Schmerzmedizin 2 / 2019

allem im Vergleich zu den sonstigen Pa- rametern des für diese Analyse zugrun- de gelegten Wirksamkeitsendpunktes ASR-9) starke Wirkung bezüglich der Dimensionen des schmerzbedingten Stresses auf, der mit einer Rückbildungs- rate initial schwerwiegend Betroffener von 90,4% in dem von uns evaluierten Datensatz die mit Abstand höchste An- sprechrate aufwies ( Abb. 9 ). Letztendlich stellt sich angesichts die- ser Responsewerte die Frage, welche THC:CBD-vermittelten Effekte sich überhaupt für die beobachtete Wirk- samkeit verantwortlich zeichnen oder für Patienten relevant sind. Neben der eindeutigen Linderung Neuropathie- vermittelter klinischer Schmerzphäno- mene erscheinen insbesondere die Wir- kungen auf die psychologisch für die Schmerzbewältigung bedeutsamen Di- mensionen Stress (und in geringerem Maße auch Angst und Depressivität) eine entscheidende Rolle zu spielen. Auch wenn der Nachweis einer kausalen Beziehung unter Bezugnahme auf die vorliegenden Real-World-Daten des Pra- xisRegisters Schmerz schwierig ist, scheint die Stresslinderung eher Ursache denn Folge der für viele Schmerzmedi- ziner imVordergrund des Behandlungs- interesses stehenden Schmerzreduktion zu sein. Damit stützen die Ergebnisse unserer Auswertung nicht nur die seit geraumer Zeit zu beobachtende Tendenz hin zu ganzheitlichen Therapiekonzepten, son- dern auch das breite (und mitunter bzgl. des spezifischen Nachweises singulärer Effekte inkongruente) Wirkspektrum von Cannabis als Medizin über die Ak- tivierung von beziehungsweise Interak- tion mit spezifischen Cannabinoid­ rezeptoren. Zusammenfassung Die vorliegenden Ergebnisse anonymi- sierter Real-World-Daten des PraxisRe- gisters Schmerz zum Einsatz von THC:CBD bei 800 Patienten mit schwer- wiegenden (chronischen) Schmerzen er- weitern die bereits vorliegenden Ergeb- nisse aus randomisierten, placebokont- rollierten Studien und unterstützen die Empfehlungen der aktuellen DGS-Pra- xisLeitlinie zum Einsatz von Cannabis als Medizin. Für die Anwendung im praktischen Alltag resultiert die Empfehlung eines bevorzugten Einsatzes des THC:CBD- Oromukosalsprays für den Fall, dass sich Patienten (unabhängig von ihrer je- weiligen formalen ICD-10-Diagnose) mit klinisch/phänomenologisch als neu- ropathisch charakterisierten Schmerzen, auffällig hohen Stress- und Angstwerten, hohen Schmerzintensitätswerten im 24-Stunden-Tagesverlauf und entspre- chenden Einschränkungen ihrer körper- lichen Lebensqualität gegenüber leitlini- enempfohlenen First-Line-Pharmako- therapien als therapieschwierig erweisen und eine Behandlung mit Cannabis als Medizin benötigen. In Abwägung medizinisch rationaler, zulassungsrechtlicher und letztlich auch wirtschaftlicher Überlegungen er- scheint es – vor allem aufgrund der for- mal fehlenden Zulassung der verfügba- ren Darreichungsformen von Cannabis als Medizin – sinvoll, dass mindestens zwei der für die jeweilige Behandlungs- indikation zugelassenen und als Mittel der ersten Wahl auch in entsprechenden hochwertigen Leitlinien empfohlenen Pharmakotherapien nachgewiesener- maßen unzureichend wirksam waren beziehungsweise aufgrund ihrer Sicher- heits-/Verträglichkeitsprobleme nicht zum Einsatz kommen konnten, bevor der Einsatz von Cannabis als Medizin in Erwägung gezogen und ein entspre- chender Antrag auf Kostenübernahme gestellt wird – eine Vorgabe, die bei al- len hier evaluierten Patienten erfüllt wurde. Unter den gegenwärtig verfügbaren alternativen Darreichungsformen von Cannabis als Medizin qualifiziert sich das THC:CBD-haltige Mundspray auf- grund seiner besonderen pharmakologi- schen Eigenschaften, der verfügbaren Evidenz in Form hochwertiger randomi- sierter Studien und insbesondere der hier vorgestellten Real-World-Daten des PraxisRegisters Schmerz nicht nur als wirksam, sicher und gut verträglich, sondern konsekutiv auch als ein Mittel der ersten Wahl. Vorteilhaft ist die ein- fache Handhabung und Dosierungs- möglichkeit; Nachteilig beziehungswei- se von Patienten wiederholt als unange- nehm empfunden werden der Pfeffer- minzgeschmack des Mundsprays und die bisweilen behandlungsbegleitend be- obachtete Appetitsteigerung. PD Dr. Michael A. Überall, IFNAP, DGS Exzellenzzentrum für Versorgungsforschung, Nürnberg E-Mail: Michael.Ueberall@ifnap.de Dr. Gerhard H.H. Müller-Schwefe DGS-Schmerz- und Palliativzentrum Göppingen Abb. 9 : Rückbildungsrate unter THC:CBD bei den vor Behandlungsbeginn schwerwiegend Betroffenen (in Prozent) in den Einzelparametern des kombinierten Wirksamkeitsend- punktes ASR-9 Stress 90,4 76,7 75,9 65,9 62,5 59,8 58,7 55,8 40,9 Depressivität Funktion Seelische Lebensqualität Schmerz Angst Wohlbefinden Schlaf Körperliche Lebensqualität 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 50 Schmerzmedizin 2019; 35 (2)

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