Schmerzmedizin 6 / 2018

Real-World-Studie Entwarnung für NSAR bei Hypertonikern? — — Vor der Verschreibung nicht steroidaler Antirheumatika (NSAR) an ältere Patienten mit vorbestehenden Risikofaktoren warnen Experten seit Jahren: Die Substanzen seien bei dieser besonders vulnerablen Patienten- gruppe mit einem deutlich erhöhten Risiko renaler und kardiovaskulärer Komplikatio- nen verbunden. Ein Forscherteam aus To- rontowollte diesemZusammenhang in einer Real-World-Studie auf den Grund gehen. Die Forscher werteten insgesamt 814.049 Hausarztvisiten aus den Jahren 2012–2016 aus. Die Patienten, alle über 65 Jahre alt, waren gekommen, um sich etwas gegen muskuloskelettale Schmerzen verordnen zu lassen. Bouck et al. hatten gezielt Risiko- patienten ausgesucht, die zum Zeitpunkt des Arztbesuchs bereits an Bluthochdruck, Herzinsuffizienz oder an einer chronischen Nierenerkrankung litten. Mit knapp 93% dominierten die Hypertoniepatienten deutlich [Bouck Z et al. JAMA Int Med 2018; online 8. Oktober]. Etwa 10% der Studienteilnehmer erhielten ein Rezept für ein NSAR. Vor allem bei Pati- enten, die „nur“ an einer Hypertonie litten, tendierten die Ärzte deutlich häufiger zum NSAR: Knapp 91% der Patienten mit ent- sprechendem Rezept waren primär hyper- ton (von denen, die kein Rezept erhalten hatten, waren es 82%). Zur Abschätzung der Folgeschäden hatten die Forscher 35.552 aufeinander abgestimmte Patientenpaare gebildet, von denen immer ein Partner ein NSAR-Rezept erhalten hatte und der andere nicht. Zwischen acht und 37 Tagen nach der Indexvisite wurden die Partner verglichen: Es fanden sich keine nennenswerten Unter- schiede, weder hinsichtlich kardiovaskulärer Komplikationen (mit und ohne NSAR jeweils 0,8%) noch bei den akuten Nierenerkran- kungen (in beiden Fällen 0,1%). Und auch Todesfälle im Anschluss an die NSAR-Ein- nahme traten mit gleicher Rate auf (jeweils 0,1%). Der absolute Risikounterschied be- trug insgesamt 0,0003 und war den Wissen- schaftlern zufolge nicht signifikant. Jedoch bedarf dieses Ergebnis weiterer Beobachtung, da die Aussagekraft der Studie möglicherweise durch den kurzen Nachbeobachtungszeitraum und ihr De- sign eingeschränkt ist. Dr. Elke Oberhofer Komplikationsgefahr Benzodiazepine und Opioide – riskante Kombination — — Obwohl in der Leitlinie zu chronischen Schmerzen des US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) davon abgeraten wird, erhält laut einer Studie aus dem Bundesstaat Oregon jeder vierte Patient mit langfristiger Opioidthera- pie zumindest zeitweise auch ein Benzodi- azepin [Yarborough BJH et al. Pain 2018; online 10. September]. Weiter stellten die Forscher fest, dass es unter der Ko-Therapie, selbst nach Abzug anderer Risikofaktoren, häufiger zu Komplikationen kommt. Studienteilnehmer waren 517 Patienten (Durchschnittsalter 59,4 Jahre), die wegen muskuloskelettaler Schmerzen seit mindes- tens einem Jahr mit Opioiden behandelt wurden. 24,6% hatten in dieser Zeit auch mindestens einmal ein Benzodiazepin ver- ordnet bekommen, die Behandlungsdauer betrug im Mittel sieben Monate. Unter die- sen Patientenwar das Sturzrisiko 3,3-mal, das Risiko, eine Notfallambulanz aufzusuchen 1,7-mal so hoch wie bei den 380 Patienten ohne Benzodiazepinverordnung. Die Ergeb- nisse würden mit früheren Beobachtungen übereinstimmen, schreiben die Autoren. Warnhinweise für Opioide und Benzodiaze- pine wurden von der FDA bereits im Jahr 2016 beschlossen. Im April 2018 hat die Ko- ordinierungsgruppe für Verfahren der ge- genseitigen Anerkennung und dezentrale Verfahren (CMDh) für Europa entsprechen- de Textanpassungen der Produktinformati- onen empfohlen. Dr. Beate Schumacher Stiftung Kopfschmerz Online-Umfrage zu Migräne am Arbeitsplatz — — Viel zu häufig gehen Menschen mit Migräne zur Arbeit. Ruhe und Abschot- tung wären besser. Die Betroffenen erle- ben jedoch an ihrem Arbeitsplatz oft unpassende Kommentare von Kollegen und Vorgesetzten und trauen sich dann nicht, eine kurze Auszeit zu nehmen, teilt die Stiftung Kopfschmerz mit. Wie groß mögliche Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz sind und ob es dort aufgrund der Erkrankung zu Diskriminie- rung kommt, will jetzt die europäische Dachorganisation der Patienten, die European Migraine and Headache Alli- ance (EMHA), herausfinden. Gemeinsam mit der Stiftung Kopfschmerz in Deutschland und Verbänden in sechs weiteren Ländern wurde dazu eine On- line-Umfrage erstellt, mit der die Situa- tion von Migränepatienten am Arbeits- platz erfasst werden soll. Teilnehmen können Interessierte ano- nym über einen Link auf der Webseite www.stiftung-kopfschmerz.de. Die Umfrage dauert etwa sieben Minuten. Die Daten sollen Patientenverbänden als Ausgangspunkt für weitere Maßnahmen dienen, etwa ummedizinische und poli- tische Initiativen zur Verbesserung der Situation der Betroffenen zu ergreifen oder die Durchführung von Präventiv- maßnahmen zu verbessern. red Trotz Migräne in die Arbeit? Eine EU- weite Umfrage will herausfinden, wie groß die Belastung für Migräne­ patienten in der Arbeitswelt ist. ©© FatCamera / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell) 6 Schmerzmedizin 2018; 34 (6) Panorama

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