Schmerzmedizin 3 / 2018

Facharzt für Palliativmedizin gefordert — — Die Einführung eines Facharztes für Palliativmedizin könnte dazu beitragen, den wachsenden Bedarf an palliativmedizinisch qualifizierten Ärzten zu befriedigen. Gleich­ zeitig wäre sie ein wichtiger Schritt, um die palliativmedizinische Forschung voranzu­ bringen, sagte Professor Roman Rolke, Di­ rektor der Klinik für Palliativmedizin an der Universitätsklinik Aachen anlässlich des Aachener Hospizgespräches in Stolberg. Er kritisierte, dass es an den mehr als 30 Uni­ versitätskliniken in Deutschland gerade einmal neun Lehrstühle für Palliativmedizin gibt. Die Einrichtung neuer Lehrstühle könnte durch eine Anfangsfinanzierung aus Förderprogrammen des Bundesforschungs­ ministeriums unterstützt werden, schlägt er vor. Nachwuchs ist auch für die palliativ­ medizinische Forschung vonnöten. Junge Mediziner engagieren sich aber häufig in dem Gebiet, in dem sie ihren Facharzt ma­ chen. Seine Hoffnung: Durch eine Auswei­ tung der palliativmedizinischen Forschung können bislang eher vernachlässigte Berei­ che in den Fokus genommen werden. Handlungsbedarf sieht der Mediziner etwa in der Transition von Heranwachsendenmit lebenslimitierenden Erkrankungen in die Erwachsenen-Palliativmedizin. Viele der Patienten werden bis zu ihrem 18. Lebens­ jahr in Kinderkliniken versorgt. In die Kin­ dermedizin passen die meisten dann nicht mehr, die Hausärzte sind durch die seltenen Störungen häufig überfordert, so Rolke. Gezielte Forschung könnte klären, welche der jungen Patienten sich für den Übergang in die Erwachsenen-Palliativmedizin eig­ nen. Gleichzeitig müsse erprobt werden, wie man die dort tätigen Ärzte und Pflege­ teams am besten für den Umgang mit den Krankheitsbildern schulen kann. Ilse Schlingensiepen 107. Aachener Hospizgespräch am 3.2.2018 in Stolberg; Veranstalter: Grünenthal Schmerzgedächtnis muss überschrieben werden — — Die wiederholte Aktivierung durch schmerzhafte Reize führt an den Nervenzel­ len zu molekularen Veränderungen. Durch eine leichtere Erregbarkeit der Neuronen entsteht ein Schmerzgedächtnis mit der Folge, dass Schmerzen selbst dann wahrge­ nommen werden, wenn die auslösende Ursache längst beseitigt ist. Wie Professor Walter Zieglgänsberger, Eme­ ritus am Max-Planck-Institut für Psychiatrie inMünchen, bei einemvon Hexal ausgerich­ teten Fortbildungskongress erläuterte, entwickelt sich eine gesteigerte Schmerz­ empfindlichkeit entweder auf Basis einer verringerten Reizschwelle der Nozizeptoren (primäre Hyperalgesie) oder durch neuro­ plastische Veränderungen im Zentral­ nervensystem, die zu einer zellulären Hyper­ aktivität auf Rückenmarksebene führen (sekundäre Hyperalgesie). An der Entste­ hung des Schmerzgedächtnisses sind unter anderem das Mittelhirn, thalamische, limbi­ sche und kortikale Strukturen beteiligt, ebenso die Nervenzellemit ihren Dendriten und Spines, an denen sich die Synapsen befinden. Informationen werden in den Dendriten und Spines durchModulation der synaptischen Übertragung gespeichert. Im Rahmen des Schmerz-Lernprozesses kommt es in der Nervenzelle zu einer De-novo- Proteinsynthese, die das morphologische Korrelat des Schmerzgedächtnisses darstellt. Die Therapie chronischer Schmerzen wird dadurch erschwert, dass das Gehirn keine Löschtaste hat, so Zieglgänsberger. Wie er betonte, sei chronischer Schmerz kein an­ dauernder Akutschmerz, sondern die Folge nozizeptiver Aktivierung. Analgetika lin­ dern nur akuten Schmerz, für chronischen Schmerz existiert kein spezifisches Medika­ ment. Vielmehr erfordert er eine multimo­ dale Schmerztherapie aus medikamentö­ sen und psychotherapeutischen Maßnah­ men ( Abb. 1 ), die durch neuen „Input“ zu Re-Learning mit Überschreibung des Schmerzgedächtnisses mit positiven Erfah­ rungen führt. Damit könne etwa bei chroni­ schen Schmerzen des Bewegungsapparates Vermeidungsverhalten, Schonhaltung oder Inaktivität reduziert und körperliche Aktivi­ tät gefördert werden. Chronischer Schmerz ist chronischer Stress, der fast immer auch mit Angsterkrankun­ gen, affektiven Störungen wie Depression und Schlafstörungen assoziiert ist, so Ziegl­ gänsberger. Depressionen können Folge der Schmerzen sein oder auch einen Risiko­ faktor für die Schmerz-Chronifizierung darstellen. Dagmar Jäger-Becker Hexal-Kongress Praxisnah, Frankfurt, 10.11. 2017; Veranstalter: Hexal Abb. 1 : Eine multimodale Schmerztherapie sollte aus medikamentösen und psychothera­ peutischen Maßnahmen bestehen. weniger aversiver Input neuer Input (Re-Learning) • Analgetika • Stimulation • „Enriched Environment” • Physikalische Therapie • Psychologische Betreuung • Resilienzverstärkung • kognitive Interventionen Ein Team verschiedener ärztlicher Disziplinen erarbeitet ein gemeinsames Konzept zur Modifikation einer dysfunktionalen Kognition Multimodale Schmerztherapie ©© Hexal Industrieforum  58 Schmerzmedizin 2018; 34 (3)

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