Schmerzmedizin 5 / 2019

speziell die Würdezentrierte Therapie im deutschsprachigen Raum weiter be- kannt werden zu lassen. Gerade auch weil sie im Jahr zuvor im Robert-Bosch- Krankenhaus in Stuttgart eingeführt worden war und erste vielversprechende Praxiserfahrungen für Patienten und Angehörige in Deutschland mit sich brachte. Kurzintervention für gesteigertes Würdeempfinden am Lebensende Menschen mit lebensverkürzenden Er- krankungen stehen verschiedensten He- rausforderungen gegenüber: darunter mitunter starke körperliche Einschrän- kungen, Schmerzen, Ängste und Sorgen um die sich sorgenden Angehörigen. Diese Herausforderungen können die Autonomie, die Subjektkontinuität, die Resilienz und das Würdeempfinden ei- ner Person schwächen. So scheint das ei- gene Leben häufig nur noch von der Er- krankung und den damit einhergehen- den Symptomen geprägt zu sein. Das si- chere Gefühl, man selbst zu sein, gerät ins Wanken. Mit der Würdezentrierten Therapie steht diesen Patienten eine wissen- schaftlich fundierte, therapeutische Kurzintervention zur Verfügung. Ziel ist die Stabilisierung des sogenannten würdebewahrenden Repertoires, das den Patienten innewohnt [2]. In einem ressourcenorientierten Interview, des- sen Leitfragen aus dem empirisch gene- rierten Modell zur Würde bei unheilba- rer Erkrankung entwickelt wurden, erhalten Patienten einerseits die Gele- genheit, sich an sinnstiftende Lebens- ereignisse, wichtige Erlebnisse, persön- liche Leistungen, Aufgaben und Rollen zu erinnern und von diesen zu erzählen [2]. Andererseits gibt das Gespräch den Raum, um über Wünsche und Hoffnun- gen für die Menschen nachzudenken, die ihnen am Herzen liegen und die sie am Ende dieses Weges zurücklassen werden müssen. Im nächsten Schritt wird den Patien- ten eine sorgsam aufbereitete Verschrift- lichung dieses Gesprächs vorgelesen. In diesem Moment öffnet sich das Fenster für die stärkende Wirkung der Wert- schätzung und Würdigung der Ich-Er- zählung. Darüber hinaus kann ein wei- teres Grundbedürfnis bedient werden: das Bedürfnis nach Generativität. Die Verschriftlichung wird mit den Patien- ten so editiert, dass es an diejenigen, die im Leben ohne sie zurückbleiben wer- den, weitergegeben werden kann ( Kas- ten „Die Liebe überdauert“ ). Das Fundament der Würdezentrierten Therapie Menschen, die mit der Würdezentrier- ten Therapie arbeiten, berichten immer wieder von der Sinnhaftigkeit dieses In- struments, das Patienten in der letzten Lebensphase bedeutsame Erfahrungen eröffnen und Angehörigen eine sehr per- sönliche Hinterlassenschaft schenken kann. Das seit der Tagung in Mainz 2014 zu beobachtende, stetig weiter wachsen- de Interesse an dieser Intervention hat sicher mehrere Gründe. Ein Grund mag die vermehrte Be- schäftigung mit dem Thema Würde an sich sein. Anlässlich der politischen Dis- kussion über vier Gesetzesentwürfe zur Sterbebegleitung im Bundestag im No- vember 2015 wurde Würde mehr als ein- mal zitiert. Wie bereits Chochinov in seinem Hauptwerk zur Würdezentrier- ten Therapie feststellt, benutzen sowohl Gegner als auch Befürworter einer Lega- lisierung der Sterbehilfe den Begriff Würde als eine Art Trumpf [2]. Und doch: Die eine Definition von Würde gibt es nicht. Umso wichtiger ist die Er- forschung dieses Konzepts gerade im Kontext der herausfordernden Lebens- wirklichkeit der Patienten mit unheilba- rer Erkrankung. In einer Studie wurden 50 Patienten gefragt, was Würde für sie bedeutet – in aller Komplexität und unter Beachtung der aktuellen Lebensphase [3]. Allen Teilnehmern war ihr nahendes Lebens­ ende bewusst, als sie sich mit Fragen aus- einandersetzten wie: „Was bedeutet Würde für Sie in Ihrer gegenwärtigen Lebenssituation?“, „Haben Sie bestimm- te Erfahrungen gemacht, die Ihr Würde- empfinden verletzt haben?“ oder „Kön- nen Sie sich an Situationen erinnern, in denen Sie das Gefühl hatten, Ihr Würde- empfinden werde gestärkt?“ Aus der qualitativen Analyse der Patientenaus- sagen wurden im Wesentlichen drei Themen identifiziert, die für das Würde- empfinden schwerstkranker Menschen von großer Bedeutung sind: — Krankheitsbezogene Aspekte wie physische und psychische Reaktionen, beispielsweise krankheitsbedingter Schmerz oder nachlassende kognitive Fähigkeiten. — Stärkende oder schwächende Erfah- rungen aus dem sozialen Umfeld, die im Inventar der sozialen Würde zu- sammengefasst werden. Hierunter fal- Die Liebe überdauert Vor einigen Jahren führten wir im Rah­ men einer Würdezentrierten Therapie ein Interview. Die Patientin berichtete über das zerrüttete Verhältnis zu ihren Kindern. Es bestand kein Kontakt mehr und die Begegnung bei einem letzten Krankenbesuch war von Vorwürfen und bösen Verwünschungen seitens der Kin­ der geprägt. Die Schmerzeinstellung der an einem gastrointestinalen Tumor erkrankten Patientin wurde im multipro­ fessionellen Team als extrem komplex wahrgenommen. Physische und psychische Komponenten lagen auf der Hand und doch gelang nur ein unzureichender Zugang zur Patientin. Ihr größtes Hobby war die Porzellan­ malerei gewesen. Über das Erzählen dar­ über geriet sie ins Schwärmen und es war ein gewisser Stolz zu spüren, fast als könne sie in diesen Momenten an eine vergangene Zeit anknüpfen, die sie innerlich zu aktivieren schien. Im Bewusstsein der Verbitterung über das Zerwürfnis mit ihren Kindern wurde ihr die ressourcenorientierte Würdezen­ trierte Therapie angeboten. Das Interview war an einigen Stellen von Verwünschungen geprägt, wie sie es umgekehrt von ihren Kindern erlebt hatte. Beim Vorlesen des zu hinterlas­ senden Dokuments trat dann aber die Verantwortung gegenüber den Empfän­ gern des Dokuments – ihren Kindern – in den Vordergrund. Ein innerer, scheinbar friedenstiftender Prozess führte dazu, dass jegliche Verwün­ schung im Generativitätsdokument dem wich, was sie bei allem Schmerz letztlich schriftlich hinterlassen wollte, damit es über ihr Versterben hinaus überdauere: die Liebe. Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 49

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