Schmerzmedizin 2 / 2019

Medi zin Report aktuell der analgetischen Wirkung von Opioiden führen [9, 10]. Dies ermöglicht bei vielen Pa- tienten eine Reduktion des Opioidbedarfs und damit auch ein verringertes Risiko für opioidtypische Nebenwirkungen oder die Entwicklung einer Opioidtoleranz. Die günstigenWirkungen einer Begleit- therapie mit Cannabis verdeutlichen die Ergebnisse einer Untersuchung bei 2.897 Schmerzpatienten in den USA, von denen etwa ein Drittel in den sechs Monaten vor Untersuchungsbeginnmit Opioiden thera- piert wurde. 97% dieser Patienten gaben an, dass sie den Opioidbedarf durch die Kombination mit Cannabis senken konn- ten. 92% der Patienten beurteilten das Nebenwirkungsprofil von Cannabis als ver- träglicher als das von Opioiden und 80% die Schmerzlinderung durch Cannabis als effektiver verglichen mit Opioiden [11]. Eine weitere Befragung von 1.513 Schmerzpatienten in den USA zeigte ähn- liche Ergebnisse. Mehr als Dreiviertel der Studienteilnehmer, die regelmäßig mit Opioiden behandelt wurden, konn- ten durch medizinischen Cannabis ihren Opioidbedarf verringern [12]. Auch die Anwendung von Medikamenten gegen Angststörungen, Depressionen, Migräne und Schlafstörungen ging durch die Kom- binationstherapie mit Cannabis deutlich zurück. In einer retrospektiven Studie, an der 244 Patienten mit chronischen Schmer- zen teilnahmen, konnte der Opioidbedarf durch medizinisches Cannabis um 64% reduziert werden. 45% der Behandelten berichteten über eine deutliche Steige- rung ihrer Lebensqualität und weniger Nebenwirkungen [13]. Erfahrungen aus der Praxis bestätigen diese Daten. Hain Heise schilderte den Fall eines heute 88-jährigen multimorbiden Pa- tienten, der bereits wegen eines Blasen- und Prostatakarzinoms operiert wurde und an Diabetes mellitus, Morbus Parkinson sowie neuropathischen und Arthrose- schmerzen leidet. Aufgrund eines Restless- Legs-Syndroms hat er zudemEinschlaf- und Durchschlafstörungen und klagt über stän- dige Antriebslosigkeit. Der Patient wurde Impressum Symposium „Medizinischer Cannabis in der Schmerztherapie“ anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses, Mannheim, 19. Oktober 2018 • Medizin Report aktuell Nr. 460462 in: Schmerzmedizin 2/2019 • Berichterstattung: Roland Fath, Hamburg • Redaktion: Dr. Andreas Strehl • Leitung Corporate Publishing: Ulrike Hafner (verantwortlich) • Springer Medizin Verlag GmbH, Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin • Geschäftsführer: Joachim Krieger, Fabian Kaufmann • Die Springer Medizin Verlag GmbH ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Nature • © Springer Medizin Verlag GmbH Mit freundlicher Unterstützung der Spektrum Cannabis GmbH, St. Leon-Rot Die Herausgeber der Zeitschrift übernehmen keine Verantwortung für diese Rubrik. Das körpereigene Endocannabinoidsystem Die Wirkung von Cannabis wird über das körpereigene Endocannabinoidsystem vermittelt. Es ist an der Regulation zahlreicher Funktionen im zentralen Nervensystem (ZNS), an zellulärer Pro liferation und Apoptose sowie der zellulären Kommunikation im Immunsystem beteiligt. Bisher wurden zwei Cannabinoid-Rezeptoren (CNR1 und CNR2), zahlreiche körpereigene Cannabino ide sowie unterschiedliche Enzymsysteme zur Synthese der verschiedenen Endocannabinoide identifiziert. Zwar wird der Rezeptor CNR1 vor allem von Zellen des ZNS exprimiert, findet sich jedoch auch auf peripheren Schmerzneuronen und Immunzellen sowie auf Zellen vonMilz, Pan kreas, Nebennieren, sympathischen Ganglien, Blutgefäßen, Lunge sowie dem Gastrointestinal- und Urogenitaltrakt. Der Rezeptor CNR2 ist vor allem auf Zellen des Immunsystems lokalisiert und wirkt immunmodulierend. Phytocannabinoide aktivieren CNR1 und CNR2 und haben zu sätzlich komplexe Wechselwirkungen mit weiteren Rezeptoren und Ionenkanälen. Cannabidiol ist beispielsweise ein Agonist für Serotoninrezeptoren [15] und Vanilloidrezeptoren [16]. mit verschiedenen Medikamenten, u. a. auch mit Opioiden therapiert. Nachdem er auf Cannabisextrakt sowie Cannabisblü- ten mittels Vaporisation eingestellt wurde, reduzierten sich die Schmerzen rasch und die Schlafqualität verbesserte sich deut- lich. Der Patient nimmt seitdem wieder aktiv am Alltagsleben teil und konnte bis auf die Diabetes- und Parkinson-Medika- tion alle weiteren Medikamente inklusive der Opioide vollständig absetzen, so Hain Heise. Gutes Sicherheitsprofil Die Anwendung von medizinischem Can- nabis ist gut verträglich und sicher, wie u. a. die Daten der kanadischen Lang- zeitstudie COMPASS (Cannabis for the Management of Pain: Assessment of Safe- ty Study) belegen [14]. In der prospektiven Fall-Kontroll-Studie wurden 215 Patienten mit chronischen Schmerzen ein Jahr lang beobachtet, die zuvor bereitsmitmedizini- schemCannabis behandelt wordenwaren. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten sich keine nennenswertenUnterschiede bei ernsthaften Nebenwirkungen, kognitiver Funktion, Lungen-, Leber- und Nierenfunk- tion. Zu den am häufigsten berichteten nicht schwerwiegenden Nebenwirkun- gen gehörten Schwindel, Übelkeit und Müdigkeit. Auch wenn medizinisches Can- nabis zu Toleranz und Abhängigkeit führen kann, entwickelten nur 1,4% der mit Can- nabis behandelten Patienten eine gemäß DAST-20 (Drug Abuse Screening Test) als mittelschwer eingestufte Cannabisabhän- gigkeit (DAST Score=6–10) [14]. Literatur 1. National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017, The Health Effects of Cannabis and Cannabinoids: The Current State of Evidence and Recommendations for Research. Washington, DC: The National Academies Press 2. Kumar RN et al., Anaesthesia 2001, 56:1059–1068 3. Grotenhermen F, Clin Pharmacokinet 2003, 42:327–360 4. MacCallum CA, Russo EB, Eur J Intern Med 2018, 49:12–19 5. Abrams DI et al., Neurology 2007, 68:515–521 6. Shohet A et al., Eur J Pain 2017, 21:486–493 7. Moulin DE et al., Pain Res Manag 2014, 19:328–335 8. Attal N et al., Eur J Neurol 2010, 17:1113-e88 9. Abrams DI et al., Clin Pharmacol Ther 2011, 90:44–851 10. Cooper ZD et al., Neuropsychopharmacology 2018, 43:2046–2055 11. Reiman A et al., Cannabis and cannabinoid research 2017, 2:160–166 12. Piper BJ et al., J Psychopharmacol 2017, 31:569–575 13. Boehnke KF et al., J Pain 2016, 17:739–744 14. Ware MA et al., J Pain 2015, 16:1233–1242 15. Russo EB et al., Neurochem Res 2005, 30:1037–1043 16. Bisogno T et al., Br J Pharmacol 2001, 134:845–852

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=