Schmerzmedizin 3 / 2018

Medi zin Report aktuell Analgesie Interdisziplinär und patientenzentriert Chronischen Schmerzen liegt eine komplexe Pathogenese zugrunde. Eine suffiziente Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen bedarf einer umfassenden, multimodal ausgerichteten Behandlung. In Deutschland leiden etwa 3,25 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen [1]. In der hausärztlichen Praxis dominierten vor allem Rückenschmerzen und Migräneschmerzen, berichtete Dr. Hei- ner Buschmann, Allgemeinmediziner aus Übach-Palenberg. Der chronische Schmerz hat seine Warnfunktion verloren und ist eine eigenständige Erkrankung, für die fehlender Organbefund und Verselbststän- digung des Schmerzgeschehens typisch sind. „Die Chronifizierung der Schmerzen zu vermeiden, ist eine Domäne des Haus- arztes“, hob Buschmann hervor. „Durch ein offenes Gespräch mit dem Patienten und den frühzeitigen Beginn einer suffizienten, bedarfsadaptierten Schmerztherapie kann der Hausarzt entscheidend dazu beitragen, dass das Schmerzgeschehen nicht zu einer eigenständigen Krankheit wird.“ Multiprofessionelle Behandlung Entsprechend dembiopsychosozialenHin- tergrund erfolgt die Schmerzbehandlung idealerweise interdisziplinär undmultipro- © seb_ra / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell) fessionell. Bei Patienten mit komplexen Schmerzen sollte rechtzeitig ein speziali- sierter Schmerztherapeut hinzugezogen werden. In solchen Fällen sei es wichtig, so Buschmann, auch telefonisch rasch auf die Expertise von Schmerz- und Palliativmedi- zinern zurückgreifen zu können. Individuelle Bedürfnisse beachten Das Gespräch mit dem Patienten ist die Basis einer erfolgreichen Schmerzthera- pie. „Warmherzigkeit und Freundlichkeit führen dazu, dass wir dem Patienten die Angst nehmen können, wenn wir ihm sein Krankheitsbild nahebringen“, unterstrich Buschmann. „Die kommunikativen Aufga- ben des Hausarztes, der seine Patienten über einen langen Zeitraumbegleitet, sind höchst anspruchsvoll.“ Neben der bedarfs- adaptierten medikamentösen Behandlung gehören auch die Schmerzerfassung und -dokumentation mithilfe von Patienten- fragebögen zu den Aufgaben des Haus- arztes. In Alters- und Pflegeheimen sollte das Pflegepersonal in eine strukturierte Beobachtung der Patienten eingebunden werden. „Der Hausarzt ist aber auch Pal- liativmediziner“, ergänzte Buschmann. Bei Patientenmit begrenzter Lebenserwartung liege der Fokus auf der Lebensqualität. Abgestufte Dosierungen nutzen An Kasuistiken aus dem Praxisalltag ver- deutlichte Buschmann, wie die schmerz- und palliativmedizinische Versorgung von schwerkranken Patienten unter Berück- sichtigung ihrer individuellen Bedürfnisse gelingen kann: Ein 55-jähriger Patient mit langjähriger Alkoholabhängigkeit und Pa- nikstörung lehnte nach der Diagnose eines ausgedehnten Hypopharynxkarzinoms bis auf Schmerzlinderung jede Therapie ab. Drei Monate nach Diagnosestellung kam es zu einer massiven Zustandsverschlech- terung mit Gewichtsverlust und Zunahme der Schmerzen (VAS 7). Nach Anlage ei- ner PEG-Sonde und Therapie mit Fentanyl 12 µg/hgingendie Schmerzen auf VAS 3 zu- rück, sodass der Patient bis zu seinem Tod im häuslichen Umfeld bleiben konnte. Der Fall einer 84-jährigen Patientin mit Herpes zoster zeigt, wie diffizil die genaue Einstellung einer multimodalen Behand- lung sein kann. Gerade bei hochbetagten, fragilen Patienten sollte genaues Augen- merk auf das Körpergewicht gerichtet und Opioidanalgetika vorsichtig auftitriert werden. Bei dieser Patientin konntemit Pre- gabalin 225mg (2× tgl.), transdermalem Fentanyl (12 µg/h) und Metamizol 20 Trop- fen bei Bedarf eine Schmerzlinderung ohne starke Nebenwirkungen erzielt werden. Transdermale therapeutische Systeme (TTS) in abgestuften Dosierungen können die Dosisfindung erleichtern und ermögli- chen eine individuelle und kontinuierliche Analgesie. Verfügbar sind z. B. das alle drei Tage zuwechselnde Fentanyl - ® Matrixpflaster mit sieben Wirkstärken. Palliativmedizin: ganzheitliches Konzept Inkurabel erkrankte Patienten und Tumor- patienten in der Terminalphase benötigen

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