Schmerzmedizin 3 / 2018

DAGST Deutsche Akademie für ganzheitliche Schmerztherapie Ganzheitliche Therapie Angst vor Entspannung? Liebe Kolleginnen und Kollegen, die fortschreitende Technik macht es möglich, immer mehr Körperfunk­ tionen elektronisch zu übernehmen – oder zumindest durchgängig messen zu lassen. Auf die Frage, wie sie geschlafen habe, zückte eine Patientin neulich zu­ nächst ihr Smartphone, um die Werte abzurufen und mir dann zu verkünden, wie viele Stunden Tiefschlaf es waren! Körperwahrnehmung tritt da nicht nur in den Hintergrund, sie macht auch zunehmend vielen Patienten Angst – so mein Eindruck. Das ist im Fall von Schmerzen ja erst mal sehr verständlich – schließlich sind sie als Warnsymptom gedacht. Im Fall von chronischen Schmerzen wird die Angst häufig ein ei­ genständiges Begleitsymptom und ver­ stärkt das Vermeidungsverhalten. In Be­ zug auf Herzschlag oder Atmung kann sie aber sogar zur psychischen Störung werden, wenn die Selbstbeobachtung schließlich in Panikattacken umschlägt. Da werden Übungen wie Entspannungs­ training mitunter zu einer unüberwind­ lichen Hürde. Gerade die „klassischen“ Therapiefor­ men wie autogenes Training oder pro­ gressive Muskelrelaxation (PMR), die ja im Vergleich zu den alltäglichen Umge­ bungsbedingungen wenig Reize bieten, stellen Patienten häufig vor große Prob­ leme, sich auf die Übung zu konzentrie­ ren, „abzuschalten“ und den Aufmerk­ samkeitsfokus weder auf Ablenkung wie etwa das Smartphone noch auf den Schmerz zu legen. Wenn dann noch Ängste hinzutreten, die den Patienten meist gar nicht unbedingt bewusst sind, bewirkt eine Entspannungseinheit leicht das Gegenteil – dabei führen Ängste ge­ rade zu so viel mehr Anspannung, dass Entspannung ein wichtiger Therapie­ baustein wäre. Ein Teufelskreis! Was gibt es für Auswege? Eine Möglichkeit ist natürlich, die Tech­ nik einfach noch intensiver zu nutzen. Vielleicht über Biofeedback die Anspan­ nung für die Patienten überhaupt erst sichtbar zu machen (die ja als solche meist gar nicht wahrgenommen wird). Vielleicht besteht die Zukunft auch dar­ in, dass die Geräte völlig selbstständig die Anspannung messen und man gleichzeitig ständig ein TENS-ähnliches Gerät angeschlossen hat, welches dann bei zu hoher Anspannung angeschaltet wird? Oder man lässt sich über Chip­ steuerung entspannen? Technisch wird das vielleicht irgendwann möglich sein. Die Frage ist, ob wir das wollen? Und ob das wirklich zu mehr Ausgeglichenheit und letztlich auch zu weniger Schmer­ zen führt? In all den Jahren, die ich mit chroni­ schen Schmerzpatienten arbeite, emp­ finde ich das bio-psycho-soziale Schmerzmodell immer noch als Dreh- und Angelpunkt der Tätigkeit. Und wenn Patienten berichten, dass sie durch Die DAGST e. V. ist eine originäre Schmerzgesellschaft und setzt sich seit ihrer Gründung 2002 ausschließlich für eine qualitativ hoch­ wertige Ausbildung in ganzheitlicher Schmerztherapie ein. Unsere Ziele: — Bessere Behandlung von Schmerz­ patienten durch ganzheitlichen Ansatz — Berufsbegleitende qualifizierte Schmerztherapie-Ausbildung mit Zertifikat zum Tätigkeitsschwerpunkt „Ganzheitliche Schmerzbehandlung“ — Interaktive Vorträge mit Beteiligung des Auditoriums und Demonstration von Behandlungsverfahren — Umsetzung der Ergebnisse aktueller Schmerzforschung in die Ausbildung und Therapie — Intensiver kollegialer Austausch sowie Bildung von interdisziplinären Netzwerken Deutsche Akademie für ganzheitliche Schmerztherapie e. V. 1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Sven Gottschling (Schriftleitung) 2. Vorsitzende: Birgit Scheytt Weitere Informationen: Fortbildungsbüro DAGST Amperstr. 20A 82296 Schöngeising Telefon: 08141 318276-0 Fax: 08141 318276-1 E-Mail: kontakt@dagst.de Redaktion: Christine Höppner E-Mail: ch@orgaplanung.de www.dagst.de „Therapieformen wie autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation (PMR) stellen Patienten häufig vor große Probleme, sich auf die Übung zu konzentrieren und ab- zuschalten.“ Birgit Scheytt 2. Vorsitzende DAGST e.V. Fachärztin für Neurologie, Zusatzbe­ zeichnung spezielle Schmerztherapie, Palliativmedizin und Akupunktur  48 Schmerzmedizin 2018; 34 (3)

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