Schmerzmedizin 3 / 2018

Rückenschmerzen DAK fordert Konsequenzen — — DAK-Versicherte in Baden-Württem- berg landen immer häufiger mit Rücken- schmerzen im Krankenhaus. In 16.100 Fällen suchten Betroffene im Jahr 2016 wegen ihrer Beschwerden ein Krankenhaus auf – ein Anstieg von 40 % seit 2007. Die Hälfte dieser Patienten wurde als Notfall aufge- nommen. Bundesweit liegt dieser Anteil bei 57 %. Das geht aus dem Gesundheitsreport 2018 „Rätsel Rücken – warum leiden so viele Menschen unter Schmerzen?“ hervor, den das IGES-Institut (www.iges.com) für die DAK erstellt hat. Mit 306 Krankenhausauf- nahmen bei Rückenschmerz je 100.000 Einwohner liegt der Südwesten deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 173. Der Leiter der DAK-Landesvertretung Siegfried Euerle forderte angesichts der Zahlen, die bisherigen Angebote für Prävention und Versorgung auf den Prüfstand zu stellen. Lösungsansätze, um die Notfallambulan- zen der Kliniken zu entlasten, sieht Euerle zum Beispiel in teilstationären Angeboten, einem verbesserten Terminservice bei Vertragsärzten und in Portalpraxen, wie es sie in Schleswig-Holstein gibt. Auch bei Krankschreibungen wegen Rü- ckenproblemen ist kein positiver Trend er- kennbar – trotz steigenden Engagements von Kassen im Betrieblichen Gesundheits- management. Fast drei Viertel der Beschäf- tigten berichten von Rückenschmerzen mindestens einmal im Jahr, das sind rund 4,2 Millionen in Baden-Württemberg. 9 % leiden unter chronischem Kreuzschmerz (etwa 520.000). Jüngere Patienten sind wegen Rücken- schmerzen durchschnittlich 5 Tage krankge- schrieben. Bei älteren männlichen Beschäf- tigten dauert die Krankschreibung im Schnitt 17 Tage, bei Frauen 19 Tage. Nur 28% der Betroffenen, die von Schmerzen berichten, haben im vergangenen Jahr überhaupt einen Arzt aufgesucht. 65 % er- hielten dabei eine Physiotherapie verord- net, 38 % ein Schmerzmittel. In 27 % der Fälle wurde ein CT oder MRT veranlasst, in 23 % eine Röntgenaufnahme. 6% der Pati- enten berichten, im Sprechzimmer sei das Thema Stress und Rückenschmerz erwähnt worden. (fst) Chronischer Schmerz Potenzieller Therapiemechanismus entdeckt — — Neuropathische Schmerzen sind eine chronische Erkrankung, die eine starke Be- einträchtigung sowie hohe soziale Kosten nach sich ziehen. Bis heute gibt es keine wirksame Behandlung. Französische Wis- senschaftler haben nun einenMechanismus entdeckt, der für die Entstehung und Auf- rechterhaltung des Schmerzes verantwort- lich ist (Nat Comm 2018; 9(1):1042). Chronische Schmerzen sind das Ergebnis einer Schädigung der peripheren Nerven durch Krankheiten wie Diabetes, Krebs oder Gürtelrose beziehungsweise durch unfall- bedingte Traumata oder chirurgische Ein- griffe. Die Forscher haben nun gezeigt, dass die Immunzellen im Blut, die den Nerv an der geschädigten Stelle umspülen, das Zy- tokin FL (Flt3 Ligand) freisetzen, das an das Protein FLT3 bindet und dieses aktiviert. FLT3 erzeugt den Schmerz und hält ihn aufrecht, indem es sehr frühzeitig auf ande- re Komponenten des sensorischen Systems einwirkt, die für das Andauern des Schmer- zes verantwortlich sind: Dieses Phänomen wird Chronifizierung genannt. Zudem haben die Wissenschaftler das Mo- lekül BDT001 identifiziert, das die Bindestel- le für FL an FLT3 blockiert und somit die Kaskade verhindert, die die chronischen Schmerzen zur Folge hat. Im Tiermodell führte BDT001 innerhalb von drei Stunden zu einer Reduzierung der typischen neuro- pathischen Schmerzsymptome wie Hyper- algesie oder Allodynie und wirkte für 48 Stunden. Basierend auf diesen Forschungsarbeiten wird das Start-up-Unternehmen Biodol Therapeutics eine neue Therapie entwi- ckeln, die zum ersten Mal speziell neuro­ pathische Schmerzen bekämpft. (Pressemeldung Inserm) Aktionstag gegen den Schmerz Auf Versorgungslücken aufmerksam machen — — Etwa 23 Millionen Menschen in Deutschland berichten über chronische Schmerzen. Mit dem bundesweiten „Aktionstag gegen den Schmerz“ am 5. Juni 2018 weist die Deutsche Schmerz- gesellschaft e.V. gemeinsammit Partner­ organisationen (u. a. Deutsche Gesell- schaft für Schmerzmedizin und Deut- sche Schmerzliga) auf die lückenhafte Versorgung vieler Millionen Menschen hin, die an chronischen Schmerzen lei- den. Schmerzpatienten und ihre Ange- hörigen können sich an diesem Tag ge- zielt über Behandlungsmöglichkeiten informieren und beraten lassen. So bie- ten schmerztherapeutische Einrichtun- gen in ganz Deutschland Einblicke in die verschiedenen Methoden der Schmerz- behandlung. Die Deutsche Schmerzge- sellschaft e.V. stellt zudem Informations- materialien für Patienten zu aktuellen Diagnose- und Behandlungsmöglichkei- ten vor. Zusätzlich wird eine Hotline für Schmerzpatienten eingerichtet: Unter der kostenfreien Rufnummer 0800/ 1818120 stehen am 5. Juni 2018 zwischen 9.00 und 18.00 Uhr mehrere Dutzend renommierte Schmerzexperten aus ganz Deutschland für Fragen zur Verfü- gung. (red) Zu verstehen, wie chronische Schmerzen entstehen, kann helfen, eine Therapie dagegen zu entwickeln ©© Sebastian Kaulitzki / stock.adobe.com 6 Schmerzmedizin 2018; 34 (3) Panorama

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