Schmerzmedizin 5 / 2019

len das Gefühl, für andere eine Belas- tung zu sein, oder auch Sorgen hin- sichtlich der Zeit nach dem Tod. — Gewissermaßen als Puffer könnte man in der Mitte dieser beiden The- men das würdebewahrende Reper- toire betrachten. In diesem Repertoire bündeln sich die psychischen und spi- rituellen Ressourcen, die eine Person durch Einstellung, Werte, Lebenser- fahrung und persönliche Prägung mit sich bringt. Darunter fällt auch der Wunsch nach Generativität oder ei- nem Vermächtnis. Diese drei Themen bilden die Hauptka- tegorien des so entstandenen Modells zur Würde bei unheilbarer Erkrankung. Die Ressourcen unserer Patienten sind ein Schlüsselelement in der Würdezen- trierten Therapie, wenn es um die Mög- lichkeit geht, den Selbstwert, das Ich, die Persönlichkeit zu stärken. Die we- sentlichen Bestandteile, die die Würde- zentrierte Therapie kennzeichnen, sind daher die Essenz der Persönlichkeit des Patienten, die wertschätzende, würdi- gende Grundhaltung und Präsenz der Behandelnden sowie das Merkmal der Generativität. So können Wachstum und Verbundenheit mit sich selbst, ge- liebten Menschen und der Welt auch oder vielleicht gerade in der letzten Phase des Lebens möglich werden. Vor allem im Bereich der Palliativversor- gung kann eine therapeutische Kurzin- tervention, die durch die überschauba- re Zahl der notwendigen Kontakte die gegebenen Rahmenbedingungen der Patienten beachtet, eine wichtige Er- gänzung zu den Standards der best- möglichen supportiven Versorgung darstellen. Nicht selten beschreiben Patienten und Angehörige die besondere Wirkung der WürdezentriertenTherapie mit dem Bild, dass etwas „rund“ geworden ist oder der Eindruck entstanden ist, es sei Akzeptanz und eine Art innerer Frieden in eine wichtige letzte Lebensphase ein- gekehrt. Internationale Studien können diesen Eindruck bestätigen: In einer ers- ten Überprüfung der Therapie in einer Stichprobe mit 100 Patienten, gaben 91% der Befragten an, mit der Würde- zentrierten Therapie zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. Als hilfreich oder sehr hilfreich bezeichneten sie 86% der Teilnehmenden und 76% gaben ein gesteigertes Würdeempfinden an. Mit Blick auf den Generativitätsaspekt der Würdezentrierten Therapie erklärten 81% zu glauben, dass die Intervention für die Familie hilfreich war oder sein wird [4]. In einer Studie an zwei universitären Palliativstationen in Deutschland ga- ben 77% der befragten Angehörigen an, sie glauben, dass die Würdezentrierte Therapie ein ebenso wichtiger Bestand- teil der Versorgung ihres Angehörigen war wie jeder andere Aspekt der Ver- sorgung, inklusive Schmerzkontrolle. Insgesamt würden 92% der Angehöri- gen die Würdezentrierte Therapie wei- terempfehlen [5]. Ausblick Die Begegnungen zwischenTherapeuten und Patienten im Rahmen der Würde- zentrierten Therapie sind geprägt von professioneller Nähe. Würdigung und Wertschätzung der Patienten drücken sich in Einstellung, Verhalten, Mitgefühl und Kommunikation der Behandelnden aus, damit eine Würdezentrierte Versor- gung von Patienten im alltäglichen Ge- schehen gelingen kann. „Wenn Würde letzten Endes etwas ist, wofür es sich zu sterben lohnt, dann ist sie es fürwahr wert, sorgfältig erforscht zu werden“, beschreibt Chochinov seine aus den Ergebnissen der ersten Untersu- chungen zum Sterbewunsch heraus ent- standene Motivation, mit einer Reihe neuer Untersuchungen zum Würde- empfinden vulnerabler Patienten begon- nen zu haben [2]. Dem hinzuzufügen ist die Idee, die Würde der Patienten mit vielen Mitteln in der alltäglichen Ver- sorgung zu verteidigen. Diesem Ziel, und allem voran der Verbreitung der WürdezentriertenTherapie, hat sich die Deutsche Gesellschaft für Patienten- würde e. V. verpflichtet ( Kasten „Weite- re Informationen zur Würdezentrier- ten Therapie“ ). Dipl.-Psych. Sandra Stephanie Mai Universitätsmedizin Mainz E-Mail: sandra.mai@unimedizin-mainz.de Literatur 1. Vetter H. Der Schmerz und die Würde der Person. Frankfurt am Main: Knecht; 1980 2. Chochinov HM. Würdezentrierte Therapie. Was bleibt – Erinnerungen am Ende des Lebens. 1. Auflage. Göttingen: Vanden- hoeck & Ruprecht; 2017 3. Chochinov HM et al. Dignity in the terminally ill: a developing empirical model. Soc Sci Med 2002;54:433-43 4. Chochinov HM et al. Dignity therapy: a novel psychotherapeutic intervention for patients near the end of life. J Clin Oncol 2005;23:5520-5 5. Mai SS et al. Feasibility, acceptability and adaption of dignity therapy: a mixed methods study achieving 360° feedback. BMC Palliative Care 2018;17:73 Weitere Informationen zur Würdezentrierten Therapie Unter www.patientenwuerde.de finden Sie unter anderem Kursangebote zur Anwendung der Würdezentrierten Therapie sowie kleinere Interventionen zur Umsetzung einer Würdezentrierten Versorgung. So stellt vielleicht demnächst der ein oder andere Leser seinem Patienten die Frage: „Was sollte ich von Ihnen als Person wissen, um Sie bestmöglich versorgen zu können?“ Nicht immer muss diese Frage laut ausgesprochen werden. Sie kann auch als Leitfrage im Hintergrund wirken, mit dem Ziel, den Patienten als die einzigartige Person wahrzunehmen, die er oder sie ist. Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 51 DAGST Deutsche Akademie für ganzheitliche Schmerztherapie

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