Schmerzmedizin 5 / 2019

teten Vorsatz hat. Eine allgemeine Bera- tung, die keine konkrete Anleitung zum Suizid einschließlich der hierzu geeigne- ten Medikamente gibt, ist nicht gleich- bedeutend mit einer Absicht, Selbsttö- tung zu fördern. Gerade das Gespräch über die Gestaltung der letzten Lebens- phase, auch über einen Wunsch des Pa- tienten, sein Leben zu beenden, unter- streicht verantwortungsvolles ärztliches Handeln, wobei es der Gewissensent- scheidung des Arztes obliegt, inwieweit er bereit ist, bei der Selbsttötung eines Patienten in den rechtlich gegebenen Rahmenbedingungen mitzuwirken. Ist Palliativmedizin jetzt gesetzeswidrig? Gerade unter Palliativmedizinern löste die neue gesetzliche Regelung zum assis- tierten Suizid Unsicherheiten aus, so- dass sich die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) zu einer Stel- lungnahme veranlasst sah: „Grundsätz- lich bestehen deutliche Unterschiede zwischen einer auf die Herbeiführung des Todes zielenden Suizidbeihilfe und einer Palliativversorgung von schwer- kranken Menschen.“ Dies gilt für die palliative Sedierung wie auch den frei- willigen Verzicht auf Nahrung und Flüs- sigkeit. In beiden Fällen trifft der Patient nach entsprechender Aufklärung die Entscheidung selber. Verzichtet der Pa- tient auf Nahrung und Flüssigkeit, ist bei diesem sich über Tage hinstrecken- den Prozess neben dem personellen Bei- stand selbstredend die Behandlung dann auftretender belastender Sympto- me (Durst, Verwirrtheit, Krämpfe) ärzt- liche Aufgabe, besonders die palliativ- medizinisch tätiger Ärzte. Gleiches gilt für das Einstellen nicht mehr indizierter oder vom Patienten ab- gelehnter Maßnahmen. Werden derarti- ge Therapien beendet, tritt der Tod eben nicht durch Abschalten der Beatmung oder den Verzicht auf Wiederbelebungs- maßnahmen ein, sondern als Folge der Erkrankung (beispielsweise infolge des Ausfalls der Atemfunktion), wobei eine angemessene Sedierung einschließlich ei- nes personellen Beistandes unabdingbar sind. Auch eine wiederholte Suizidbeihil- fe, wie sie gerade bei Palliativmedizinern denkbar ist, führt nicht zwingend zur Anklage nach § 217 StGB. Nicht eine wie- derholte Handlung, sondern das auf „Wiederholung angelegte Tun“ bezie- hungsweise „die planmäßige Betätigung in Form eines regelmäßigen Angebots“ verbietet der Gesetzgeber. Begrüßenswert ist in diesem Zusammenhang das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 3. Juli 2019 (5 StR 132/8 und 5 StR 393/18), in dem zwei Kollegen freigesprochen wurden, die auf Patientenwunsch lebens- erhaltende Maßnahmen einstellten. Beim Patientenwunsch nach Suizid hellhörig werden In Fallbeispielen leuchtet eine Stellung- nahme der DGP den entstandenen Graubereich sehr lesenswert aus [2]. Auch in einem Artikel von Tolmen und Radbruch werden gängige Situationen in einemAmpelsystem aufgeschlüsselt und erläutert, ob diese unschädlich, beden- kenswert oder inakzeptabel sind [3]. In jedem Fall muss der Patienten- wunsch nach Suizid von uns Palliativ- medizinern sehr ernst genommen wer- den. Wir sollten auch bei dem Verdacht eines geäußerten Suizidgedankens aktiv nachfragen und das Gespräch vertiefen, ohne zielstrebig zum Suizid zu beraten. Die Aufklärung über palliativmedizini- sche Methoden der suffizienten Symp- tomkontrolle, der palliativen Sedierung und der Begleitung ist ohnehin in jedem Gespräch der Erläuterung palliativer Versorgung bedeutsam, in diesem Falle aber unabdingbar. Möglichkeiten der Therapiebegrenzung, des Therapiever- zichts bis hin zum freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit als „natür- licher oder passiver“ Suizid können Ge- genstand der Beratung sein. Tolmen und Radbruch verweisen zu Recht darauf, Entscheidungen nicht unreflektiert zu treffen und bei Unsicherheiten etablier- te Strukturen der Ethikberatung für Fallbesprechungen zu nutzen [3]. PD Dr. med. Eberhard A. Lux, Lünen Literatur 1. Bundesärztekammer. Dtsch Arztebl 2017;114(7): A-334 / B-290 / C-286 2. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. www.dgpalliativmedizin.de/images/DGP_ Stellungnahme_Verhandlung_ BVerfG_120319.pdf 3. Tolmein O und Radbruch L. Dtsch Arztebl 2017;114(7): A-302 / B-267 / C-263 Einen Patienten dabei zu unterstützen, wenn er am Lebensende auf Nahrung und Flüssigkeit verzichten will, fällt nicht unter Beihilfe zum Suizid. ©© Motortion / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell) Schmerzmedizin 2019; 35 (5) 53

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