Schmerzmedizin 2 / 2019

Medi zin Report aktuell Therapie chronischer Schmerzen Medizinisches Cannabis zunehmend akzeptiert Der therapeutische Einsatz von medizinischem Cannabis und anderen Cannabis- produkten ist in Deutschland einfacher geworden. Zunehmendmehr Akzeptanz findet Cannabis vor allem bei Patienten mit chronischen Schmerzen, bei denen Standard- analgetika nicht ausreichend wirksam sind. Studienergebnisse belegen, dass der additive Einsatz von Cannabis und Cannabinoiden nicht nur zu einer deutlichen Schmerzlinderung bei den Patienten führt, sondern auch den Bedarf an Koanalgetika sowie das Auftreten von Komorbiditäten verringern kann. Cannabisblüten oder Zubereitun- gen aus Cannabis zeigen eine Vielzahl therapeutischer Wirkungen. Dokumen- tiert sind u. a. analgetische, antispastische, antiemetische, antiinflammatorische und neuroprotektive Effekte [1]. Zurückgeführt werden diese Wirkungen maßgeblich auf die in den Blüten der weiblichen Pflanze enthaltenen Cannabinoide, wie z. B. Tetra- hydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) sowie die Aktivierung des körperei- genen Endocannabinoidsystems ( Kasten ). Darüber hinaus enthält die Cannabispflan- ze mehr als 400 weitere Substanzen – darunter andere Cannabinoide, Flavono- ide und Terpene – die bei der Anwendung von Blüten oder Extrakten vermutlich eine synergistische Wirkung haben. Reinsubstanzen, Vollextrakte oder Cannabisblüten? Derzeit stehen für den therapeutischen Ein- satz synthetisch hergestelltes THC und CBD, Vollextrakte als Öle oder Tabletten sowie etwa 20 verschiedene Sorten von Canna- bisblüten zur Verfügung. Reinsubstanzen, Extrakte und Tabletten werden oral appli- ziert, Blüten inhalativ angewendet. Dabei wird die Inhalation über einen Vaporisator empfohlen, umdie Lungenbelastungbeim Rauchen der Blüten zu vermeiden. DieWirkung von Cannabisblüten sei zu- meist differenzierter als die von Reinsubs- tanzen, sodie Erfahrung vonDr. ClaudiaHain Heise, Fachärztin für Anästhesie und spezi- elle Schmerztherapie ausMünchen. Neben der Schmerzreduktion zeigten sich oft wei- tere Effekte, u. a. Linderung von Schlafstö- rungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyper- aktivitätsstörung (ADHS), Depressionen oder Angststörungen. Hain Heise schilder- te den Fall eines 30-jährigen Patienten, der seit seiner Kindheit starke Kopfschmerzen hat, die in den letzten drei Jahren als Cluster- kopfschmerz aufgetreten sind. Außerdem sind seit der Kindheit Asthma bronchiale und ADHS bekannt. Seit der viermonati- gen Therapie mit Cannabisblüten mittels Vaporisation sind bei dem Patienten keine Kopfschmerzen und Asthmaanfälle mehr aufgetreten. Zudemhat sich die Schlafqua- lität deutlich verbessert und der Patient ist entspannter und ausgeglichener. Für eine optimale Wirkung sollten ver- schiedene Blütensorten getestet werden, erklärte Hain Heise. Die verschiedenen Can- nabisunterarten wie zum Beispiel C. indica undC. sativa sowie spezifische Blütensorten unterscheiden sich in ihrem Wirkstoffge- halt und -profil. Eine individuelle Dosierung ist hier empfehlenswert. Die Selbsttitra- tion durch den Patienten gilt dabei als der effektivste Weg. Inhalative Therapiewirkt sehr schnell Bei der Inhalation von Cannabis über einen Vaporisator gelangen Cannabinoide sehr schnell ins Blut. Die höchsten Konzentra- tionen im Gehirn, die mit den maximalen physiologischenundpsychologischenWir- kungen einhergehen, treten innerhalb von 15 Minuten auf. Diese Wirkungen halten für zwei bis vier Stunden an und lassen dann langsam nach [2, 3]. Bei oral einge- nommenem Cannabis vergehen bis zum Wirkungseintritt ein bis drei Stunden und die Wirkung hält sechs bis acht Stunden an [4]. Die Anwendungsart sollte symptom- orientiert und in Absprache mit dem Pa- tienten erfolgen. Auch die Kombination von oraler und inhalativer Anwendung könne bei einigen Patienten sinnvoll sein, so Heise, d. h. Extrakte zur Linderung der Grundsymptome und Blüten bei akuten Symptomen. Studiendaten bestätigen Evidenz bei chronischen Schmerzen Die besten Evidenzen für die Wirksamkeit von Cannabis liegen vor bei chronischen neuropathischen Schmerzen, die z. B. auftreten bei Patienten mit Diabetes mel- litus, humanem Immundefizienz-Virus (HIV) oder Morbus Parkinson, und bei schmerzhafter Spastik bei Patienten mit multipler Sklerose (MS). Moderate Evi- denzen bestehen außerdem für andere Formen chronischer Schmerzen und bei Fibromyalgie. In einer placebokontrollierten Studie, an der 50 Patientenmit HIV-assoziiertemneu- ropathischemSchmerz teilnahmen, wurde mit der inhalativenApplikation von Canna- bisblüten einemediane Schmerzreduktion von 34% versus 17% unter Placebo er- reicht (p=0,03) [5]. In einer weiteren Studie mit 20 Patienten, die an Morbus Parkinson erkrankt waren, wurde die Schmerzsympto- matik fast halbiert [6]. Zudem verbesserte sich bei diesen Patienten die motorische Funktion deutlich. Aufgrund der vorliegenden Daten wur- den Cannabis und Cannabinoide bereits in einige Leitlinien zur Schmerzthera- pie integriert: Die Canadian Pain Society empfiehlt Cannabinoide als mögliche Drittlinienbehandlung bei chronischen neuropathischen Schmerzen [7], die Euro- pean Federation of Neurological Societies nennt Cannabis und Cannabinoide als Opti- on bei therapierefraktärem zentralem und peripherem neuropathischem Schmerz [8]. Cannabis kann Komedikation verringern Medizinisches Cannabis hat in der Schmerz- therapie das Potenzial, die Komedikation zu verringern. So bestehen Interaktionen von Cannabinoiden und Opioiden, die zu einer synergistischen Wirkung bei chroni- schen Schmerzen und einer Verstärkung

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