Schmerzmedizin 4 / 2018

Schmerzmedizin 4 / 2018

„Heute sehen wir im CRPS ein komplexes Krankheitsbild“ Im Mittelpunkt der Therapie des CRPS steht eine spezielle Physio- und Ergotherapie. Erstaunliche Ergebnisse erzielen Schmerzmediziner mit der Spiegeltherapie nach Ramachandran. ?? Herr Dr. Böger, ein CRPS wird oft erst spät erkannt. Warum? Böger: Viele Kollegen kennen das Syndrom nicht. Manche Chirurgen befürchten auch, man könnte ihnen das als iatrogen verur- sacht in die Schuhe schieben und wollen damit nicht in Verbindung gebracht werden. Richtig ist, dass scheinbar eine gewisse Prä- disposition zumCRPS existiert. Andererseits gibt es begünstigende Faktoren, zum Bei- spiel ein schweres Trauma, Mehrfachopera- tionen an Hand oder Fuß oder ein drücken- der Gipsverband. ?? Sie sprechen in Bezug auf die Therapie von einem Paradigmenwechsel. Worin besteht der? Böger: Früher wurde das CRPS primär als Schmerzkrankheit gesehen. Um die Funk­ tion der Extremität, meist der Hand, hat sich niemand gekümmert. Heute sehen wir im CRPS ein komplexes Krankheitsbild, dessen Hauptproblematik darin liegt, dass die Re- präsentation der Hand oder des Fußes im Gehirn verändert ist. Wir müssen also versu- chen, das Gehirn „umzuprogrammieren“, um die Funktion der Extremität wiederherzu­ stellen. ?? Wie geht das? Böger: Im Mittelpunkt steht eine spezielle Physio- und Ergotherapie mit medikamen- töser und psychotherapeutischer Beglei- tung. Erstaunliche Ergebnisse erzielen wir mit der Spiegeltherapie nach Ramachand- ran: Der Spiegel steht auf einem Tisch zwi- schen rechtem und linken Unterarm. Der Patient sieht im Spiegel die gesunde Hand, die vomGehirn als die Hand der Gegenseite, also als die kranke Hand, wahrgenommen wird. Wenn jetzt die gesunde Hand bewegt wird, registriert das Gehirn dies als schmerz- lose Bewegung der kranken Hand. Auf diese Weise lernt es, die kranke Hand wieder nor- mal anzusteuern und erfährt dabei die Rückmeldung: „Alles normal!“ Die meisten Patienten berichten nach der zweiten oder dritten Behandlung, dass ihr Gehirn die kranke Hand wieder beginnt zu akzeptieren und dass sich das Gefühl wieder normalisiert. ?? Kann das jeder Physio- oder Ergothera- peut? Böger: Es gibt keine zertifizierte Ausbildung und im Grunde ist das nicht besonders schwer. Allerdings wenden nur wenige Ergo- und Physiotherapeuten die Methode ambu- lant an. Das Wichtigste ist, dass die Patienten ver- stehen, was sie machen sollen, damit sie dann zuHause fünf bis acht Mal täglich üben können. Wird das nicht gut verständlich er- klärt, hilft die Therapie nicht. Wir nehmen Patienten, die mit der Spiegeltherapie nicht zurechtkommen, für einige Tage stationär auf, damit sie das erlernen können. ?? Welche Empfehlung geben Sie Hausärz- ten? Böger: Schicken Sie diese Patienten zu ei- nem interdisziplinär arbeitenden Schmerz- therapeuten! Dieser kann am besten ein- schätzen, was der jeweilige Patient tatsäch- lich benötigt. Für den Erfolg ist die frühzeiti- ge funktionelle Therapie wichtig. Mit Kathe- terverfahren wird es dagegen eher schlim- mer und man verliert Zeit. ?? Welche Prognose können Sie den Pati- enten mitteilen? Böger: Bei frühemBeginn der multimodalen Therapie bilden sich bei etwa 90% der Pati- enten im ersten Jahr 90% der Beschwerden zurück. Das heißt natürlich auch, dass die Therapie zuhause konsequent fortgesetzt werden muss. Die Medikamente können ab einembestimmten Punkt abgesetzt werden. Das Interview führte Thomas Meißner „Wir müssen versuchen, das Gehirn ‚umzupro- grammieren‘, um die Funktion der Extremi- tät wiederherzustellen“ Dr. Andreas Böger Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin an den DRK-Kliniken Nordhessen in Kassel und Regional­ leiter der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) am Schmerz- zentrum Kassel lassen. Ambroxol wirkt antiinflammato- risch und ist ein Natriumkanalmodula- tor. Auch DMSO wirkt antiinflammato- risch und reduziert offenbar oxidativen Stress. Tolerieren Patienten die Salbe nicht, können sie auch auf kühlende Ret- terspitz-Umschläge zurückgreifen – ein altes Hausmittel. Medikamentös emp- fiehlt die deutsche Leitlinie außerdem die Behandlung mit Calcitonin und Bis- phosphonaten über einen definierten Zeitraum. Spiegeltherapie gegen Schmerzen Die wichtigste Maßnahme, so Böger, sei jedoch eine möglichst frühe Physio- und Ergotherapie. Damit sollen pathologi- sche Bewegungsmuster kompensiert, schmerzhafte Bewegungsmuster redu- ziert und die normale Sensibilität wie- derhergestellt werden. Als erstaunlich effektiv habe sich die Spiegeltherapie nach Ramachandran, einem US-ameri- kanischen Neurologen, erwiesen. Ein- mal korrekt erlernt, sollen die Patienten die entsprechenden Übungen selbststän- dig zuhause ausführen. Weitere Methoden zur Beseitigung der Körperschemastörung sind „Motor Imagery“, wobei ein Computerpro- gramm Bilder von rechten und linken Händen zeigt, die korrekt zugeordnet werden müssen, oder „Pain Exposure Physical Therapy“ (PEPT). Hier sollen Patienten selbstständig über die Schmerzgrenze hinaus Bewegungen ausführen. Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2018; 34 (4) 49

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