Schmerzmedizin 3 / 2018

drei Tage lang einWohlfühltagebuch ge- führt, in dem der Patient die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) aufführt und einträgt, wie wohl er sich auf einer Skala von 1–10 fühlt. „10“ ist „als ob man Bäume ausreißen könnte“, „1“ entspricht der Beschreibung „im Koma mit Beat- mung“. Diese Aufzeichnungen dienen als Basislinie. Nach drei Monaten wird dieser Vorgang wiederholt. Beim Ver- gleichen der Einträge kann festgestellt werden, ob das Wohlbefinden gestärkt und somit tendenziell der chronische Schmerz verlernt wurde. Dann wird ein Vertrag für den Kurs festgelegt, in dem die Patienten sich zu folgenden Dingen verpflichten: — Zweimal täglich an sechs Tagen pro Woche für 20 Minuten üben — Jegliche Schmerzäußerungen der Teil- nehmer, wie etwa Grimassen schnei- den oder Wehklagen, sollen vermie- den werden. Sollte es dennoch vor- kommen, werden diese von allen wei- teren Personen im Raum ignoriert. Vorher wird erklärt, warum dies sinn- voll ist. (Eine operante Verstärkung soll vermieden werden, siehe auch ko- gnitive Dissonanztheorie [18].) — Tritt bei einer Bewegung ein Schmerz auf, soll der Patient sich zwei Fragen stellen: — Ist der Schmerz okay für mich? — Wenn ich diese Bewegung wieder- holt habe, werde ich hinterher okay sein? Werden beide Fragen mit Ja beant- wortet, soll die Bewegung wieder- holt mit einer entspannten Atmung ausgeführt werden. Wird eine der Fragen mit Nein beantwortet, soll der Patient eine Pause machen oder die Bewegung in Abschnitte unterteilen, die für ihn in Ordnung sind. — Die Lebenspartner werden in dieThe- rapie mit einbezogen. Sie können als Co-Therapeuten agieren und darauf achten, dass auch im häuslichen Um- feld weniger über die Beschwerden ge- redet und auf sie eingegangen wird. Man könnte sich zum Beispiel ein zeit- liches Limit setzten, wann jemand über den Schmerz reden und wann er sich ausruhen darf (Zeit- statt Schmerzkontingent). Dies ist sinnvoll, weil chronische Patienten dazu nei- gen, immer wieder von ihren Schmer- zen zu reden und Tätigkeiten zu ver- meiden. Sollte der Patient an einem Tag über- haupt keine Lust haben zu üben, darf er eine Einheit ausfallen lassen. Er muss dann aber wissen, dass er den nächsten Termin auf jeden Fall wahrnimmt. Wür- de er diesen auch noch ausfallen lassen, ist die Chance erfahrungsgemäß höher, dass er generell mit dem Üben und dem Schmerz verlernen aufhört. Tritt der Fall ein, dass die Motivation ausbleibt, ist es wichtig, dass der Patient seine Willens- kraft einsetzt. Er erinnert sich also an sein Ziel und tut das Nötige, um es zu erreichen. Der Kurs sollte zweimal pro Woche stattfinden. Dabei würde ich die Locke- rungsübungen nach Huang Xin Xian, die ersten Figuren der Form nach Chen Man Ching, Partnerübungen und eine Aufmerksamkeitsreise durch den Körper (8 Bahnen) unterrichten. In jeder Stunde gibt es einen edukati- ven Anteil zur Schmerzphysiologie und Schmerzpsychologie (z. B. Sensibilisie- rung, Katastrophisieren, Angst/Vermei- dung etc. [19]). Fazit für die Praxis Tai-Chi ist eine low-loaded exercise mit integrierter propriozeptiver Schulung, die strukturiert und vielfältig ist. Beim Erlernen werden allen Komponenten des biopsychosozialen Schmerzmodells Rechnung getragen, weil es vielfältige wechselseitige Interaktionen in der Gruppe gibt und die Teilnehmer ihr Er- leben des Körper sowohl reflektieren als auch aktiv gestalten. Ein Kurs, wie er oben beschrieben ist, existiert bis jetzt noch nicht, wird jedoch ab September 2018 in Freiburg angeboten werden. Die erwartete Wirksamkeit auf dem Boden der obigen Ausführungen könnte (und sollte) Gegenstand weiterer Forschun- gen sein. Toni Kappes Physiotherapeut und Tai-Chi-Lehrer Pulz im Rieselfeld, Rieselfeldalle 12, 79111 Freiburg tolilaka@gmx.de Literatur 1. Rauschmann MA et al. 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