Schmerzmedizin 6 / 2018

Palliativpatienten und Organspende Keine Nieren für den Bruder Ein ALS-Patient möchte die maschinelle Beatmung beenden und seinem Bruder seine beiden Nieren spenden. Die Transplantations­ kommission der Uniklinik lehnt diesen Wunsch ab – unter anderem, um eine mögliche Diskussion um aktive Sterbehilfe zu umgehen. Ein Fall, der zeigt, dass palliativmedizinische Themen immer mehr medizi- nische Gebiete betreffen. D ie Frage, inwieweit ein palliativ zu versorgender Patient als Organ- empfänger wie auch als -spender überhaupt infrage kommen soll, will ei- nem zunächst nicht in den Kopf. Natür- lich kommt es mitunter auch bei unse- ren Palliativpatienten zum primären Versagen nur eines einzelnen Organs. Gäbe es hier jedoch eine kurative Thera- pie, ist ihre Versorgung – zumindest in der spezialisierten ambulanten Pallia- tivversorgung (SAPV) – ausgeschlossen. Aber darf ein Palliativpatient seine Or- gane spenden? Als Organspender kommt infrage, wer einen irreversiblen Hirntod erlitten hat, aufgrund intensiv- medizinischer Maßnahmen jedoch über einen weitgehend intaktes Herz-Kreis- lauf-System verfügt. Zudem muss unter dem Konstrukt „Hirntod = Individual- tod“ eine Organentnahme ethisch ver- tretbar sein und es müssen gesetzliche Regelungen beachtet werden. Ich wurde kürzlich mit der Frage nach einer Lebendspende konfrontiert: Eine auch im Transplantationsgesetz defi- nierte Organspende (etwa der Niere) an einen nahen Verwandten unter der An- nahme, dass das gesundheitliche Risiko des Organspenders kalkulierbar gering ausfällt und beide Partner diesem Ver- fahren zugestimmt haben. Der Fall Ein 57-jähriger, ansonsten weitgehend klinisch gesunder, athletischer Famili- envater leidet seit fünf Jahren an Amyo- tropher Lateralsklerose (ALS), hatte sich bei zunehmendem Versagen der Atem- muskulatur vor neun Monaten zu einer Tracheotomie mit maschineller Beat- mung entschlossen und mit mir wieder- holt den Abbruch der Beatmung zu ei- nem von ihm gewählten Zeitpunkt be- sprochen. Die Symptomlast aus Luftnot, Angst und Unruhe nahmmit Beginn der maschinellen Beatmung zunächst ab. Der Patient, der liebevoll durch seine Fa- milie und einen Intensivpflegedienst be- treut wurde, konnte auch das Haus ver- lassen – wenngleich mit großem techni- schen Aufwand. Als die Kommunikation nur noch über einen Sprachcomputer möglich war, eröffnete mir der Patient seinen Wunsch, seinem Bruder, der sich seit Jahren in einem chronischen Dialyse- programm befand, seine beiden Nieren spenden zu wollen. Die Explantation nur einer Niere mit anschließender Rückkehr in die Häuslichkeit lehnte der Patient ab. Er wolle aus der zur Explan- tation notwendigen Narkose nicht wie- der erwachen – dies in Anlehnung an seinen dringenden Wunsch, in absehba- rer Zeit die maschinelle Beatmung zu beenden, da zunehmende Angstatta- cken trotz suffizienter medikamentöser Intervention seine Lebensqualität so weit reduziert hatten, dass ein Weiterle- ben für ihn immer unerträglicher wurde. Unsere Ziele sind: — Qualitätsindikatoren in der ambulan- ten Palliativmedizin zu definieren und weiterzuentwickeln, — Betroffene und Angehörige über die Möglichkeiten einer fachgerechten palliativmedizinischen Versorgung zu informieren, — die Diskussion über ethische und rechtliche Fragestellungen am Lebensende anzustoßen und zu vertiefen, — ein langfristiger Kulturwandel im Umgang mit Tod und Sterben. Berufsverband der Palliativmediziner in Westfalen-Lippe e.V. Geschäftsstelle: Sabine Schäfer Dieckmannstraße 200 48161 Münster Tel. 02 51 / 5308-9960 E-Mail: info@bv-palliativmediziner.de Öffentlichkeitsarbeit: Dr. med. Eberhard A. Lux Klinik für Schmerz- und Palliativmedizin am Klinikum St.-Marien-Hospital Lünen Telefon: 02306 77-2920 Fax: 02306 77-2921 E-Mail: drlux@web.de www.bv-palliativmediziner.de Berufsverband der Palliativmediziner 62 Schmerzmedizin 2018; 34 (6) in Westfalen-Lippe e.V.

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