Schmerzmedizin 6 / 2018

Beeinflussung neuronaler Netzwerke Trauma und Schmerz Jeder Schmerztherapeut kennt frustrierende Behandlungsverläufe bei chronisch Schmerzkranken: Es wird eine Behandlungsmethode nach der anderen abgearbeitet, es werden ambulante und stationäre multimodale Behandlungsansätze praktiziert. Doch am chronischen Schmerz und der Verzweiflung des Patienten ändert sich – nichts, oder nichts Wesentliches. Die Frustration aller Beteiligten und die Chronifi- zierung des Schmerzes nehmen zu. Was ist die Ursache?* J e nach Studie kann man davon aus- gehen, dass etwa 20–30% der chro- nisch Schmerzkranken eine klassi- sche posttraumatische Belastungsstö- rung (PTBS) haben, was sie uns in den seltensten Fällen berichten. Hier gilt die Regel: Ohne Behandlung der PTBS kei- ne Chance im Kampf gegen den Schmerz! Interessante Ergebnisse der Grundla- genforschung und der klinischen Praxis weisen nun darauf hin, dass der chroni- sche Schmerz per se die Betroffenen psy- chisch traumatisieren kann und damit jeder erfolgreichen Therapie ein Riegel vorgeschoben ist, solange diese Bezie- hung nicht erkannt und nicht trauma- therapeutisch behandelt wird. Neuronale Schmerz- und Trauma-Netzwerke Grundlage des chronischen Schmerzes ist die Entwicklung komplexer neurona- ler Netzwerke im Gehirn, im zentralen und vegetativen Nervensystem des Be- troffenen durch permanente Wiederho- lung, Vertiefung, Vernetzung und Aus- breitung ( Tab. 1 ). Am Anfang sind es vereinzelte Zellen mit wenigen Nerven- faserverbindungen von Zelle zu Zelle. Mit der Zeit kommt es jedoch zur Zu- nahme der beteiligten Neurone in Di- mensionen von Milliarden Zellen und Verbindung mit immer zahlreicheren Nervenfasern: Das Netzwerk wird schneller und mächtiger, dominiert im- mer mehr die neuronalen Prozesse. Es entwickelt sich ein vegetatives Arousal, Stresshormone werden erst massiv aus- geschüttet, um dann in der Phase der ausgebrannten Erschöpfung zu versie- gen. Oft sagen wir zum chronischen Schmerz: „Der Schmerz hat seine Warn- funktion verloren“. Was bedeutet das? Stimmt es überhaupt? Suggeriert wird dem Betroffenen die permanente War- nung vor einer Gewebeschädigung, die jedoch nicht stattfindet oder droht. Un- ser Organismus teilt uns dennoch etwas Wichtiges mit, denn in jedem chroni- schen Schmerz steckt die Interaktion von Bewusstsein – Unterbewusstsein – Vegetativum – Körperwahrnehmung (Fehlwahrnehmung) – Affirmation mit Gedanken und Gefühlen. Die Entspre- chungen der posttraumatischen Belas- tungsstörung und des chronischen Schmerzes sind bestechend ( Tab. 2 ). Schmerztherapie bei Traumapatienten Wir unterscheiden zwei unterschiedli- che Ansätze: — Schmerz als traumatische Erinnerung: Reprozessierung dysfunktionaler Ge- dächtnisprozesse, die der aktuellen Schmerzsymptomatik zugrunde lie- gen Die EMDR-Therapie kann erstattungsfähig bei Traumapatienten mit chronischen Schmerzen eingesetzt werden. ©© ABK / BSIP / picture alliance (Symbolbild mit Fotomodellen) *Dieser Artikel ist die Zusammenfassung eines Vortrags des Autors auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag 2018. Die Ausführungen folgen und zitieren auch mehrfach das Praxishandbuch „Schmerzen behandeln mit EMDR“ [1], weiterhin stützt er sich auf das Buch „Trauma und Schmerz“ [2]. Eigene Erfahrungen des Autors mit Hypnose, Tapping und Psychokinesiologie nach Klinghardt sind ebenfalls in den Artikel eingeflossen. Die bei- den genannten Fachbücher seien jedem Schmerz- therapeuten zur gründlichen Lektüre und Anwen- dung ans Herz gelegt. Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. www.dgschmerzmedizin.de Schmerzmedizin 2018; 34 (6) 53

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