbilden. Ein solches Beob- achtungskonzept soll über eine Poolfinanzierung in einer transpa- renten Kooperation mit pharmazeutischen Unternehmen, die an Cannabis als Schmerzmedizin interessiert sind, umgesetzt werden und kann darüber hinaus auch als Plattform für prospektive Beob- achtungsstudien dienen. Auch andere Geldgeber sind vorstellbar. Die Evaluation der dokumentierten Beobachtungsdaten wird unabhängig von der Industrie erfolgen und durch den Vorstand der DGS verantwortet. Diese dringend notwendigen Aktivitäten benötigen Ihre konkrete Mitarbeit sowie das Engagement der behandelten Schmerzpatienten. Begleiten Sie Ihre Patienten unter Alltagsbedingungen, spenden Sie Ihre Informationen an Kollegen und andere Patienten und lassen Sie uns den Informationsgewinn teilen. Das Cannabis Informations- und Beobachtungssystem (CIBS) ist Anfang Mai gestartet. Wir hoffen auf Ihre aktive Mitarbeit. Dr. Johannes Horlemann Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2019; 35 (3) 51

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