Schmerzmedizin 6 / 2018

— Schmerz bei traumatischer Erinnerung: Bearbeitung belastender Erinnerungen und traumatischer Erlebnisse, die direkt und indirekt Einfluss auf die Schmerz- symptomatik nehmen können [1] EMDR und Schmerz EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) wurde als effektive und ressourcensparende Traumathera- pie von der amerikanischen Psychothe- rapeutin Francine Shapiro in den 1990er- Jahren entwickelt. Der Patient verfolgt bei ruhig gehaltenem Kopf mit seinen Augen den in einem gewissen Rhythmus applizierten Rechts-Links-Fingerbewe- gungen des Therapeuten, während nach ausführlicher Vorbereitung ein exakt zu ermittelndes Geflecht von Erinnerung, Gefühlen, Körperwahrnehmung und Gedanken reproduziert werden muss. EMDR ist in der Zwischenzeit wissen- schaftlich untermauert und eine interna- tional anerkannte und erstattungsfähige Behandlungsmethode im Rahmen der Psycho- und Traumatherapie. Es wird angenommen, dass durch die herbeige- führten reflektorischen Bedingungen im Gehirn zusammen mit der Imagination der Hauptbestandteile des Netzwerkers eine Weiter- und Fertigverarbeitung des Traumas erleichtert beziehungsweise er- möglicht wird. EMDR gehört also zu den „Konfrontationstechniken“ in der Trau- matherapie. Wie wirkt EMDR? Gesichert ist inzwischen die durch EMDR mögliche Beeinflussung neuro- naler Netzwerke. Alle über die Sinnesor- gane wahrgenommenen Eindrücke wer- den im Gehirn „über Kreuz“ ausgewer- tet. Traumatische und schmerzhafte Er- fahrungen sind zunächst normale Lernerfahrungen, die in unserem Ge- hirn durch Trauma- und Schmerznetz- werke bleibende Spuren hinterlassen können (Schmerzgedächtnis, Schmerz- prägung, Hypermnesie versus Schmerz- modulation mit Überwiegen schmerz- hemmender Prozesse) [1]. Behandlungsgang Ein klassisches EMDR-Protokoll ver- läuft systematisch in acht Schritten, die in dieser Reihenfolge unbedingt einzu- halten sind ( Tab. 3 ). Von Tesarz et al. wurden drei Behand- lungsprotokolle für Schmerzpatienten definiert [1]: — Trauma-associated pain memories (TAP) — Pain-associated pain memories (PAP) — Current pain sensation memories (CUP) Eventuell kann oder muss im Verlauf der Therapie zum Beispiel von CUP auf TAP gewechselt werden, wenn die Trau- ma-Erinnerung erst während der Be- handlung auftritt [1]. Banal, aber immer wieder in Erinne- rung zu rufen ist der Leitsatz: Konfron- tationstechniken sind nur dann möglich und zulässig, wenn vorher ausreichend stabilisiert worden ist, und nach der Konfrontation die Stabilisierung auf neuem Niveau weiter entwickelt wird! Der Patient muss dies wollen und auch emotional einwilligen und der Thera- peut muss dies können! Persönlich teste ich kinesiologisch den vom Patienten selbst gesprochenen Satz: „Ich erlaube Ihnen, Fragen an mein Unterbewusst- sein zu stellen.“ Ist die Reaktion imMus- keltest dann stark, kann man sich ge- meinsam in Richtung Konfrontations- technik auf den Weg machen. Immer einsetzen kann der Schmerz- therapeut mit und auch ohne Konfron- tationstechnik die bewährten verschie- denen Stabilisierungstechniken. Zu die- sen gehören vor allem: — Ressourcenübung: sicherer Ort, inne- rer Wohlfühlort, Lichtstrahlübung, positive Körperressource, Tresor- übung, 5-4-3-2-1-Übung, Antidot- Imaginary-Übung Tab. 1: Entwicklung komplexer neuronaler Schmerz-Trauma-Netzwerke bei chronisch Schmerzkranken (nach [1]) Entwicklungsdynamik Vom Trampelpfad zur Hochgeschwindigkeits- rennstrecke Konditionierung Wachsende Bedeutung konditionierter Reflexe Triggerung des Gesamtnetzwerks Individuell typisch ist die Affirmation von Schmerz – Erinnerung – typisches Bild – verdrängtes Ereignis – Körperwahrnehmung – Gedanke – Gefühl Typische Gedanken „Jetzt ist es aus“ -„Keiner hilft mir“ -„am besten tot stellen“ … Posthypnotischer Auftrag, Nozebo Verfestigung einer negativen Denkweise und Emo- tionalität, negative Polung im Unterbewusstsein Tab. 2: PTBS versus chronisches Schmerzsyndrom (nach [1]) PTBS Chronischer Schmerz Konfrontation mit traumatischem Ereignis Häufig Verletzung der körperlichen Unversehrt- heit am Anfang der Schmerzsymptomatik Beharrliches Wiedererleben des Ereignisses Ständiges (Wieder-) Erleben des Schmerzes Anhaltendes Vermeidungsverhalten Anhaltendes Vermeidungsverhalten Anhaltende Symptome erhöhter Erregung Analog: Schlafstörungen, verstärkte Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, gesteigerte Wachsam- keit, vermehrte Schreckhaftigkeit Störungsbild dauert >1 Monat Störungsbild >1 bis 6 Monate Bedeutsames Leiden mit Beeinträchtigungen beruflicher, sozialer oder anderer wichtiger Funktionsbereiche Bedeutsames Leiden mit Beeinträchtigungen beruflicher, sozialer oder anderer wichtiger Funktionsbereiche DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 54 Schmerzmedizin 2018; 34 (6)

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